{"id":19,"date":"2015-04-22T22:30:54","date_gmt":"2015-04-22T20:30:54","guid":{"rendered":"http:\/\/stillgeboren.de\/?p=19"},"modified":"2015-04-23T21:54:25","modified_gmt":"2015-04-23T19:54:25","slug":"starksein","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/stillgeboren.de\/?p=19","title":{"rendered":"Starksein"},"content":{"rendered":"<p>E s wird Euch bestimmt auch schon passiert sein: Wenn Ihr erz\u00e4hlt, da\u00df Ihr ein Kind \u2013 in der Schwangerschaft, w\u00e4hrend oder kurz nach der Geburt \u2013 verloren habt, pl\u00f6tzlich andere Frauen Tr\u00e4nen in die Augen schie\u00dfen, sie weinen und sagen, ja ich habe auch ein Kind verloren. Frauen, die es sonst nie sagen w\u00fcrden, die aus einer Generation kommen, wo man niemals dar\u00fcber spricht. Ich mu\u00dfte erst meinen Sohn verlieren, um von meiner eigenen Mutter zu erfahren, da\u00df ich noch einen weiteren gro\u00dfen Bruder habe, der irgendwann 1954 gestorben war. Mein Mutter wei\u00df weder genau wann, noch in welcher Woche sie damals schwanger war. Nach ihren Erz\u00e4hlungen sch\u00e4tze ich so zwischen der 16. und 20. SSW. Weder ihre Eltern, noch ihre Geschwister wu\u00dften etwas davon. Als sie damals aus dem Krankenhaus kam, hatte sie einfach so getan, als wenn nichts gewesen w\u00e4re und genau dies verlangte sie offenbar auch von mir. Sie kam, wie die meisten, \u00fcberhaupt nicht damit zurecht, da\u00df ich so offen trauerte. Sie erwartete, da\u00df ich mich so verhielt, wie sei es gelernt hatte: Sich zusammenzurei\u00dfen, und wenn schon weinen, dann zu Hause, ganz allein f\u00fcr sich. Eben in ihren Augen \u201cstarksein\u201d.<\/p>\n<p>Zum Thema \u201cstarksein\u201d gef\u00e4llt mir ein Gedicht von Sascha Wagner, einer verwaisten Mutter, besonders.<\/p>\n<p><strong><em>\u00dcber das \u201cStark-Sein\u201d<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Viele Menschen sind \u00fcberzeugt davon,<\/em><br \/>\n<em> das stark und tapfer sein<\/em><br \/>\n<em> bedeutet, an \u201cetwas Anderes\u201d zu denken,<\/em><br \/>\n<em> nicht \u00fcber Trauer zu sprechen.<\/em><\/p>\n<p><em>Aber wir wisse \u2013 nicht wahr \u2013<\/em><br \/>\n<em> Da\u00df ehrlich stark-und-tapfer-sein<\/em><br \/>\n<em> Bedeutet,<\/em><br \/>\n<em> an das Geschehene zu denken,<\/em><br \/>\n<em> \u00fcber das Geschehene zu sprechen,<\/em><br \/>\n<em> bis unsere Trauer beginnt,<\/em><br \/>\n<em> ertr\u00e4glich zu werden.<\/em><\/p>\n<p><em>Das ist wirkliche St\u00e4rke.<\/em><br \/>\n<em> Das ist wirklicher Mut.<\/em><br \/>\n<em> Und nur so will<\/em><br \/>\n<em> Stark-und-tapfer-sein<\/em><br \/>\n<em> Uns zu Heilung tragen.<\/em><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich, dieses gew\u00fcnschte Verhalten ist f\u00fcr alle anderen am bequemsten: Sie werden nicht bel\u00e4stigt, es ist einfach, man schweigt \u00fcber das Geschehene. Insbesondere l\u00e4uft man dabei nicht Gefahr gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig mit einbezogen zu werden. Da unsere Gesellschaft ja verlernt hat, mit dem Tod, Sterben und insbesondere mit der eigenen Verg\u00e4nglichkeit zu leben, haben viele ihre eigenen Trauer um den Verlust eines Menschen \u2013 sei es der Vater, Mutter oder Gro\u00dfeltern, einfach irgendwo weggesteckt und durch unsere Trauer k\u00f6nnte dies wieder hochgesp\u00fclt werden. Wir mit unserer offenen Trauer, die bereit sind, den m\u00fchsamen, aber lohenden Weg zu gehen, gef\u00e4hrden andere, die ihn nicht gegangen sind.<\/p>\n<p>Mehrfach habe ich es erlebt, da\u00df verwaiste M\u00fctter, deren Kind schon vielen Jahren tot ist und die selbst sagten, sie seien dar\u00fcber schnell hinweggekommen, pl\u00f6tzlich anfingen zu weinen, was ihnen sehr unangenehm war.<\/p>\n<p>So wie es Sascha Wagner in ihren Gedicht beschreibt, meine auch ich, da\u00df wir, die den Weg der Trauer gehen, und wissen, da\u00df dies ein langer, dunkler und m\u00fchsamer Weg ist, mutig sind und St\u00e4rke zeigen.<\/p>\n<p>Wer hat sie nicht erlebt, die Ausgrenzung, die Einsamkeit? Pl\u00f6tzlich waren alle weg \u2013 wie eine Explosion. Ursula Goldman-Posch schreibt hierzu in ihrem Buch \u201cWenn M\u00fctter trauern\u201d: \u201cDas Unverst\u00e4ndnis von Verwandten und Freunden sowie die mangelnden Kommunikationsm\u00f6glichkeiten mit den behandelnden \u00c4rzten, die sie &#8211; wie mehrere M\u00fctter formulierten &#8211; nach dem Babytod fast wie Auss\u00e4tzige mieden, machen diese Trauer zum versch\u00e4mten Schmerz innerhalb der eignen vier W\u00e4nde.\u201d<\/p>\n<p>Und wenn man dann tats\u00e4chlich noch zeigte, da\u00df man trauerte und sogar versuchte, von seinem Sohn zu erz\u00e4hlen, dann wurde die Einsamkeit noch gr\u00f6\u00dfer. Es ist schon eigenartig, von meinem Vater, der vor 10 Jahren gestorben ist, darf ich erz\u00e4hlen \u2013 es gibt so viele sch\u00f6ne Geschichten von ihm zu erz\u00e4hlen und es ist einfach sch\u00f6n, sie zu erz\u00e4hlen oder zu h\u00f6ren, da\u00df auch mein Bruder die gleichen Geschichten von ihm erz\u00e4hlt &#8211; , aber wenn ich anfange von meiner ersten Schwangerschaft zu erz\u00e4hlen, dann wird pl\u00f6tzlich das Thema gewechselt oder ich werde mit entsetzen Augen angesehen. Von Tobias direkt zu erz\u00e4hlen, habe ich bereits in meiner Familie aufgegeben. F\u00fcr sie existiert er gar nicht. Selbst die wenigen Erinnerungen, die wir haben, d\u00fcrfen wir mit niemanden teilen.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich ist genau dies der Grund, warum wir Eltern, die ihr Baby verloren haben, so viel im Internet vertreten sind, warum gerade f\u00fcr unsere Kinder so viele Seiten gestaltet wurden, gerade wir das Bed\u00fcrfnis haben, ein Raum f\u00fcr unserer Trauer zu finden und nat\u00fcrlich an dieser Situation etwas \u00e4ndern wollen.<\/p>\n<p>Dabei hat sich \u2013 jedenfalls in vielen Krankenh\u00e4usern \u2013 bereits einiges getan, wenn man dies mit der Situation vor vielleicht 10 Jahren vergleicht. Ich wu\u00dfte zwar sofort, da\u00df ich meinen Sohn nicht nur sehen, sondern auch in den Arm nehmen wollte, doch vor Jahren, h\u00e4tte man mir dies sicherlich versucht auszureden. Seitdem ich die Arbeit der \u201cVerwaisten Eltern\u201d kennengelernt habe, bin ich dankbar, da\u00df sich hier zumindest schon etwas in Bewegung gesetzt hat. Damit es weiter Vorw\u00e4rts geht und ich auch etwas von dem, was ich bekommen habe zur\u00fcck geben kann, bin ich dort Mitglied geworden und auch aktiv t\u00e4tig. Ich w\u00fcrde mich sehr\u00a0 freuen, wenn ich auch andere \u00fcberzeugen kann, die Verwaisten Eltern zu unterst\u00fctzen. Die \u201cVerwaisten Eltern\u201d helfen nicht nur Betroffenen durch Begleitung, Beratung, Information Trauerseminaren, und Kontaktvermittlungen untereinander, sondern informieren involvierte Berufsgruppen wie \u00c4rzte, Hebammen usw. durch beispielsweise Seminare. Dar\u00fcber hinaus versuchen sie, durch \u00d6ffentlichkeitsarbeit aufzukl\u00e4ren. Auf der Seite des\u00a0 Verwaisten Eltern in Deutschland e.V. (www.veid.de) findet Ihr n\u00e4here Informationen sowie die M\u00f6glichkeit, ganz einfach Mitglied zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u00a9 Pirko Lehmitz<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>E s wird Euch bestimmt auch schon passiert sein: Wenn Ihr erz\u00e4hlt, da\u00df Ihr ein Kind \u2013 in der Schwangerschaft, w\u00e4hrend oder kurz nach der Geburt \u2013 verloren habt, pl\u00f6tzlich andere Frauen Tr\u00e4nen in die Augen schie\u00dfen, sie weinen und sagen, ja ich habe auch ein Kind verloren. 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