{"id":50,"date":"2015-04-23T20:33:37","date_gmt":"2015-04-23T18:33:37","guid":{"rendered":"http:\/\/stillgeboren.de\/?p=50"},"modified":"2015-04-23T20:34:32","modified_gmt":"2015-04-23T18:34:32","slug":"trauern-verboten-die-stille-geburt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/stillgeboren.de\/?p=50","title":{"rendered":"Trauern verboten: Die \u201cstille\u201d Geburt"},"content":{"rendered":"<p><strong>03.10.2000 von Susanne Leykam-Remien<\/strong><\/p>\n<p>Das Licht der Welt hat Tobias nie erblickt, er wurde tot geboren. Er war das erste Kind seiner Eltern, die sich aber nicht Mutter und Vater nennen d\u00fcrfen. Und denen Trauer nicht gestattet wird. Weil kaum jemand ihren Verlust begreift.<\/p>\n<p>Pirko Lehmitz erinnert sich noch ganz genau an diesen h\u00f6llisch hei\u00dfen Sommertag, Ende August vor drei Jahren. Immer wieder sp\u00fcrte sie ein schmerzhaftes Ziehen im Unterleib. Wehen? Aber sie hatte doch erst etwas mehr als die H\u00e4lfte der Schwangerschaft hinter sich? Alarmiert ging die 33-j\u00e4hrige zu ihrem Frauenarzt. Und damit begann eine tragische Odyssee. Gezeichnet von Inkompetenz, Gef\u00fchlsk\u00e4lte und Ignoranz. 24 Stunden, nach denen sie wie bet\u00e4ubt von Schmerz und Verzweiflung wieder nach Hause zur\u00fcckkehren sollte. Mit leeren H\u00e4nden und verletzter Seele.<\/p>\n<p>Die Ereignisse dieses qualvollen Tages haben sich f\u00fcr immer in ihr Ged\u00e4chnis eingebrannt: Wie sie zun\u00e4chst trotz Schmerzen stundenlang im Wartezimmer sitzen mu\u00dfte. \u201cAls ich endlich untersucht wurde, stellte der Arzt fest, da\u00df der Muttermund ge\u00f6ffnet war und schickte mich ins n\u00e4chste Krankenhaus\u201d. Unbegreiflich, denn auch hier, in der Ambulanz, hie\u00df es noch einmal warten. Dann ging auf einmal alles ganz schnell: Pl\u00f6tzlich lag Pirko im Krankenwagen, angeschlossen an einen Tropf, der sie mit wehenhemmenden Medikamenten vollpumpte, verbunden mit den elektronischen F\u00fchlern eines Wehenschreibers. Mit Blaulicht ging es jetzt nach Altona, dort war man auf Fr\u00fchgeburten spezialisiert. \u201cDa f\u00fchlte ich mich eigentlich zum ersten Mal ganz sicher, dachte, da\u00df man jetzt alles unter Kontrolle h\u00e4tte\u201d. Sie war erleichtert, da\u00df die Wehen wieder nachlie\u00dfen, f\u00fchlte sich zuversichtlich und geborgen mit Ehemann Kai-Uwe an ihrer Seite.<\/p>\n<p>Eine tr\u00fcgerische Sicherheit! Drei Stunden sp\u00e4ter besiegelte der Blasensprung das Schicksal ihres ungeborenen Kindes. \u201cIn dem Moment erfa\u00dfte ich das ganze Ausma\u00df der Katastrophe\u201d. Der diensthabende Arzt sagte kein Wort, stellte lediglich mit einem leisen Knacken den Schalter des Tropfes aus. In die Totenstille hinein best\u00fcrmte Kai-Uwe Lehmitz den Arzt mit Fragen. \u201cWas bedeutet das?\u201d, drang er solange in den wortkargen Mediziner, bis dieser lapidar erwiderte: \u201cDa\u00df es gleich zur Geburt kommt\u201d. Dann verlie\u00df er den Raum. Eine Stunde sp\u00e4ter war es soweit: Unter starken Schmerzen gebar Pirko ihr totes Kind. In gespenstischer Stille, denn weder die Hebamme noch der Arzt sprachen ein Wort. Nur am Schlu\u00df herrschte der Geburtshelfer seine Patientin an, sie solle endlich richtig pressen und es ihm ein wenig leichter machen. Lautlos, bis auf den verzweifelten Schrei seiner Mutter, kam Tobias schlie\u00dflich zur Welt: 560 Gramm schwer, 32 cm lang.<\/p>\n<p>Zwei kostbare Stunden durfte Pirko noch mit ihrem winzigen S\u00f6hnchen verbringen, dann mu\u00dfte sie ihn f\u00fcr immer hergeben. \u201cIch war so froh, da\u00df die Hebamme Fotos gemacht hatte, sonst gab es ja keine Erinnerungen an ihn\u201d. Auch zu Hause fand sich keine sichtbare Spur eines Kindes. Kein Babybettchen, keine Spieluhr oder Strampelh\u00f6schen, kein hellblau oder rosa Schnickschnack: \u201cIch bin ein wenig abergl\u00e4ubisch und hatte deshalb noch nichts gekauft\u201d.<\/p>\n<p>Also rutschte Pirko scheinbar nahtlos wieder in ihr altes Leben hinein. \u00c4u\u00dferlich war alles wie vorher: Die Wohnung, die Freunde, die Arbeit, die Kollegen und die Familie. Ihr Inneres aber lag in Tr\u00fcmmern. Sie mu\u00dfte fertig werden mit dem wohl gr\u00f6\u00dften Verlust, den ein Menschen erleiden kann: Sie verlor ihr Kind. Wird sie sich davon jemals erholen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>F\u00fcr andere war das keine Frage: \u201cDas Leben geht weiter, du wirst auch noch deine Kinder haben\u201d. Sie sahen nicht, da\u00df eine Mutter f\u00fcr immer Abschied nehmen mu\u00dfte von ihrem Erstgeborenen. Sie bemerkten nicht, da\u00df diese Frau keinen Boden mehr unter den F\u00fc\u00dfen hatte. Pirko: \u201cDie ersten Wochen danach waren kaum auszuhalten. Das Schlimmste war die Einsamkeit, ich war so allein&#8230;\u201d. Bis auf eine Freundin waren pl\u00f6tzlich alle \u2013 selbst die Familie \u2013 wie vom Erdboden verschwunden. Und wieder war es totenstill. Wie damals im Kreisssaal. Kein Telefon, kein Besuch, keine Umarmung, kein Gespr\u00e4ch. Seltene Pflichtbesucher erteilten Pirko meist unverz\u00fcglich einen Maulkorb: \u201cNiemand erlaubte mir, von meinem Sohn zu sprechen, wenn ich dennoch begann, wurde einfach das Thema gewechselt\u201d. Auch heute noch \u00fcberschlagen sich S\u00e4tze und Worte, wenn sie von Ereignissen erz\u00e4hlt, die immerhin schon drei Jahre zur\u00fcckliegen. Sie spricht hastig, schnell und angespannt. So, als ob sie fertig sein m\u00fc\u00dfte, bevor man ihr den Mund verbietet. Ihre langen schmalen Finger fahren nerv\u00f6s durch die glatten dunkelblonden Haare, ihre hellen Augen nageln den Gespr\u00e4chspartner fest. Und immer noch h\u00f6rt man die bittere Verletztheit in ihrer Stimme.<\/p>\n<p>Damals durfte Pirko ihren Schmerz nicht aussprechen. Und wurde gemieden, weil sie ihn nicht verbergen konnte, schlie\u00dflich bestand sie nur aus Schmerz: \u201cIch bin aufgestanden und habe geweint. Auf dem Weg zur Arbeit, im Bus und in der Bahn habe ich geweint, ich konnte damit einfach nicht aufh\u00f6ren&#8220;. Den Vormittag lang ri\u00df sie sich zusammen, empfing Mandanten, brachte Meetings und Konferenzen hinter sich. Mittags fl\u00fcchtete sie sich in die nahegelegene Kirche, setzte sich ganz hinten in eine versteckte Bank und weinte. Der Heimweg, der Feierabend, das Wochenende \u2013 alles versank in einem Strom von Tr\u00e4nen, der einfach nicht enden wollte.<\/p>\n<p>Und immer mehr zeigte die Umwelt ihr, da\u00df sie nichts davon wissen wollte. Unfa\u00dfbar: Da macht eine die f\u00fcrchterlichste und gewaltigste Erfahrung ihres Lebens &#8211; sie will sich mitteilen &#8211; aber keiner l\u00e4\u00dft das zu. Niemand will es h\u00f6ren. Obwohl doch jeder sehen kann, wie die Isolation sie zerst\u00f6rt. Was ist das? Unsicherheit, Angst, Hilflosigkeit? Oder ganz einfach Brutalit\u00e4t, Feigheit und Gef\u00fchlsk\u00e4lte? \u201cEs gibt Schlimmeres, nun reiss dich mal zusammen, sonst l\u00e4uft dir noch dein Mann weg\u201d, warnten Mutter und Schwiegermutter. \u201cDu bist doch jung, setz einfach ein neues an\u201d, riet eine Freundin, als w\u00e4re lediglich ein Kuchenteig mi\u00dflungen. Friede, Freude, Eierkuchen, so sollte es sein. Was war schon gro\u00df passiert? Pirko sollte Zuflucht nehmen in eine neue Schwangerschaft, rasch Ersatz schaffen f\u00fcr etwas, das man nicht ersetzen kann: F\u00fcr ein individuelles menschliches Wesen, eine einzigartige Seele, wie kurz sie auch immer auf dieser Welt gewesen war. In Gedichten versuchte sie ihre Gef\u00fchle zu formulieren: \u201cKeiner spricht von dir, niemand wagt es deinen Namen zu sagen, damit lassen sie dich ein zweites Mal sterben\u201d.<\/p>\n<p>Der Verlust ihres Kindes legte sich wie ein Bann um die sensible Frau. Ihre Trauer wurde ge\u00e4chtet und nicht geachtet. \u201cKaum jemand verstand, da\u00df wir Tobias beerdigten. Die Omas f\u00fchlten sich peinlich ber\u00fchrt, als ich ihnen ein Foto von ihrem Enkel zeigen wollte\u201d. Man hielt sie eindeutig f\u00fcr nicht normal,\u00a0 bot ihr Valium statt Mitgef\u00fchl.<\/p>\n<p>Erst als es ihr so schlecht ging, da\u00df sie sich fast aufzul\u00f6sen glaubte in ihrem qualvollen Schmerz, erst als immer offensichtlicher wurde, da\u00df auch ihre Ehe zunehmend davon belastet wurde: Erst da unternahm Pirko einen letzten verzweifelten Schritt. \u201cMein Arzt hatte mir schon mehrmals die Adresse einer Selbsthilfegruppe in die Hand gedr\u00fcckt\u201d. Auf sein Dr\u00e4ngen hin ging sie voller Skepsis und Zweifel zu einem der Treffen. \u201cDas war unbeschreiblich\u201d, schildert sie \u201cZu merken, da\u00df andere Menschen dieselben Gef\u00fchle, ja sogar dieselben Gedanken haben, das tat mir unglaublich gut\u201d. Jetzt begriff sie, da\u00df sie vollkommen normal war. Da\u00df ihre Trauer angemessen war, wichtig und richtig. Nicht sie mu\u00dfte sich sch\u00e4men, sondern die, die sie so kaltherzig in die emotionale Verbannung geschickt hatten. Jetzt durfte Pirko auch endlich Wut zulassen, jetzt durfte sie endlich einen Ort des Gedenkens und der Erinnerung an Tobias schaffen: \u201cIch habe eine ganze Wand nur ihm gewidmet. Dort h\u00e4ngen Gedichte, Fotos und Blumen. Es k\u00fcmmerte sie nicht mehr, wenn andere mit gesenktem Blick und schweigend an diesem kleinen Denkmal vorbeigingen, sollten die sie doch ruhig f\u00fcr morbide halten, na und?<\/p>\n<p>Nach und nach gewann Pirko Lehmitz ihre alte Selbstsicherheit zur\u00fcck. Sie wurde zum zweitenmal Mutter, 17 Monate alt ist Pascal heute. In der Gruppe hilft sie jetzt anderen. Will ein wenig von dem zur\u00fcckgeben, was sie damals bekommen hat. \u201cEs vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Tobias denke\u201d, sagt sie. Aber es tut nicht mehr so weh. Und manchmal kann es sogar richtig sch\u00f6n sein: \u201cJeden Abend pusten Pascal und ich in sein Mobile. Wenn die bunten Schmetterlinge dann tanzen, bitten wir seinen gro\u00dfen Bruder um eine gute Nacht\u201d.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>03.10.2000 von Susanne Leykam-Remien Das Licht der Welt hat Tobias nie erblickt, er wurde tot geboren. Er war das erste Kind seiner Eltern, die sich aber nicht Mutter und Vater nennen d\u00fcrfen. Und denen Trauer nicht gestattet wird. Weil kaum jemand ihren Verlust begreift. 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