Trauern verboten: Die “stille” Geburt

03.10.2000 von Susanne Leykam-Remien

Das Licht der Welt hat Tobias nie erblickt, er wurde tot geboren. Er war das erste Kind seiner Eltern, die sich aber nicht Mutter und Vater nennen dürfen. Und denen Trauer nicht gestattet wird. Weil kaum jemand ihren Verlust begreift.

Pirko Lehmitz erinnert sich noch ganz genau an diesen höllisch heißen Sommertag, Ende August vor drei Jahren. Immer wieder spürte sie ein schmerzhaftes Ziehen im Unterleib. Wehen? Aber sie hatte doch erst etwas mehr als die Hälfte der Schwangerschaft hinter sich? Alarmiert ging die 33-jährige zu ihrem Frauenarzt. Und damit begann eine tragische Odyssee. Gezeichnet von Inkompetenz, Gefühlskälte und Ignoranz. 24 Stunden, nach denen sie wie betäubt von Schmerz und Verzweiflung wieder nach Hause zurückkehren sollte. Mit leeren Händen und verletzter Seele.

Die Ereignisse dieses qualvollen Tages haben sich für immer in ihr Gedächnis eingebrannt: Wie sie zunächst trotz Schmerzen stundenlang im Wartezimmer sitzen mußte. “Als ich endlich untersucht wurde, stellte der Arzt fest, daß der Muttermund geöffnet war und schickte mich ins nächste Krankenhaus”. Unbegreiflich, denn auch hier, in der Ambulanz, hieß es noch einmal warten. Dann ging auf einmal alles ganz schnell: Plötzlich lag Pirko im Krankenwagen, angeschlossen an einen Tropf, der sie mit wehenhemmenden Medikamenten vollpumpte, verbunden mit den elektronischen Fühlern eines Wehenschreibers. Mit Blaulicht ging es jetzt nach Altona, dort war man auf Frühgeburten spezialisiert. “Da fühlte ich mich eigentlich zum ersten Mal ganz sicher, dachte, daß man jetzt alles unter Kontrolle hätte”. Sie war erleichtert, daß die Wehen wieder nachließen, fühlte sich zuversichtlich und geborgen mit Ehemann Kai-Uwe an ihrer Seite.

Eine trügerische Sicherheit! Drei Stunden später besiegelte der Blasensprung das Schicksal ihres ungeborenen Kindes. “In dem Moment erfaßte ich das ganze Ausmaß der Katastrophe”. Der diensthabende Arzt sagte kein Wort, stellte lediglich mit einem leisen Knacken den Schalter des Tropfes aus. In die Totenstille hinein bestürmte Kai-Uwe Lehmitz den Arzt mit Fragen. “Was bedeutet das?”, drang er solange in den wortkargen Mediziner, bis dieser lapidar erwiderte: “Daß es gleich zur Geburt kommt”. Dann verließ er den Raum. Eine Stunde später war es soweit: Unter starken Schmerzen gebar Pirko ihr totes Kind. In gespenstischer Stille, denn weder die Hebamme noch der Arzt sprachen ein Wort. Nur am Schluß herrschte der Geburtshelfer seine Patientin an, sie solle endlich richtig pressen und es ihm ein wenig leichter machen. Lautlos, bis auf den verzweifelten Schrei seiner Mutter, kam Tobias schließlich zur Welt: 560 Gramm schwer, 32 cm lang.

Zwei kostbare Stunden durfte Pirko noch mit ihrem winzigen Söhnchen verbringen, dann mußte sie ihn für immer hergeben. “Ich war so froh, daß die Hebamme Fotos gemacht hatte, sonst gab es ja keine Erinnerungen an ihn”. Auch zu Hause fand sich keine sichtbare Spur eines Kindes. Kein Babybettchen, keine Spieluhr oder Strampelhöschen, kein hellblau oder rosa Schnickschnack: “Ich bin ein wenig abergläubisch und hatte deshalb noch nichts gekauft”.

Also rutschte Pirko scheinbar nahtlos wieder in ihr altes Leben hinein. Äußerlich war alles wie vorher: Die Wohnung, die Freunde, die Arbeit, die Kollegen und die Familie. Ihr Inneres aber lag in Trümmern. Sie mußte fertig werden mit dem wohl größten Verlust, den ein Menschen erleiden kann: Sie verlor ihr Kind. Wird sie sich davon jemals erholen können?

Für andere war das keine Frage: “Das Leben geht weiter, du wirst auch noch deine Kinder haben”. Sie sahen nicht, daß eine Mutter für immer Abschied nehmen mußte von ihrem Erstgeborenen. Sie bemerkten nicht, daß diese Frau keinen Boden mehr unter den Füßen hatte. Pirko: “Die ersten Wochen danach waren kaum auszuhalten. Das Schlimmste war die Einsamkeit, ich war so allein…”. Bis auf eine Freundin waren plötzlich alle – selbst die Familie – wie vom Erdboden verschwunden. Und wieder war es totenstill. Wie damals im Kreisssaal. Kein Telefon, kein Besuch, keine Umarmung, kein Gespräch. Seltene Pflichtbesucher erteilten Pirko meist unverzüglich einen Maulkorb: “Niemand erlaubte mir, von meinem Sohn zu sprechen, wenn ich dennoch begann, wurde einfach das Thema gewechselt”. Auch heute noch überschlagen sich Sätze und Worte, wenn sie von Ereignissen erzählt, die immerhin schon drei Jahre zurückliegen. Sie spricht hastig, schnell und angespannt. So, als ob sie fertig sein müßte, bevor man ihr den Mund verbietet. Ihre langen schmalen Finger fahren nervös durch die glatten dunkelblonden Haare, ihre hellen Augen nageln den Gesprächspartner fest. Und immer noch hört man die bittere Verletztheit in ihrer Stimme.

Damals durfte Pirko ihren Schmerz nicht aussprechen. Und wurde gemieden, weil sie ihn nicht verbergen konnte, schließlich bestand sie nur aus Schmerz: “Ich bin aufgestanden und habe geweint. Auf dem Weg zur Arbeit, im Bus und in der Bahn habe ich geweint, ich konnte damit einfach nicht aufhören”. Den Vormittag lang riß sie sich zusammen, empfing Mandanten, brachte Meetings und Konferenzen hinter sich. Mittags flüchtete sie sich in die nahegelegene Kirche, setzte sich ganz hinten in eine versteckte Bank und weinte. Der Heimweg, der Feierabend, das Wochenende – alles versank in einem Strom von Tränen, der einfach nicht enden wollte.

Und immer mehr zeigte die Umwelt ihr, daß sie nichts davon wissen wollte. Unfaßbar: Da macht eine die fürchterlichste und gewaltigste Erfahrung ihres Lebens – sie will sich mitteilen – aber keiner läßt das zu. Niemand will es hören. Obwohl doch jeder sehen kann, wie die Isolation sie zerstört. Was ist das? Unsicherheit, Angst, Hilflosigkeit? Oder ganz einfach Brutalität, Feigheit und Gefühlskälte? “Es gibt Schlimmeres, nun reiss dich mal zusammen, sonst läuft dir noch dein Mann weg”, warnten Mutter und Schwiegermutter. “Du bist doch jung, setz einfach ein neues an”, riet eine Freundin, als wäre lediglich ein Kuchenteig mißlungen. Friede, Freude, Eierkuchen, so sollte es sein. Was war schon groß passiert? Pirko sollte Zuflucht nehmen in eine neue Schwangerschaft, rasch Ersatz schaffen für etwas, das man nicht ersetzen kann: Für ein individuelles menschliches Wesen, eine einzigartige Seele, wie kurz sie auch immer auf dieser Welt gewesen war. In Gedichten versuchte sie ihre Gefühle zu formulieren: “Keiner spricht von dir, niemand wagt es deinen Namen zu sagen, damit lassen sie dich ein zweites Mal sterben”.

Der Verlust ihres Kindes legte sich wie ein Bann um die sensible Frau. Ihre Trauer wurde geächtet und nicht geachtet. “Kaum jemand verstand, daß wir Tobias beerdigten. Die Omas fühlten sich peinlich berührt, als ich ihnen ein Foto von ihrem Enkel zeigen wollte”. Man hielt sie eindeutig für nicht normal,  bot ihr Valium statt Mitgefühl.

Erst als es ihr so schlecht ging, daß sie sich fast aufzulösen glaubte in ihrem qualvollen Schmerz, erst als immer offensichtlicher wurde, daß auch ihre Ehe zunehmend davon belastet wurde: Erst da unternahm Pirko einen letzten verzweifelten Schritt. “Mein Arzt hatte mir schon mehrmals die Adresse einer Selbsthilfegruppe in die Hand gedrückt”. Auf sein Drängen hin ging sie voller Skepsis und Zweifel zu einem der Treffen. “Das war unbeschreiblich”, schildert sie “Zu merken, daß andere Menschen dieselben Gefühle, ja sogar dieselben Gedanken haben, das tat mir unglaublich gut”. Jetzt begriff sie, daß sie vollkommen normal war. Daß ihre Trauer angemessen war, wichtig und richtig. Nicht sie mußte sich schämen, sondern die, die sie so kaltherzig in die emotionale Verbannung geschickt hatten. Jetzt durfte Pirko auch endlich Wut zulassen, jetzt durfte sie endlich einen Ort des Gedenkens und der Erinnerung an Tobias schaffen: “Ich habe eine ganze Wand nur ihm gewidmet. Dort hängen Gedichte, Fotos und Blumen. Es kümmerte sie nicht mehr, wenn andere mit gesenktem Blick und schweigend an diesem kleinen Denkmal vorbeigingen, sollten die sie doch ruhig für morbide halten, na und?

Nach und nach gewann Pirko Lehmitz ihre alte Selbstsicherheit zurück. Sie wurde zum zweitenmal Mutter, 17 Monate alt ist Pascal heute. In der Gruppe hilft sie jetzt anderen. Will ein wenig von dem zurückgeben, was sie damals bekommen hat. “Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Tobias denke”, sagt sie. Aber es tut nicht mehr so weh. Und manchmal kann es sogar richtig schön sein: “Jeden Abend pusten Pascal und ich in sein Mobile. Wenn die bunten Schmetterlinge dann tanzen, bitten wir seinen großen Bruder um eine gute Nacht”.