{"id":383,"date":"2015-04-28T22:27:34","date_gmt":"2015-04-28T20:27:34","guid":{"rendered":"http:\/\/stillgeboren.de\/?p=383"},"modified":"2015-04-28T22:27:34","modified_gmt":"2015-04-28T20:27:34","slug":"auf-altaere-wollte-ich-schlagen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/stillgeboren.de\/?p=383","title":{"rendered":"Auf Alt\u00e4re wollte ich schlagen"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: center;\">aus dem Weihnachtsheft des Bundesverbandes Verwaiste Eltern in Deutschland<\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\">\n\u201eMikael ist tot\u201c. Dieser Satz steht mitten im Raum. Ich bin nirgends. Der Raum wird endlos, hat keine Grenzen, ist luftleer, ist farblos. \u201eIhm geht es gut!\u201c Niemand sagt dies, doch ich h\u00f6re es, laut und deutlich. \u201eMikael ist tot\u201c, dieser Satz im Raum wird gr\u00f6\u00dfer, wird schwarz und schw\u00e4rzer, dehnt sich, f\u00fcllt den Raum, ballt sich urpl\u00f6tzlich zu einem Riesengescho\u00df und saust ungebremst auf mein Herz. Ich bin nicht da, nur mein Herz, das schwarze. Jeder Herzschlag ein Hammerschlag, lauter, gr\u00f6\u00dfer, noch lauter, noch gr\u00f6\u00dfer &#8211; das Herz f\u00fcllt den Raum, es droht zu bersten.<\/p>\n<p>Die Wochen und Monate danach. Immer wieder: \u201eIhm geht es gut.\u201c Dieser Satz ist in mir, er verl\u00e4sst mich nicht. Aber mir geht es nicht gut! Verdammt noch mal!! Ich g\u00f6nne Gott meinen Sohn nicht! Mikael fiel in seine H\u00e4nde, dessen bin ich mir sicher, aber was ist mit mir? Wie kann ich Gott mein Leid klagen, ihn um Trost bitten, wenn er doch der Verursacher meines Leids ist? \u201eDein Wille geschehe\u201c, diese Gebetsstelle verschlie\u00dft meine Lippen, verh\u00e4rtet mein Herz. Ganz undeutlich taucht manchmal ein Bild auf: Weit unter mir, von Wolken umh\u00fcllt, schweben Gottes H\u00e4nde. Doch der Weg dorthin ist weit und mir unbekannt. Mikael ist bei Gott, aber ich will ihn hier haben, hier bei mir, meinen 19 j\u00e4hrigen, z\u00e4rtlichen Sohn! Zum ersten Mal in meinem Leben stehe ich vor einem Problem, das ich nicht l\u00f6sen kann, egal, was ich tue, egal, was mir einf\u00e4llt! Machtlos bin ich, hilflos, ausgeliefert. Wem ausgeliefert? Amok laufen will ich. Ich will in alle Kirchen rennen, will auf die Alt\u00e4re mit meinen F\u00e4usten schlagen, bis sie bluten, bis ich zusammenbreche. Will Zettel auf die Alt\u00e4re legen: \u201eBetet f\u00fcr mich! Mein Sohn ist tot!\u201c<\/p>\n<p>Gott ist da, das wei\u00df ich, aber alle meine Vorstellungen \u00fcber ihn, \u00fcber unser Verh\u00e4ltnis zueinander stimmen nicht mehr. Ich finde keinen Anfang zum Nachdenken, habe auch keine Zeit und keine Kraft daf\u00fcr. Ich k\u00e4mpfe mit dem puren \u00dcberleben, ertrage die Einsamkeit in der Familie nicht, denn mein Mann und meine 17 j\u00e4hrige Tochter schweigen. \u201eWas gibt es da zu reden? Er ist tot. Akzeptiere das endlich!\u201c Und doch taucht manchmal, wenn mir ein Mensch ganz nah begegnet, das Gef\u00fchl auf: \u201eDen hat dir Gott geschickt.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcnf Monate nach Mikaels Tod habe ich Geburtstag. Wie kann ich den Tag \u00fcberleben? Ich nehme mir dienstfrei, denn ich wei\u00df, dass ich nicht f\u00e4hig sein werde, zu arbeiten, aber ich sage meiner Familie nichts davon. Ich stehe wie gewohnt fr\u00fch auf, will nur weg. Aber ich komme nicht weit, ich steh pl\u00f6tzlich vor unserer Dorfkirche. Da ich einen Schl\u00fcssel zu ihr besitze, schlie\u00dfe ich sie auf und schlie\u00dfe hinter mir wieder zu. Und dann sitze ich acht Stunden in meiner Kirche auf der Erde, habe den R\u00fccken an den Altar gelehnt, all die Fotos meines Sohnes, die ich immer bei mir trage, im Halbkreis um mich gelegt, seine Brille wie jeden Tag in der Hosentasche. So lese ich das ganze Buch Hiob. Ich h\u00f6re Hiob, wie ich ihn noch nie h\u00f6rte. Das rettete mich \u00fcber diesen Tag.<\/p>\n<p>Das Gedicht von Frau Bryan habe ich sechs Monate nach Mikaels Tod das erste Mal gelesen. Es erschien mir unglaublich, dass ich jemals dort ankommen k\u00f6nne, wo sie angekommen ist. Ich wusste, wenn ich je den Weg schaffe, dann wird es ein sehr, sehr langer und beschwerlicher Weg sein! Irgendwann entdecke ich Jesus als meinen Begleiter. Er hat auch gelitten, er war auch oft einsam, er geht nun neben mir, ihm kann ich erz\u00e4hlen, er h\u00e4lt meine Hand. Als ich mich eine zeitlang selbst nicht mehr sp\u00fcrte, sehe ich in einem Wachtraum einmal drei Engel an Mikaels Grab stehen und h\u00f6re, wie sie \u00fcber mich reden, und mich segnen.<\/p>\n<p>Und dann f\u00e4llt mir das Buch \u201eWenn guten Menschen B\u00f6ses widerf\u00e4hrt\u201c von Rabbi Kushner, in die H\u00e4nde. Nun muss ich nicht mehr nach einem Anfang suchen, da ist ein Knoten geplatzt, ich kann auf- und durch-atmen. Ja, so ist es: Gott hat nicht gewollt, dass mein Sohn stirbt, Gott hat mir dieses Leid nicht angetan. Er wollte dies nicht. Aber er war da im Moment des Todes, Mikael fiel in seine bergenden H\u00e4nde. Und diese H\u00e4nde bilden auch den Boden des mir bodenlos erscheinenden, schwarzen Loches, in dem ich immer noch falle. \u201eDein Wille geschehe\u201c hei\u00dft nun f\u00fcr mich: \u201eGott will, dass ICH lebe\u201c, und ich spreche laut mit: \u201eDein Wille geschehe\u201c und nehme es als Auftrag, weiterzuleben und mit meinem Leben etwas anzufangen.<\/p>\n<p>In den vier Evangelien lese ich die Geschichten nach, in denen Jesus nach seinem Tod verschiedenen Menschen begegnet. Ich entdecke, dass er den Menschen ihre v\u00f6llig verschiedenen Trauerwege l\u00e4sst. Niemandem sagt er: Tu dies nicht \u2013 tu jenes nicht. Er begegnet ihnen mitf\u00fchlend, er begleitet sie, er l\u00e4sst sie reden, weinen, zweifeln und schweigen. Das l\u00e4sst mich begreifen, dass es keinen falschen, keinen besseren Trauerweg gibt, dass jeder Weg f\u00fcr den jeweiligen Menschen gut und richtig ist. Das hilft mir, meinem Mann und meiner Tochter nicht mehr mit innerem Zorn und Vorwurf zu begegnen.<\/p>\n<p>In mehreren Schreibwerkst\u00e4tten f\u00fcr Trauernde arbeite ich mit Gott und entdecke meine Wege mit und zu ihm. Heute, nach zw\u00f6lf Jahren habe ich den Weg von Frau Bryan geschafft: Ich wei\u00df nun, dass Mikaels Leben nicht abgebrochen, sondern vollendet ist, auch wenn ich das nicht verstehe. Ich kann Gott von Herzen danken, dass ich diesen Sohn 19 Jahre bei mir haben durfte, dass er mir so nahe war und dass er so war, wie er war. Der Satz: \u201eIhm geht es gut\u201c hat mich nie verlassen. Ich denke heute, dass er von Gott entstammt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Gisela Sommer<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>aus dem Weihnachtsheft des Bundesverbandes Verwaiste Eltern in Deutschland \u201eMikael ist tot\u201c. Dieser Satz steht mitten im Raum. Ich bin nirgends. 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