{"id":865,"date":"2015-04-25T21:07:36","date_gmt":"2015-04-25T19:07:36","guid":{"rendered":"http:\/\/stillgeboren.de\/?p=865"},"modified":"2015-05-08T21:10:55","modified_gmt":"2015-05-08T19:10:55","slug":"die-sonne-die-so-warm-und-freundlich-ins-zimmer-schien-war-fuer-mich-nicht-zu-ertragen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/stillgeboren.de\/?p=865","title":{"rendered":"Die Sonne, die so warm und freundlich ins Zimmer schien, war f\u00fcr mich nicht zu ertragen&#8230;"},"content":{"rendered":"<h1 style=\"text-align: left;\">Die Geburt von Patricia<\/h1>\n<p style=\"text-align: left;\">Am 10. M\u00e4rz 2003 ca. um Mitternacht l\u00f6ste sich der Schleimpfropf mit leichten Blutungen. Verunsichert riefen wir unsere Wahlhebamme Rotraud an. Sie beruhigte uns, meinte, dass das ein gutes Zeichen sei. Die Wehen werden bald einsetzen. Wir sollten noch einmal schlafen, denn am n\u00e4chsten Tag werde unser Baby wohl kommen, und da br\u00e4uchten wir die Kraft. Sie vereinbarte mit uns, dass sie um 8 Uhr fr\u00fch zu uns kommt. Dann w\u00fcrde sie sehen, wie weit die Geburt vorangeschritten w\u00e4re, ob wir schon gemeinsam ins Spital fahren sollten.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich begannen die Wehen in der Nacht, allerdings mit gro\u00dfen Abst\u00e4nden von 15 Minuten. Ich befand mich in einem eigenartigen Zustand zwischen Wachsein, Schlafen und Euphorie. All meine Aufmerksamkeit richtete sich auf die Abst\u00e4nde zwischen den Wehen. So fiel mir gar nicht auf, dass sich unser Baby nicht bewegte. Jetzt im Nachhinein allerdings habe ich mit anderen M\u00fcttern gesprochen, ob sie w\u00e4hrend der Wehen ihr Kind gesp\u00fcrt h\u00e4tten. Einige sagten mir, dass sie es auch nicht gesp\u00fcrt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Am 11. M\u00e4rz um 8 Uhr fr\u00fch kam Rotraud. Ich hatte ungef\u00e4hr alle 10 Minuten Wehen. Es herrschte eine angenehme, entspannte Stimmung, wir waren voll Vorfreude und richtig euphorisch. (Seltsamerweise hatte ich kaum Angst vor der Geburt, auch nicht in den Schwangerschaftsmonaten davor.) Ich erinnere mich noch, dass die Sonne gerade in unser Wohnzimmer schien, es versprach, ein wunderbarer, warmer, sonniger Tag zu werden.<\/p>\n<p>Routinem\u00e4\u00dfig wollte sie die Herzt\u00f6ne des Kindes abh\u00f6ren. Sie fand keine&#8230;<\/p>\n<p>Auch als ich mich auf den R\u00fccken legte, als sie den Bauch ein bisschen sch\u00fcttelte, konnten wir das Baby nicht aufwecken.<\/p>\n<p>Gemeinsam fuhren wir in das Spital, da es dort noch leistungsst\u00e4rkere CTG-Ger\u00e4te gibt.<\/p>\n<p>Rotraud hat mir sp\u00e4ter erz\u00e4hlt, dass ihr w\u00e4hrend dieser Autofahrt klar geworden ist, dass sie uns jetzt beim Geb\u00e4ren eines toten Kindes helfen muss. Herbert und mir war das keineswegs klar. Ich wusste, dass es ein sehr schlechtes Zeichen ist, pl\u00f6tzlich keine Herzt\u00f6ne zu finden, wo doch noch am Vortag die Herzt\u00f6ne ganz schnell gefunden wurden und ganz laut zu h\u00f6ren waren. Aber ich hatte die Hoffnung, dass die \u00c4rzte unser Baby ganz schnell holen k\u00f6nnen, dass sie es noch retten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Auch im Spital konnten keine Herzt\u00f6ne mehr gefunden werden. Im Ultraschallzimmer kam ein Arzt nach dem anderen und schaute best\u00fcrzt den Bildschirm an. Der Primarius von der Geburtsstation wurde dann geholt und musste uns sagen, dass unser Kind leider gestorben ist&#8230;..<\/p>\n<p>Dieser Satz konnte anfangs gar nicht zu mir durchdringen. Ich hatte doch Wehen, unser Kind kam doch gerade zur Welt, gestern war es noch so munter, und jetzt soll es auf einmal tot sein ????<\/p>\n<p>Bewusst wurde mir diese grausame Realit\u00e4t, als ich Herbert aufschreien und weinen h\u00f6rte. So kannte ich ihn nicht, so hatte ich ihn noch nie erlebt ! Ich merkte, dass etwas ganz Schlimmes passiert sein muss, wenn Herbert so ist&#8230;..<\/p>\n<p>Meine erste Reaktion war, dass ich einen Kaiserschnitt wollte. (Immer hatte ich mich gegen einen Kaiserschnitt ausgesprochen, und jetzt verlangte ich einen \u2013 es war wirklich grotesk&#8230;) Von anderen betroffenen M\u00fcttern wei\u00df ich mittlerweile, dass das eine Reaktion ist, die fast bei jeder vorkommt.<\/p>\n<p>Gott sei Dank hatte ich \u00c4rzte, die mir gleich sagten, dass das nicht gut f\u00fcr mich ist. Ich solle mein Kind auf nat\u00fcrliche Weise zur Welt bringen.<\/p>\n<p>Damals empfand ich das als ungeheure Zumutung. Gleich danach und bis heute allerdings bin ich dankbar und froh, dass ich mein M\u00e4dchen bei vollem Bewusstsein geboren habe und gleich sehen konnte. Au\u00dferdem kann ich \u201ewenigstens\u201c zum Thema Geburt mit anderen \u201egl\u00fccklichen M\u00fcttern\u201c mitreden&#8230;.<\/p>\n<p>Wir bekamen ein eigenes Zimmer auf der gyn\u00e4kologischen Station \u2013 entfernt von der Geburtenstation. Das sa\u00dfen wir drei nun und warteten, dass mein K\u00f6rper die Geburt \u201efortsetzt\u201c&#8230; Denn mein Geist konnte die Geburt nicht mehr unterst\u00fctzen. In meinem Kopf war ein einziges Chaos: Noch vor einer halben Stunde Vorfreude, Euphorie, jetzt nur noch Entsetzen&#8230; Ich muss in einen derartigen Schock geraten sein, dass ich mich nur noch an einige \u201eBlitzlichter\u201c in diesen Stunden erinnern kann:<\/p>\n<p>Ich willigte zu einer PDA ein. Die k\u00f6rperlichen Schmerzen zus\u00e4tzlich noch ertragen zu m\u00fcssen, das \u00fcberstieg meine Kr\u00e4fte. All meine Motivation, die Schmerzen auszuhalten, war verschwunden, denn sie brachten mich sowieso nicht n\u00e4her zu meinem lebenden Kind&#8230;<\/p>\n<p>Danach wieder ein Warten, bis der Muttermund ge\u00f6ffnet war \u2013 Heulen, Fragen nach dem Warum, Verzweiflung, Ausnahmezustand&#8230;<\/p>\n<p>Ich hatte Angst, mein Kind zu sehen: Wie w\u00fcrde sie ausschauen ? (Der Primarius sagte, dass sie ganz normal aussehen werde, aber konnte ich dieser Aussage vertrauen ???).<\/p>\n<p>Die Sonne, die so warm und freundlich ins Zimmer schien, war f\u00fcr mich nicht zu ertragen&#8230; Als wir in den Krei\u00dfsaal kamen, zog Rotraud die Vorh\u00e4nge zu. Dieses ged\u00e4mpfte Licht passte viel besser zu uns.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck gab es keine andere Geburt zu diesem Zeitpunkt \u2013 wir mussten niemandem \u201ezuh\u00f6ren\u201c&#8230;<\/p>\n<p>Die PDA wirkte groteskerweise nur auf der linken Seite, in der rechten K\u00f6rperh\u00e4lfte sp\u00fcrte ich die Geburtsschmerzen.<\/p>\n<p>\u201eIch kann nicht mehr, ich will nicht mehr&#8230; warum&#8230; au&#8230;\u201c \u2013 Es war sicher f\u00fcr Herbert, Rotraud und unsere betreuende \u00c4rztin eine immens schwierige Situation, mich da \u201edurchzutragen\u201c !!<\/p>\n<p>Der Wehentropf beschleunigte die Geburt, sodass nach einigen Presswehen unser M\u00e4dchen auf die Welt kam \u2013 um 18 Uhr 07.<\/p>\n<p>Und pl\u00f6tzlich war die Scheu &#8222;verflogen&#8220;.<\/p>\n<p>Weil sowohl die Hebamme als auch die \u00c4rztin ganz nat\u00fcrlich mit unserem Kind umgingen, hatten auch wir keine Ber\u00fchrungs\u00e4ngste mehr. Nat\u00fcrlich haben wir sofort unsere Tochter angesehen. Sie wurde abgenabelt, ein bisschen abgetrocknet und ges\u00e4ubert, in eine Windel und ein Kapuzenhandtuch gewickelt.<\/p>\n<p>Dann habe ich sie sofort in die Hand bekommen&#8230;.<\/p>\n<p>Es war so, wie es jeder Mutter geht, die zum ersten Mal ihr Kind sieht:<\/p>\n<p>Ich war begeistert. Alles war ganz normal \u2013 zwei kleine Ohren, eine winzige Stupsnase, helle Augenbrauen und Wimpern, alle Fingerchen mit langen Fingern\u00e4geln waren da, alle Zehen. Wir staunten, dass sie so gro\u00df und schwer war.<\/p>\n<p>Alles war ganz normal \u2013 nein, leider doch nicht alles:<\/p>\n<p>Sie machte nicht ihre Augen auf, um mich endlich anzusehen (so wie ich es mir all die Monate gew\u00fcnscht hatte). Sie fing nicht an zu schreien, um uns deutlich zu zeigen, dass sie ab nun bei uns war. Sie bewegte nicht ihre Arme und Beine (so oft hatte sie mich getreten und auf sich aufmerksam gemacht \u2013 nie wieder sollten wir das sp\u00fcren&#8230;). Ihre dunkelroten Lippen waren das einzige Zeichen, dass sie verstorben war&#8230;<\/p>\n<p>Ein sch\u00f6ner Begriff f\u00fcr Kinder, die tot geboren sind, hei\u00dft: Sie sind still geboren. Genau so war es. Unser neugeborenes Kind war da, aber es war so still, still, still&#8230;<\/p>\n<p>Wir gaben ihr den Namen Patricia. Sie wurde gewogen und gemessen: Sie war 4115 g schwer und 52 cm gro\u00df&#8230; (Ich konnte mir nie vorstellen, dass ich ein so schweres Kind auf die Welt bringen kann..)<\/p>\n<p>Herbert bekam seine Tochter und durfte sie lange halten.<\/p>\n<p>Es d\u00e4mmerte uns langsam: Wir m\u00fcssen uns alles ganz genau einpr\u00e4gen. Wir d\u00fcrfen sie nicht mit uns nach Hause nehmen. Wir k\u00f6nnen sie nicht stolz allen anderen zeigen. Sie ist nur diese viel zu kurze Zeit bei uns&#8230;<\/p>\n<p>Trotzdem: Wir sp\u00fcrten ganz stark, dass ihre Seele bei uns war. Sie ber\u00fchrte uns&#8230;.<\/p>\n<p>Da bekam sie auch einiges zu h\u00f6ren: \u201eWarum durftest du nicht bei uns bleiben ? Warum ? Warum ?&#8230;.\u201c<\/p>\n<p>Weinen, Klagen, Wissen um den Abschied, Nichtloslassenwollen, alles vermischte sich zu einem Ausnahmezustand&#8230;.<\/p>\n<p>Mein Bruder lernte seine Nichte kennen und konnte sie auch halten. Auf meine Mutter warteten wir lange, da sie in einem Konzert war. Das war aber gut so, denn so konnten wir Patricia noch bei uns behalten. Auch sie konnte ihre Enkelin aber begr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Wir \u00fcbersiedelten dann wieder in unser Zimmer \u2013 mit Patricia \u2013 und hatten sie noch bis ca. 2 Uhr 30 in der Nacht bei uns. Dann waren Herbert und ich so ersch\u00f6pft, dass wir uns schweren Herzens von ihr trennten.<\/p>\n<p>8 Stunden mit ihr \u2013 es klingt so viel, und es war doch so wenig&#8230;.<\/p>\n<p>Herbert durfte bei mir \u00fcbernachten. Ich h\u00e4tte in diesen Stunden nicht allein bleiben wollen oder k\u00f6nnen !!!<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag \u00fcberkam uns das Elend.. Der Geburtsstress war vorbei, der Bauch war leer, kein Kind war da&#8230; diese Gef\u00fchle kann ich nicht beschreiben..<\/p>\n<p>Ich wollte so schnell wie m\u00f6glich nach Hause. Aber ich hatte untersch\u00e4tzt, wie sehr eine Geburt den K\u00f6rper auslaugt. Au\u00dferdem hatte ich den ganzen vorherigen Tag beinahe nichts gegessen und getrunken&#8230;<\/p>\n<p>Auf dem Weg zum Ausgang fiel ich zum ersten Mal in meinem Leben in Ohnmacht.<\/p>\n<p>Aber dank meiner \u00c4rztin, die mir eine Infusion gab, konnte ich nach dem Mittagessen doch das Spital verlassen.<\/p>\n<p>Der leere Kindersitz fuhr mit uns nach Hause&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Dietlinde Reischl<br \/>\nwww.engelskinder.at<br \/>\n(dort auch ein Bericht aus der Sicht der Hebamme)<br \/>\nDiana30 (26.06.2003)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geburt von Patricia Am 10. M\u00e4rz 2003 ca. um Mitternacht l\u00f6ste sich der Schleimpfropf mit leichten Blutungen. Verunsichert riefen wir unsere Wahlhebamme Rotraud an. Sie beruhigte uns, meinte, dass das ein gutes Zeichen sei. Die Wehen werden bald einsetzen. 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