{"id":898,"date":"2015-04-25T21:41:54","date_gmt":"2015-04-25T19:41:54","guid":{"rendered":"http:\/\/stillgeboren.de\/?p=898"},"modified":"2015-05-08T21:49:28","modified_gmt":"2015-05-08T19:49:28","slug":"ich-habe-rebecca-niemals-gesehen-sie-war-einfach-aus-meinem-leben-verschwunden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/stillgeboren.de\/?p=898","title":{"rendered":"Ich habe Rebecca niemals gesehen. Sie war einfach aus meinem Leben verschwunden."},"content":{"rendered":"<p>Dann auf einmal passiere \u201ees\u201c, ohne dass ich so recht einverstanden war. Die ganze Zeit war ich noch in der Sorge, ob auch alles gut gehen w\u00fcrde. Die ersten Vorsorgeuntersuchungen waren aber v\u00f6llig unauff\u00e4llig. Erst gegen Mitte der Schwangerschaft trug der Arzt in meinen Mutterpass unter \u201eBesonderheiten\u201c eine Abk\u00fcrzung mit drei Buchstaben ein und umkreiste sie rot. Als ich ihn darauf ansprach, erkl\u00e4rte er mir, dass die Plazenta im vorderen, unteren Becken liege und dies nicht sehr g\u00fcnstig f\u00fcr die Geburt sei. Es best\u00fcnde die Gefahr, dass bei Wehen und \u00d6ffnen des Muttermundes Blutungen von der Plazenta ausgingen.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem ver\u00e4nderte sich mein damaliger Ehemann durch diese Schwangerschaft in ein unvorstellbares Scheusal. Wir waren inzwischen in ein neues Haus mit viel Platz und Komfort gezogen. Aber er fing an mich zu verspotten, wie ich auss\u00e4he mit meinem dicken Bauch. Es war so erniedrigend. Immer \u00f6fters kam er jetzt v\u00f6llig betrunken nach Hause, weckte mich dann mitten in der Nacht auf und fand immer Gr\u00fcnde mich zu dem\u00fctigen und zu beleidigen. In meiner Hilflosigkeit setzte ich mich im Badezimmer zwischen Toilette und Badewanne auf den Boden und weinte &#8230; weinte &#8230; weinte.<\/p>\n<p>Alles das hat meine Tochter Rebecca mit erlebt. Alle diese Worte und Beschimpfungen, alle diese Erniedrigungen, hat sie geh\u00f6rt. Sie hat sich wohl gedacht, dass drau\u00dfen eine traurige Welt auf sie warten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Der Geburtstermin war f\u00fcr Ende Mai. An Fasching waren wir mit meiner Tochter zusammen auf einem Umzug in dem kleinen Ort. Von den geschm\u00fcckten Wagen wurden Bonbons geworfen. Ich stand mit meinem damaligen Ehemann und meiner Tochter am Stra\u00dfenrand, um zuzusehen. Auf einmal traf mich eines oder mehrere Bonbons mit voller Wucht auf meinem schwangeren Bauch. Mir tat das sofort weh und als ich zu dem Wagen hinsah, waren dort einige Jugendliche, die lachten, ich schlie\u00dfe daraus, dass sie absichtlich auf meinen Bauch gezielt hatten.<\/p>\n<p>Ob dies die Ursache f\u00fcr das weitere war, wei\u00df ich bis heute nicht. Ende Februar kam ein Bekannter, um das Babyzimmer zu tapezieren und anschlie\u00dfend wollte ich es einrichten, die Babysachen waschen, mich auf das Baby vorbereiten.<\/p>\n<p>An diesem Abend, als wir mit der Renovierung gerade fertig waren, lag ich im Bett, meine damals 6-j\u00e4hrige Tochter im Kinderzimmer nebenan, der Vater der beiden war wie meistens \u201eunterwegs\u201c. Kurz bevor ich einschlief sah ich auf einmal einen kleinen wei\u00dfen Kindersarg, aber nicht im Traum, sondern, so als h\u00e4tte mir jemand dieses Bild \u201eeingespielt\u201c. Ich dachte, was ist das denn? Wachte einen Moment noch mal ganz auf. Aber dann schlief ich wieder ein.<\/p>\n<p>In der Nacht wurde ich auf einmal davon geweckt, dass ich Fruchtwasser verlor. Ich wurde v\u00f6llig panisch, weil ich dachte, das w\u00e4re alles Blut und das Baby w\u00fcrde gleich hinterher rutschen.<\/p>\n<p>Ich rief nach meiner kleinen Tochter, weil ich nicht wagte, aufzustehen. Sie kam dann auch aus ihrem Zimmer, ich sagte, sie solle einfach am Telefon eine Nummer w\u00e4hlen und sagen, dass ihre Mama ein Baby bekommt, blutet und Hilfe br\u00e4uchte. Aber das klappte nicht, dann fiel mir zum Gl\u00fcck die Notruf-Nummer ein. Ich versuchte, so gut ich konnte, meine Tochter zu beruhigen, bat sie ganz langsam einzeln die Ziffern 110 zu w\u00e4hlen und sagte ihr den Text nochmals vor, den sie sagen sollte, mit unserem Namen und der Anschrift.<\/p>\n<p>Dann kamen auch ziemlich zeitgleich ein Polizei- und ein Krankenwagen, eine Nachbarin, die sich zum Gl\u00fcck um meine Tochter k\u00fcmmerte und mein betrunkener Ehemann. Ich kam in das Krankenhaus, wo ich auch schon meine erste Tochter entbunden hatte und wo alle Vorsorge-Untersuchungen stattgefunden hatten. Man stellte dort fest, dass ich einen Riss in der Geb\u00e4rmutter h\u00e4tte und schlug mir vor, einen Wehentropf anzuh\u00e4ngen und zu hoffen, dass er sich wieder verschlie\u00dft. Von diesem Moment an fing ich richtig an, um Rebecca zu k\u00e4mpfen. Ich dachte, meine erste Tochter sei ein Weihnachtsm\u00e4dchen und wenn dieses Kind es bis Ostern schaffen w\u00fcrde, dann h\u00e4tte sie eine gute Chance zu \u00fcberleben. Ein Kaiserschnitt kam durch meine Vorgeschichte nicht in Frage, also hoffte ich Tag f\u00fcr Tag, dass das Baby wachsen w\u00fcrde und so lange in meinem Bauch bleiben, bis es gro\u00df und stark genug w\u00e4re f\u00fcr die Welt drau\u00dfen.<\/p>\n<p>Nach einigen Wochen stellten die \u00c4rzte bei einer Ultraschall-Untersuchung fest, dass das Baby nicht mehr weiter wuchs. Zudem waren bei meinem n\u00e4chsten EKG die Werte so schlecht, dass mir die \u00c4rzte nahe legten, die Infusionen zu beenden. Ich wollte das auf keinen Fall, aber die \u00c4rzte beharrten auf dieser Entscheidung. Sie versprachen, mir die h\u00f6chst-m\u00f6gliche Dosis dieses Medikamentes oral zu verordnen. Aber gleich einen Tag nach dem der Tropf entfernt war, bekam ich Wehen.<\/p>\n<p>Der Oberarzt kam und sagte mir, dass das Baby sehr schlechte Chancen h\u00e4tte. Ich bettelte um einen Kaiserschnitt, der aber auch abgelehnt wurde. Als mir die Tr\u00e4nen kamen, bekam ich von dem Oberarzt gesagt, ich solle mich nicht so anstellen, ich w\u00e4re noch jung und k\u00f6nnte noch viele Kinder bekommen, was denn andere Frauen in meiner Situation sagen w\u00fcrden, wo das nicht mehr m\u00f6glich w\u00e4re.<\/p>\n<p>Ich kam in den Kreissaal, wurde an den Wehenschreiber geh\u00e4ngt und hatte regelm\u00e4\u00dfige Wehen. Noch immer hatte ich die Hoffnung, dass alles doch noch gut gehen k\u00f6nnte, nicht aufgegeben. Aber dann h\u00f6rte ich an den Herzt\u00f6nen des Babys, dass sie immer leiser wurden, immer weniger, immer unregelm\u00e4\u00dfiger. Ich h\u00f6rte, wie mein Baby in meinem Bauch starb.<\/p>\n<p>Auf mein entsetztes Gesicht hin, stellte die Hebamme den Ton des Ger\u00e4tes ab. Kurze Zeit sp\u00e4ter erschien der Oberarzt und versuchte, das Baby zu holen, aber es ging nicht. So bekam ich eine Narkose. Als ich wieder erwachte, war das Baby weg.<\/p>\n<p>Ich habe Rebecca niemals gesehen. Sie war einfach aus meinem Leben verschwunden. Das Personal der Klinik wusste viel besser, was f\u00fcr mich das Richtige w\u00e4re, wenn ich anfragte, ob ich meine Tochter nicht einmal sehen k\u00f6nnte, wurde das verneint. Auf meine Frage nach einer Beerdigung, damit ich wenigstens ein Grab f\u00fcr sie h\u00e4tte, wurde gesagt, das ginge nicht. Das einzige, was ich durchgesetzt habe war, dass sie nicht als \u201eTotgeburt\u201c eingetragen wurde, sondern als Rebecca. Ihr Vater, der bei der Geburt anwesend war, mich sogar, als ich die Narkose bekam, im Arm hielt und als ich wieder aufwachte, war er so noch immer da, hatte sie gesehen und mir erz\u00e4hlt, dass sie ausgesehen h\u00e4tte, wie unsere gro\u00dfe Tochter. Um die Nabelschnur h\u00e4tte sie eine Entz\u00fcndung am Bauch gehabt. Sonst w\u00e4re sie sehr h\u00fcbsch gewesen und h\u00e4tte ausgesehen, als ob sie schliefe.<\/p>\n<p>Ich lag nun zwischen W\u00f6chnerinnen in der Klinik, die regelm\u00e4\u00dfig ihre Babys zum Stillen gebracht bekamen. Besucht wurde ich au\u00dfer von meinem damaligen Ehemann von den Ehefrauen der Kollegen meines Ex-Mannes, von den T\u00f6chtern meines \u00e4ltesten Bruders, die als Jugendliche verlegen um mein Bett standen, von einem Pfarrer, der mir irgend etwas von Hiob erz\u00e4hlte und von meiner Mutter, die obwohl ich sie darum gebeten hatte, nichts von meinem Kummer und meiner Trauer nach au\u00dfen zu tragen, gl\u00fccklich war, endlich mal in unserem Ort die Nummer eins zu sein, die direkt vom Ereignis berichten konnte. Sie war wer &#8230;<\/p>\n<p>Ein einziger Besuch war mir eine Wohltat, ein befreundeter Psychologe setzte sich neben mich, wir waren alleine in einem Raum, er stellte mir seine Schulter zur Verf\u00fcgung. Ich lehnte mich daran und weinte. Wir wechselten sonst kein Wort, das war auch nicht n\u00f6tig.<\/p>\n<p>Das Personal der Klinik so wie die anderen Frauen der Station behandelten mich zum Teil mit Verlegenheit, zum Teil, dass ich das Gef\u00fchl bekam, ich sei Schuld, Allen so viele Unannehmlichkeiten gemacht zu haben. Jeden Tag bekam ich wort- und kommentarlos eine Tablette angeboten \u201ezur Beruhigung\u201c, auf meine Frage, wie lange ich diese zu Hause einnehmen solle, bis man davon ausgehen k\u00f6nnte, dass mir das Erlebte nichts mehr ausmachte, bekam ich keine Antwort. Auch meine Entscheidung, diese Mittel nicht einzunehmen wurde einfach nur zur Kenntnis genommen.<\/p>\n<p>Nach meiner R\u00fcckkehr aus dem Krankenhaus war ich v\u00f6llig damit \u00fcberfordert, wie ich mit meiner damals sechsj\u00e4hrigen Tochter umgehen sollte, wie ihr erkl\u00e4ren, wo das Baby beblieben ist, wenn man selbst noch voller Schmerz und Trauer ist? Bis zum heutigen Tag ist dies ein Thema, \u00fcber das meine Tochter und ich kaum reden. Ich vermute, dass sie selbst ein gro\u00dfes Trauma durch all das erlebt hat, aber ich respektiere ihre Entscheidung und denke, dass sie in dem f\u00fcr sie richtigen Moment an diesen Teil ihres Lebens zur\u00fcck geht. Zum Gl\u00fcck haben wir eine so liebevolle Mutter-Tochter-Beziehung, dass sie sich der Tatsache, dass sie auch hier auf mich bauen kann, sicher bewusst ist.<\/p>\n<p>Das einzige, das sich positiv ver\u00e4nderte, war die Beziehung zu meinem damaligen Mann. Durch diesen Schock wurde er pl\u00f6tzlich richtig h\u00e4uslich und zuverl\u00e4ssig, sogar mit dem Trinken h\u00f6rte er auf.<\/p>\n<p>Ungef\u00e4hr drei Monate nach der Geburt von Rebecca hatte ich aus heiterem Himmel einen sehr schlimmen Migr\u00e4ne-Anfall. Ich leide schon seit vielen Jahren unter Migr\u00e4ne, aber dies war nicht vergleichbar, mit dem was ich kenne. Ich legte mich ganz flach auf mein Bett, meine Tochter wurde von ihrem Vater versorgt, der selbst ganz erschrocken war, wie schlecht es mir auf einmal ging. Trotz dieser heftigen Attacke fiel ich auf einmal in einen Schlaf, als ich davon aufwachte, waren meine Kleidung, mein Bettzeug, alles vollkommen nass-verschwitzt. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich etwas getr\u00e4umt habe, oder was genau passiert ist, aber ich wei\u00df, dass ich danach aufstand und das Gef\u00fchl hatte, jetzt sei der schlimmste Schmerz \u00fcber Rebeccas Tod \u00fcberstanden.<\/p>\n<p>Danach traf ich bei einer Nachsorge-Untersuchungen eine ehemalige Freundin wieder. Sie machte mir Mut, baute mich auf und sagte, ich solle so schnell als m\u00f6glich wieder schwanger werden.<\/p>\n<p>Sie empfahl mir ihren Frauenarzt, zu dem ich nun auch wechselte. Ich verhandelte mit ihm, wie schnell ich wieder schwanger werden k\u00f6nnte. Von den \u00c4ngsten vor der Schwangerschaft mit Rebecca vor einer Thrombose keine Spur mehr. Auch in meiner Ehe war auf einmal alles ganz anders. Und so wurde ich f\u00fcnf Monate sp\u00e4ter wieder schwanger.<\/p>\n<p>Doch durch diese Schwangerschaft wurde mein Ex-Mann wieder der alte, bzw. noch schlimmer, als vorher. Jetzt wurde er auch k\u00f6rperlich gewaltt\u00e4tig. Ich lebte jeden Abend, wenn er nicht nach Hause kam, und das war meist der Fall, mit der Angst, in welchem Zustand er nachts nach Hause kommen w\u00fcrde. Einmal stie\u00df er mich so heftig an einen T\u00fcrrahmen, dass mein ganzer R\u00fccken voller blauer Flecken war. Ich erz\u00e4hlte einer Freundin davon, ihr kamen die Tr\u00e4nen und sie \u00fcberredete mich, damit zu einem Arzt zu gehen, damit er diese Verletzungen sieht. Aber mir wurde gleich gesagt, dass das nicht viel n\u00fctzt, weil er nur aussagen k\u00f6nnte, welche Verletzungen ich h\u00e4tte, nicht wie ich dazu kam.<\/p>\n<p>Ich hielt noch etwas \u00fcber ein halbes Jahr nach der Geburt meines gesunden Sohnes in dieser Ehe aus. Als H\u00f6hepunkt hatte er mich nach der Geburt im Krankenhaus mit seiner damaligen Freundin gemeinsam besucht. Zur Geburt wollte ich eigentlich alleine fahren, meine Tochter war zu dieser Zeit bei meiner Schwester untergebracht. Leider kam er noch so rechtzeitig von der Gastst\u00e4tte nach Hause, dass er mit mir in die Klinik fuhr. Dort f\u00fchrte er sich so katastrophal auf, dass ihm die \u00c4rzte und das Personal androhten, ihn hinaus zu werfen. Ich sch\u00e4mte mich so f\u00fcr ihn und mit ihm.<\/p>\n<p>Als ich aus der Klinik kam, war nichts f\u00fcr mich oder das Baby vorbereitet. Niemand freute sich. Es gab keine Blumen. Nur eine Wohnung, die aufger\u00e4umt werden musste, wo von der ganzen Woche, die ich im Krankenhaus war, das verdreckte Geschirr zu sp\u00fclen war.<\/p>\n<p>Und das war erst der Anfang. Der Vater meiner Kinder lehnte jeden Kontakt zu seinem eigenen Sohn ab. Er nahm ihn nicht in den Arm, um ihn zu f\u00fcttern. Er behandelte ihn so, dass ich anfing, nachts mit einem Messer unter dem Sofa im Wohnzimmer zu schlafen und zu h\u00f6ren, in welches Zimmer er nach seiner R\u00fcckkehr gehen w\u00fcrde und bereit zu sein, falls n\u00f6tig, meinen kleinen Sohn vor seinem eigenen Vater zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Mir gegen\u00fcber wurde er nun nicht mehr gewaltt\u00e4tig, denn ich hatte ihm gesagt, dass ich alles den Kollegen in seiner Firma sagen w\u00fcrde. Er wusste, dass dies keine leere Drohung von mir war.<\/p>\n<p>Als mein Sohn ca. acht Monate alt war, trennte ich mich endlich von ihm.<\/p>\n<p>\u201eErlaubnis\u201c daf\u00fcr hatte ich mir davor von einem Pfarrer geholt, dem ich dies alles geschildert hatte und der mir sagte, ich solle sofort gehen. Nicht morgen \u2013 nicht \u00fcbermorgen \u2013 sondern sofort.<\/p>\n<p>Seither habe ich in all den Jahren in der Zeit von Ende Januar bis zu Rebeccas Geburts- bzw. Todestag am 14. M\u00e4rz ein seelisches Tief. Egal, was ich auch versucht habe, ich schaffte es nicht, dies zu \u00fcberwinden. Einmal zum Beispiel hatte ich die Idee, diesen Tag nicht als ihren Todestag zu begehen, sondern die Tatsache zu w\u00fcrdigen, dass dies ja auch ihr Geburtstag ist. Ich lud meine beiden Kinder und meinen Schwiegersohn f\u00fcr abends zum Essen ein. Wir sa\u00dfen in einem Lokal, wo auch ein Platz f\u00fcr Rebecca frei gehalten wurde. Mein Schwiegersohn stellte mir viele Fragen zu Rebecca, die ich ihm alle gerne beantwortete. Aber da er meine sowie meiner Kinder tiefe Trauer dazu f\u00fchlte, war er sehr vorsichtig. Wir waren in einem asiatischen Lokal, meine gro\u00dfe Tochter mag dieses Essen so gerne. Es lief eine leise Hintergrundmusik auf Band und auf einmal h\u00f6rten wir den Titel: \u201eHappy birthday\u201c, uns allen standen die Tr\u00e4nen in den Augen.<\/p>\n<p>Durch eine Talkshow-Sendung im Fernsehen wurde ich eines Tages auf die Internet-Seite der Schmetterlings-Kinder aufmerksam. Dort fand ich zum ersten Mal Menschen, mit denen ich \u00fcber alles dies offen reden konnte, wo ich mich sofort angenommen und verstanden f\u00fchlte. Ich bin all den Menschen dort, die ich nicht einmal pers\u00f6nliche kenne, besonders, denen, die diese Seite eingerichtet haben, unendlich dankbar.<\/p>\n<p>Mir fiel zwar auf, dass die meisten Eintragungen dort von Betroffenen waren, die ihre Kinder vor nicht so langer Zeit verloren haben, wie das bei mir der Fall ist, aber ich dachte nicht wirklich dar\u00fcber nach. Mein Eindruck war, dass wir alle dasselbe Leid und Schicksal zu tragen haben und jeder das auf seine Art in der f\u00fcr sich richtigen Art und Weise tut.<\/p>\n<p>Mit wurde erst klar, dass ich es noch nicht wirklich geschafft habe, dieses Erlebte wirklich zu verarbeiten, als ich im letzten Sommer durch ein ganz allt\u00e4gliches Erlebnis, n\u00e4mlich, dass ein kleines M\u00e4dchen aus dem Auto an der Ampel vor mir ausstieg und sich von seiner Mutter verabschiedete, wahrscheinlich um zur Schule zu gehen, eine Panikattacke bekam.<\/p>\n<p>Ich wurde in einer psychosomatischen Klinik behandelt und dort wurde mir durch ein Gespr\u00e4ch mit der Ober\u00e4rztin klar, dass ich noch weit davon entfernt war, mit all dem Erlebten Frieden zu schlie\u00dfen. In erster Linie war und ist es f\u00fcr mich noch immer furchtbar, dass Rebecca aus meinem Bauch verschwunden war und f\u00fcr mich einfach weg. Ich habe bis heute keine Ahnung, wo sie ist, was mit ihr passiert ist. Wurde sie verbrannt? Wurde eine Obduktion durchgef\u00fchrt? Ich habe kein Grab, nichts. Erstaunlich ist auch, dass ich, obwohl ich so fest an Wiedergeburt glaube und davon \u00fcberzeugt bin, dass es zum Beispiel Engel gibt, keine Idee hatte, wo meine Rebecca ist.<\/p>\n<p>In der Klinik schenkte mir eine junge Frau, ohne meine Geschichte zu kennen, einen kleinen wundersch\u00f6nen Engel. Als ich ihn in der Hand hielt, so friedlich schlafend, da hatte ich zum ersten Mal eine Idee, wo meine Tochter ist und wie sie jetzt aussieht.<\/p>\n<p>Und noch etwas sehr tr\u00f6stliches f\u00fcr meine Seele habe ich in dieser Klinik von einem katholischen Geistlichen geschenkt bekommen (obwohl ich evangelisch bin), er hat mir gesagt, dass meine Tochter direkt unter meinem Herzen aus der Liebe ihrer Mutter in die liebenden H\u00e4nde GOTTES gefallen ist. Weil sie nichts anderen kennt, ruft sie von dort: \u201eMama, komm auch her \u2013 hier ist es so sch\u00f6n\u201c.<\/p>\n<p>Mit dem Engel und einigen anderen Dingen, die mir am Herzen liegen habe ich nun innerhalb unserer Wohnung einen Platz f\u00fcr Rebecca eingerichtet. In der Klinik habe ich inzwischen die Befunde angefordert und nachgefragt, was mit ihrem Leichnam passiert ist. Ich habe das Gef\u00fchl, ihr dies schuldig zu sein.<\/p>\n<p>Meine beiden lebenden Kinder sind inzwischen erwachsen. Meine Tochter ist verheiratet und hat selbst ein wundervolles M\u00e4dchen geboren. Ich h\u00e4tte nie erwartet, dass zwischen Oma und Enkelin eine solche tiefe Liebe m\u00f6glich w\u00e4re. Eine Freundin hat mir einmal erkl\u00e4rt, in ihrer Heimat Griechenland bedeute Oma Zweimal Mutter. Und das stimmt f\u00fcr mich genau. Ich bin jetzt zweimal Mutter f\u00fcr dieses kleine Menschenkind.<\/p>\n<p>Mein Sohn sucht noch nach seiner Lebensspur. Aber ich bin nicht mehr ganz so voller Sorge um ihn und habe inzwischen mehr Vertrauen und Hoffnung, dass er diese findet.<\/p>\n<p>Ja \u2013 und Rebecca. Rebecca habe ich keinen Tag meines Lebens vergessen und werde das auch nie. Durch den Kontakt mit anderen betroffenen M\u00fcttern, die ein Schmetterlings-Kind haben, habe ich gelernt, dass ich nie wieder sagen werde: ich habe zwei Kinder. Nein, ich habe drei Kinder, zwei sind einzigartige, erwachsene Menschen geworden und eines ist mein Schmetterlings-Engel Rebecca. Vielleicht finde ich mit ihr eines Tages meinen Seelenfrieden. Was ich nach vielen Jahren gefunden habe ist, dass ich sie genau so lieb haben darf, wie meine beiden lebenden Kinder.<\/p>\n<p>Vor wenigen Wochen fand nun das Gespr\u00e4ch in der Klinik statt, wo ich Rebecca am 14.03.1982 tot geboren habe.<\/p>\n<p>F\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch und f\u00fcr die Hilfe, das Verst\u00e4ndnis und Mitgef\u00fchl, das ich von Seiten der heutigen Klinik-Leitung und des Oberarztes, der mit mir die damalige Akte durchgesehen und wirklich ALLE meine Fragen ehrlich beantwortet hat, bin ich sehr dankbar und ber\u00fchrt. In diesen Unterlagen befanden sich zwei Ultraschall-Bilder, die beide recht kurz vor der Geburt erstellt worden waren. Diese Bilder habe ich bei mir. Auf einem davon ist fast nichts zu erkennen, es sieht aus, wie ein dunkler Punkt mit Umrissen und diese Umrisse wurden vermessen und mit einer Zahl versehen. Aber auf dem anderen Foto habe ich auf einmal das Gesichtchen meiner Tochter zum ersten Mal gesehen. Mein erster Gedanke war, dass es so aussieht, als h\u00e4tte sie es &#8222;absichtlich in die Kamera gehalten&#8220;.<\/p>\n<p>Traurig ist, dass Rebecca mit dem heutigen Stand der Technik und des medizinischen Fortschritts eine \u00dcberlebens-Chance von ca. 80 % h\u00e4tte.<\/p>\n<p>1982 betrug diese Chance nur 20 % und hiervon wieder eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass sie anschlie\u00dfend behindert gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df jetzt um die Hintergr\u00fcnde, die den damaligen Blasensprung ausgel\u00f6st haben und denke, dass es ein Fehler war, meine Tochter nach dem Blasensprung so lange zu halten, dadurch ist es zur Entz\u00fcndung der Plazenta gekommen und letzt-endlich zu ihrem Tod. Auch die Tatsache, dass ich (obwohl ich darum gebeten hatte), keinen Not-Kaiserschnitt erhielt, ist nach meiner Meinung eine traurige Falsch-Behandlung der damaligen \u00c4rzte. Sie haben meiner Tochter noch nicht einmal die kleine Chance von 10 %, dass sie eben doch diesen Start gesund h\u00e4tte \u00fcberstehen k\u00f6nnen, gegeben.<\/p>\n<p>Und warum ich f\u00fcr die Geburt selbst (auch wenn sie mit Saugglocke ausgef\u00fchrt wurde) eine Vollnarkose erhielt und dies f\u00fcr mich zur Folge hatte, dass ich anschlie\u00dfend aufgewacht bin &#8211; und mein Kind war einfach weg &#8230; auch daf\u00fcr gibt es keine heute nachvollziehbare Erkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Gestern habe ich in einem sehr freundlichen Brief von Seiten des Krankenhauses erfahren, dass sie mir selbst bei der Ermittlung des Grabes erfolgreich geholfen haben, in dem meine kleine Tochter anonym beerdigt wurde. Ohne diese Hilfe w\u00e4re mir das nicht m\u00f6glich gewesen, denn in dem zust\u00e4ndigen\u00a0 Beerdigungsinstitut konnte man mir nicht weiter helfen, dort existieren keine Aufzeichnungen mehr \u00fcber diesen Zeitraum und der damalige Chef ist inzwischen verstorben. Auch f\u00fcr diese rasche M\u00fche und Hilfe danke ich der Klinik-Leitung und dem zust\u00e4ndigen Oberarzt sehr.<\/p>\n<p>Ich glaube, dass ich JETZT f\u00fcr mich an einem sehr wichtigen Ziel angekommen bin: Meine Tochter Rebecca ist nun Teil meines Lebens geworden, sie hat ihren Platz, der ihr durch die damaligen Umst\u00e4nde nicht einger\u00e4umt wurde, erhalten. Und ich kann endlich auch an ihrem Grab f\u00fcr sie beten, mit ihr reden und ihr auch dort hin Blumen bringen.<\/p>\n<p>Durch all dies habe ich zum einen noch einmal ein wirkliches Meer von Tr\u00e4nen gef\u00fchlt aber auch diese Hoffnung: NUN IST ES GUT. <a title=\"Wenn ich ehrlich bin, bin ich sogar erleichtert, dass Rebecca mit einem Opa zusammen in diesem Grab beerdigt ist und nicht alleine\" href=\"http:\/\/stillgeboren.de\/?p=902\">(weiter Grab)<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Ulrike<br \/>\nwww.beepworld.de\/members69\/ulrikeyannah\/rebecca.htm<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dann auf einmal passiere \u201ees\u201c, ohne dass ich so recht einverstanden war. Die ganze Zeit war ich noch in der Sorge, ob auch alles gut gehen w\u00fcrde. Die ersten Vorsorgeuntersuchungen waren aber v\u00f6llig unauff\u00e4llig. 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