{"id":530,"date":"2015-04-24T14:56:12","date_gmt":"2015-04-24T12:56:12","guid":{"rendered":"http:\/\/stillgeboren.de\/?p=530"},"modified":"2015-05-02T14:58:47","modified_gmt":"2015-05-02T12:58:47","slug":"predigt-aus-dem-gottesdienst-zwischenhalt-abschiednehmen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/stillgeboren.de\/?p=530","title":{"rendered":"Predigt aus dem Gottesdienst Zwischenhalt \u201eAbschiednehmen\u201c"},"content":{"rendered":"<h2>vom 19.11.2006 St. Paulus (Buchholz i.d.N.)<\/h2>\n<figure id=\"attachment_531\" aria-describedby=\"caption-attachment-531\" style=\"width: 194px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/stillgeboren.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Abschiednehmen06.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-531 size-full\" src=\"http:\/\/stillgeboren.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Abschiednehmen06.jpg\" alt=\"Abschiednehmen06\" width=\"194\" height=\"226\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-531\" class=\"wp-caption-text\">Pastorin B\u00fcrig<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>von Pastorin Christiane B\u00fcrig<\/strong><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>das Leben besteht aus Abschieden. Ich denke zun\u00e4chst an die vielen kleinen Abschiede im Alltag. Wie oft sagen wir Tsch\u00fc\u00df! Oder: bis Morgen!<\/p>\n<p>Und es geh\u00f6rt auch mancher endg\u00fcltige Abschied dazu, ich denke jetzt noch gar nicht an den Tod. Auch das Leben bringt endg\u00fcltige Abschiede: Trennungen von Paaren, Freundschaften, die im Sande verlaufen, Nachbarn, die wegziehen. F\u00fcr viele der \u00e4lteren Generation der Abschied von der Heimat und ihren vielen Gesichtern durch die Flucht.<\/p>\n<p>Das Leben besteht aus Abschieden.<\/p>\n<p>Irgendwann ist es das erste Mal der Tod eines nahen Menschen.Irgendwann ist da unser eigener Tod, Abschied vom Leben auf diesem wundersch\u00f6nen Planeten mit den Tautropfen auf dem Gras, dem Baumrauschen und den Menschen, die wir lieben.<\/p>\n<p>Das Leben besteht aus Abschieden.<\/p>\n<p>Pastorin Christiane B\u00fcrig<\/p>\n<p>Da\u00df der endg\u00fcltige Abschied Tod in unserer Gesellschaft weggeschoben und an den Rand gedr\u00e4ngt wird, ist ein Ph\u00e4nomen, das oft besprochen wurde. Bestatter fahren in grauen Wagen, wir sprechen von \u201eentschlafen\u201c oder \u201eeingeschlafen\u201c, gestorben wird im Krankenhaus, oft auch, wenn es die Situation \u00fcberhaupt nicht erfordert h\u00e4tte. Die Medizin hat den Tod soweit hinausgeschoben wie m\u00f6glich, so weit, da\u00df einem Angst und Bange werden kann und wir mit Patientenverf\u00fcgungen reagieren. Die sollen sicherstellen, da\u00df wir irgendwann dann auch mal sterben d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Der endg\u00fcltige Abschied Tod wird an den Rand gedr\u00e4ngt. Wir sehen es auch daran, wie unsere Rituale um Sterben und Tod verdorrt sind. Die Bestattung im engsten Kreise &#8211; selbst da wo ein Verstorbener mitten im Leben stand&#8230; sollen Nachbarn, Freundeskreis, Kollegen keinen Abschied nehmen d\u00fcrfen?<\/p>\n<p>Die anonyme Bestattung \u2013 wir leben doch auch mit einem Namen, warum d\u00fcrfen wir nicht mit einem Namen sterben? Angeh\u00f6rige, Bekannte werden des Ortes beraubt, an dem sie weinen, Zwiesprache halten oder einfach sich besinnen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Oder die Tatsache, da\u00df viele Familien ihre Kinder nicht mit zur Beerdigung nehmen, obwohl die es gerne w\u00fcrden \u2013 noch nicht einmal zum Abschied von Gro\u00dfeltern, die sie doch lieb hatten. Auch ein Kind hat eine Recht aufs Abschiednehmen.<\/p>\n<p>Der Tod verdr\u00e4ngt \u2013 wir sehen es auch daran, wieviel Wissen \u00fcber Trauerprozesse verloren gegangen ist.<\/p>\n<p>Wieviele Witwen haben mir erz\u00e4hlt, da\u00df sie ihren Mann als anwesend f\u00fchlen, nicht sichtbar, aber wahrnehmbar anwesend in der Wohnung, wie ein Schatten jenseits des Blickfeldes \u2013 und jede dachte, jetzt wird sie verr\u00fcckt. Dabei scheinen solche Erfahrungen zum Trauern dazu zu geh\u00f6ren. Oder da\u00df wir immer vom \u201eTrauerjahr\u201c sprechen, als sei es dann geschafft. Dabei scheinen Trauerwege eher eine Art Spirale zu sein, wo man immer wieder an die gleichen Punkte kommt: Weihnachten, Hochzeitstag, nach Jahren noch die gleiche Traurigkeit, nur da\u00df sie im Laufe der Zeit schneller zu bew\u00e4ltigen ist.<\/p>\n<p>Oder da\u00df wir immernoch vom \u201eloslassen\u201c reden. Niemand kann einen geliebten verstorbenen Menschen loslassen. Es mu\u00df sich nur die Art der Beziehung \u00e4ndern zu einer verinnerlichten Form des Kontakts.<\/p>\n<p>Der Tod verdr\u00e4ngt \u2013 wieviel Unsicherhiet das mitsichbringt: wie sollen wir Trauernden begegnen? Wie sollen wir Sterbenden begegnen? Aus Angst vor unseren Gef\u00fchlen, treten wir die Flucht an.<\/p>\n<p>Uns fehlt eine Kultur des Sterbens und des Trauerns. Das Wissen fr\u00fcherer Zeiten ist verloren gegangen. Ein neues, in unserer Zeit passendes Wissen mu\u00df erst noch entwickelt werden.<\/p>\n<p>Solange wir auf der Flucht sind, vergr\u00f6\u00dfern wir das Leid. Das Leid der Betroffenen, und unser eigenes.<\/p>\n<p>Eines m\u00fcssen wir uns dabei klar machen: Es wird so tausend- und abertausendfach gestorben auf der Welt. Gewalt ist im Spiel und Hunger und Verwahrlosung, ungerechte Strukturen, verseuchtes Trinkwasser und Krieg&#8230; wie oft ist da \u00fcberhaupt keine Gelegenheit, mal eine Hand zu halten. Wir haben zur Zeit in unserer Gesellschaft das gro\u00dfe Gl\u00fcck, da\u00df die Not nicht \u00fcber uns zusammenbricht, sondern da\u00df Spielraum da ist, da\u00df wir die M\u00f6glichkeit haben, uns um Sterbeprozesse zu k\u00fcmmern&#8230;Wir sollten diese historisch und global betrachtet gl\u00fcckliche Lage nutzen und es f\u00fcr die sterbenden Menschen gut machen!<\/p>\n<p>Wie das aussehen kann \u2013 daf\u00fcr hat die Hospizbewegung zwei zentrale Antworten. Denn was ist die gr\u00f6\u00dfte Angst, wenn wir an unser Sterben denken?<\/p>\n<p>Da\u00df wir Schmerzen leiden m\u00fcssen. Die Medizin kann Schmerzen inzwischen sehr, sehr gut und auf den Patienten zugeschnitten verhindern. Auf dieses Thema wurde sie von der Hospizbewegung angesetzt und hat gro\u00dfe Erfolge erzielt.<\/p>\n<p>Die zweitgr\u00f6\u00dfte Angst ist: Einsam zu sterben. Auch darauf hat die Hospizbewegung eine Antwort, wenn entweder Sterbende Zuhause von ehrenamtlichen Sterbebegleitern aufgesucht werden oder wenn sterbenden Menschen in einem Hospiz begleitet werden.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist die Hospizbewegung schon eine Antwort auf die Tabuisierung des Todes in der Gesellschaft und eine Trendwende.<\/p>\n<p>Wir fangen an, wieder dahin zu schauen.<\/p>\n<p>Ein Hospiz ist mehr als ein Ort zum Sterben. Es ist ein Zentrum, das sein Wissen und seine Erfahrungen ausstrahlt. Die Angeh\u00f6rigen, deren sterbender Mensch im Hospiz lebt, werden zugleich entlastet \u2013 was die Pflege angeht \u2013 und herangef\u00fchrt \u2013 was die Begleitung angeht. Ein Lern \u2013 und Erfahrungszentrum zum Thema Abschied nehmen. Nach und nach k\u00f6nnen immer mehr Menschen von der Tabuisierung und \u00dcberforderung zu einer Kultur des Sterbens und des Trauerns finden. Zu einer Kultur des Abschieds.<\/p>\n<p>Und indem wir tiefer dahineinschauen, stellen wir pl\u00f6tzlich fest: Indem wir mehr \u00fcber den Tod und den Abschied und das Trauern lernen, lernen wir mehr \u00fcber das Leben!<\/p>\n<p>Am besten kann ich das an einer eigenen Erfahrung zeigen. Der Tod geh\u00f6rt n\u00e4mlich immer mit in\u00a0 mein Leben. Mein Vater starb relativ fr\u00fch \u2013 und in meinem Beruf geht es ja jede Woche um Trauern und Abschied. Und ich dachte eine ganze Zeit, da\u00df ich damit ganz gut vers\u00f6hnt sei. Bis ich einen 34-J\u00e4hrigen zu beerdigen hatte. Und ich war da gerade 34. Das war etwas anderes. Und ich dachte: O.K., jeden Tag, den ich ab jetzt habe, habe ich mehr als er. Was mache ich denn damit? Und pl\u00f6tzlich war mir klar: Tod und Leben geh\u00f6ren zusammen, nicht nur so, da\u00df der Tod eben das Leben begrenzt, sondern so, da\u00df er es intensiviert, Vertieft. \u00dcberhaupt als wertsch\u00e4tzendes Leben erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Erst wenn ich die Grenze anerkenne und f\u00fchle, kann ich fragen, was innerhalb dieser Grenzen geschehen soll. Qualit\u00e4t des Lebens! Und dann auch des Sterbeprozesses. Vielleicht ger\u00e4t die Frage nach der L\u00e4nge des Lebens sogar in den Hintergrund angesichts der Frage nach der Qualit\u00e4t. Im Hospiz jedenfalls geht es nur noch um diese Qualit\u00e4t. Leben ganz im Jetzt, wo man \u00fcber die Zukunft und die L\u00e4nge nichts Hoffnungsvolles mehr sagen kann.<\/p>\n<p>Insofern ist das Hospiz nicht nur ein Modell f\u00fcr das Sterben, sondern auch ein Modell f\u00fcr das Leben. Intensiv. Im Jetzt. Ehrlich. Verbunden mit den Gef\u00fchlen.<\/p>\n<p>Das Leben besteht aus Abschieden. Trotzdem den Tod verdr\u00e4ngen? Das hat sich nicht bew\u00e4hrt. Weder f\u00fcr Sterbende, noch f\u00fcr Trauernde. Noch f\u00fcr das Leben mit seiner Qualit\u00e4t selbst. So fangen viele Menschen langsam wieder an, sich den Gef\u00fchlen zu stellen. Und machen die Entdeckung, da\u00df das Hinschauen, das Nichtfliehen, da\u00df das bereichert.<\/p>\n<p>Wie in unserer Geschichte. Nur wenn wir die Traurigkeit, den Schmerz wirklich f\u00fchlen, geht es weiter. Das hilft. Das verbindet mit anderen. Das vertieft. Das l\u00e4\u00dft uns das Leben wertsch\u00e4tzen. Nur durch die Traurigkeit, den Schmerz hindurch geht es weiter, nicht daran vorbei. Es ist wie wenn wir durch die Traurigkeit hindurchtauchen, oder wie wenn wir den Schmerz austrinken&#8230; Der Traurigkeit ins Auge schauen \u2013 dann entsteht neue Hoffnung. Dann entsteht neue Daseinsfreude. Dann entsteht Qualit\u00e4t im Leben.<\/p>\n<p>Das Leben besteht aus Abschieden. Was \u00fcber diese Gedanken vom Glauben her hinaus noch zum Thema Abschied zu sagen ist, bringt das n\u00e4chste Lied wunderbar zum Ausdruck, wie ich finde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>vom 19.11.2006 St. Paulus (Buchholz i.d.N.) von Pastorin Christiane B\u00fcrig Liebe Gemeinde, das Leben besteht aus Abschieden. Ich denke zun\u00e4chst an die vielen kleinen Abschiede im Alltag. Wie oft sagen wir Tsch\u00fc\u00df! Oder: bis Morgen! Und es geh\u00f6rt auch mancher endg\u00fcltige Abschied dazu, ich denke jetzt noch gar nicht an den Tod. 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