{"id":515,"date":"2015-04-25T14:44:07","date_gmt":"2015-04-25T12:44:07","guid":{"rendered":"http:\/\/stillgeboren.de\/?p=515"},"modified":"2015-05-02T14:44:45","modified_gmt":"2015-05-02T12:44:45","slug":"verlust-der-trauerkultur","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/stillgeboren.de\/?p=515","title":{"rendered":"Verlust der Trauerkultur"},"content":{"rendered":"<p><b><i><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">von Diether Wolf von Goddenthrow \u201cMit dem Tod Leben\u201d, S. 77 f.<\/span><\/i><\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts ver\u00e4nderte der Tod eines Menschen die Lebenswelt der ihn umgebenden Gemeinschaft Sterben und Trauer verband Menschen miteinander Bewu\u00dftes gemeinsames Erleben des Sterbens eines Menschen bot Gelegenheit bereits im Vorfeld des Trauerfalls miteinander ins Gespr\u00e4ch zu kommen und Anteilnahme zu nehmen Anteilnahme ins Angesicht des Todes, das verband. Man nahm sich Zeit und hielt inne, die Hinterbliebenen waren weder alleingelassen, noch hatten sie das Gef\u00fchl, durch ihre Trauersituation in eine Au\u00dfenseiterrolle, wie heutzutage h\u00e4ufig der Fall, gedr\u00e4ngt zu werden. Trauer geh\u00f6rte zum Alltag wie das t\u00e4gliche Brot. Trauerrituale etwa das Tragen schwarzer Kleidung, signalisierte der Umwelt offen, da\u00df hier ein Trauerfall vorlag.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Doch seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Trauerkultur radikal gewandelt. Zwar spricht das \u201cHandbuch der praktischen Theologie\u201d noch vom \u201ckirchlichen Trauermonopol\u201d, doch mu\u00df festgestellt werden, da\u00df beispielsweise in Hamburg nur noch rund die H\u00e4lfte der Sterbenden um eine kirchliche Beerdigung mit Pfarrer bittet. Bei einem Drittel der Beerdigungen erledigt das ein bezahlter Redner, f\u00fcr rund sieben Prozent findet \u00dcberhaupt keine Trauerfeier statt, man spricht in der Branche vom \u201ceinfachen Abtrag&#8220;. Auch die rapide Abkehr vom Grabstein (jeder f\u00fcnfte verstorbene Hamburger verzichtet darauf) mag ein weiteres Indiz daf\u00fcr sein, wie sehr die \u00fcberlieferten Br\u00e4uche und Formen der Trauer zerst\u00f6rt wurden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Trauerfeiern sind schon lange kein Mu\u00df mehr. Auch der Gedanke, ohne Feier beerdigt zu werden, f\u00f6rdert die Verdr\u00e4ngung des Todes. So gibt es in Berlin Pfarrer, die bis zu 27mal im Jahr zur Beerdigung gebeten werden und mit dem Sarg und den Tr\u00e4gern allein bleiben, da kein Angeh\u00f6riger mehr kam. Der Tod ist in unserer Gesellschaft weithin einsam geworden. Auch der un\u00fcberh\u00f6rbare Verlust b\u00fcrgerlicher Traditionen hinsichtlich der Wahl kirchlicher oder klassischer Trauermusik kennzeichnet eine zunehmende Trivialisierung des Abschiednehmens. Anstelle einschl\u00e4giger Trauermusik von Albinoni bis Vivaldi oder uralter Chor\u00e4le werden immer h\u00e4ufiger Titel gespielt wie \u201cGute Nacht Mutter\u201d, \u201cLa Paloma\u2018. \u201cYesterday\u201d oder \u201cJunge, komm bald wieder\u201d. Gesungen wird auf Trauerfeiern kaum mehr. Die Sozialbeerdigungen (hier zahlt die Stadt Hamburg einen ziegelsteingro\u00dfen Grabstein) werden mit der Streichung des Sterbegeldes noch zunehmen. Der Verlust einer Trauerkultur verst\u00e4rkt die Verdr\u00e4ngung des Todes, solange nicht ein neues ad\u00e4quates Netz gefunden wird, das die Hinterbliebenen auff\u00e4ngt, damit sie die Trauer wieder ertragen lernen, damit sie eben nicht aus Angst und falschverstandenem Schamgef\u00fchl einer Beerdigung fernbleiben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Fr\u00fcher war das anders, wenn auch nicht unbedingt immer besser. Wer wollte Wertma\u00dfst\u00e4be der Trauer festlegen. Doch Trauer fand statt. Trauer hatte ihren festen Rahmen und ihre besonderen Riten. Menschen trafen sich bei der Beerdigung am Grabe. Die Hinterbliebenen wurden nicht alleingelassen, denn der Tod und die Trauer waren, zumindest im l\u00e4ndlichen Raum, ein \u00f6ffentliches, ein gesellschaftliches Ereignis. Betroffen war nicht nur ein einzelner, die Gemeinschaft als Ganzes war ber\u00fchrt. Nur allm\u00e4hlich kehrte der Alltag wieder, nahm das Leben seinen gewohnten Verlauf. Die moderne Arbeitsgesellschaft, oftmals ihrer urspr\u00fcnglichen Trauerriten verlustig geworden, entdeckt erst allm\u00e4hlich die Trauer wieder, wie beispielsweise die Hospizbewegung, die zahlreicher werdenden Trauerseminare und Trauerselbsthilfegruppen zeigen. Diese Entwicklung haben wir Menschen, ob unmittelbar betroffen oder nicht, sehr n\u00f6tig, denn wir haben verlernt zu trauern. Wir wissen oftmals kaum, was Trauern ist, wie Trauer wirkt und welchen Sinn sie bat.<\/span><\/p>\n<p><b><span style=\"color: #990066; font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Sinn und Stationen unserer Trauer<\/span><\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Trauer ist eine psychophysische menschliche Reaktion auf Verlust. Da alles Wandlung ist, m\u00fcssen wir st\u00e4ndig mit Verlusten leben. Den Abschied von der \u201cZeit\u201d vollziehen wir in jedem Augenblick, in dem wir sind. Denn alles, was jetzt geschieht, ist im n\u00e4chsten Augenblick schon wieder Vergangenheit. Unsere Erfahrung der Unwiederbringlichkeit ist permanent und zwingt uns, mit Verletzungen und Schmerzen fertig zu werden. Die Natur hat den Menschen so ausgestattet, da\u00df er mit Verlustkummer fertig werden kann. Wir k\u00f6nnen dank unserer angeborenen F\u00e4higkeit alle Verluste und Trennungen prinzipiell bew\u00e4ltigen. Doch der moderne Mensch hat sich die F\u00e4higkeit zu trauern abtraniert, da es unschicklich, unpassend, unproduktiv oder einfach l\u00e4stig erscheint, seinen Trennungskummer offen zu bekunden. Mit fortschreitender Technisierung passen wir uns den Computern und Maschinen an, die weder zu weinen noch zu trauern verm\u00f6gen. Wir erfahren schon als Kind, da\u00df es besser ist, Gef\u00fchle nicht zu zeigen (z.B.: ein Junge weint doch nicht!) die zu unseren Nachteilen ausgelegt werden k\u00f6nnten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Unsere und Vergessensstrategien machen uns leblos. Immer auf der Hut vor \u201cEntdeckung\u201d, versuchen wir unsere Trauer zu bet\u00e4uben mit Drogen, Alkohol, Nikotin, Fernsehen oder Arbeit. Wir laufen weg vor unserem Schmerz, vor uns selbst. schauspielern uns und anderen etwas vor oder versuchen unsere Trauer beim \u201cJogging rauszuschwitzen&#8220;\u2018 Wissenschaftler wie der Psychosomatiker Alexander Milscherlich und viele andere sp\u00e4ter entdeckten in den vergangenen Jahren, da\u00df wir f\u00fcr unsere \u201cUnf\u00e4higkeit zu trauern\u201d (A. Mitscherlich) einen hohen Preis zu bezahlen haben: Wir werden krank, k\u00f6rperlich krank, aufgrund seelischer Verst\u00fcmmelungen Die Zunahme von Herz- und Kreislaufleiden, von Rheuma und Krebs sind einige Symptome, deren Ursachen man in erheblichem Ma\u00dfe in unserer Unf\u00e4higkeit zu trauern vermutet. Die Wissenschaft blieb uns bis heute dr\u00e4ngende Antworten schuldig.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Die F\u00e4higkeit zu trauern, ist die Bereitschaft den Verlust- oder Trennungsreflex, den Schmerz, wahrzunehmen, zuzulassen und auszudr\u00fccken. Die F\u00e4higkeit zu trauern ist den Proze\u00df der Losl\u00f6sung bewu\u00dft mitzutragen und zu vollziehen. Nur durch das bewu\u00dfte Annehmen der Trennung ist eine Befreiung m\u00f6glich, l\u00f6sen wir den Schmerz, erhalten wir uns unsere von der Natur gegebene Vitalit\u00e4t.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Wenn es durch einen so einschneidenden Verlust wie den Tod eines Menschen zu starken \u00c4u\u00dferungen der Trauer kommt, sch\u00e4men wir uns vor uns selbst, statt froh \u00fcber unsere nat\u00fcrliche Reaktion zu sein, froh dar\u00fcber zu sein, da\u00df wir trotz aller Reiz\u00fcberflutung und beinahe perfekten Verdr\u00e4ngungs- und Vergessenheitsstrategien doch noch in der Lage sind, Gef\u00fchle zu haben und somit die Chance, zu uns selbst und dadurch zu einem erf\u00fcllten, da bewu\u00dfteren Leben zu gelangen.<\/span><\/p>\n<p><b><span style=\"color: #990066; font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Selbsthilfe aus dem \u201cTrauer-Desaster\u201d<\/span><\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Wir trauern halbherzig., nehmen uns nicht die Zeit, da wir ja die Erwartungen unserer Umwelt erf\u00fcllen wollen. Helfende Trauerrituale fehlen zudem. Also geraten wir rasch in einen Teufelskreis mi\u00dflingender Trauer, in eine Stimmungsspirale, in der sich immer wieder die gleichen Gedanken in gr\u00fcblerischen, selbstzerm\u00fcrbenden Eigendialogen drehen, ohne da\u00df wir uns von ihnen l\u00f6sen k\u00f6nnten. Vielleicht sollten wir uns in solchen, scheinbar hoffnungslosen Situationen folgendes einmal vor Augen f\u00fchren:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Die Natur hat den Menschen so ausgestattet, da\u00df er Trauer empfinden und ertragen kann. Trauer ist eine nat\u00fcrliche Reaktion unseres Organismus auf als Verlust empfundene Trennungen, um das Gleichgewicht wiederherzustellen Trauer ist ein unverzichtbares psychophysisches Regulativ, um mit Verlusten fertig zu werden, um lebensf\u00e4hig zu bleiben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Trauer ist keine Krankheit. Sie ist nicht behandelbar. Deshalb kann es von au\u00dfen keine medizinische Hilfe geben. Verdr\u00e4ngte Trauer kann aber krankmachen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Trauer darf weder verdr\u00e4ngt oder bet\u00e4ubt werden, noch \u201cheilt die Zeit die Wunden\u2018. Trauer mu\u00df durchschritten werden, um sie zu bew\u00e4ltigen. Gemeinsames Durchschreiten von Trauer in Selbsthilfegruppen oder bei Seminaren kann f\u00fcr eine konstruktive Trauerarbeit sehr hilfreich sein, da Betroffene sich gegenseitig unterst\u00fctzen k\u00f6nnen, an ihren Schmerz heranzukommen und ihn zuzulassen. Trauer ist wertfrei, nie ist weder gut noch b\u00f6se, sondern einfach lebensnotwendig, sofern sie nicht neurotisch entartet.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial Baltic,sans-serif;\">Trauer braucht Raum, Zeit, Wege und Mittel der Darstellung, das Gespr\u00e4ch, das Ritual, die Kunst, die Musik, das Schreiben oder anderes sch\u00f6pferisches Tun, um an die Oberfl\u00e4che zu kommen. Trauerarbeit geht einher mit einem hohen menschlichen Energieflu\u00df. Jeder wei\u00df, da\u00df in Augenblicken der Trauer seine sonstige Leistungsf\u00e4higkeit beeintr\u00e4chtigt ist., da die Energie zur Trauerbew\u00e4ltigung ben\u00f6tigt wird. Eine bewu\u00dfte Bew\u00e4ltigung des Kummers kann kreative und sch\u00f6pferische Talente zum Neuanfang freisetzen, da gezielte Trauer hilft, die verdr\u00e4ngungsbedingten blockierten und gebundenen Lebenskr\u00e4fte zu entfesseln.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Diether Wolf von Goddenthrow \u201cMit dem Tod Leben\u201d, S. 77 f. Noch zu Beginn des 20. 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