{"id":551,"date":"2015-05-02T17:51:50","date_gmt":"2015-05-02T15:51:50","guid":{"rendered":"http:\/\/stillgeboren.de\/?p=551"},"modified":"2015-05-02T17:53:39","modified_gmt":"2015-05-02T15:53:39","slug":"trauerseminars-der-verwaisten-eltern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/stillgeboren.de\/?p=551","title":{"rendered":"Trauerseminars der Verwaisten Eltern"},"content":{"rendered":"<h2>in Bad Segeberg vom 19.12. bis 21.12.1997<\/h2>\n<p>An die drei Tage des Trauerseminars der Verwaisten Eltern in Bad Segeberg denke ich gerne zur\u00fcck. Ich bin immer noch ganz erf\u00fcllt von dem Geist, den unsere Gruppe umgeben hat. Ich wei\u00df nicht, wann ich das letzte Mal so ein wunderbares Wochenende gehabt habe. Noch nie habe ich es erlebt, da\u00df sich in so kurzer Zeit an sich v\u00f6llig fremde Menschen so vertraut wurden, als h\u00e4tten sie sich schon lange gekannt. Von diesem Seminar strahlt auf mich immer noch eine Faszination aus, die mir die Kraft gegeben hat, die letzten Tage, meinen Stichtag am Montag und gestern, Heiligabend, gut zu \u00fcberstehen. Es war einfach unglaublich und wird wahrscheinlich f\u00fcr einen Au\u00dfenstehenden kaum zu begreifen sein.<\/p>\n<p>Es begann am Freitagabend mit einer Begr\u00fc\u00dfung durch die Seminarleiterin. Gleich ihre ersten Worte taten gut: \u201dLiebe Eltern!\u201d. Das hatte bislang noch nie jemand zu uns gesagt. Auf meinen Hinweis, da\u00df ich normaler Weise 8 Wochen Mutterschutz gehabt h\u00e4tte, hatte ich bislang nur zweifelnde Blicke geerntet. Wieso denn Mutterschutz, wenn doch kein Kind da ist? So fing der Abend gleich gut an.<\/p>\n<p>Es waren ca. 70 bis 80 Personen dort, auch einige Kinder. Nach einer kurzen Begr\u00fc\u00dfung wurde das Lied von Michael Jackson \u201cGone too soon\u201d gespielt. Jeder hatte den englischen Text und die deutschen \u00dcbersetzung vor sich. Ein wunderbares Lied, dem man ohne die \u00dcbersetzung wohl kaum Bedeutung beigemessen h\u00e4tte. Jede Zeile sprach einem aus dem Herzen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/stillgeboren.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Trauerseminasternentuch.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignright wp-image-553 size-full\" src=\"http:\/\/stillgeboren.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Trauerseminasternentuch.jpg\" alt=\"Trauerseminasternentuch\" width=\"1002\" height=\"706\" srcset=\"http:\/\/stillgeboren.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Trauerseminasternentuch.jpg 1002w, http:\/\/stillgeboren.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Trauerseminasternentuch-300x211.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 1002px) 100vw, 1002px\" \/><\/a>Dann bekam jedes Elternpaar ein Blatt gelbes Papier, eine Schere und einen Stift in die Hand gedr\u00fcckt, mit der Aufforderung, einen Stern auszuschneiden und den Name des Kindes darauf zu schreiben und was einem noch wichtig ist. Ich war v\u00f6llig perplex, als Kai sofort loslegte, die Schere nahm und eifrig anfing, zu schnippeln. Ich hatte erwartet, da\u00df er mir die Sachen in Hand dr\u00fcckt mit den Worten: \u201dMach\u2019 du das mal, du kannst das besser.\u201d Nein, tats\u00e4chlich er schnippelte und schnippelte und zeigte mir dann stolz seine Sternschnuppe. Ich durfte Tobias darauf schreiben und seinen Geburts- bzw. Todestag. Die Sterne wurden an ein dunkelblaues Tuch geheftet, was \u00fcber einen Tisch in der Kapelle gelegt wurde. Es war ein wundersch\u00f6nes Bild, die ganzen Sterne dort zu sehen. Derjenige, der nicht dabei war, w\u00fcrde jetzt denken:\u201d Wie kann man das sch\u00f6n nennen, jeder Stern steht f\u00fcr ein totes Kind. Das ist doch grauenhaft.\u201d. Nein, uns Eltern und Geschwistern tat es gut. Jeder einzelne Stern wurde von allen betrachtet.<\/p>\n<p>Dann wurden die einzelnen Gruppen eingeteilt. Die jeweiligen Betreuer der Gruppen stellte sich kurz vor. Zu jeder Gruppe geh\u00f6rte auch eine sogenannte Hospitantin, die gerade eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin macht.<\/p>\n<p>Unsere Gruppe bestand aus 15 Personen, darunter sechs Paare. Zu <a href=\"http:\/\/stillgeboren.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Sterneseminarkl2.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignright wp-image-552 size-full\" src=\"http:\/\/stillgeboren.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Sterneseminarkl2.jpg\" alt=\"Sterneseminarkl2\" width=\"532\" height=\"318\" srcset=\"http:\/\/stillgeboren.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Sterneseminarkl2.jpg 532w, http:\/\/stillgeboren.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Sterneseminarkl2-300x179.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 532px) 100vw, 532px\" \/><\/a>uns geh\u00f6rten die zwei Birgit(t)s und Elisabeth. Wir blieben in dem gro\u00dfen Tagungsraum. Im Uhrzeigersinn stellten wir uns vor und erz\u00e4hlten, was passiert und sonst noch wichitg war. Wenn derjenige fertig war, z\u00fcndete er ein Teelicht an, tat es in einen der von Birgit gebastelten Pergamentsterne, beschriftete einen kleinen Stern mit dem Namen seines Kindes und steckte diesen in einen Kranz, der in der Mitte stand. Immer wenn wir den Raum in den n\u00e4chsten zwei Tage betraten, z\u00fcndete jeder seinen Stern an. Dies wurde f\u00fcr Kai und mich zu einem Ritual, das wir auch jetzt noch jeden Tag machen. Wir schafften es knapp, bis 22.30 Uhr fertig zu werden.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/stillgeboren.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/muede.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignright wp-image-554 size-full\" src=\"http:\/\/stillgeboren.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/muede.jpg\" alt=\"muede\" width=\"158\" height=\"126\" \/><\/a>Zum Abschlu\u00df des Abends fand dann eine Meditation zum Tagesausklang in der Kapelle statt. Dort wurde eine Ausstellung einer Mutter, die ihren behinderten Sohn verloren hatte, vorgestellt. Es standen dort f\u00fcnf Skulpturen, jeweils eine aus den letzten f\u00fcnf Jahren. Eine der Skulpturen, die den Namen \u201cm\u00fcde\u201d hatte, sprach mich sofort an. Genauso f\u00fchlte ich mich, wenn ich mal wieder in einen meiner Tiefs steckte. Es war f\u00fcr mich faszinierend, wie es dieser Frau gelang, mit etwas Ton auf einfache Weise so viel Gef\u00fchl auszudr\u00fccken.<\/p>\n<p>Den Rest des Abends verbrachten wir in unserer Gruppe gemeinsam. Wir hatten so viel zu erz\u00e4hlen, wozu wir in der Vorstellungsrunde nicht gekommen waren. Gegen 1.30 Uhr r\u00e4umten wir dann das Feld.<\/p>\n<p>Nach dem gemeinsamen Fr\u00fchst\u00fcck trafen wir uns wieder in unserer Gruppe. Unsere Runde begann mit einem von Birgitt genannte \u201cBlitzlicht\u201d. Jeder sollte kurz seine momentane Verfassung beschreiben. Ich erkl\u00e4rte, da\u00df ich es genie\u00dfe, heute an einem Sonnabend zusammen mit Kai zu sein, da er sonst immer arbeiten mu\u00df und ich es nicht ertrage, allein zu Hause zu bleiben.<\/p>\n<p>Danach las Birgitt das M\u00e4rchen von der Steinpalme vor. Es handelte von einer Palme, in deren Krone ein gro\u00dfer Stein eingeschlossen war. Mit diesem Stein hatte vor vielen Jahren ein Mann, der kurz vor dem Verdursten war, versucht, die vor Saft strotzende Palme zu zertr\u00fcmmern, da er darauf neidisch war, da\u00df ihre Wurzeln Wasser haben und er verdursten mu\u00df. In dem M\u00e4rchen wurde dann beschrieben, wie es der Palme gelingt, sich wieder aufzuraffen, um schlie\u00dflich, den Stein in sich aufnehmend wieder stark zu werden.<\/p>\n<p>Wir sollten dann jeder auf ein gro\u00dfes wei\u00dfes Papier unsere Palme malen. Gedanken zu diesem M\u00e4rchen str\u00f6mten viele auf mich ein, aber keine optischen, die ich h\u00e4tte malen k\u00f6nnen. Die Tr\u00e4nen kullerten. Mit einem der vielen Klienext\u00fccher bewaffnet, nahm ich das Papier und einen Stift und machte das, was ich seit etwa einem Monat angefangen hatte, ich schrieb meine Gedanken in Form eines Gedichts auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #0000ff;\">Die Steinpalme<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">\u00a0<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">Er schlug ein<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">mitten ins Herz<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">er zersplitterte es<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">in tausend Teile<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">es blieb nichts \u00fcbrig<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">nur Schmerz und Leere<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">da war kein Platz<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">au\u00dfer f\u00fcr Dich<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">noch nicht einmal f\u00fcr Deinen Vati<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">ich versuchte ihn<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">aus meinem Herz zu sto\u00dfen<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">doch ich war zu schwach<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">ich wollte aufgeben<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">jetzt bin ich froh<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">es nicht geschafft zu haben<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">wie k\u00f6nnte ich Dich hinauswerfen<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">\u00a0<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">20.12.1997<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Als ich kurz vor unserer gemeinsamen Runde es noch einmal las, war ich ganz erstaunt \u00fcber meinen Satz \u201cNoch nicht einmal f\u00fcr Deinen Vati\u201d. Ja, es war richtig, in den ersten schlimmen acht Wochen hatte ich mich v\u00f6llig &#8211; auch vor Kai &#8211; verschlossen. Ich war viel zu sehr mit mir und den Verlust unseres Sohnes besch\u00e4ftigt. Mir wurde auf einmal klar, da\u00df ich Kai dahingehend keine Vorw\u00fcrfe machen darf. Aus seiner Perspektive hatte ich das noch gar nicht gesehen. Ich hatte mich auch von ihm so allein gelassen gef\u00fchlt. Als ich von meinen Gedanken in der Runde erz\u00e4hlte, fing Kai an, neben mir zu nicken. Birgit fragte dann, wen ich denn mit \u201cihn\u201d im\u00a0 n\u00e4chsten Satz gemeint h\u00e4tte: \u201cich versuchte ihn, aus meinem Herzen zu sto\u00dfen.\u201d, den Vater oder den Stein. Ja, das war mir beim sp\u00e4teren Lesen auch aufgefallen, da\u00df \u201cihn\u201d sich sprachlich auf den \u201cVati\u201d bezog, doch ich hatte den \u201cStein\u201d gemeint. Sie berichtet dann, da\u00df sie nach dem Tod ihres Sohnes sich genauso verschlossen h\u00e4tte, aber auch ihren Mann richtig weggesto\u00dfen habe. Es war f\u00fcr mich faszinierend und machte mich gl\u00fccklich, da\u00df mein kleines Gedicht auch andere ansprach.<\/p>\n<p>Nach der Mittagspause ging es dann weiter. Jeder sollte sich ein Schwung von Kn\u00f6pfen aus einem gro\u00dfen Teller heraussuchen. Die Kn\u00f6pfe sollte stellvertretend f\u00fcr die wichtigsten Personen in unserem Umfeld stehen. Dann sollte jeder zun\u00e4chst alleine auf einem Blatt Papier die Entwicklungen der einzelnen Beziehungen vor, w\u00e4hrend und nach dem Verlust durchspielen. Wir taten uns jeweils in Dreier- Gruppen zusammen. Es war faszinierend, die \u00c4hnlichkeiten festzustellen. Nach dem Tod des Kindes fand als erstes eine Explosion statt und alle um einen herum verschwanden zun\u00e4chst. Erst allm\u00e4hlich kamen die einen oder anderen zur\u00fcck, und zwar sehr oft Personen, die vorher eher weiter weg gestanden hatten. Demgegen\u00fcber machte die engere Familie in den meisten F\u00e4llen die schlechteste Figur. Einige Kn\u00f6pfe verschwanden sogar ganz vom Papier.<\/p>\n<p>Zum Abschlu\u00df dieser Einheit, stellte Birgit uns einen sogenannten Lichtertanz vor, den wir zusammen tanzten. Wir stellten uns im Kreis auf und jeder bekam ein Teelicht in die Hand. Dann wurde das Licht im Raum gel\u00f6scht. Wir bewegten uns jeweils im Kreis bzw. in die Mitte zu, wo die von uns angez\u00fcndeten Teelichter und der Kranz mit den Namenssternchen stand. Die erste Runde schafften wir auch ganz gut. In der zweiten Runde gab es dann bereits die ersten \u201cTr\u00e4nenausf\u00e4lle\u201d und sp\u00e4testens nach der zweiten Runde blieb kein Auge trocken. Wenn wir in die Mitte kamen, dann b\u00fcckten sich immer einige von uns, um nach den Klienext\u00fcchern zu greifen. Wir heulten gemeinsam, was das Zeug hielt.<\/p>\n<p>Da ich nicht gleich in die laute helle Halle wollte, blieb ich noch eine ganze Weile in der Mitte auf dem Fu\u00dfboden sitzen und geno\u00df den Schein der leuchtenden Sterne. Es war eine ganz wunderbare Stimmung. Schon w\u00e4hrend des Tanzes hatte ich das Gef\u00fchl gehabt, die Kinder w\u00e4ren auf einmal ganz nahe bei uns gewesen. Als sehr wohltuend empfand ich es, da\u00df ich in unserem Raum die M\u00f6glichkeit hatte, etwas Abstand zu gewinnen und die Ruhe zu genie\u00dfen, aber zun\u00e4chst Birgit kam, den Arm um meine Schultern legte und ganz lieb fragte, ob alles in Ordnung sei und dann Brigitt etwas sp\u00e4ter auch noch einmal danach fragte. Ich hatte nie das Gef\u00fchl, alleine zu sein.<\/p>\n<p>Als wir uns dann 1 \u00bd Stunden sp\u00e4ter nach dem Abendbrotessen in der Halle trafen, um gemeinsam jeweils eine Kerze zu gestalten, war es faszinierend wie gut drauf wir alle waren. F\u00fcr jedes Kind gab es eine Kerze und buntes Wachsmaterial mit der diese gestaltet werden konnte. Wir setzten uns alle zusammen an einen Tisch und fingen an, wie die kleinen Kinder zu basteln und dabei zu albern. Zun\u00e4chst wurden Ingo und Bettina \u201cbemitleidet\u201d: \u201cWarum habt ihr euch auch so einen langen Namen ausgew\u00e4hlt wie Konstantin. Selber schuld.\u201d \u201cSieh mal, Ingo, wir sind mit \u201cSofie\u201d schon fertig.\u201d. Heiko lachte sich \u00fcber das Auto von Stefan schlapp und fragte, was denn das sein solle. Stefan antwortete: \u201cDas sieht man doch, da\u00df das die A-Klasse ist! Mit den Vorderr\u00e4dern besteht der nie den Elchtest\u201d. An unserem Tisch war ein Lachen und keiner h\u00e4tte geglaubt, da\u00df wir noch vor 1 \u00bd Stunden gemeinsam um die Wette geheult hatten.<\/p>\n<p>In der Abendeinheit machten wir dann einen gemeinsame \u00dcbung, von der ich fast glaubte, da\u00df Brigitt, die von Kais und meinen Partnerschaftsproblemen wu\u00dfte, sie so ein bi\u00dfchen f\u00fcr mich vorgeschlagen hatte. Alle Frauen sollten sich auf den Fu\u00dfboden in die Mitte des Kreises setzen und so tun, als w\u00e4ren die M\u00e4nner nicht dabei und von ihren Erfahrungen \u00fcber gemeinsame bzw. die andere Trauer der M\u00e4nner sprechen. Bei uns entstand sogleich ein reges Gespr\u00e4ch und mit Ausnahme von Anja, trauerten bei allen die M\u00e4nner anders und konnten oft nicht \u00fcber die Trauer sprechen bzw. sie sich ihr eingestehen. Als dann die M\u00e4nner dran waren, dauerte es erst ein bi\u00dfchen, bis das Gespr\u00e4ch in Gang kam, aber dann war es f\u00fcr uns Frauen sehr interessant. So erz\u00e4hlte zum Beispiel Stefan, da\u00df es f\u00fcr ihn schwierig sei, zusammen mit Vera zum Friedhof zu gehen und er daf\u00fcr lieber ab und zu alleine gehen w\u00fcrde. Ein anderer Vater forderte ihn dann auf, Vera doch zumindest dann davon zu erz\u00e4hlen. Dies hatte er offenbar bislang nicht gemacht. Kai hielt sich zwar zur\u00fcck &#8211; hatte er Birgitt auch durchschaut? &#8211; aber ich glaube, beide Kreise brachten uns auch so einander wieder n\u00e4her.<\/p>\n<p>Als letzte \u00dcbung forderte uns Birgit auf, an eine von uns ausgesuchte Person eine Art Wunschzettel zu schreiben auf dem stehen sollte, f\u00fcr was wir der Person dankbar sind und was wir uns von ihr w\u00fcnschen. Auch wenn ich an so viele Personen eine Menge W\u00fcnsche hatte, so wu\u00dfte ich doch sofort, da\u00df mein Wunschzettel an Kai adressiert sein w\u00fcrde. Als wir alle fertig waren und uns Birgit aufforderte, vorzulesen, wollte zun\u00e4chst keiner. Das war das erste Mal, da\u00df sich zun\u00e4chst keiner traute. Dann begann Jens seinen Wunschzettel vorzulesen, adressiert an Gott. Wir waren alle sehr bewegt, insbesondere dar\u00fcber, welche tiefen Gef\u00fchle Jens nach 20 Jahren noch f\u00fcr seine Tochter Julia empfand. Dann beschlo\u00df ich, auch meinen Wunschzettel vorzulesen. Nachdem inzwischen fast alle gemerkt hatten, da\u00df unsere Beziehung einige Schrammen abbekommen hatte, und diese aber u.a. durch das Seminar, insbesondere auch durch verschiedene Gespr\u00e4che am Rande des Seminars der anderen mit Kai, anfingen zu heilen, f\u00fcrchtete ich mich nicht, meinen pers\u00f6nlichen Wunschzettel an Kai vorzulesen:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Lieber Kai,<br \/>\nich bin Dir dankbar,<br \/>\nda\u00df Du mich am 22.08.1997 nicht alleine gelassen hast,<br \/>\nda\u00df Du mich hast weinen lassen,<br \/>\nda\u00df Du noch bei mir bist,<\/p>\n<p>ich w\u00fcnsche mir von Dir,<br \/>\nda\u00df wir einen Weg finden, ein St\u00fcck gemeinsam zu trauern,<br \/>\nda\u00df wir daraus Kraft sch\u00f6pfen und diese f\u00fcr einen Neubeginn nutzen<br \/>\nda\u00df wir die T\u00fcr, die uns unser Sohn ge\u00f6ffnet hat, nicht zuschlagen<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Kai wurde danach gefragt, an wen er denn seinen Wunschzettel adressiert habe. \u201cNat\u00fcrlich an Pirko\u201d, war seine Antwort. Aber vorlesen wollte er ihn leider nicht. Er gab ihn mir dann aber. Als ich ihn las, war ich gl\u00fccklich, denn er pa\u00dfte sehr gut auf meinen Wunschzettel. Vielleicht haben wir doch noch mehr Gemeinsamkeiten, als ich zwischenzeitlich dachte.<\/p>\n<p>Am Sonntag hatten wir f\u00fcr unsere Gruppe leider nur eine Stunde Zeit. Wir blickten mit Birgitt gemeinsam auf die letzen Tage zur\u00fcck. Da nach dieser Abschlu\u00dfstunde in der Kapelle die gebastelten Kerzen angez\u00fcndet werden sollten, sammelte ich etwas Mut und las mein Lieblingsgedicht f\u00fcr Tobias vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #0000ff;\">Ein Licht anz\u00fcnden<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">nur f\u00fcr Dich<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">der Schein strahlt durch die Herzen<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">der Raum leuchtet warm<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">Deine Augen durfte ich niemals leuchten sehen<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">daf\u00fcr mu\u00dften sie auch nie weinen<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">ich weine f\u00fcr uns beide<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">Du sahst so friedlich aus<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">als ich Dich in meinen Armen hielt<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">so lange Du lebtest waren wir nie getrennt<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">ich hatte Dich ganz f\u00fcr mich allein<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">vielleicht vermisse ich Dich deshalb so sehr<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\">24.11.1997<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das animierte Reinhard und er las ein Gedicht von Goethe vor, das auf der Beerdigung von seiner Tochter Eva vorgelesen worden war.<\/p>\n<p>Zum Abschlu\u00df verteilte Anja von ihr w\u00e4hrend des Seminars gebastelten 1 cm kleine Sternschnuppen, deren Schweif sie jeweils mit dem Namen des Kindes beschriftet hatte. Wir waren alle v\u00f6llig sprachlos und jeder h\u00fctete seine Sternschnuppe wie ein kostbaren Schatz. Sodann wurde der \u201coffizielle\u201d Gruppenteil beendet, doch von uns wollte so richtig keiner gehen. Ich glaube, Anja war die erste, die ein Bild von Sofie herausholte und fragte, ob jemand mal Sofie sehen m\u00f6chte. Klar wollten wir das. Pl\u00f6tzlich zog jeder ein Bild von seinem Kind hervor und es begann eine richtige \u201cFotosession\u201d. Au\u00dfenstehende h\u00e4tten sich jetzt sicherlich abgewandt: Eltern, die stolz die Fotos ihrer toten Kinder zeigten. Auch Julia, die drei Fehlgeburten im fr\u00fchen Stadium hatte und daher \u00fcber keine Fotos verf\u00fcgte, guckte etwas \u00e4ngstlich. Erst als ich sie direkt aufforderte, sie solle sich die Fotos ruhig angucken, es seien sch\u00f6ne Bilder, sagte ganz erleichtert: \u201cDie sehen ja alle ganz friedlich aus.\u201d<\/p>\n<p>Nachdem wir die Bilder ausf\u00fchrlich betrachtet hatten und alle wieder getr\u00f6stet waren, gingen wir gemeinsam in die Kapelle zum Abschlu\u00dfgottesdienst. Er wurde von Mechthild Voss-Eiser sehr besinnlich und sch\u00f6n gestaltet. Der H\u00f6hepunkt war nat\u00fcrlich das Anz\u00fcnden der Kerzen, die dann in die Mitte auf den Tisch gestellt wurden. Es war ein traumhafter Anblick.<\/p>\n<p>Besonders sch\u00f6n, insbesondere f\u00fcr unsere Gruppe, die alle ein Kind in der Schwangerschaft oder kurz danach verloren hatten, war, da\u00df an jedes Kind mit seinem vollst\u00e4ndigen Namen gedacht wurde. Ich war schon immer gl\u00fccklich, wenn jemand unseren Sohn mit seinen Namen Tobias nannte, aber Tobias Lehmitz, das hatte noch niemand gesagt. Jeder von uns in der Gruppe, achtete auf jeden Namen unserer Kinder.<\/p>\n<p>Ich war fast die letzte in der Kapelle.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #0000ff;\">Ihr wart die ganze Zeit bei uns<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">in unserem Kreis<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">in uns<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">Ihr wart uns so vertraut<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">als h\u00e4tten wir jeden einzelnen gekannt<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">so vertraut wie wir uns geworden sind<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">\u00a0<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">Ihr gabt uns<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">Licht W\u00e4rme und Geborgenheit<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">Geborgenheit die wir Euch geben wollten<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">und die wir Euch nicht mehr geben k\u00f6nnen<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">\u00a0<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">Wir haben Euer Lachen gesp\u00fcrt<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">Euer Lachen <\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">das wir nie oder nie wieder h\u00f6ren werden<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">ein Lachen das uns einl\u00e4dt<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">mit Euch zu lachen<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\">21.12.1997<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich konnte mich einfach nicht von dem Lichtermeer und unseren Kindern trennen. Dieser Anblick und der Lichtertanz am letzten Abend animierten mich zu einem Gedicht f\u00fcr unsere Kinder, das ich noch vor dem Mittagessen aufschreiben mu\u00dfte.<\/p>\n<p>Der Abschied fiel uns allen unendlich schwer. Wir waren von den Tagen zwar v\u00f6llig geschafft, aber trennen wollte sich so recht keiner. Auch den Hinweis von Heiko: \u201cWir m\u00fcssen jetzt auch aufh\u00f6ren, da mir die Taschent\u00fccher ausgegangen sind\u201d, lie\u00dfen wir nicht gelten und zeigten ihm die duzenden Kartons von Klienext\u00fcchern, die auf dem Tisch standen.<\/p>\n<p>Wir verabschiedeten uns alle von einander, als w\u00fcrden wir uns schon immer kennen. Es war ein unglaubliche Atmosph\u00e4re und W\u00e4rme, die unsere Gruppe umgeben hat.<\/p>\n<p>Es war ein wirklich gelungenes Seminar und ich bin f\u00fcr die professionelle Organisation und liebevolle Begleitung des gesamten Teams dankbar. Mir f\u00e4llt nicht ein einziger Kritikpunkt ein, oder doch einer, das n\u00e4chste Seminar ist erst in einem Jahr.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u00a9 Pirko Lehmitz, www.Stillgeboren.de Dezember 1997<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>in Bad Segeberg vom 19.12. bis 21.12.1997 An die drei Tage des Trauerseminars der Verwaisten Eltern in Bad Segeberg denke ich gerne zur\u00fcck. Ich bin immer noch ganz erf\u00fcllt von dem Geist, den unsere Gruppe umgeben hat. Ich wei\u00df nicht, wann ich das letzte Mal so ein wunderbares Wochenende gehabt habe. Noch nie habe ich &hellip; <a href=\"http:\/\/stillgeboren.de\/?p=551\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Trauerseminars der Verwaisten Eltern<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[25,21],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/stillgeboren.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/551"}],"collection":[{"href":"http:\/\/stillgeboren.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/stillgeboren.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/stillgeboren.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/stillgeboren.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=551"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/stillgeboren.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/551\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":556,"href":"http:\/\/stillgeboren.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/551\/revisions\/556"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/stillgeboren.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=551"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/stillgeboren.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=551"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/stillgeboren.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=551"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}