{"id":254,"date":"2015-04-26T20:29:08","date_gmt":"2015-04-26T18:29:08","guid":{"rendered":"http:\/\/stillgeboren.de\/?p=254"},"modified":"2015-04-26T20:29:08","modified_gmt":"2015-04-26T18:29:08","slug":"das-traenenkrueglein","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/stillgeboren.de\/?p=254","title":{"rendered":"Das Tr\u00e4nenkr\u00fcglein"},"content":{"rendered":"<p>Das Tr\u00e4nenkr\u00fcglein<\/p>\n<p>In alter Zeit, lange, bevor es dich und mich gab, da lebte einmal eine Witwe, der ward ihr einziges Kind vom Tod geholt. Die vermochte sich vor Herzeleid nicht zu fassen und weinte sich am Tag und in der Nacht die Augen aus.<\/p>\n<p>Es ergab sich aber, dass sie einmal des Nachts einen Botengang machen musste von einem Dorf zum n\u00e4chsten. Der Vollmond schien auf das verschneite Land, aber sie sah die Sch\u00f6nheit nicht, denn ihre Augen waren getr\u00fcbt von all den vielen Tr\u00e4nen um ihr Kind. Doch auf einmal tauchte eine seltsame Geisterschar vor ihr auf, das war die Frau Berchta mit ihren Heimchen. Die zogen auf dem verschneiten Feld mit leisem Singsang an ihr vor\u00fcber, dann \u00fcber den Heckenzaun und strebten nun dem Walde zu. Schon war der Zug bei den ersten Tannen angekommen, da trippelte \u00e4ngstlich ein Kind mit nackten F\u00fc\u00dfchen im kalten Schnee der Schar hinterher und schleppte an einem schweren Krug. Als es nun auch an besagten Heckenzaun kam, waren die anderen schon alle hin\u00fcber. So lief es denn \u00e4ngstlich hin und her und suchte nach einem Durchschlupf im Flechtwerk, denn der Steinkrug war viel zu schwer f\u00fcr das zarte Kindchen, und es konnte ihn nicht dr\u00fcber heben. Da endlich erkannte die Frau, dass es ihr eigenes Kind war, und es dr\u00fcckte ihr beinahe das Herz ab. Sie rief es bei seinem Namen, aber das Heimchen h\u00f6rte nicht hin.<\/p>\n<p>Da fasste es die Mutter bei der Hand, doch das Kind erkannte sie nicht. Der Mutter blutete das Herz bei alle dem, und sie weinte und presste das Kleine an ihre Brust. Ais aber die salzigen Tr\u00e4nen des Kindes \u00c4uglein netzten, da erkannte es die Mutter und sagte wie im Traum: \u00bbO wie warm ist Mutterarm!\u00ab \u00bbAch Kind, willst du nicht kommen und im Haus deiner Mutter bleiben?\u00ab fragte traurig die Frau. Sprach das Kind: \u00bbLieb Mutter mein, leg ab die Trauer und lass das Weinen. Denn alle Tr\u00e4nen, die du vergie\u00dft, die flie\u00dfen \u00fcber mein Grab in diesen Krug. Den muss ich nun nachschleppen, und er wird immer noch voller. Da schau nur, mein Hemdchen ist schon ganz nass, und die Kinder laufen mir alle davon. So gib mich doch endlich frei und lass mich los.\u00ab Da weinte sich die Mutter einmal noch von Herzen aus, k\u00fcsste den blassen Kindermund, hob ihr Liebstes \u00fcber den Zaun und sah mit sehnendem Blick dem wei\u00dfen Hemdchen nach, bis es fern in der hellen Schar untergetaucht war. Wollte sie dann wieder einmal der Gram \u00fcbermannen und wollten ihre Augen \u00fcberflie\u00dfen vor Kummer, so hat sie schnell an das Kr\u00fcglein gedacht und an den Zaun, schluckte tapfer die Tr\u00e4nen herunter und trug nun ihr Weh ohne Frage und Klage.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Deutsches Volksm\u00e4rchen<\/p>\n<h2 style=\"text-align: left;\">Das Tr\u00e4nenkr\u00fcglein<\/h2>\n<h2 style=\"text-align: center;\">\nVon Trennung, Tod und Trauer, M\u00e4rchen zum Gelingen des Lebens,<br \/>\nAngeline Bauer S. 55\/64<\/p>\n<p>Damit wir uns dem M\u00e4rchen ann\u00e4hern und tiefer in die Bilder hineinsehen k\u00f6nnen, m\u00f6chte ich es zuallererst Schritt f\u00fcr Schritt erl\u00e4utern.<\/h2>\n<p style=\"text-align: left;\">Schon im ersten Satz erfahren wir, wie unermesslich gro\u00df das Leid und Ungl\u00fcck ist, denn der Mutter wurde nicht nur ihr einziges Kind vom Tod geholt, sie ist auch noch Witwe. Sie hat also vorher bereits ihren Mann verloren und muss ihr Los nun ganz alleine tragen.<\/p>\n<p>Die Augen der Mutter sind getr\u00fcbt van all den<img loading=\"lazy\" class=\" size-full wp-image-203 alignright\" src=\"http:\/\/stillgeboren.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/but_buch_04.gif\" alt=\"but_buch_04\" width=\"100\" height=\"70\" \/> vielen Tr\u00e4nen, die sie weint, und: Der Vollmond schien auf das verschneite Land, aber sie sah die Sch\u00f6nheit nicht, erfahren wir weiter. Die Mutter hat also die Verbindung zum Leben verloren und nimmt nichts mehr wahr von dem, was um sie herum vorgeht. Sie hat sich ganz zur\u00fcckgezogen in ihre Trauer und l\u00e4sst nichts und niemanden mehr an sich heran. Ihre Welt ist einsam, verschneit und selbst der Vollmond schafft es nicht, Licht in die dunkle Nacht zu bringen, die sie umgibt.<\/p>\n<p>Im n\u00e4chsten Bild sehen wir eine seltsame Geisterschar.<img loading=\"lazy\" class=\" size-medium wp-image-220 alignright\" src=\"http:\/\/stillgeboren.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Bauer-192x300.jpg\" alt=\"Bauer\" width=\"192\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/stillgeboren.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Bauer-192x300.jpg 192w, http:\/\/stillgeboren.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Bauer.jpg 221w\" sizes=\"(max-width: 192px) 100vw, 192px\" \/> Von Frau Berchta ist da die Rede, die mit ihren Heimchen \u00fcber das verschneite Feld zieht. Frau Berchta, das ist ein anderer Name f\u00fcr Perch, Molle oder Hei, eine Unterweltsg\u00f6ttin aus der Sagenwelt, zu der die Toten gehen. Diese Unterwelt hat aber nichts mit unserer Vorstellung von H\u00f6lle zu tun, sondern ist einfach nur als \u00bbWelt der Toten\u00ab zu begreifen. Heimchen sind Insekten aus der Familie der Geradfl\u00fcgler, zu denen z. B. auch die Grillen geh\u00f6ren. In der Mythologie werden \u00bbgefl\u00fcgelte\u00ab Tiere als Seelentr\u00e4ger gesehen, denn weil sie fliegen k\u00f6nnen, glaubte man, dass sie die Seelen der Verstorbenen in den Himmel tragen. Im M\u00e4rchen werden Heimchen dann zu Zwergen und Elfen mit durchsichtigen Fl\u00fcgeln. In vielen deutschen Sagen finden wir diese Verbindung zwischen Heimchen und der Frau Berchta oder Percht, die mit ihnen durch eine Art Zwischenwelt zieht oder sie in das Reich der Toten geleitet. Normalerweise hat kein Sterblicher Einblick in diese \u00bbZwischenwelt\u00ab, aber unsere trauernde Mutter, wohl selbst vor Kummer schon mehr tot als lebendig, kann die seltsame Geisterschar sehen.<\/p>\n<p>Sie kann beobachten, wie sie singend wie die Zirpen durch die verschneite Nacht zieht, wie die Heimchen schlie\u00dflich \u00fcber einen Heckenzaun klettern und dann dem Wald entgegenstreben. Dieses \u00fcber den Heckenzaun klettern, steht symbolisch f\u00fcr das \u00dcberwechseln in die andere Welt, denn der Zaun markiert hier die Grenze zwischen Leben und Tod.<\/p>\n<p>Als N\u00e4chstes erz\u00e4hlt das M\u00e4rchen von einem kleinen, zarten, \u00e4ngstlichen Kindchen, das sich mit einem viel zu gro\u00dfen und viel zu schweren Krug voller Tr\u00e4nen abm\u00fchen muss, und das verzweifelt versucht, den Anschluss an eine Gruppe \u00bbGleichgesinnter\u00ab zu finden, die ihm in der Welf der Toten, wo es ja jetzt nun einmal sein muss, so etwas wie Schutz und Geborgenheit bieten k\u00f6nnte. Das Kind, das wird in diesem Bild am Zaun sehr deutlich, geh\u00f6rt nicht mehr in die Welt der Mutter, aber weil die Mutter es nicht losl\u00e4sst, findet es auch seinen Weg in die Welt der Toten nicht, wo die kleine Seele endlich zur Ruhe kommen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die Tr\u00e4nen der Mutter, die direkt auf die Augen des Kindes fallen, \u00f6ffnen ihm dann aber noch einmal den Blick f\u00fcr das Diesseits, und es erkennt die Mutter und f\u00fchlt ihren Schmerz. Und sofort versucht die Verzweifelte auch wieder, ihr Liebstes in ihrer Welt festzuhalten. Ach Kind, fleht sie willst du nicht kommen und im Haus deiner Mutter bleiben? Nur wenn die Mutter das Kind gehen l\u00e4sst k\u00f6nnen beide ihren Frieden finden.<\/p>\n<p>Aber das Heimchen wei\u00df, es gibt kein Entrinnen, und der einzige Weg den Frieden zu finden, ist f\u00fcr sie beide, dass die Mutter es gehen l l\u00e4sst. Darum bittet es dann auch inst\u00e4ndig, und es zeigt der ; Mutter den viel zu schweren Krug, i n dem es die Tr\u00e4nen auf[ fangen muss und zeigt auch das n\u00e4sse Hemdchen, das es tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Unser Wort \u00bbHemd\u00ab wird vom Wort ham bzw. dem althochdeutschen Wort hamo abgeleitet, was so viel bedeutet wie ; Hulle, Haut, Kleidung, aber auch Gestalt, Seele, oder Schutzgeist. Das Hemd ist das erste Kleidungsst\u00fcck, das wir angezogen ,\u00a0 bekommen und das letzte, wenn wir ins Grab gelegt wer|\u00a0 den. Es ist das Kleidungsst\u00fcck, das direkt auf der Haut getragen wird, und deshalb ist es symbolisch mit dem Wesen eines Menschen verbunden. Der Volksmund sagt: Wer sein letztes Hemd gibt, gibt olles was er hot und noch ein bisschen mehr &#8211; denn ohne Hemd dazustehen bedeutet, keinen Schutz mehr zu haben und den Blick freizugeben auf sein Intimstes und damit auf seine Seele. In einigen Regionen Deutschlands bekamen Konfirmandinnen und Konfirmanden noch im letzten Jahrhundert ein Totenhemd zur Konfirmation geschenkt, und M\u00e4dchen n\u00e4hten Totenhemden f\u00fcr ihre Aussteuer. Solche Br\u00e4uche versinnbildlichen, dass der Tod zum Erwachsensein geh\u00f6rt und dass das Leben verg\u00e4nglich ist.<\/p>\n<p>In dem tr\u00e4nennassen Hemdchen des Kindes sehen wir also die von der Trauer der Mutter beschwerte Seele. Und als die Mutter dies wahrnimmt und das Flehen und Bitten ihres Kindes h\u00f6rt, versteht sie endlich. Da weint sie sich einmal noch von Herzen aus, dann hebt sie es \u00fcber den Zaun und l\u00e4sst es endlich gehen, hebt es. Das \u00dcber-den-Zaun-heben, ist ein Bild des bewussten Loslassens, denn der Zaun symbolisiert in diesem M\u00e4rchen die Grenze zwischen unserer Welt und dem Reich der Toten.<\/p>\n<p>Nicht dass die Mutter nun nicht mehr traurig w\u00e4re und das verlorene Kind vergessen w\u00fcrde. Aber erst durch das bewusste Loslassen kann sie sich den Tod des Kindes als unabdingbare Tatsache eingestehen, was Voraussetzung daf\u00fcr ist, in die n\u00e4chste Phase der Trauer eintreten und dem Kind einen neuen, der Situation angemessenen Platz in ihrem Leben einr\u00e4umen zu k\u00f6nnen &#8211; den Platz eines \u00bbinneren Begleiters\u00ab. Die Beziehung zu ihrem Kind bleibt zwar weiter bestehen, aber sie hat eine andere Qualit\u00e4t erhalten. Und damit kann die Frau sich wieder dem Leben zuwenden, k\u00f6nnte Neues und Sch\u00f6nes in sich entstehen lassen und wieder in Beziehung zu ihren Mitmenschen treten.<\/p>\n<p>Versuchen wir einmal, das M\u00e4rchen auf eine reelle Lebenssituation zu \u00fcbertragen. Da ist eine Mutter mit einem Kind, das sterben wird. Man hat es ihr gesagt, ihr Herz spurt es auch, aber sie will es nicht akzeptieren. Alles in ihr str\u00e4ubt sich dagegen. Vielleicht sa\u00df sie schon Wochen, Monate oder gar Jahre am Bett des kranken Kindes. Der Vater hat l\u00e4ngst aufgegeben. Er ist der Trauer \u00fcberdr\u00fcssig, hat Mutter und Kind verlassen und sich wieder dem Leben zugewandt. Das kann ein \u00bbinneres Verlassen\u00ab sein &#8211; vielleicht ist er ja physisch noch da, aber auf der psychischen Ebene ist er l\u00e4ngst weggegangen.<\/p>\n<p>So ringt nun die Mutter alleine um das Leben des Kindes. Hier ist sie, dort der Tod, und die Seele des Kindes ist hin- und hergerissen zwischen beiden Welten. Das Kind wei\u00df, es<\/p>\n<p>muss gehen, es gibt kein Zur\u00fcck ins Leben, aber die Mutter h\u00e4lt es mit all der Macht ihrer Tr\u00e4nen fest. Sie denkt, wenn sie nur genug dran glaubt und nicht aufh\u00f6rt zu k\u00e4mpfen, dann kann sie f\u00fcr ihr Kind den Tod \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich k\u00f6nnen wir die Figuren des M\u00e4rchens beliebig austauschen. Der Vater kann den Platz der Mutter einnehmen. Er bleibt bei dem Kind, die Mutter ist l\u00e4ngst gegangen oder es stirbt die Mutter, und die Tochter\/der Sohn kann nicht loslassen. Was aber immer bleibt, ist der schreckliche Schmerz des Abschiednehmens. Und gerade hier hat das M\u00e4rchen sehr tr\u00f6stende Bilder f\u00fcr uns und zeigt uns, was das Trauern vollbringen kann. Zun\u00e4chst einmal geht es um die F\u00e4higkeit, Gef\u00fchle gleich welcher Art zu erleben, sie auszudr\u00fccken und auszuhalten. Man ist traurig und weint. Wut will vielleicht herausgeschrien oder abgearbeitet werden. Das Gef\u00fchl der Leere wird m\u00f6glicherweise durch Schweigen ausgedr\u00fcckt und so fort. Erst das Ausleben all dieser Gef\u00fchle erm\u00f6glicht das Abschiednehmen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich hebt die Mutter das Kind \u00fcber den Zaun und l\u00e4sst es fortgehen. Damit vollzieht sie aktiv den Akt der Trennung, was auch beinhaltet, dass sie alle eigenen Anteile zur\u00fcckholt und die des anderen an ihn zur\u00fcckgibt. Dies gelingt der Mutter, ohne dass es sie zerst\u00f6rt, und so kann sie als eigenst\u00e4ndige Pers\u00f6nlichkeit in die reale Welt zur\u00fcckkehren und auch dem Kind seinen Weg in die Welt der Toten freigeben. Wenn man<\/p>\n<p>so will, leistet sie eine Art psychischer Sterbehilfe, denn auch das Fortgehen ist ja nicht einfach, aber sicher f\u00e4llt es dem Sterbenden leichter, wenn er wei\u00df, dass er von dem Zur\u00fcckbleibenden nichts mitnehmen muss und dessen Segen hat. Viele Menschen, die einen Anderen durch eine lange Krankheit bis hin zum Tod begleitet haben, berichten davon, dass der Kranke etwa zwei bis drei Tage vor um\u00a0 seinem Tod nicht mehr wirklich ansprechbar war. Der Sterbende braucht Zeit,sich ganz aus seinem Leben losl\u00f6sen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Er hatte einen nach innen gekehrten Blick, wirkte v\u00f6llig abwesend oder \u00bbwie in einer anderen Welt\u00ab und hat seine Angeh\u00f6rigen vielleicht nicht einmal mehr erkannt. F\u00fcr den Sterbenden ist dies die Phase des Loslassens. Er geht in eine Art Niemandsland, ist nicht mehr hier und noch nicht dort. Er braucht diese Zeit \u00bbzwischen den Welten\u00ab, um sich ganz aus seinem Leben l\u00f6sen zu k\u00f6nnen. Das Schlimmste, was man ihm antun k\u00f6nnte, w\u00e4re, ihn immer wieder anzuflehen: \u00bbBleib doch hier, ich brauche dich, du darfst mich nicht verlassen!\u00ab<\/p>\n<p>Wenn wir den Sterbenden lieben, m\u00fcssen wir tun, was die Mutter in unserem M\u00e4rchen tat &#8211; ihn freigeben und &#8222;\u00fcber den Zaun heben&#8220;, so schwer uns das auch f\u00e4llt In Gespr\u00e4chen mit Menschen, die auch Jahre nach dem Tod eines Partners oder Kindes nicht damit fertig wurden, habe ich festgestellt, dass einige von ihnen &#8211; bewusst oder unbewusst- \u00bbje l\u00e4nger traurig sein\u00ab mit \u00bbdesto mehr lieben\u00ab gleichsetzen. Viele glaubten, durch dieses \u00bbdesto mehr lieben\u00ab, ihren Unmut dar\u00fcber entlasten zu k\u00f6nnen, selbst noch am Leben zu sein, w\u00e4hrend der geliebte Mensch sterben musste.<\/p>\n<p>Diese Menschen sprachen von \u00bbun\u00fcberwundener Trauer\u00ab, aber ich hatte den Eindruck, dass sie nicht wirklich getrauert, sondern im Gegenteil, intensive Trauerarbeit sogar vermieden haben. Sie haben sich vielleicht aus dem Leben zur\u00fcckgezogen, waren depressiv, haben sich selbst verloren &#8211; aber sie haben nicht wirklich getrauert. Mit Trauern ist nicht nur gemeint, traurig zu sein und einen Verlust zu beklagen &#8211; Trauern ist ein intensiver und oft sehr schmerzhafter Prozess, mit dem letztendlichen Ziel, den Verlust des Verstorbenen zu \u00fcberwinden, sich von ihm zu l\u00f6sen (was keinesfalls gleichbedeutend ist mit \u00bbihn vergessen\u00ab) und als Mensch mit neuen Zielen und Visionen weiterzuleben.<\/p>\n<p>Zur Trauer geh\u00f6rt die Auseinandersetzung mit dem Toten, mit dem was er einem bedeutet hat, im positiven wie im negativen Sinne, und zur Trauer geh\u00f6rt auch das Zulassen so ambivalenter Gef\u00fchle wie Liebe und Hass.<\/p>\n<p>Doch so notwendig derartige Gef\u00fchlsirritationen sind, so gef\u00fcrchtet sind sie auch, und zwar von den Betroffenen selbst genauso, wie von den Menschen, die mit den Trauernden zu tun haben. Dann h\u00f6rt man Forderungen wie: \u00bbDu musst tapfer sein!\u00ab Und: \u00bbLass dich nicht so gehen, das Leben geht schlie\u00dflich weiter!\u00ab Oder der Hinterbliebene setzt sich selbst unter Druck, in dem er sich glauben macht, er k\u00f6nnte den Verlust schnellstm\u00f6glich verarbeiten und zu z\u00fcgig zu seinem gewohnten Alltag zur\u00fcckkehren.<\/p>\n<p>H\u00e4ufig steckt dahinter aber eine unb\u00e4ndige Angst vor den gewaltigen Gef\u00fchlsst\u00fcrmen, die losbrechen k\u00f6nnten, wenn wir uns der Trauer wirklich \u00f6ffnen. Angst, den Schmerz nicht aushalten zu k\u00f6nnen, Angst vor der Endg\u00fcltigkeit des Abschieds. Dann lieber gar nicht f\u00fchlen, den Schmerz verdr\u00e4ngen, sich in die Arbeit st\u00fcrzen, sich bet\u00e4uben und ablenken um jeden Preis Hinzu kommt, dass ambivalente Tragegef\u00fchle in unserer Gesellschaft nicht akzeptiert sind. Wer weint und schreit, den Verstorbenen vielleicht klarer liebt als je zuvor, andererseits aber auch seiner Wut \u00fcber ihn, dass er einen verlassen hat, Ausdruck verleiht, das Gute wie das Schlechte an ihm beschreibt und sich dann wieder mit Schuldgef\u00fchlen herumplagt und sich anklagt, der erntet im Allgemeinen wenig Verst\u00e4ndnis bei seinen Mitmenschen.<\/p>\n<p>Gef\u00fchle und Erinnerungen, die peinlich oder be\u00e4ngstigend sind, werden darum oft verdr\u00e4ngt, verleugnet und beschwichtigt. Dadurch wird der Verstorbene oftmals verherrlicht und auf ein Podest gestellt, und die seelische Konfrontation mit uns selbst, unseren Erinnerungen und unserem Verlust werden unm\u00f6glich gemacht.<\/p>\n<p>Doch gerade dieses oben beschriebene Wechselbad der Gef\u00fchle leben zu d\u00fcrfen, ist so wichtig f\u00fcr den Trauerprozess. DOS Ausleben der Gef\u00fchle wird dem im Leben Gebliebenen am Ende helfen, den Verstorbenen, bzw. die Erinnerung an ihn, in sein Denken und Sein zu integrieren, dass er irgendwann ein von dem Verstorbenen losgel\u00f6stes und selbst- bestimmtes, neues Leben f\u00fchren kann.<\/p>\n<p>Die Trennung wird nicht einfacher zu erfragen sein, wenn wir den Verlust akzeptieren und diese \u00fcberw\u00e4ltigenden Gef\u00fchle aushalten, aber wir sp\u00fcren uns in unserem Schmerz, und das h\u00e4lt uns lebendig und l\u00e4sst uns weiterleben.<\/p>\n<p>Doch gerade dieses oben beschriebene Wechselbad der Gef\u00fchle leben zu d\u00fcrfen, ist so wichtig f\u00fcr den Trauerprozess. Das Ausleben der Gef\u00fchle wird dem im Leben Gebliebenen\u00a0\u00a0 am Ende helfen, den Verstorbenen, bzw. die Erinnerung an\u00a0\u00a0 ihn, so in sein Denken und Sein zu integrieren, dass er irgendwann ein von dem Verstorbenen losgel\u00f6stes und selbstbestimmtes, neues Leben f\u00fchren kann. Die Trennung wird nicht einfacher zu ertragen sein, wenn wir den Verlust akzeptieren und diese \u00fcberw\u00e4ltigenden Gef\u00fchle aushalten, aber wir sp\u00fcren uns in unserem Schmerz, und das\u00a0 h\u00e4lt uns lebendig und l\u00e4sst uns weiterleben.<\/p>\n<p>Trauerkrankheit<\/p>\n<p>Sie erinnern sich, was ich zuvor \u00fcber die Trauerphasen geschrieben habe: Zur dritten Trauerphase geh\u00f6rt das Loslassen\u00a0 und Sich-Trennen. Der Verstorbene nimmt einen neuen Platz\u00a0 im Leben des Hinterbliebenen ein, wird zu einer Art innerem Begleiter oder Schutzengel f\u00fcr ihn. Damit das so positiv verlaufen kann, muss vorausgegangen sein, dass der im Leben Gebliebene auch die negativen Gef\u00fchle f\u00fcr den Verstorbenen wahrnehmen, \u00e4u\u00dfern und somit in seine Trauer einbeziehen k\u00f6nnte. Denn wird der Verstorbene nur positiv gesehen und ein glorifiziertes Bild von ihm aufgebaut, f\u00fchrt die Identifikation mit ihm oft zu der Problematik, dass wertvolle Anteile des eigenen Ichs nicht mehr gesehen und anerkannt werden. Daf\u00fcr richten sich Anklagen, die von sich dem Verstorbenen gelten, mit dem glorifizieren Bild aber nicht mehr zu vereinbaren sind, gegen das eigene Ich. Nat\u00fcrlich geh\u00f6ren Selbstanklagen mit zum Wechselbad der Gef\u00fchle eines Trauerprozesses. Verlieren wir uns aber in ihnen und h\u00f6ren sie auch nach Verlauf von Jahren nicht auf, kann das Ausdruck einer narzisstischen Neurose sein. Sigmund Freud betont in diesem Zusammenhang den Unterschied zwischen Trauer und Melancholie. Wird der Zorn auf den so sehr geliebten, verstorbenen Menschen unterdr\u00fcckt, dann verinnerlicht und gegen das eigene Ich gewendet, findet eine negative Fixierung an das \u00bbverlorene Objekt\u00ab statt. Die Folge ist, dass der Trauernde zum Melancholiker wird, f\u00fcr den es nur noch sein Leid gibt, der nichts Neues mehr leben kann und f\u00fcr andere Menschen unerreichbar bleibt. In solchen F\u00e4llen sprechen Psychologen von Trauerkrankheit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Tr\u00e4nenkr\u00fcglein In alter Zeit, lange, bevor es dich und mich gab, da lebte einmal eine Witwe, der ward ihr einziges Kind vom Tod geholt. Die vermochte sich vor Herzeleid nicht zu fassen und weinte sich am Tag und in der Nacht die Augen aus. 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