Kategorie-Archiv: Presse

Pressemitteilung Nr. 80/05

Mutterschutzrechtlicher Sonderkündigungsschutz nach medizinisch-indizierter Einleitung der Geburt

Die schwangere Klägerin arbeitete seit dem 15. September 2002 in der Rechtsabteilung der Beklagten. Der voraussichtliche Entbindungstermin sollte der 1. Mai 2003 sein. Anlässlich einer Vorsorgeuntersuchung im Dezember 2002 wurde eine Funktionsstörung der Nieren des ungeborenen Kindes festgestellt (sog. Potter-Syndrom), die zum sicheren Tod des Kindes noch während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt geführt hätte. Auf ärztlichen Rat wurden am 26. Dezember die Wehen medikamentös eingeleitet. Am 28. Dezember brachte die Klägerin einen toten Jungen mit einem Gewicht von 600 Gramm zur Welt. In der Todesbescheinigung ist angegeben, dass das Kind in der Geburt verstorben ist. Die Klägerin teilte am 30. Dezember 2002 der Beklagten mit, die Schwangerschaft sei abgebrochen worden und das Kind gestorben. Die Beklagte kündigte mit Schreiben vom 5. März 2003 das Arbeitsverhältnis der Klägerin fristgemäß. Mit ihrer Klage hat sich die Klägerin gegen diese Kündigung mit dem Hinweis gewandt, diese sei nach § 9 Abs. 1 MuSchG unzulässig. Die Beklagte hat die Auffassung vertreten, der Sonderkündigungsschutz für Mütter finde vorliegend keine Anwendung, weil auch ein medizinisch indizierter Schwangerschaftsabbruch keine “Entbindung” im Sinne des Gesetzes sei.

Die Vorinstanzen haben die Klage abgewiesen. Auf die Revision der Klägerin hat das Bundesarbeitsgericht der Klage stattgegeben.

Nach § 9 Abs. 1 Satz 1 MuSchG ist die Kündigung gegenüber einer Frau während einer Schwangerschaft und bis zum Ablauf von vier Monaten nach der Entbindung unzulässig. Eine Entbindung im Sinne der Norm ist ua. in Anlehnung an entsprechende personenstandsrechtliche Bestimmungen (§ 21 Abs. 2 PStG iVm. § 29 Abs. 2 PStV) dann anzunehmen, wenn die Leibesfrucht ein Gewicht von mindestens 500 Gramm hat. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Kind lebend oder tot geboren wird. Das gilt auch bei einer medizinisch indizierten vorzeitigen Beendigung der Schwangerschaft. Dies entspricht dem Sinn und Zweck von § 9 Abs. 1 MuSchG, ua. einen Schutz für die durch die Schwangerschaft und den Geburtsvorgang entstehenden Belastungen der Frau zu gewähren.

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 15. Dezember 2005 – 2 AZR 462/04 -

Vorinstanz: LAG München, Urteil vom 14. Juli 2004 – 5 Sa 241/04 

Narben bleiben ein Leben lang

 SCHWABACHER TAGBLATT 12/2001

Gedenken an viel zu früh verstorbene Kinder bei Gottesdienst im Eichwasen

Cornelia Hübschmann und Katja Böttner haben den Gottesdienst am zweiten Adventssonntag mit vorbereitet.

SCHWABACH (ukb) – Es ist wohl das Schlimmste, was einer Frau widerfahren kann, wenn sie ihr Kind verliert. Die Narben bleiben bei ihr ein Leben lang. Deshalb haben sich Frauen rund um den Globus über das Internet zusammengetan und veranstalten immer am Abend des zweiten Adventssontags, um 19 Uhr, einen Gedenkgottesdienst für alle Kinder, die während der Schwangerschaft, bei der Geburt oder in jungen Jahren verstorben sind.

Auch in Schwabach findet ein solcher Gottesdienst in der evangelischen Kirche Sankt Matthäus im Eichwasen statt. Unter der einladenden Überschrift „Ich zünde eine Kerze für dich an!“ bereitet ihn Pfarrer Werner Strekies zusammen mit Cornelia Hübschmann und Katja Böttner.

Beide Frauen sind selbst betroffen. Ihre Kinder starben bereits während der Schwangerschaft. Für beide war dies ein so nachhaltiges Erleben, das sie nur durch die Hilfe der „Sternenkinder-Eltern im Netz“ (www.schmetterlingskinder.de) verarbeiten konnten. „Wenn man sich an den Chatroom dieser Internetadresse wendet, erhält man umgehend Antwort. Gleichgültig zu welcher Tages- und Nachtzeit, immer reagiert eine Frau, die Vergleichbares durchgemacht hat“, beschreibt Cornelia Hübschmann ihre Erfahrungen. Ihr haben die stundenlangen Telefonate, die sie in den Nächten des Krankenhaus-Aufenthaltes geführt hatte, geholfen, Trost zu finden, als ihr Sohn Florian nach einem vorzeitigen Blasensprung in der 19. Woche gestorben war. Zwar war es Cornelia Hübschmann schon klar, dass ihr Sohn keine Überlebenschancen besaß, aber nachdem dies schon der zweite Abschied von einem ungeborenen Kind war, waren die Trauer, das Leid und die quälende Belastung über die anscheinende Unfähigkeit, Kinder zu bekommen, riesengroß. „Ich habe mich so getragen gefühlt, einfach angenommen in meiner Trauer“, umreißt die junge Frau. Doch man spürt sehr wohl, dass die Narben noch frisch und die Spuren nur durch die Alltäglichkeit überdeckt sind.

Auch Katja Böttner fand im Internet Trost und seelischen Beistand, als in ihr ungeborenes Leben starb. Diese Augenblicke bleiben ein ganzes Leben im Gedächtnis haften, sie war vor allem über die Kälte von Medizinern und auch von ihrer Umgebung entsetzt.  „Es wird einem einfach das Recht zu trauern genommen“, klagt sie an. Sicher ahnte sie, dass jenes Kind nicht zur Welt kommen würde, doch habe sie sich mit dem Kind verbunden gefühlt, auch wenn es für die Behörden nur „eine Sache“ sei.

Viele Frauen müssen eine solche Erfahrung durchleben. Für all jene wollen die beiden Frauen Ansprechpartnerinnen sein, weil sie wissen, wie wichtig die Zuwendung, das verständnisvolle Gespräch sind. Außerdem sind sie gerne bereit ,ihr Wissen, ihre Erfahrungen im Umgang mit Ärzten, Kliniken und Behörden weiterzugeben. Was sie Gutes in ihrem Leid erfahren durften, wollen sie nun gerne weitergeben. Gelegenheit dazu bietet der Gottesdienst am Sonntag, 9. Dezember, der musikalisch von den beiden Harfenistinnen Angela Glückert-Hammer und Angela Hammer musikalisch untermalt wird.

Nachdem es sich bewährt hat, dem verstorbenen Kind einen Namen zu geben – sofern es nicht sowieso schon einen erhalten hatte -, wird gebeten, wenn möglich eine selbst gestaltete Kerze mit dem Namen des Kindes mitzubringen. Dass diese große Internet-Gemeinschaft viel Segen bringt, zeigt sich sicher auch darin, dass beide Initiatorinnen Mut fassen konnten und sich entweder auf ein weiteres Kind freuen oder schon freuen konnten.

 © SCHWABACHER TAGBLATT

Trauern verboten: Die “stille” Geburt

03.10.2000 von Susanne Leykam-Remien

Das Licht der Welt hat Tobias nie erblickt, er wurde tot geboren. Er war das erste Kind seiner Eltern, die sich aber nicht Mutter und Vater nennen dürfen. Und denen Trauer nicht gestattet wird. Weil kaum jemand ihren Verlust begreift.

Pirko Lehmitz erinnert sich noch ganz genau an diesen höllisch heißen Sommertag, Ende August vor drei Jahren. Immer wieder spürte sie ein schmerzhaftes Ziehen im Unterleib. Wehen? Aber sie hatte doch erst etwas mehr als die Hälfte der Schwangerschaft hinter sich? Alarmiert ging die 33-jährige zu ihrem Frauenarzt. Und damit begann eine tragische Odyssee. Gezeichnet von Inkompetenz, Gefühlskälte und Ignoranz. 24 Stunden, nach denen sie wie betäubt von Schmerz und Verzweiflung wieder nach Hause zurückkehren sollte. Mit leeren Händen und verletzter Seele.

Die Ereignisse dieses qualvollen Tages haben sich für immer in ihr Gedächnis eingebrannt: Wie sie zunächst trotz Schmerzen stundenlang im Wartezimmer sitzen mußte. “Als ich endlich untersucht wurde, stellte der Arzt fest, daß der Muttermund geöffnet war und schickte mich ins nächste Krankenhaus”. Unbegreiflich, denn auch hier, in der Ambulanz, hieß es noch einmal warten. Dann ging auf einmal alles ganz schnell: Plötzlich lag Pirko im Krankenwagen, angeschlossen an einen Tropf, der sie mit wehenhemmenden Medikamenten vollpumpte, verbunden mit den elektronischen Fühlern eines Wehenschreibers. Mit Blaulicht ging es jetzt nach Altona, dort war man auf Frühgeburten spezialisiert. “Da fühlte ich mich eigentlich zum ersten Mal ganz sicher, dachte, daß man jetzt alles unter Kontrolle hätte”. Sie war erleichtert, daß die Wehen wieder nachließen, fühlte sich zuversichtlich und geborgen mit Ehemann Kai-Uwe an ihrer Seite.

Eine trügerische Sicherheit! Drei Stunden später besiegelte der Blasensprung das Schicksal ihres ungeborenen Kindes. “In dem Moment erfaßte ich das ganze Ausmaß der Katastrophe”. Der diensthabende Arzt sagte kein Wort, stellte lediglich mit einem leisen Knacken den Schalter des Tropfes aus. In die Totenstille hinein bestürmte Kai-Uwe Lehmitz den Arzt mit Fragen. “Was bedeutet das?”, drang er solange in den wortkargen Mediziner, bis dieser lapidar erwiderte: “Daß es gleich zur Geburt kommt”. Dann verließ er den Raum. Eine Stunde später war es soweit: Unter starken Schmerzen gebar Pirko ihr totes Kind. In gespenstischer Stille, denn weder die Hebamme noch der Arzt sprachen ein Wort. Nur am Schluß herrschte der Geburtshelfer seine Patientin an, sie solle endlich richtig pressen und es ihm ein wenig leichter machen. Lautlos, bis auf den verzweifelten Schrei seiner Mutter, kam Tobias schließlich zur Welt: 560 Gramm schwer, 32 cm lang.

Zwei kostbare Stunden durfte Pirko noch mit ihrem winzigen Söhnchen verbringen, dann mußte sie ihn für immer hergeben. “Ich war so froh, daß die Hebamme Fotos gemacht hatte, sonst gab es ja keine Erinnerungen an ihn”. Auch zu Hause fand sich keine sichtbare Spur eines Kindes. Kein Babybettchen, keine Spieluhr oder Strampelhöschen, kein hellblau oder rosa Schnickschnack: “Ich bin ein wenig abergläubisch und hatte deshalb noch nichts gekauft”.

Also rutschte Pirko scheinbar nahtlos wieder in ihr altes Leben hinein. Äußerlich war alles wie vorher: Die Wohnung, die Freunde, die Arbeit, die Kollegen und die Familie. Ihr Inneres aber lag in Trümmern. Sie mußte fertig werden mit dem wohl größten Verlust, den ein Menschen erleiden kann: Sie verlor ihr Kind. Wird sie sich davon jemals erholen können?

Für andere war das keine Frage: “Das Leben geht weiter, du wirst auch noch deine Kinder haben”. Sie sahen nicht, daß eine Mutter für immer Abschied nehmen mußte von ihrem Erstgeborenen. Sie bemerkten nicht, daß diese Frau keinen Boden mehr unter den Füßen hatte. Pirko: “Die ersten Wochen danach waren kaum auszuhalten. Das Schlimmste war die Einsamkeit, ich war so allein…”. Bis auf eine Freundin waren plötzlich alle – selbst die Familie – wie vom Erdboden verschwunden. Und wieder war es totenstill. Wie damals im Kreisssaal. Kein Telefon, kein Besuch, keine Umarmung, kein Gespräch. Seltene Pflichtbesucher erteilten Pirko meist unverzüglich einen Maulkorb: “Niemand erlaubte mir, von meinem Sohn zu sprechen, wenn ich dennoch begann, wurde einfach das Thema gewechselt”. Auch heute noch überschlagen sich Sätze und Worte, wenn sie von Ereignissen erzählt, die immerhin schon drei Jahre zurückliegen. Sie spricht hastig, schnell und angespannt. So, als ob sie fertig sein müßte, bevor man ihr den Mund verbietet. Ihre langen schmalen Finger fahren nervös durch die glatten dunkelblonden Haare, ihre hellen Augen nageln den Gesprächspartner fest. Und immer noch hört man die bittere Verletztheit in ihrer Stimme.

Damals durfte Pirko ihren Schmerz nicht aussprechen. Und wurde gemieden, weil sie ihn nicht verbergen konnte, schließlich bestand sie nur aus Schmerz: “Ich bin aufgestanden und habe geweint. Auf dem Weg zur Arbeit, im Bus und in der Bahn habe ich geweint, ich konnte damit einfach nicht aufhören”. Den Vormittag lang riß sie sich zusammen, empfing Mandanten, brachte Meetings und Konferenzen hinter sich. Mittags flüchtete sie sich in die nahegelegene Kirche, setzte sich ganz hinten in eine versteckte Bank und weinte. Der Heimweg, der Feierabend, das Wochenende – alles versank in einem Strom von Tränen, der einfach nicht enden wollte.

Und immer mehr zeigte die Umwelt ihr, daß sie nichts davon wissen wollte. Unfaßbar: Da macht eine die fürchterlichste und gewaltigste Erfahrung ihres Lebens – sie will sich mitteilen – aber keiner läßt das zu. Niemand will es hören. Obwohl doch jeder sehen kann, wie die Isolation sie zerstört. Was ist das? Unsicherheit, Angst, Hilflosigkeit? Oder ganz einfach Brutalität, Feigheit und Gefühlskälte? “Es gibt Schlimmeres, nun reiss dich mal zusammen, sonst läuft dir noch dein Mann weg”, warnten Mutter und Schwiegermutter. “Du bist doch jung, setz einfach ein neues an”, riet eine Freundin, als wäre lediglich ein Kuchenteig mißlungen. Friede, Freude, Eierkuchen, so sollte es sein. Was war schon groß passiert? Pirko sollte Zuflucht nehmen in eine neue Schwangerschaft, rasch Ersatz schaffen für etwas, das man nicht ersetzen kann: Für ein individuelles menschliches Wesen, eine einzigartige Seele, wie kurz sie auch immer auf dieser Welt gewesen war. In Gedichten versuchte sie ihre Gefühle zu formulieren: “Keiner spricht von dir, niemand wagt es deinen Namen zu sagen, damit lassen sie dich ein zweites Mal sterben”.

Der Verlust ihres Kindes legte sich wie ein Bann um die sensible Frau. Ihre Trauer wurde geächtet und nicht geachtet. “Kaum jemand verstand, daß wir Tobias beerdigten. Die Omas fühlten sich peinlich berührt, als ich ihnen ein Foto von ihrem Enkel zeigen wollte”. Man hielt sie eindeutig für nicht normal,  bot ihr Valium statt Mitgefühl.

Erst als es ihr so schlecht ging, daß sie sich fast aufzulösen glaubte in ihrem qualvollen Schmerz, erst als immer offensichtlicher wurde, daß auch ihre Ehe zunehmend davon belastet wurde: Erst da unternahm Pirko einen letzten verzweifelten Schritt. “Mein Arzt hatte mir schon mehrmals die Adresse einer Selbsthilfegruppe in die Hand gedrückt”. Auf sein Drängen hin ging sie voller Skepsis und Zweifel zu einem der Treffen. “Das war unbeschreiblich”, schildert sie “Zu merken, daß andere Menschen dieselben Gefühle, ja sogar dieselben Gedanken haben, das tat mir unglaublich gut”. Jetzt begriff sie, daß sie vollkommen normal war. Daß ihre Trauer angemessen war, wichtig und richtig. Nicht sie mußte sich schämen, sondern die, die sie so kaltherzig in die emotionale Verbannung geschickt hatten. Jetzt durfte Pirko auch endlich Wut zulassen, jetzt durfte sie endlich einen Ort des Gedenkens und der Erinnerung an Tobias schaffen: “Ich habe eine ganze Wand nur ihm gewidmet. Dort hängen Gedichte, Fotos und Blumen. Es kümmerte sie nicht mehr, wenn andere mit gesenktem Blick und schweigend an diesem kleinen Denkmal vorbeigingen, sollten die sie doch ruhig für morbide halten, na und?

Nach und nach gewann Pirko Lehmitz ihre alte Selbstsicherheit zurück. Sie wurde zum zweitenmal Mutter, 17 Monate alt ist Pascal heute. In der Gruppe hilft sie jetzt anderen. Will ein wenig von dem zurückgeben, was sie damals bekommen hat. “Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Tobias denke”, sagt sie. Aber es tut nicht mehr so weh. Und manchmal kann es sogar richtig schön sein: “Jeden Abend pusten Pascal und ich in sein Mobile. Wenn die bunten Schmetterlinge dann tanzen, bitten wir seinen großen Bruder um eine gute Nacht”.

Jede Kerze leuchtet für ein totes Kind

Heute trauern 20000 Eltern

von Kathrin Thamm

Tausende von Kerzen leuchten heute in Deutschlands Fenstern, um an alle Kinder zu erinnern, die der Tod aus ihren Familien riss. In Deutschland sterben jährlich 20 000 Kinder: “Die Eltern und Verwandten werden mit ihrer Trauer total allein gelassen. Deshalb entzünden deutschland- und europaweit sowie in Amerika Angehörige Kerzen, um öffentlich zu trauern”, erklärt Gabriele Knöll (53), Vorsitzende des Vereins Verwaiste Eltern.

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Mutter Heidrun und der kleine Christian bei einer gemeinsamen Busfahrt wenige Monate vor seinem Tod. Zu diesem Zeitpunkt ahnte die Mutter noch nichts von seinem lebensgefährlichen Herzfehler.

Hell leuchtet die Kerze, die Heidrun Eisenberg (39) neben dem Foto von Christian (6) entzündet. “Für mich ist er noch immer hier”, sagt sie und streichelt das Bild. Es steht auf der Fensterbank in der Küche, zeigt einen lachenden kleinen Jungen. Es ist das letzte Foto von Christian. “Er starb eine Woche nach seinem sechsten Geburtstag.” Drei Jahre ist das jetzt her, und Mutter Heidrun hat Tränen in den Augen, wenn sie daran denkt.

Erst wenige Monate vor dem Unglück war bei Christian ein schwerer Herzfehler entdeckt worden. “Bis dahin hatten wir nichts bemerkt.” Als der Junge eines Tages über Bauchweh klagte, schickte sie der Arzt ins Krankenhaus. So war Heidrun Eisenberg dabei, als Christians Atmung plötzlich aussetzte, die Arzte Herzdruckmassage machten. “Da wusste ich: Etwas Schreckliches ist passiert.”

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Offene Trauer. Heidrun Eisenberg aus Handeloh zündet eine Kerze für ihren toten Sohn Christina (6) an. Daneben steht sein Lieblingsplüschtier, der Löwe Simba.

Nach Christians Tod lebte Heidrun Eisenberg zwei Leben. Äußerlich war sie ruhig und gefasst, tröstete ihren Mann und die neunjährige Tochter Maren, ging arbeiten.  Doch innerlich war sie völlig verzweifelt. “Ich weinte allein, zog mich zurück, konnte nicht darüber reden.”
Erst in der Selbsthilfegruppe des Vereins Verwaiste Eltern lernte sie über ihren Schmerz zu sprechen. “Dort muss man keinem etwas erklären, alle haben Kinder verloren.” In über 370 Selbsthilfegruppen bundesweit versuchen die trauernden Angehörigen, ihren Verlust zu verarbeiten.

Auch bei Marion Fitzner (56) in Winsen/Luhe brennt heute eine Kerze im Wintergarten. “Dieser Tag gehört meiner Tochter Iris. Sie starb mit 28 vor acht Jahren plötzlich an Leukämie.” Zurück blieben ihre einjährige Tochter, ihr Mann und ihre Eltern. “Es tut gut zu wissen, dass heute überall auf der Welt Lichter für tote Kinder brennen”, sagt Mutter Fitzner. Im Fenster von Pirko Lehmitz (35) in Hamburg leuchtet ein Licht für Tobias. Der Junge starb vor fünf Jahren bei der vorzeitigen Geburt in der 24. Schwangerschaftswoche. “Für mich ist öffentliche Trauer besonders wichtig, denn für viele in meiner Familie existiert Tobias überhaupt nicht. Aber ich werde meinen Sohn nie vergessen.” Eine Stunde lang hatte sie ihren toten Sohn im Arm gehalten. Er war wunderschön.” Wo immer heute eine Kerze im Fenster flackert, setzen Menschen ein Zeichen, dass ihre toten Kinder in den Herzen weiterleben