Kategorie-Archiv: Frühtodgruppe

Frühtodgruppe

Auch wenn ich völlig skeptisch dort hinging, so wußte ich doch gleich nach dem ersten Abend, das es genau das war, namensherzwonach ich gesucht hatte: Andere Betroffene mit denen ich mich austauschen konnte. Andere, die auf einmal die gleichen Worte benutzten, um ihrem Schmerz Ausdruck zu geben. Das erste Mal, daß ich das Gefühl hatte, nein – Du bist doch nicht verrückt, all deine Gedanken und Gefühle haben auch andere, die einen ähnlichen Verlust erlitten hatten. Das tat so unendlich gut.

Wir in Hamburg haben Glück, denn die Verwaisten Eltern bieten hier eine – d.h. mittlerweile sogar drei – begleitete reine Babygruppen an. Dort finden sich betroffene Eltern, die alle ein Baby in der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt verloren haben. Gerade der Verlust um ein Baby, das – wie man veidbogenhelldoch häufig hören muß “ja noch gar nicht gelebt hat”, wird von der Umwelt ganz anderes wahrgenommen bzw. nicht wahrgenommen.

Unsere Gruppe wuchs sehr schnell zusammen, so daß wir uns auch oft privat trafen und jetzt noch treffen (Hierüber möchte ich demnächst mehr schreiben, einen Bericht, der auch über die Gruppe erzählt findet hier). Wir haben die ersten Geburtstage unserer Kinder gefeiert, Bäume für sie gepflanzt und uns immer gegenseitig unterstützt. Dann nach zwei Jahren hieß es, jedenfalls für den offiziellen Teil Abschiednehmen.

Presseartikel in der Ostseezeitung vom September 2001 über die Gründung einer Selbsthilfegruppe „Niemand soll sich mehr so allein fühlen wie ich”Anja Martin gründete Gesprächskreis zur Selbsthilfe.

Gemeinsam sind wir stärker Artikel aus der Tina 16. November 2000, in dem ein Bericht über mich und die Selbsthilfegruppe der Verwaisten Eltern in Hamburg berichtet wird.

Verweiste Eltern

Die Verwaisten Eltern sind ein Netzwerk von inzwischen fast 300 Gruppen in ganz Deutschland zusammengeschlossen im Bundesverband Verwaiste Eltern in Deutschland e.V. ( www.veid.de ). In diesen Gruppen finden Eltern nach dem Tod ihres Kindes den schützenden Raum, in dem Trauer zugelassen und gezeigt werden darf. Hier finden sie Hilfe auf dem langen und leidvollen Weg durch die Trauer, hier ist Trost möglich jenseits von vordergründiger und schneller ”Vertröstung”, die unsere Umwelt gewöhnlich für Trauernde bereithält.

Im Schutzraum dieser Gruppen vermitteln Eltern, die bereits durch ihren tiefen Verlustschmerz und ihre Trauer hindurch zum Leben zurückgefunden haben, die Hoffnung, daß Weiterleben möglich ist. Neben Trauer, Schmerz und Ängsten werden auch Freuden und Zukunftspläne geteilt. Aus geteilter Trauergeschichte wachsen verwaiste Eltern so in geteilte Lebensgeschichte hinein. veidbogenhell
Die Hilfe zur Selbsthilfe erfolgt zunächst weitestgehend in ”begleiteten” Gruppen. In diesen wird auch Beratung – und wo nötig therapeutische Hilfe – angeboten oder in Zusammenarbeit mit Menschen aus helfenden Berufen sorgsam vermittelt.
So entsteht ein Netz von Beziehungen, Verbindungen und Kontakten, daß sich – auch über die Gruppentreffen hinaus – als notwendig und hilfreich erweist.

So helfen wir uns

Im schützenden Raum von kleinen, intimen Gruppen, in denen sich trauende Mütter und Väter treffen, können wir wahrnehmen und langsam begreifen, was mit uns geschieht und warum.
Durch verständnisvolles, einfühlsames Zuhören und dadurch, daß wir einander erlauben, Gefühle auszudrücken und zu durchleben – dadurch also, daß Trauer zugelassen wird und gezeigt werden darf – helfen wir uns auf dem langen und leidvollen Weg durch die Trauer. Tastend erfahren wir, wo Trost möglich ist jenseits von vordergründiger und schneller ”Vertröstung”, die unsere ”natürliche Umgebung” gewöhnlich bereithält und die uns nicht weiterhilft. Dabei ist es wichtig, daß wir immer wieder auf Eltern treffen, die durch ihren tiefen Verlustschmerz und ihre Trauer hindurch zum Leben zurückgefunden haben.

So wird uns geholfen

Wir erfahren Hilfe zur Selbsthilfe in den zumeist ”begleiteten” Gruppen. In diesen wir durch Beratung – und wo nötig therapeutische Hilfe – angeboten oder in Zusammenarbeit mit Menschen aus helfenden Berufen sorgsam vermittelt.
So entsteht ein Netzt von Beziehungen, Verbindungen und Kontakten, das sich  – auch über die Gruppentreffen hinaus – als notwendig, als Not-wendend und hilfreich erweist.

Wer kann teilnehmen?

Teilnehmen kann jeder, der ein Kind verloren hat durch Frühtod, Totgeburt, Tod im Säuglingsalter, Plötzlicher Säuglingstod, Krankheit, Verkehrsunfall oder andre Unfälle, Drogen, Suizid oder Gewaltverbrechen – unabhängig von Alter, Geschlecht, Familienstand, Konfession oder Wohnort.
Eltern können so kommen, wie sie wollen – allein oder mit ihrem Partner – solange sie es wünschen oder die Gruppe als hilfreich erleben. Die Betroffenen können in den Gruppen sprechen, sich einbringen oder einfach zuhören. Dabei ist allen Eltern die Teilnahme an einer ”offenen Gruppe” sofort möglich.

 

Trauerseminars der Verwaisten Eltern

in Bad Segeberg vom 19.12. bis 21.12.1997

An die drei Tage des Trauerseminars der Verwaisten Eltern in Bad Segeberg denke ich gerne zurück. Ich bin immer noch ganz erfüllt von dem Geist, den unsere Gruppe umgeben hat. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so ein wunderbares Wochenende gehabt habe. Noch nie habe ich es erlebt, daß sich in so kurzer Zeit an sich völlig fremde Menschen so vertraut wurden, als hätten sie sich schon lange gekannt. Von diesem Seminar strahlt auf mich immer noch eine Faszination aus, die mir die Kraft gegeben hat, die letzten Tage, meinen Stichtag am Montag und gestern, Heiligabend, gut zu überstehen. Es war einfach unglaublich und wird wahrscheinlich für einen Außenstehenden kaum zu begreifen sein.

Es begann am Freitagabend mit einer Begrüßung durch die Seminarleiterin. Gleich ihre ersten Worte taten gut: ”Liebe Eltern!”. Das hatte bislang noch nie jemand zu uns gesagt. Auf meinen Hinweis, daß ich normaler Weise 8 Wochen Mutterschutz gehabt hätte, hatte ich bislang nur zweifelnde Blicke geerntet. Wieso denn Mutterschutz, wenn doch kein Kind da ist? So fing der Abend gleich gut an.

Es waren ca. 70 bis 80 Personen dort, auch einige Kinder. Nach einer kurzen Begrüßung wurde das Lied von Michael Jackson “Gone too soon” gespielt. Jeder hatte den englischen Text und die deutschen Übersetzung vor sich. Ein wunderbares Lied, dem man ohne die Übersetzung wohl kaum Bedeutung beigemessen hätte. Jede Zeile sprach einem aus dem Herzen.

TrauerseminasternentuchDann bekam jedes Elternpaar ein Blatt gelbes Papier, eine Schere und einen Stift in die Hand gedrückt, mit der Aufforderung, einen Stern auszuschneiden und den Name des Kindes darauf zu schreiben und was einem noch wichtig ist. Ich war völlig perplex, als Kai sofort loslegte, die Schere nahm und eifrig anfing, zu schnippeln. Ich hatte erwartet, daß er mir die Sachen in Hand drückt mit den Worten: ”Mach’ du das mal, du kannst das besser.” Nein, tatsächlich er schnippelte und schnippelte und zeigte mir dann stolz seine Sternschnuppe. Ich durfte Tobias darauf schreiben und seinen Geburts- bzw. Todestag. Die Sterne wurden an ein dunkelblaues Tuch geheftet, was über einen Tisch in der Kapelle gelegt wurde. Es war ein wunderschönes Bild, die ganzen Sterne dort zu sehen. Derjenige, der nicht dabei war, würde jetzt denken:” Wie kann man das schön nennen, jeder Stern steht für ein totes Kind. Das ist doch grauenhaft.”. Nein, uns Eltern und Geschwistern tat es gut. Jeder einzelne Stern wurde von allen betrachtet.

Dann wurden die einzelnen Gruppen eingeteilt. Die jeweiligen Betreuer der Gruppen stellte sich kurz vor. Zu jeder Gruppe gehörte auch eine sogenannte Hospitantin, die gerade eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin macht.

Unsere Gruppe bestand aus 15 Personen, darunter sechs Paare. Zu Sterneseminarkl2uns gehörten die zwei Birgit(t)s und Elisabeth. Wir blieben in dem großen Tagungsraum. Im Uhrzeigersinn stellten wir uns vor und erzählten, was passiert und sonst noch wichitg war. Wenn derjenige fertig war, zündete er ein Teelicht an, tat es in einen der von Birgit gebastelten Pergamentsterne, beschriftete einen kleinen Stern mit dem Namen seines Kindes und steckte diesen in einen Kranz, der in der Mitte stand. Immer wenn wir den Raum in den nächsten zwei Tage betraten, zündete jeder seinen Stern an. Dies wurde für Kai und mich zu einem Ritual, das wir auch jetzt noch jeden Tag machen. Wir schafften es knapp, bis 22.30 Uhr fertig zu werden.

muedeZum Abschluß des Abends fand dann eine Meditation zum Tagesausklang in der Kapelle statt. Dort wurde eine Ausstellung einer Mutter, die ihren behinderten Sohn verloren hatte, vorgestellt. Es standen dort fünf Skulpturen, jeweils eine aus den letzten fünf Jahren. Eine der Skulpturen, die den Namen “müde” hatte, sprach mich sofort an. Genauso fühlte ich mich, wenn ich mal wieder in einen meiner Tiefs steckte. Es war für mich faszinierend, wie es dieser Frau gelang, mit etwas Ton auf einfache Weise so viel Gefühl auszudrücken.

Den Rest des Abends verbrachten wir in unserer Gruppe gemeinsam. Wir hatten so viel zu erzählen, wozu wir in der Vorstellungsrunde nicht gekommen waren. Gegen 1.30 Uhr räumten wir dann das Feld.

Nach dem gemeinsamen Frühstück trafen wir uns wieder in unserer Gruppe. Unsere Runde begann mit einem von Birgitt genannte “Blitzlicht”. Jeder sollte kurz seine momentane Verfassung beschreiben. Ich erklärte, daß ich es genieße, heute an einem Sonnabend zusammen mit Kai zu sein, da er sonst immer arbeiten muß und ich es nicht ertrage, allein zu Hause zu bleiben.

Danach las Birgitt das Märchen von der Steinpalme vor. Es handelte von einer Palme, in deren Krone ein großer Stein eingeschlossen war. Mit diesem Stein hatte vor vielen Jahren ein Mann, der kurz vor dem Verdursten war, versucht, die vor Saft strotzende Palme zu zertrümmern, da er darauf neidisch war, daß ihre Wurzeln Wasser haben und er verdursten muß. In dem Märchen wurde dann beschrieben, wie es der Palme gelingt, sich wieder aufzuraffen, um schließlich, den Stein in sich aufnehmend wieder stark zu werden.

Wir sollten dann jeder auf ein großes weißes Papier unsere Palme malen. Gedanken zu diesem Märchen strömten viele auf mich ein, aber keine optischen, die ich hätte malen können. Die Tränen kullerten. Mit einem der vielen Klienextücher bewaffnet, nahm ich das Papier und einen Stift und machte das, was ich seit etwa einem Monat angefangen hatte, ich schrieb meine Gedanken in Form eines Gedichts auf.

Die Steinpalme
 
Er schlug ein
mitten ins Herz
er zersplitterte es
in tausend Teile
es blieb nichts übrig
nur Schmerz und Leere
da war kein Platz
außer für Dich
noch nicht einmal für Deinen Vati
ich versuchte ihn
aus meinem Herz zu stoßen
doch ich war zu schwach
ich wollte aufgeben
jetzt bin ich froh
es nicht geschafft zu haben
wie könnte ich Dich hinauswerfen
 
20.12.1997

Als ich kurz vor unserer gemeinsamen Runde es noch einmal las, war ich ganz erstaunt über meinen Satz “Noch nicht einmal für Deinen Vati”. Ja, es war richtig, in den ersten schlimmen acht Wochen hatte ich mich völlig – auch vor Kai – verschlossen. Ich war viel zu sehr mit mir und den Verlust unseres Sohnes beschäftigt. Mir wurde auf einmal klar, daß ich Kai dahingehend keine Vorwürfe machen darf. Aus seiner Perspektive hatte ich das noch gar nicht gesehen. Ich hatte mich auch von ihm so allein gelassen gefühlt. Als ich von meinen Gedanken in der Runde erzählte, fing Kai an, neben mir zu nicken. Birgit fragte dann, wen ich denn mit “ihn” im  nächsten Satz gemeint hätte: “ich versuchte ihn, aus meinem Herzen zu stoßen.”, den Vater oder den Stein. Ja, das war mir beim späteren Lesen auch aufgefallen, daß “ihn” sich sprachlich auf den “Vati” bezog, doch ich hatte den “Stein” gemeint. Sie berichtet dann, daß sie nach dem Tod ihres Sohnes sich genauso verschlossen hätte, aber auch ihren Mann richtig weggestoßen habe. Es war für mich faszinierend und machte mich glücklich, daß mein kleines Gedicht auch andere ansprach.

Nach der Mittagspause ging es dann weiter. Jeder sollte sich ein Schwung von Knöpfen aus einem großen Teller heraussuchen. Die Knöpfe sollte stellvertretend für die wichtigsten Personen in unserem Umfeld stehen. Dann sollte jeder zunächst alleine auf einem Blatt Papier die Entwicklungen der einzelnen Beziehungen vor, während und nach dem Verlust durchspielen. Wir taten uns jeweils in Dreier- Gruppen zusammen. Es war faszinierend, die Ähnlichkeiten festzustellen. Nach dem Tod des Kindes fand als erstes eine Explosion statt und alle um einen herum verschwanden zunächst. Erst allmählich kamen die einen oder anderen zurück, und zwar sehr oft Personen, die vorher eher weiter weg gestanden hatten. Demgegenüber machte die engere Familie in den meisten Fällen die schlechteste Figur. Einige Knöpfe verschwanden sogar ganz vom Papier.

Zum Abschluß dieser Einheit, stellte Birgit uns einen sogenannten Lichtertanz vor, den wir zusammen tanzten. Wir stellten uns im Kreis auf und jeder bekam ein Teelicht in die Hand. Dann wurde das Licht im Raum gelöscht. Wir bewegten uns jeweils im Kreis bzw. in die Mitte zu, wo die von uns angezündeten Teelichter und der Kranz mit den Namenssternchen stand. Die erste Runde schafften wir auch ganz gut. In der zweiten Runde gab es dann bereits die ersten “Tränenausfälle” und spätestens nach der zweiten Runde blieb kein Auge trocken. Wenn wir in die Mitte kamen, dann bückten sich immer einige von uns, um nach den Klienextüchern zu greifen. Wir heulten gemeinsam, was das Zeug hielt.

Da ich nicht gleich in die laute helle Halle wollte, blieb ich noch eine ganze Weile in der Mitte auf dem Fußboden sitzen und genoß den Schein der leuchtenden Sterne. Es war eine ganz wunderbare Stimmung. Schon während des Tanzes hatte ich das Gefühl gehabt, die Kinder wären auf einmal ganz nahe bei uns gewesen. Als sehr wohltuend empfand ich es, daß ich in unserem Raum die Möglichkeit hatte, etwas Abstand zu gewinnen und die Ruhe zu genießen, aber zunächst Birgit kam, den Arm um meine Schultern legte und ganz lieb fragte, ob alles in Ordnung sei und dann Brigitt etwas später auch noch einmal danach fragte. Ich hatte nie das Gefühl, alleine zu sein.

Als wir uns dann 1 ½ Stunden später nach dem Abendbrotessen in der Halle trafen, um gemeinsam jeweils eine Kerze zu gestalten, war es faszinierend wie gut drauf wir alle waren. Für jedes Kind gab es eine Kerze und buntes Wachsmaterial mit der diese gestaltet werden konnte. Wir setzten uns alle zusammen an einen Tisch und fingen an, wie die kleinen Kinder zu basteln und dabei zu albern. Zunächst wurden Ingo und Bettina “bemitleidet”: “Warum habt ihr euch auch so einen langen Namen ausgewählt wie Konstantin. Selber schuld.” “Sieh mal, Ingo, wir sind mit “Sofie” schon fertig.”. Heiko lachte sich über das Auto von Stefan schlapp und fragte, was denn das sein solle. Stefan antwortete: “Das sieht man doch, daß das die A-Klasse ist! Mit den Vorderrädern besteht der nie den Elchtest”. An unserem Tisch war ein Lachen und keiner hätte geglaubt, daß wir noch vor 1 ½ Stunden gemeinsam um die Wette geheult hatten.

In der Abendeinheit machten wir dann einen gemeinsame Übung, von der ich fast glaubte, daß Brigitt, die von Kais und meinen Partnerschaftsproblemen wußte, sie so ein bißchen für mich vorgeschlagen hatte. Alle Frauen sollten sich auf den Fußboden in die Mitte des Kreises setzen und so tun, als wären die Männer nicht dabei und von ihren Erfahrungen über gemeinsame bzw. die andere Trauer der Männer sprechen. Bei uns entstand sogleich ein reges Gespräch und mit Ausnahme von Anja, trauerten bei allen die Männer anders und konnten oft nicht über die Trauer sprechen bzw. sie sich ihr eingestehen. Als dann die Männer dran waren, dauerte es erst ein bißchen, bis das Gespräch in Gang kam, aber dann war es für uns Frauen sehr interessant. So erzählte zum Beispiel Stefan, daß es für ihn schwierig sei, zusammen mit Vera zum Friedhof zu gehen und er dafür lieber ab und zu alleine gehen würde. Ein anderer Vater forderte ihn dann auf, Vera doch zumindest dann davon zu erzählen. Dies hatte er offenbar bislang nicht gemacht. Kai hielt sich zwar zurück – hatte er Birgitt auch durchschaut? – aber ich glaube, beide Kreise brachten uns auch so einander wieder näher.

Als letzte Übung forderte uns Birgit auf, an eine von uns ausgesuchte Person eine Art Wunschzettel zu schreiben auf dem stehen sollte, für was wir der Person dankbar sind und was wir uns von ihr wünschen. Auch wenn ich an so viele Personen eine Menge Wünsche hatte, so wußte ich doch sofort, daß mein Wunschzettel an Kai adressiert sein würde. Als wir alle fertig waren und uns Birgit aufforderte, vorzulesen, wollte zunächst keiner. Das war das erste Mal, daß sich zunächst keiner traute. Dann begann Jens seinen Wunschzettel vorzulesen, adressiert an Gott. Wir waren alle sehr bewegt, insbesondere darüber, welche tiefen Gefühle Jens nach 20 Jahren noch für seine Tochter Julia empfand. Dann beschloß ich, auch meinen Wunschzettel vorzulesen. Nachdem inzwischen fast alle gemerkt hatten, daß unsere Beziehung einige Schrammen abbekommen hatte, und diese aber u.a. durch das Seminar, insbesondere auch durch verschiedene Gespräche am Rande des Seminars der anderen mit Kai, anfingen zu heilen, fürchtete ich mich nicht, meinen persönlichen Wunschzettel an Kai vorzulesen:

Lieber Kai,
ich bin Dir dankbar,
daß Du mich am 22.08.1997 nicht alleine gelassen hast,
daß Du mich hast weinen lassen,
daß Du noch bei mir bist,

ich wünsche mir von Dir,
daß wir einen Weg finden, ein Stück gemeinsam zu trauern,
daß wir daraus Kraft schöpfen und diese für einen Neubeginn nutzen
daß wir die Tür, die uns unser Sohn geöffnet hat, nicht zuschlagen

Kai wurde danach gefragt, an wen er denn seinen Wunschzettel adressiert habe. “Natürlich an Pirko”, war seine Antwort. Aber vorlesen wollte er ihn leider nicht. Er gab ihn mir dann aber. Als ich ihn las, war ich glücklich, denn er paßte sehr gut auf meinen Wunschzettel. Vielleicht haben wir doch noch mehr Gemeinsamkeiten, als ich zwischenzeitlich dachte.

Am Sonntag hatten wir für unsere Gruppe leider nur eine Stunde Zeit. Wir blickten mit Birgitt gemeinsam auf die letzen Tage zurück. Da nach dieser Abschlußstunde in der Kapelle die gebastelten Kerzen angezündet werden sollten, sammelte ich etwas Mut und las mein Lieblingsgedicht für Tobias vor.

Ein Licht anzünden
nur für Dich
der Schein strahlt durch die Herzen
der Raum leuchtet warm
Deine Augen durfte ich niemals leuchten sehen
dafür mußten sie auch nie weinen
ich weine für uns beide
Du sahst so friedlich aus
als ich Dich in meinen Armen hielt
so lange Du lebtest waren wir nie getrennt
ich hatte Dich ganz für mich allein
vielleicht vermisse ich Dich deshalb so sehr
 

24.11.1997

Das animierte Reinhard und er las ein Gedicht von Goethe vor, das auf der Beerdigung von seiner Tochter Eva vorgelesen worden war.

Zum Abschluß verteilte Anja von ihr während des Seminars gebastelten 1 cm kleine Sternschnuppen, deren Schweif sie jeweils mit dem Namen des Kindes beschriftet hatte. Wir waren alle völlig sprachlos und jeder hütete seine Sternschnuppe wie ein kostbaren Schatz. Sodann wurde der “offizielle” Gruppenteil beendet, doch von uns wollte so richtig keiner gehen. Ich glaube, Anja war die erste, die ein Bild von Sofie herausholte und fragte, ob jemand mal Sofie sehen möchte. Klar wollten wir das. Plötzlich zog jeder ein Bild von seinem Kind hervor und es begann eine richtige “Fotosession”. Außenstehende hätten sich jetzt sicherlich abgewandt: Eltern, die stolz die Fotos ihrer toten Kinder zeigten. Auch Julia, die drei Fehlgeburten im frühen Stadium hatte und daher über keine Fotos verfügte, guckte etwas ängstlich. Erst als ich sie direkt aufforderte, sie solle sich die Fotos ruhig angucken, es seien schöne Bilder, sagte ganz erleichtert: “Die sehen ja alle ganz friedlich aus.”

Nachdem wir die Bilder ausführlich betrachtet hatten und alle wieder getröstet waren, gingen wir gemeinsam in die Kapelle zum Abschlußgottesdienst. Er wurde von Mechthild Voss-Eiser sehr besinnlich und schön gestaltet. Der Höhepunkt war natürlich das Anzünden der Kerzen, die dann in die Mitte auf den Tisch gestellt wurden. Es war ein traumhafter Anblick.

Besonders schön, insbesondere für unsere Gruppe, die alle ein Kind in der Schwangerschaft oder kurz danach verloren hatten, war, daß an jedes Kind mit seinem vollständigen Namen gedacht wurde. Ich war schon immer glücklich, wenn jemand unseren Sohn mit seinen Namen Tobias nannte, aber Tobias Lehmitz, das hatte noch niemand gesagt. Jeder von uns in der Gruppe, achtete auf jeden Namen unserer Kinder.

Ich war fast die letzte in der Kapelle.

Ihr wart die ganze Zeit bei uns
in unserem Kreis
in uns
Ihr wart uns so vertraut
als hätten wir jeden einzelnen gekannt
so vertraut wie wir uns geworden sind
 
Ihr gabt uns
Licht Wärme und Geborgenheit
Geborgenheit die wir Euch geben wollten
und die wir Euch nicht mehr geben können
 
Wir haben Euer Lachen gespürt
Euer Lachen
das wir nie oder nie wieder hören werden
ein Lachen das uns einlädt
mit Euch zu lachen
 

21.12.1997

Ich konnte mich einfach nicht von dem Lichtermeer und unseren Kindern trennen. Dieser Anblick und der Lichtertanz am letzten Abend animierten mich zu einem Gedicht für unsere Kinder, das ich noch vor dem Mittagessen aufschreiben mußte.

Der Abschied fiel uns allen unendlich schwer. Wir waren von den Tagen zwar völlig geschafft, aber trennen wollte sich so recht keiner. Auch den Hinweis von Heiko: “Wir müssen jetzt auch aufhören, da mir die Taschentücher ausgegangen sind”, ließen wir nicht gelten und zeigten ihm die duzenden Kartons von Klienextüchern, die auf dem Tisch standen.

Wir verabschiedeten uns alle von einander, als würden wir uns schon immer kennen. Es war ein unglaubliche Atmosphäre und Wärme, die unsere Gruppe umgeben hat.

Es war ein wirklich gelungenes Seminar und ich bin für die professionelle Organisation und liebevolle Begleitung des gesamten Teams dankbar. Mir fällt nicht ein einziger Kritikpunkt ein, oder doch einer, das nächste Seminar ist erst in einem Jahr.

© Pirko Lehmitz, www.Stillgeboren.de Dezember 1997