{"id":46,"date":"2015-04-23T20:30:14","date_gmt":"2015-04-23T18:30:14","guid":{"rendered":"http:\/\/stillgeboren.de\/?page_id=46"},"modified":"2015-04-23T20:31:20","modified_gmt":"2015-04-23T18:31:20","slug":"tobias-geburt","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/stillgeboren.de\/?page_id=46","title":{"rendered":"Tobias Geburt"},"content":{"rendered":"<p>Am Morgen, des 22.08.1997 wollte Dein Vati eigentlich meine Mutter wieder ins Krankenhaus fahren, aber er brachte mich gleich zu Dr. Reinhold und blieb bei mir. Dort lag ich \u00fcber eine halbe Stunde am Wehenschreiber. Die ganze Nacht hatte ich bereits Wehen &#8211; sie wurden eher schlimmer als besser. Da\u00df dies Wehen waren, dazu brauchte ich keinen Wehenschreiber, denn Wehen kannte ich ja nun. Dr. Reinhold machte noch einen Abstrich und dann eine Ultraschalluntersuchung. Am Geb\u00e4rmutterausgang hatte sich der &#8222;Verschlu\u00df&#8220; deutlich verringert &#8211; offensichtlich eine Folge des Ausflusses, den ich seit ein paar Tagen und die letzte Nacht sehr stark hatte. Dir ging es zu diesem Zeitpunkt noch gut. Dr. Reinhold erkl\u00e4rte, da\u00df ich sofort ins Krankenhaus sollte. Dort sollte<br \/>\nentschieden werden, ob u.U. der Muttermund zugen\u00e4ht wird oder der wehenhemmende Tropf erst einmal ausreichen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Wir fuhren dann erst wieder nach Hause, wo ich schnell ein paar Sachen zusammenpackte und mich dann f\u00fcr zwei Wochen bei Joni im B\u00fcro abmeldete. Da die Wehen nun in k\u00fcrzeren Abst\u00e4nden kamen, nahm ich eine Partusisten &#8211; langsam bekam ich doch Angst.<\/p>\n<p>Im Mariahilf mu\u00dfte ich kurz warten &#8211; die Nerven Deines Vatis lagen blank und er brachte erst einmal das Auto weg. Dann wurde ich wieder an den Wehenschreiben angeschlossen und konnte dabei Dein aufgeregtes Herz h\u00f6ren. Offenbar hatte sich meine Angst zwischenzeitlich auch auf Dich \u00fcbertragen. Die Wehen kamen nun fast alle 6 bis 8 Minuten. F\u00fcr mich dauerte es fast eine Ewigkeit, bis der Chefarzt kam. Er schaute nur auf die Aufzeichnungen, stellte noch ein paar Fragen und erkl\u00e4rte, da\u00df er mich gleich unten in der Ambulanz untersuchen wollen. Dann kam eine der Hebammen zu mir mit einem Neugeborenen auf dem Arm und strahlte mich an. Ich dachte noch, ja, wenn alles \u00fcberstanden ist und ich Dich im Arm halten k\u00f6nnte. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, da\u00df mir dieser Wunsch schneller und vor allen Dingen anders als ich wollte, erf\u00fcllt wurde.<\/p>\n<p>Aber auch dann dauerte es noch eine halbe Stunde. Eine Untersuchung war aufgrund der Wehen kaum m\u00f6glich. Der Muttermund war Gott sei Dank noch geschlossen, aber auf dem Ultraschall sah er dann, da\u00df die Fruchtblase verd\u00e4chtig weit zum Ausgang neigte. Er erkl\u00e4rte, da\u00df wohl unter diesen Umst\u00e4nden ein Zun\u00e4hen zu gef\u00e4hrlich sei. Ich m\u00fc\u00dfte erst einmal an einen wehenhemmenden Tropf angeschlossen werden und dann w\u00e4re es wohl besser ich k\u00e4me nach Altona, da f\u00fcr den Fall einer Fr\u00fchgeburt dort die besser Intensivmedizin w\u00e4re. Die 10 Minuten, die es dauerte, bis endlich der Partusitentropf angeschlossen war, waren unendlich. Sofort ging mein Puls auf 180, aber die Wehen lie\u00dfen fast im gleichen Augenblick nach. Dr. R\u00fcckert telefonierte sodann mit Altona.<\/p>\n<p>Dein Vati war in seiner Aufregung ganz s\u00fc\u00df und fragte immer wieder, wie er nach Altona komme, bis ich begriff, da\u00df er offenbar vorhatte, mich mit dem Auto selber zu bringen und ich ihm ganz ruhig erkl\u00e4rte, da\u00df ich sicherlich mit dem Krankenwagen gefahren werde und er sich keine Sorgen machen m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Wenige Minuten sp\u00e4ten kamen dann auch zwei Sanit\u00e4ter und eine Sanit\u00e4terin vom Roten Kreuz. Sie stellten sich ganz lieb vor und verfrachten mich dann auf ihre Trage. Es mu\u00df unertr\u00e4glich hei\u00df gewesen sein &#8211; ich empfand es als gerade angenehm. Dann wartete wir noch auf den Arzt, der mitfahren sollte. Es war ein junge netter Arzt der Hamburger Feuerwehr. Er strahlte mich an und erkl\u00e4rte, mein Puls sei umwerfend. Dann ging sie ab die Post. Wir fuhren mit dem Rotekreuzwagen &#8211; vor uns der Notarztwagen der Feuerwehr, der den Weg freimachte -, was dem Rotekreuzfahrer sichtlich gefiel. Am Freitagmittag mit 120 Km\/h durch den Elbtunnel im Konvoi mit zweimal Blaulicht! So etwas wird einem selten geboten. Dein Vati konnte nat\u00fcrlich wie erwartet nicht mithalten. Mir wurde aber beinahe schlecht.<\/p>\n<p>Im Perinatalen Centrum in Altona kam ich dann sofort in den Kreissaal. Ein Hebamme mit leichten t\u00fcrkischen Akzent k\u00fcmmerte sich sofort ganz lieb um mich. Ich wurde zun\u00e4chst einmal umgest\u00f6pselt und bekam neben Partusiten nun auch Magnesium und irgend etwas gegen das Herzrasen. Kurz durfte ich noch einmal Deine Herzt\u00f6ne h\u00f6ren &#8211; es war das letzte Mal -, dann lag ich wieder am Wehenschreiber und mu\u00dfte mich erst einmal \u00dcbergeben.<\/p>\n<p>Genau in diesem Augenblick kam der Oberarzt, ein \u00e4lterer Arzt, der ganz betroffen sagte, es g\u00e4be bestimmt sch\u00f6nere Anl\u00e4sse hier zu sein. Als er mich untersuchte, stellte er fest, da\u00df sich nun auch der Muttermund &#8211; wenn auch nur wenig &#8211; so doch ge\u00f6ffnet hatte. Er erkl\u00e4rte, da\u00df ein Zun\u00e4hen des Muttermundes zumindest jetzt nicht mehr in Frage k\u00e4me, da die Fruchtblase dabei besch\u00e4digt werden k\u00f6nnte. Im Hinblick auf Deine \u00dcberlebenschance, sofern die Geburt nicht mindestens einige Wochen hinausgez\u00f6gert werden k\u00f6nnte, machte er mir wenig &#8211; um nicht zu sagen gar keine &#8211; Hoffnung.<\/p>\n<p>Die Kreissaal\u00e4rztin nahm nun erstenmal unsere Daten auf &#8211; auch die von Deinem Vati, wor\u00fcber ich mich erst gewundert hatte &#8211; doch jetzt wei\u00df ich warum. Das Krankenhaus mu\u00df jede Geburt &#8211; auch eine Totgeburt &#8211; melden.<\/p>\n<p>Alles was wir nun machen konnten, war warten. Die Wehen wurde schw\u00e4cher und die Abst\u00e4nde gr\u00f6\u00dfer, aber sie waren immer noch da. Dennoch hatte ich jetzt die Hoffnung, da\u00df doch noch alles gut gehen wird. Zwischen den einzelnen Wehen d\u00f6ste ich. Es war eine irre Hitze im Raum, obwohl Fenster und T\u00fcr ge\u00f6ffnet waren. Dein Vati blieb die ganze Zeit tapfer bei mir. Es beruhigte mich sehr, nicht allein zu sein.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht mehr wie lange ich so gelegen habe, ich sch\u00e4tze ca. 3 Stunden. Jetzt erschaudere ich bei dem Gedanken, wie ruhig ich war, wie ich alles ertragen habe. Abends &#8211; ich glaube so gegen 17 Uhr ist es aber dann doch passiert &#8211; die Fruchtblase platzte. Ich schaute nur hoch zu Deinem Vati und sagte ganz ruhig: &#8222;Das war es dann wohl &#8211; die Fruchtblase ist geplatzt&#8220;. Dein Vati sagte der Hebamme Bescheid, die dann zusammen mit dem Kreissaalarzt kam, der offensichtlich zwischenzeitlich gewechselt hatte. Er stellte sich nicht einmal vor und sagte nur kurz und knapp, da\u00df sie jetzt den Tropf abstellen werden und es dann sehr bald zur Geburt kommen werde. Dann verschwand er erst einmal wieder.<\/p>\n<p>Die Hebamme, Frau Selcuk &#8211; w\u00e4hrend der ganzen Zeit hatte ich versucht mir ihren Vornamen einzupr\u00e4gen, vergeblich, ich konnte mich einfach nicht konzentrieren &#8211; befreite mich vom Wehenschreiber, untersuchte mich und erkl\u00e4rte mir, ich k\u00f6nne mich ruhig noch auf die Seite drehen. Dann verschwand auch sie wieder.<\/p>\n<p>Diese Hilflosigkeit in diesem Augenblick &#8211; die Gewi\u00dfheit gleich meinen Sohn zu geb\u00e4ren, der doch mit gr\u00f6\u00dfter Wahrscheinlichkeit selbst dann keine Chance haben wird, zu leben, wenn er die Geburt \u00fcbersteht &#8211; war so unertr\u00e4glich, unertr\u00e4glich als die Wehen, die jetzt sehr schnell in der Heftigkeit und Intervallen zunahmen.<\/p>\n<p>Ich glaube, es hat dann keine 20 Minuten mehr gedauert, bis Du Dich in Bewegung gesetzt hast. Arzt und Hebamme taten stumm ihre Arbeit. Mit der ersten gro\u00dfe Wehen habe ich dann meinen ganzen Frust &#8211; der sich die ganze Zeit angestaut hatte &#8211; wohl weniger den Schmerz, herausgeschrien. Aber da konnte der Arzt auf einmal doch zu mir sprechen, wenn auch im Kasernenton kurz und pr\u00e4gnant: &#8222;Sie w\u00fcrden es sich und uns erleichtern, wenn sie jetzt pressen w\u00fcrden, Mund zu und Kopf nach vorne!&#8220; Ja, tats\u00e4chlich mit der n\u00e4chsten Wehe pre\u00dfte ich und Dein K\u00f6pfchen war drau\u00dfen, das sp\u00fcrte ich sofort und mit zwei oder drei<br \/>\nweiteren Wehen warst &#8211; so glaube ich &#8211; Du ganz da, wenn auch nicht mehr am Leben.<\/p>\n<p>Es war um 17.35 Uhr. Sie verschwanden sogleich mit dir in einem Nebenraum, wo ein Kinderarzt auf Dich wartete.<\/p>\n<p>Ich bekam dann eine Spritze zur Beschleunigung der Nachgeburt, die dann auch bald kam. Da ich trotz Deiner kleinen Gr\u00f6\u00dfe gerissen war, n\u00e4hte mich der Arzt erst einmal.<\/p>\n<p>Der Kinderarzt kam dann zu mir und sagte mir, da\u00df er leider nichts mehr tun konnte. Er war sehr lieb und erkl\u00e4rte, da\u00df du mit knapp \u00fcber 500 g eigentlich keine Chance hattest, dies aber auch wenn es sich f\u00fcr mich jetzt schlimm anh\u00f6re, aber vermutlich besser sei, als da\u00df sie dich gerade am Leben h\u00e4tten erhalten k\u00f6nnen und du dann vielleicht noch zwei Tage oder zwei Wochen gelebt oder schwerst behindert \u00fcberlebt h\u00e4ttest. Er fragte mich, ob ich Dich denn sehen wolle. Na klar wollte ich das, das war f\u00fcr mich keine Frage. Er sagte, da\u00df er diese Entscheidung sehr gut finde und es mir bestimmt helfen werde.<\/p>\n<p>Der Kreissaalarzt erkl\u00e4rte uns sodann, da\u00df Du etwas \u00fcber 500 g wiegst und daher nach dem Gesetz als Totgeburt gelten w\u00fcrdest, d.h. er einen Totenschein ausstellen und wir dich auch beerdigen m\u00fc\u00dften.<\/p>\n<p>Als wir alleine waren, fragte ich deinen Vati, ob es bei Tobias bleiben soll. Schlie\u00dflich warst Du f\u00fcr uns von Anfang an unser Tobby. Er nickte nur. Erst zu Hause schlug ich in unserem Vornamenbuch nach der Bedeutung des Namens: Tobias kommt aus dem Hebr\u00e4ischen &#8211; von tobiijahu = gut (ist) Jahwe (Gott).<\/p>\n<p>Dann mu\u00dfte ich an Deine Gro\u00dfmutti denken, die sich so auf dich gefreut hatte und selber im Krankenhaus am Chemotropf lag. Ich wollte nicht, da\u00df ihr diese Nachricht am Telefon gesagt wird und da es schon so sp\u00e4t war, bat ich Deinen Vati, mein Br\u00fcderchen anzurufen, damit er es ihr gleich morgen Fr\u00fch pers\u00f6nlich sagt, was Dennis auch tat.<\/p>\n<p>Am Sonnabend erfuhr ich dann allerdings, da\u00df sie den ganzen Tag versucht hatte, herauszufinden, wo ich abgeblieben war und sich die gr\u00f6\u00dften Sorgen um mich gemacht hatte. Tante Heike hat dann vom Mariahilf \u00fcber das UKE und AK Barmbek die Krankenh\u00e4user abgeklappert. Bis Abends um 23 Uhr hat sie gewartet, ob Tante Heike etwas herausbekommt. An die M\u00f6glichkeit, da\u00df Tante Heike mit ihr sprechen k\u00f6nnte, hatte ich nicht gedacht und es im nachherein bereut, da\u00df wir sie nicht noch in der Nacht benachrichtigten lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Den Gedanken, da\u00df sie Angst um mich haben k\u00f6nnte, war mir zu keiner Zeit gekommen. Angst, da\u00df mir etwas passieren konnte, &#8211; nein, die hatte ich nicht gehabt &#8211; Angst, die ich hatte, war, Dich zu verlieren, alles andere war mir v\u00f6llig egal gewesen.<\/p>\n<p>10, 15 Minuten sp\u00e4ter brachte der Kinderarzt Dich und fragte ganz behutsam, ob er Dich mir auf die Brust legen d\u00fcrfe. Dann hatte ich Dich in meinem Arm. Du warst ein niedlicher kleiner Bursche mit schwarzen Haaren &#8211; wie dein Vati &#8211; und einer Stupsnase. Du sahst so friedlich aus. Auch Dein Vati kam ganz dicht heran. Um nichts in der Welt h\u00e4tte ich in diesem Augenblick hierauf verzichtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u00a9 Pirko Lehmitz (1997)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Morgen, des 22.08.1997 wollte Dein Vati eigentlich meine Mutter wieder ins Krankenhaus fahren, aber er brachte mich gleich zu Dr. Reinhold und blieb bei mir. Dort lag ich \u00fcber eine halbe Stunde am Wehenschreiber. 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