{"id":22,"date":"2015-04-22T22:11:52","date_gmt":"2015-04-22T20:11:52","guid":{"rendered":"http:\/\/stillgeboren.de\/?p=22"},"modified":"2015-05-02T15:13:42","modified_gmt":"2015-05-02T13:13:42","slug":"versteht-denn-keiner-unsere-trauer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/stillgeboren.de\/?p=22","title":{"rendered":"Versteht denn keiner unsere Trauer?"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #990066; font-family: Arial Baltic,sans-serif;\"><b><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Doch!<\/span><\/b><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #990066; font-family: Arial Baltic,sans-serif;\"><b>Artikel aus der Eltern August 2000<\/b><\/span><b><\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">von Anke Willers<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Jedes Jahr verlieren in Deutschland mehr als 85000 Frauen in der Schwangerschaft ihr Kind. Dennoch spricht kaum jemand dar\u00fcber \u2013 h\u00f6chste Zeit, dies zu \u00e4ndern!<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Angefangen hat alles mit einem Leserbrief in der M\u00e4rz-Aus<\/span><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\"><a href=\"http:\/\/stillgeboren.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/eltern.jpg.gif\"><img loading=\"lazy\" class=\" size-medium wp-image-23 alignright\" src=\"http:\/\/stillgeboren.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/eltern.jpg-229x300.gif\" alt=\"eltern.jpg\" width=\"229\" height=\"300\" \/><\/a><\/span><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">gabe von Eltern. Eine junge Frau schrieb, es hab in der 21. Schwangerschaftswoche eine Fehlgeburt gehabt und sich bis heute nicht davon erholt:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">\u201cAlle meinen, ich m\u00fcsste jetzt, nach zwei Monaten, schon \u00fcber alles hinweg sein. Keiner begreift, dass dieses Kind f\u00fcr mich und meinen Mann schon ganz real war: Ich hatte es f\u00fcnf Monate in meinem Bauch, ich habe es auf dem Ultraschall gesehen, ich sp\u00fcrte auch bereits erste Kindsbewegungen: Und ich w\u00fcnsche mir, dass man meine Trauer respektiert.\u201d <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Das Echo auf diesen Brief war \u00fcberw\u00e4ltigend. Die Redaktion erreichten fast 200 Briefe, f\u00fcr die wir uns ganz herzlich bedanken. 200 Briefe, in denen M\u00fctter von ihren Fehl- und Totgeburten berichten, die sie in der achten , zwanzigsten oder 39. Schwangerschaftswoche erleben mussten. 200 Briefe, in denen es vor allem um eines geht: um den schwierige Prozess des Abschiednehmens.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Glaubt man der Statistik, so endet jede vierte bis f\u00fcnfte Schwangerschaft mit einer Fehlgeburt in den ersten Schwangerschaftsmonaten. Sp\u00e4ter, wenn das Baby mit einem Gewischt von \u00fcber 500 Gramm bereits lebensf\u00e4hig w\u00e4re, wird noch etwas jedes 130. Kind tot geboren. Manchmal sind Infektionen daran schuld, genetische Sch\u00e4den, eine Plazentast\u00f6rung oder Nabelschnurkompliktaionen. Oft werden die medizinischen Gr\u00fcnde nie gekl\u00e4rt. Hinter den Zahlen und medizinischen Fakten verborgen bleibt meist auch die pers\u00f6nliche Katastrophe, die der fr\u00fche Tod eines Kindes f\u00fcr die Eltern bedeutet. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">\u201cDer Tod eines Kindes in der Schwangerschaft ist immer noch ein Tabu\u201d, schreibt Silke, 29, aus Bremerhaven. \u201cWeil das Kind noch nicht richtig sichtbar war, ist es f\u00fcr die Umwelt offenbar auch nicht du gewesen. Also gibt es auch keinen Grund, traurig au sein.\u201d Tats\u00e4chlich beschreiben fast alle M\u00fctter in ihren Briefen. dass es ihnen nach einer Fehl- oder Totgeburt zwar k\u00f6rperlich bald wieder gut ging. dass aber die Seele Monate. manchmal sogar Jahre brauchte, um sich zu erholen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Wenn wir mit dem Tod unseres Babys konfrontiert werden, werden wir von einen Sekunde auf die andere in Trauer hineinkatapultiert. Wie tauchen dabei in ein unbekanntes Land ein mit gewaltigen. bisher fremden Gef\u00fchlen. Die Reise durch dieses Land wird eine lange Reise sein\u201d. schreibt Hannah Lothrop in ihrem Buch \u201cGute Hoffnung-J\u00e4hes Ende\u2018 (K\u00f6sel. 38 Mark).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Die meisten Betroffenen erleben auf ihrer Trauerreise verschiedene Stationen. Zuerst ist da der Schock, die Verleugnung: Das Baby ist tot? Nein. das darf, das kann nicht sein. Begreift das Bewu\u00dftsein schlie\u00dflich, was wirklich passiert ist, werden viele Eltern \u00fcberrollt von Gef\u00fchlen der Verzweiflung, der Hoffnungslosigkeit und auch der Schuld. Diese Phase kann viele Monate dauern.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">\u201cIch war in den Wochen nach der Fehlgeburt wie ferngesteuert\u201d, schreibt Katja, 53 aus Paderborn. \u201cImmer wieder habe ich mich gefragt, warum das passiert ist: War es der Sekt an Silvester, war es die Abtreibung vor sieben Jahren, f\u00fcr die ich nun bestraft werde? \u2018Warum hat mein K\u00f6rper mich im Stich gelassen? Warum ist mein Kind dort gestorben, wo es am sichersten sein sollte: In meinem Scho\u00df?\u201d<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Gedanken wie diese sind qu\u00e4lend. Und doch sind sie wichtig: \u201cEs geh\u00f6rt Mut dazu, sich seinen schmerzhaften Gef\u00fchlen zu stellen und sie zu verarbeiten. Doch wenn wir dies nicht tun, entsteht das Gegenteil, n\u00e4mlich Angst \u2014 ja sogar richtige Lebensangst\u201d, schreibt Hannah Lothrop.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Anders gesagt: Gef\u00fchle der Verzweiflung. der Hoffnungslosigkeit, der Wut sind gesunde Reaktionen der Seele auf ein schlimmes Ereignis. Dr\u00fcckt man diese Gef\u00fchle weg,. kann die gl\u00fccklose Schwangerschaft zu einem lebenslangen Trauma werden. L\u00e4sst man sich jedoch auf sie ein, werden sie irgendwann schw\u00e4cher, positive Erinnerungen an die Schwangerschaft werden m\u00f6glich, und die Psyche beginnt sich zu stabilisieren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Wie lange diese Reise durch den dunklen Trauertunnel dauert. l\u00e4sst sich nicht vorhersagen. Denn jeder Mensch hat dabei ein anderes Tempo: Eine junge Muttee, die bereits ein Kind hat, wird m\u00f6glicherweise schneller wieder Mut sch\u00f6pfen, als eine 38-J\u00e4hrige. die ihr erstes Baby nach einer Hormonbehandlung erwartete. Oder als eine Frau, die ihre Schwangerschaft am Anfang sehe zwiesp\u00e4ltig erlebt hat und die nun nach dem Verlust des Kindes unter starken Schuldgef\u00fchlen leidet.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Entscheidend ist auch, ob und wie mitf\u00fchlend der Partner und die Umwelt reagieren. Und ob die Betroffenen die M\u00f6glichkeit haben, sich wirklich von ihrem Baby und dem damit verbundenen Lebensentwurf zu verabschieden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Zu diesem Abschied geh\u00f6rt vor allem, dass von dem Kind etwas bleiben darf, Zeichen, die zeigen, dass es da war: ein Name. ein Ultraschallbild, ein paar S\u00f6ckchen im W\u00e4scheschrank.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">\u201cIch musste mein Kind in der 34. Woche tot geb\u00e4ren\u201d, schreibt Manuela, 27, aus Pforzheim. \u201cAber ich hatte das Gl\u00fcck, in einer Klinik betreut zu werden, in der man mit solchen Katastrophen Erfahrung hatte. Man \u00fcberzeugte mich nicht nur davon, dass eine normale Geburt besser sei als ein Kaiserschnitt mit Vollnarkose, sondern ermutigte mich auch, mir mein Kind anzuschauen, es zu baden, zu fotografieren. Heute hin ich sehr froh, dass ich diese Stunden mit meinem Baby hatte. Viele Eltern denken, wenn sie ihr Kind gar nicht erst sehen, ist auch der Abschied leichter. Aber das stimmt nicht: Man kann ein Kind nur verabschieden, wenn man es begr\u00fc\u00dft hat.\u201d<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Dass zu einem w\u00fcrdigen Abschied Trauerrituale geh\u00f6ren, hat inzwischen auch der Gesetzgeber erkannt: Seit dem 1.7.98 k\u00f6nnen in Deutschland Totgeborene, die mindestens 500 Gramm wiegen, mit Vor- und Zunamen ins Familienstammbuch eingetragen werden. Meist ist auch eine individuelle Bestattung m\u00f6glich \u2014\u00a0 allerdings variieren die Bestattungsgesetze je nach Bundesland. Und vor allein bei sehr kleinen Babys werden den Betroffenen bei ihrem Wunsch, das Kind zu begraben, immer noch Steine in den Weg gelegt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">\u201cIch konnte es nicht ertragen, dass ich noch der Ausschabung nichts mehr von unserem Sohn halte\u201d, schreibt Martina, 26, die ihr Kind in der 18. Woche verlor. \u201cNicht mal ein anonymes Sammelbegr\u00e4bnis hat man uns erm\u00f6glicht. Dabei braucht man doch einen Ort, zu dem man seine Trauer hintragen kann. Wir haben deshalb ein B\u00e4umchen im Garten gepflanzt.\u201d Neben solchen Ritualen gegen das Vergessen, spielt auch das Gespr\u00e4ch in der Zeit nach der Fehl- oder Totgeburt eine gro\u00dfe Rolle. Leider erleben viele Betroffene, dass Freunde und Bekannte ihren Schmerz nicht verstehen:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">\u201cOft bekam ich zu h\u00f6ren: Das war sicher bes. ser so, vielleicht w\u00e4re es sonst behindert gewesen\u2018, schreibt Ursula, 29, aus Br\u00fchl. \u201cViele sagten auch: \u201cDu bist ja noch jung, du kannst noch viele Kinder kriegen.\u2018 Damit konnte ich \u00fcberhaupt nichts anfangen. Ich wollte ja nicht viele Kinder irgendwann, sondern ich wollte dieses eine.\u201d<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Zwar sind solche Spr\u00fcche meist nicht b\u00f6se gemeint. sondern eher ein Zeichen der Hilflosigkeit (mehr dazu im Interview nebenan), auf die Betroffenen wirken sie jedoch taktlos und verletzend. Viele Frauen empfinden es auch als gro\u00dfen Widerspruch, dass alle Welt von ihnen Jubel erwartet, wenn der Schwangerschaftstest positiv ist, ihnen aber gleichzeitig die Trauer abgesprochen wird, wenn sie das Kind Monate sp\u00e4ter verlieren. Eine gute Alternative kann es deshalb sein, sich auf die Suche such Gleichgesinnten zu machen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">\u201cIch habe mich. in den Monaten noch meiner zweiten Fehlgeburt einer Selbsthilfegruppe angeschlossen&#8220;, schreibt Elke, 36, aus Passau. \u201cDort konnte ich nicht nur weinen und traurig sein, ohne etwas erkl\u00e4ren zu m\u00fcssen. Ich habe auch gelernt, mit meinen Schuldgef\u00fchlen umzugehen, die mich sehr belastet haben. }Heute wei\u00df ich: Eine gl\u00fccklose Schwangerschaft ist keine Frage der Schuld, sondern fast immer ein schicksalhaftes Ereignis.&#8220;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">F\u00fcr viele Eltern ist gerade diese Schicksalhaftigkeit schwer zu akzeptieren. Denn wir leben in einer Welt, in der wir lernen, dass fast alles machbar ist, wenn wir uns nur genug anstrengen. Dass das Wissen um die Unbeeinflussbarkeit eines Ereignisses jedoch manchmal auch eine gro\u00dfe Entlastung bei dem schweren Weg durch die Trauer sein kann. beschreibt Ulrike, 34, aus Dinkelsb\u00fchl: \u201cEine Bekannte sagte zu mir: Kinder kommen und gehen, wann sie wollen, egal, wie alt sie sind. Dieses Kind war noch nicht bereit f\u00fcr ein Leben mit euch. Und da wurde mir klar: Man kann ein Kind verlieren, das drei Monate oder 30 Jahre alt ist. Im g\u00fcnstigsten Fall zieht es irgendwann aus und man trifft es oft wieder. Im<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Eine Fehlgeburt ist keine Frage der Schuld<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">schlechtesten Fall verliert man es fr\u00fch und hat nur die Erinnerung. Dieser Gedanke, dass ich das Kind irgendwann hatte ohnehin gehen lassen m\u00fcssen, hat mich sehr getr\u00f6stet.&#8220;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Trost, Verst\u00e4ndnis, das Gef\u00fchl, den Schmerz nicht leugnen zu m\u00fcssen &#8211; all dies macht die Trauer ertr\u00e4glicher. Viele Betroffene beschreiben auch, dass eine neue Schwangerschaft viel zur Heilung ihrer Seele beigetragen hat &#8211; allerdings nur dann, wenn diese Schwangerschaft nicht zu schnell folgte. Denn auch wenn sich der Zyklus bei vielen Frauen bald wieder eingependelt hat \u2014 oft ist die Gefahr gro\u00df dass die Trauer um das verlorene Kind denn noch nicht verarbeitet ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">\u201cAls ich ein halben Jahr nach meiner Totgeburt wieder schwanger wurde, war Ich zun\u00e4chst sehr \u00e4ngstlich. Auch hatte ich fast das Gef\u00fchl, ich wurde mein totes Kind verraten&#8220;, schreibt die 31-j\u00e4hirge Maria aus F\u00fcrth. \u201cDann aber habe ich gesp\u00fcrt: Dieses neue Kind kann kommen, ohne ein Ersatz f\u00fcr das zu nein, was wir verloren haben. Heute Ist mein Sohn 14 Monate alt. Doch in meinem Herzen habe ich zwei Kinder. Und das wird immer so bleiben.\u201d<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Anke Willer<\/span>s<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Doch! Artikel aus der Eltern August 2000 von Anke Willers Jedes Jahr verlieren in Deutschland mehr als 85000 Frauen in der Schwangerschaft ihr Kind. Dennoch spricht kaum jemand dar\u00fcber \u2013 h\u00f6chste Zeit, dies zu \u00e4ndern! Angefangen hat alles mit einem Leserbrief in der M\u00e4rz-Ausgabe von Eltern. 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