{"id":356,"date":"2015-04-28T22:09:26","date_gmt":"2015-04-28T20:09:26","guid":{"rendered":"http:\/\/stillgeboren.de\/?p=356"},"modified":"2015-05-01T21:37:57","modified_gmt":"2015-05-01T19:37:57","slug":"ansprache-zum-gedenkgottesdienst-fuer-verstorbene-kinder-frankfurter-kirchentag-15-juni-2001","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/stillgeboren.de\/?p=356","title":{"rendered":"Ansprache zum \u201cGedenkgottesdienst f\u00fcr verstorbene Kinder\u201d Frankfurter Kirchentag, 15. Juni 2001"},"content":{"rendered":"<h1 align=\"CENTER\"><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">von Kristiane Voll<\/span><\/h1>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Liebe Mitmenschen! Und ganz besonders: Liebe M\u00fctter, V\u00e4ter, Geschwister und Familienangeh\u00f6rige, die Sie und<a href=\"http:\/\/stillgeboren.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Kirchentag.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignright size-medium wp-image-357\" src=\"http:\/\/stillgeboren.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Kirchentag-213x300.jpg\" alt=\"Kirchentag\" width=\"213\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/stillgeboren.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Kirchentag-213x300.jpg 213w, http:\/\/stillgeboren.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Kirchentag.jpg 425w\" sizes=\"(max-width: 213px) 100vw, 213px\" \/><\/a> Ihr um ein verstorbenes Kind in Ihren Familien trauern!<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Zu Beginn dieses Gottesdienstes haben wir Klagen geh\u00f6rt. Klagen zu k\u00f6nnen und zu d\u00fcrfen ist auf den ganz unterschiedlichen Wegen durch die Trauer lebenswichtig. Denn Klagen gibt dem Schmerz Raum und Ausdruck. Das zu haben, ist all\u00b4 zumal f\u00fcr trauernde Eltern, Geschwister und Menschen aus ihrem n\u00e4chsten Umfeld wichtig, denn f\u00fcr sie ist die Trauer um den Tod eines Kindes eine dunkle und zutiefst schmerzliche Zeit. Das auszuhalten und zu ertragen, erfordert \u00e4usserste Kraftanstrengung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Trauernde, Traurige, Verzweifelte erleben sich oft wie auf W\u00fcstenwegen. Der Verlust \u2013 der Tod des vertrauten, geliebten Menschen \u2013 der Tod eines Kindes \u2013 hat aus einer bewachsenen, bl\u00fchenden Landschaft eine W\u00fcste werden lassen. Und dort nun \u2013 in dieser unbekannten, unwirtlichen Gegend \u2013 in der W\u00fcste \u2013 m\u00fcssen sie einen Weg finden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Durch W\u00fcste zu gehen, macht Angst. So viel Angst, dass man einfach nur fliehen m\u00f6chte. Und doch tut es not, diesen Weg durch die W\u00fcste zu gehen, weil wir nur so das Gewesene wahrnehmen und neues Leben entdecken k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">W\u00fcstenzeiten sind harte Zeiten. Sie bedeuten ein best\u00e4ndiges Suchen nach der versch\u00fctteten, verborgenen Lebensader. Gibt es sie \u00fcberhaupt noch \u2013 diese Lebensader? Die W\u00fcste l\u00e4sst oft daran zweifeln, weil es kaum Zeichen von Leben gibt und das Vertraute fehlt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Wie soll ich leben ohne mein Kind? \u2013 Ohne meine Schwester? \u2013 Ohne meinen Bruder? Was ist das f\u00fcr ein Leben? Wo bl\u00fchendes, wachsendes Leben war, sp\u00fcre ich pl\u00f6tzlich Leere. Das Leben wird zur W\u00fcste.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Durch diese W\u00fcste einen Weg zu finden, kostet unendlich viel Kraft. Es ist h\u00e4rteste Arbeit. Es braucht enorme Anstrengungen, gegen Sand und Wind, gegen Durst und Ersch\u00f6pfung, zu k\u00e4mpfen und den Weg zur n\u00e4chsten Zisterne zur\u00fcckzulegen. Die br\u00fctende, l\u00e4hmende Hitze am Tag, die klirrende K\u00e4lte der Nacht, das Gef\u00fchl der ohnm\u00e4chtigen Winzigkeit inmitten einer grenzenlosen Weite kosten Kraft und f\u00fchren nicht selten an die Grenzen dessen, was m\u00f6glich ist. Inmitten der Not und der Entsagung werden jeder Tropfen Wasser, jeder kleine Schattenfleck kostbar.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Manche sagen: \u201cDie W\u00fcste lebt.\u201d, aber das dringt kaum in das Bewusstsein derer durch, die am Anfang ihrer W\u00fcste stehen. Es braucht Zeit, <span style=\"text-decoration: underline;\">daf\u00fcr<\/span> ein Gesp\u00fcr und einen Sinn zu bekommen. Es braucht Zeit, um sich in der W\u00fcste zurecht zu finden und sie als einen Ort des Lebens \u2013 als einen Ort des verborgenen, unscheinbaren Lebens zu entdecken.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Ich m\u00f6chte uns dazu eine kleine Geschichte erz\u00e4hlen, die davon auf ihre Weise etwas zum Ausdruck bringt:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\"><i>Ein Fluss wollte durch die W\u00fcste zum Meer. Aber als er den unermesslichen Sand sah, wurde ihm Angst, und er klagte: \u201cDie W\u00fcste wird mich austrocknen, und der heisse Atem der Sonne wird mich vernichten.\u201d Da h\u00f6rte er eine Stimme, die sagte: \u201cVertraue dich der W\u00fcste an.\u201d Aber der Fluss entgegnete: \u201cBin ich dann noch ich selber? Verliere ich mich nicht?\u201d Die Stimme antwortete: \u201cNein, du wirst dich nicht verlieren.\u201d<br \/>\nSo vertraute sich der Fluss der W\u00fcste an. Wolken sogen ihn auf und trugen ihn \u00fcber die heissen Sandfl\u00e4chen. Als Regen wurde er am anderen Ende der W\u00fcste wieder abgesetzt. Und aus den Wolken floss ein Fluss \u2013 <span style=\"text-decoration: underline;\">der<\/span> Fluss, neu und ver\u00e4ndert und doch zugleich auch der gleiche.<br \/>\n(nach Gerhard Eberts, gefunden in: Elsbeth Bihler, Symbole des Lebens \u2013 Symbole des Glaubens II, Limburg 1998, 16)<\/i><\/span><i><\/i><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Trauer \u2013 die Trauer um ein verstorbenes Kind \u2013 ist wie der Weg des Flusses durch die W\u00fcste. Der Fluss hat Angst \u2013 grosse Angst. Er klagt und zaudert. Die Angst, sich ganz und gar zu verlieren, ist \u00fcberm\u00e4chtig.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Der Fluss braucht Zuspruch, um sich auf das Wagnis seines Weges einzulassen. Auf diesem Weg ver\u00e4ndert und verwandelt er sich, und doch bleibt er auch er selbst. Eine schwer vorstellbare Erfahrung: wie soll das gehen? Ich glaube, diese Erfahrung erschliesst sich erst im Erleben. Sie ist mit Worten nicht wirklich zu beschreiben und verst\u00e4ndlich zu machen. Ein klein wenig vermag vielleicht die Geschichte davon anzudeuten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">So wie der Fluss Zuspruch und Ermutigung braucht, so brauchen gerade auch trauernde Familien Zuspruch und Begleitung. Auf den W\u00fcstenwegen durch die Trauer ist es unendlich wichtig, Momente des Trostes zu erleben: Eine entgegen gestreckte Hand, eine Umarmung, ein freundliches Wort, die Ermutigung, zu erz\u00e4hlen, ein verst\u00e4ndnisvoller Blick k\u00f6nnen solche tr\u00f6stlichen Momente sein. Sie sind Lebenszeichen in der W\u00fcste und helfen, den schweren Weg zu gehen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Die Flussgeschichte erz\u00e4hlt, dass der Fluss sich am Ende der W\u00fcste wiederfindet \u2013 neu findet und dass er Leben findet.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Leben finden \u2013 Hoffnung auf Leben entdecken: Als betroffene Schwester weiss ich, dass das f\u00fcr viele trauernde M\u00fctter und V\u00e4ter, f\u00fcr trauernde Br\u00fcder, Schwestern und Familienangeh\u00f6rige h\u00e4ufig etwas Schweres, etwas Unwirkliches ist. Im Wissen darum m\u00f6chte ich mit ein paar S\u00e4tzen von meiner Hoffnung erz\u00e4hlen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Ich vertraue darauf, dass es Gott gibt \u2013 dass er da ist, wenn ER mir auch oft unendlich fern scheint.<br \/>\nUnd ich vertraue darauf, dass Gott st\u00e4rker ist als der Tod. Ich glaube, dass er Leben schenkt \u2013 Leben auch jenseits des Todes. Es gibt Erfahrungen, die mich in diesem Glauben best\u00e4rken; und es gibt Worte, die diesem Vertrauen einen Grund geben. Ein biblischer Vers, der mich hier besonders anr\u00fchrt und st\u00e4rkt, steht beim Propheten Jesaja: <i>\u201cWie ich str\u00f6menden Regen \u00fcber verdurstendes Land ausgiesse, so giesse ich meinen Lebensgeist \u00fcber dich aus.\u201d <b>Amen.<\/b><\/i><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Kristiane Voll Liebe Mitmenschen! Und ganz besonders: Liebe M\u00fctter, V\u00e4ter, Geschwister und Familienangeh\u00f6rige, die Sie und Ihr um ein verstorbenes Kind in Ihren Familien trauern! Zu Beginn dieses Gottesdienstes haben wir Klagen geh\u00f6rt. Klagen zu k\u00f6nnen und zu d\u00fcrfen ist auf den ganz unterschiedlichen Wegen durch die Trauer lebenswichtig. 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