{"id":469,"date":"2015-04-24T20:53:54","date_gmt":"2015-04-24T18:53:54","guid":{"rendered":"http:\/\/stillgeboren.de\/?p=469"},"modified":"2015-05-08T21:32:50","modified_gmt":"2015-05-08T19:32:50","slug":"wenn-ein-mensch-gestorben-ist-wie-gehen-wir-mit-dem-toten-um","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/stillgeboren.de\/?p=469","title":{"rendered":"Wenn ein Mensch gestorben ist &#8211; wie gehen wir mit dem Toten um? (Rituale)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #990066; font-family: Arial Baltic,sans-serif;\"><a href=\"http:\/\/stillgeboren.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/TauschBickeln.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignright wp-image-470 size-full\" src=\"http:\/\/stillgeboren.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/TauschBickeln.jpg\" alt=\"TauschBickeln\" width=\"151\" height=\"238\" \/><\/a><\/span><i>Daniela Tausch-Flammer, Lis Bickel S. 181 ff.<\/i><\/p>\n<p>I<span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">n der gegenw\u00e4rtigen Zeit haben aber viele Menschen den Zugang und das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die traditionell gepflegten Rituale und kultischen Handlungen im Rahmen der Kirche verloren. Die Traditionen und die mit ihnen verbundene Geborgenheit haben sich vielerorts besonders in gro\u00dfst\u00e4dtisch Bev\u00f6lkerungskreisen immer mehr aufgel\u00f6st. Damit ist Entfremdung zwischen uns und den kultischen Handlungen eingetreten und das damit verbundene Gef\u00fchl des Befremdlichen ihnen gegen\u00fcber. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Andererseits k\u00f6nnen wir aber auch festzustellen, da\u00df es in vielen Menschen ein neu erwachte Sehnsucht nach ebendiesen und erf\u00fcllten Ritualen gibt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Das bedeutet: da\u00df es einerseits zu einer Erneuerung des Verst\u00e4ndnisses von Ritualen und andererseits ein erneuertes Bewu\u00dftsein von seiten deren geben sollte, die kultische und rituelle Handlungen vollziehen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Wir erleben oft, da\u00df gerade in solchen Zeiten tiefer Ersch\u00fctterung, wie sie Sterben und Tod mit sich bringen, die Sensibilit\u00e4t f\u00fcr Echtheit und Tiefe und die Aufnahmef\u00e4higkeit f\u00fcr die heilende&#8220; Wirkung solcher Handlungen besonders gesteigert ist. Das hei\u00dft also, da\u00df rituelle Handlungen auch in der Zukunft hilfreich, sinnstiftend und ordnend sein und damit Kraft und wirklichen Trost spenden k\u00f6nnen, wenn sie erf\u00fcllt und wahrhaft mitvollzogen werden. Wir meinen, da\u00df Trauer und wirkliche Verzweiflung nicht durch Zeremonien und Traditionen zugedeckt und verdr\u00e4ngt werden sollten, da\u00df durch sie nicht eine Verpflichtung entstehen sollte, ,,tapfer zu sein&#8220; oder ,,getr\u00f6stet&#8220; wo dieses noch gar nicht sein kann oder sogar Drohungen von Strafe, Verdammnis, Schuld und S\u00fcnde uns nicht noch zu unserer ohnehin schon schweren Last des Verlustes auferlegt werden. Glauben darf nicht gleichgesetzt werden mit einer unechten Haltung, die meint, da\u00df der Schmerz ja gar nicht so gro\u00df sein d\u00fcrfe. Vielmehr w\u00fcnschen wir, da\u00df es uns wieder vermehrt gelingt, religi\u00f6ses Handeln und Erleben so zu gestalten und zu erfahren, da\u00df wir in ihnen eine ganzheitliche Ordnung und Geborgenheit empfinden und erfahren k\u00f6nnen. Eine Ordnung, in der wir uns trotz unserem Schmerz, unserer Wut, unserer Trauer und der Vielfalt unserer Gef\u00fchle aufgehoben erleben. Wir w\u00fcnschen uns eine zuk\u00fcnftige Gestaltung der Br\u00e4uche und Rituale, die aus echtem Empfinden kommt und vollzogen wird und uns behutsam zu Vorstellungen des nachtodlichen Seins hinf\u00fchrt und uns Handlungen zeigt, die uns in die geistig-seelische N\u00e4he der Verstorbenen bringen k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Der urspr\u00fcngliche Sinn ritueller Handlungen war der, da\u00df Menschen durch solches Tun ihren Hoffnungen, W\u00fcnschen, Angsten, Gef\u00fchlen und Gedanken Ausdruck geben konnten, sie verdichteten, ihnen Form gaben und sie erh\u00f6hten. Profanes und Allt\u00e4gliches wurde in einem erh\u00f6hten, besonders klaren und liebenden Bewu\u00dftsein vollzogen. Sie wurden in einer ganz und gar aufmerksamen und zugewandten Art und Weise ausgef\u00fchrt, das hei\u00dft zelebriert. Die so ausgef\u00fchrten Handlungen ver\u00e4ndern sich in ihrem Charakter und werden zu kultischen Handlungen. Dadurch, da\u00df Handlungen auf solche Weise vollzogen werden, kann sich das urspr\u00fcnglich nur chaotische, schmerzhafte Empfinden klaren und ordnen und eine heilende Form des Ausdrucks finden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Ritus und Kult schenken uns die Verbindung zum Heilenden und Heiligenden in uns und au\u00dferhalb von uns.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Viele Menschen mag die Frage bewegen, was denn eigentlich Heilung oder auch Linderung bewirkt. Dar\u00fcber hinaus besch\u00e4ftigt uns vielleicht die Frage, welche Bedeutung die Rituale, \u00fcber uns selbst hinaus, denn tats\u00e4chlich auch f\u00fcr den Verstorbenen haben. Was k\u00f6nnen wir \u00fcber diese Vorg\u00e4nge und Kr\u00e4fte, \u00fcber die Wirkung solch kultischer Handlungen in heutiger Zeit verbindlich aussagen?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Rituelles und sakramentales Geschehen haben immer eine Dimension, die sich auf den religi\u00f6sen, kosmischen, \u00fcbersinnlichen, spirituellen Zusammenhang ausrichtet. Das bedeutet, da\u00df Menschen, denen ihr Eingebettetsem in ein h\u00f6heres, sinnvolles Ganzes nicht mehr zug\u00e4nglich ist, eben auch von der inneren Bedeutung kultischer oder ritueller Handlungen entfremdet sind.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Andererseits k\u00f6nnen wir immer wieder feststellen, da\u00df Menschen, die in das Erleben von Sterben und Tod gestellt sind, oft einen ganz neuen Zugang, eine ganz neue \u00d6ffnung zum Religi\u00f6sen, Spirituellen erleben. Manchmal kann es sogar geschehen, da\u00df Menschen durch solche Handlungen, die in gro\u00dfe Liebe und Bewu\u00dftheit vollzogen werden, wieder eine Ahnung einer religi\u00f6sen Dimension erfahren. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">So sagte uns eine Mutter, die durch die areligi\u00f6sen Lebensgewohnheiten der ehemaligen DDR gepr\u00e4gt war, nach einer Feierlichkeit f\u00fcr ihren an Krebs Verstorbenen Sohn: <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\"><i>,Ich sp\u00fcrte pl\u00f6tzlich so etwas Besondeies im Raum, und ich hatte das Gef\u00fchl, da\u00df Ralph an all dem, was da geschah, teilnahm und er dadurch bei uns war.&#8220; <\/i><\/span><i><\/i><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Im Ritual werden an und f\u00fcr sich unsichtbare Kr\u00e4fte durch Worte im Gebet, K\u00f6rperhaltungen, D\u00fcfte zum Ausdruck gebracht, oder es wird darum gebeten, da\u00df diese unsichtbaren, geistigen Kr\u00e4fte zur Entfaltung und Wirkung kommen m\u00f6gen. Das, was unsichtbar erscheint, kann durch Handlung etwas in die Sichtbarkeit kommen. So kann zum Beispiel das Bitten und das Empfangen durch Gesten lebendig werden, Verehrung kann sich durch eine bestimmte K\u00f6rperhaltung ausdr\u00fccken, Kraft und Segen kann empfangen und gespendet werden, und innerlich Erlebtes, Gef\u00fchle, Lasten und Fragen k\u00f6nnen ausgedr\u00fcckt oder \u00fcberantwortet werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Im rituellen Geschehen ist oft das Element der Wiederholung enthalten. Wir k\u00f6nnen dann erleben, da\u00df bewu\u00dft Wiederholtes und wiederholt Erlebtes uns ein starkes Gef\u00fchl der Ordnung, des Schutzes und der Geborgenheit vermitteln. Andererseits erfahren wir, da\u00df Inhalte, die mit Hingabe wiederholt vollzogen werden, immer neu und ver\u00e4ndert erscheinen, da\u00df das eigentlich Wirkende sich auf immer neue Weise in ihm ereignet. Das regelm\u00e4\u00dfig Wiederholte erfahren wir dann als verwandelnd und heilend.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\"><b>Der Zugang zu neuen Ritualen<\/b><\/span><b><\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Manchen Menschen entspricht es, da\u00df sie in der Begleitung eines Verstorbenen nicht mehr auf die herk\u00f6mmlichen Braucht\u00fcmer und Traditionen zur\u00fcckgreifen m\u00f6chten. Sie wollen entweder neue oder auch pers\u00f6nlichere Formen des Handelns f\u00fcr sich finden. Wir w\u00fcnschen uns, da\u00df wir durch die folgenden Abschnitte solchen Menschen, die f\u00fcr ihre Verstorbenen und auch f\u00fcr sich selber neue Rituale und zeremonielle Handlungen vollziehen m\u00f6chten, Mut und einige Anregungen geben k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Durch diese ,,Zur\u00fccknahme&#8220; solchen Handelns in die Kraft der eigenen Gestaltung wird einerseits ein Gro\u00dfteil der Entfremdung gegen\u00fcber Ritualen und die Tabuisierung gegen\u00fcber Sterben und Tod \u00fcberwunden, andererseits kann es den Hinterbliebenen ein Gef\u00fchl tiefer Befriedigung schenken, das ihnen auch im Proze\u00df der Trauer hilft.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Auf der Suche nach solchen Formen haben wir eine noch gar nicht ausgesch\u00f6pfte Quelle in den Br\u00e4uchen und Traditionen anderer V\u00f6lker und Kulturen. Da gibt es die Sitte:<\/span><\/p>\n<ul>\n<li>den Toten selber zu richten und zu schm\u00fccken;<\/li>\n<li>Sarg- oder Grabbeigaben mitzugeben;<\/li>\n<li>die Totenwache auf eine gemeinschaftlicher Art und Weise durchzuf\u00fchren, wie zum Beispiel mit den Mitbewohnern eines ganzen Hauses;<\/li>\n<li>die Feierlichkeiten auf unterschiedlichste Weise zu gestalten;<\/li>\n<li>das Niedersenken des Sarges selber zu \u00fcbernehmen;<\/li>\n<li>das Grab selber zuzuschaufeln;<\/li>\n<li>das Grab gemeinschaftlich zu schm\u00fccken;<\/li>\n<li>besondere Essenszubereitung;<\/li>\n<li>und andere Formen eines l\u00e4ngeren Beisammenseins und Begleitens in den Tagen nach der Beisetzung.<\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Paul Tillich schreibt in seinen Religionsphilosophischen Schriften:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\"><i>Kultus ist die Inbegriff derjenigen Handlungen, durch die das Unbedingte (das Ewige G\u00f6ttliche &#8211; Transzendente \/Anmerkung der Verfasserinnen) im Praktischen realisiert weiden. Alles religi\u00f6se Handeln ist kultisches Handeln. Religi\u00f6ses Handeln aber ist gl\u00e4ubiges Handeln, Alles gl\u00e4ubige Handeln ist darum kultisches Handeln!&#8230;<\/i><\/span><i><\/i><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">F\u00fcr den Glauben kann es keinen (!) praktischen Akt geben, der nicht durch ein Symbol hindurch auf das Unbedingte gerichtet w\u00e4re&#8230;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Der Kultakt ist nichts als die h\u00f6chst konzentrierter Form gl\u00e4ubigen Handelns&#8220; (Paul Tillich, Hauptwerke Band 4). <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Wir m\u00f6chten das f\u00fcr uns in folgender Weise ausdr\u00fccken:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Jede Handlung kann zu einer kultischen Handlung erhoben werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Um eine profane Handlung zu einer kultischen Handlung werden zu lassen, bedarf es:<\/span><\/p>\n<ul>\n<li>der Gerichtetheit auf das\u00a0 G\u00f6ttliche,<\/li>\n<li>die konzentrierte Hingabe an das Geschehen<\/li>\n<li>und die Reinheit der Motive un der Ausf\u00fchrung.<\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Wenn wir in dieser \u00e4u\u00dferen und inneren Haltung Handlungen vollziehen, haben sie einen kultisch-rituellen Charakter.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Alle Beteiligten sollten solche Rituale mit wachem und liebenden Herzen vollziehen oder nachvollziehen, dann werden sie selber die Bedeutsamkeit und Kraft eines solchen Tuns erfahren. Das kann f\u00fcr einen einzelnen Menschen gelten oder auch f\u00fcr eine Gruppe von Menschen, die sich in diesem gemeinsamen Anliegen miteinander verbinden. Das ganz pers\u00f6nliche Erleben kann in solch gemeinschaftlichem Tun als eine uns allen gemeinsame Lebenserfahrung erlebt werden, damit kann der eigene subjektive Schmerz als ,,normal&#8220; allen Menschen gemeinsam, eingebettet, erlebt und verstanden werden. Auf diese Weise kann das Leiden ein St\u00fcck weit begreifbarer werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Alles, was einen Weg des Ausdrucks, eine Form oder Gestaltung findet, erf\u00e4hrt damit schon Wandlung im Sinne von Heilung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Inwieweit solche rituellen Handlungen unsererseits auch f\u00fcr den Verstorbenen ,,positiv&#8220;, das hei\u00dft hilfreich und wichtig sind, kann in solchen Situationen ahnend erfahren werden. Wir haben dann vielleicht in unserem eigenen Inneren das Erleben, da\u00df etwas ,,lichter&#8220; oder ,,leichter&#8220; um den Verstorbenen wird, oder wir haben m\u00f6glicherweise das Gef\u00fchl, da\u00df sich etwas Fehlendes zu einem Ganzen schlie\u00dft, abrundet und vollendet. Wenn wir den Verstorbenen sowohl in seiner Lebensgeschichte als auch in der Tiefe seines Wesens kannten, k\u00f6nnen wir in solchen Handlungen eine \u00dcbereinstimmung mit seinen W\u00fcnschen erahnen, oder wir erleben, da\u00df wir in uns das ganz deutliche Gef\u00fchl haben, noch etwas in seinem Sinne f\u00fcr ihn vollzogen zu haben.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Daniela Tausch-Flammer, Lis Bickel S. 181 ff. In der gegenw\u00e4rtigen Zeit haben aber viele Menschen den Zugang und das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die traditionell gepflegten Rituale und kultischen Handlungen im Rahmen der Kirche verloren. 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