Kategorie-Archiv: Tabuthema Tod

Einsendungen – Tabuthema Tod

Ich für mich selber habe – eine für mich ganz neue -Sicht der Dinge

Ich habe darüber nachgedacht, dass seit Menschengedenken Frauen ihre Kinder verlieren und sie auch betrauern. Noch vor 100 Jahren starb jedes dritte Kind, und oft auch die Frauen im Kindbett.

Solange es Frauen gibt, haben Frauen in ihrem Leben irgendwann einmal ihre Kinder betrauert. Vielleicht ist es ja so, dass sie auch DAHER ihre enorme Kraft und ihre liebevolle Weisheit herhaben.

Ich glaube, wenn etwas seit Anbeginn der Zeit so ist, dann ist es vermutlich auch gottgewollt.     Das ist für mich ein sehr entscheidender Punkt, denn ich war kurz davor damals, mit dem göttlichen Prinzip zu hadern.

Ich möchte nun lernen, auch Kraft genug zu haben, für dieses Prinzip der Natur, weil ich mich als ein teil von ihm verstehe. Es hat für mich etwas wunderbar mystisches bekommen, wenn ich es mir unter diesem Point-of-view betrachte.

Und , auch wenn das meinen Schmerz nicht nimmt, so stärkt es doch mein Bewußtsein, als Mensch, als Frau und als Mutter.

Wütend bin ich jetzt nicht mehr auf mich und auch nicht auf die Schöpfung, sondern auf die LÜGE.

Man hat mir immer eine heile Welt vorgegaukelt. Krieg, Atombomben und Schicksalsschläge waren immer weit weg oder in der Zeitung. Und durch diesen Maulkorb, der uns Frauen in all unseren Aspekten schon immer tabuisierte, konnte diese Lüge gedeihen.

Sie haben mir beigebracht, dass ein Arzt alles rettet.Wer zum Zahnarzt geht, behält seine Zähne, wer zum Gynäkologen geht, der behält sein Kind. Sie haben gelogen!

Sie haben die Kräfte und Unbillen des Lebens so derart von mir fern gehalten, dass ich annehmen musste, es gäbe sie nicht.

Und deshalb war ich auch so unfähig, damit umzugehen, dazu ja zu sagen.

Deshalb habe ich auch oft Unverständnis gesehen von denen, die immer noch an diese Lüge glauben.

Deshalb war ich wütend auf sie, wenn sie mich mit immer wieder dieser selben Lüge auch noch trösten wollten.

Liebe Petra,
ich bin aufgestanden.
Und jetzt bin ich auch noch wach geworden.

Ich habe Träume.
Ich stelle mir manchmal vor, ich hätte schon als kleines Mädchen erlebt, wie       meine Mutti ganz, ganz schnell in die Nachbarschaft musste, um einer betroffenen Familie in der Trauer um ihr Sternenkind beizustehen.

Sie hätte mich, als ich größer wurde zu solchen Einsätzen der Nächstenliebe mitgenommen, und ich durfte schon mal kleinere Aufgaben übernehmen. Es wäre mir gut dabei gegangen, etwas hilfreiches tun zu dürfen und auch zu KÖNNEN.

Ich wäre umhüllt gewesen von vielen Frauen und Helfern und hätte so schon von klein auf gelernt, dass das Leben atmet, in dem es auf und ab geht, hätte gelernt, damit umzugehen, Hilfe zu geben und zu empfangen.

Diese Vorstellung hilft mir zur Zeit sehr.Sie nimmt mir meine Trauer nicht. Aber sie macht mich stärker.Und die Bürde ist leichter zu tragen.

 

Nicht nur das sich die sog. Freunde von einem Abwenden, sondern es darf darüber nicht gesprochen werden.
Warum ???
Natürlich will niemand vom Tod betroffen sein, und in der Hoffnung das dieses Nichtwissen vor dem Eintreten des Todes schützt, wird geschwiegen.

Und gerade deshalb wäre es sinnvoll eine Broschüre über dieses Thema auszulegen. In aller erster Linie für die Betroffenen, aber auch für alle Verwandte, Bekannte und Freunde von Betroffenen. Damit auch diese Menschen lernen damit umzugehen, d.h. mit UNS      umzugehen.

Aber das ist der Punkt, genauso wie Freude ansteckend wirkt, wirkt eben auch Trauer ansteckend. Und wer will schon traurig sein, wird uns nicht überall ein glückliches, unbeschwertes Leben vorgegaukelt. Und ist Tod im Fernsehen nicht etwas , das in zwei Sekunden abgehandelt ist. Da bleibt keine Zeit für Trauer. Wir sind zum Großteil heute derartig Medien beeinflußt und orientiert, daß wir das gar nicht mehr realisieren. Erst wenn man da rauspurzelt, aus der heilen Welt, und die Illustrierten-Babys und Modells einen hämisch angrinsen, hat man die Chance zu merken, das das nicht die Realität ist.

Ich halte es für absolutes dummes Ignorantentum, zu behaupten, eine derartige Broschüre, würde die Schwangeren schockieren. Es ist doch die Chance zu verstehen welch unbegreifliches Glück man hat, ein gesundes Baby zu erwarten und im Arm zu halten.

Wie traurig, das diese Frauen nichts von Schmerz und Glück verstehen, Noch nicht…Wie oberflächlich, das Glück nicht schätzen zu dürfen.

Mein Trost ist, daß unsere Kinder im Himmel auf uns warten und Ihnen die Menschen hier unten erspart bleiben.

Liebe Sascha, ich finde es toll, das Du Dich für die Broschüre einsetzt. Sieh es als eine Revolution an, und da sich nun mal die Menschen aus Gewohnheit gegen Neuerung sträuben, wirst du wohl kämpfen müssen. zum Glück nicht allein.
Bianca

Mögliche Reaktionen des Umfeldes

von Barbara Bürgi
Regenbogen Schweiz – “Wir haben unser Kind verloren….” S.6,
8

Der Tod ist in unserer Gesellschaft auch heute noch ein Tabuthema. Wir sind zwar betroffen über eine Todesnachricht, wissen jedoch nicht, wie wir reagieren sollen.

Die Reaktionen auf den Tod ihres Kindes sind bestimmt breit gefächert von tröstend bis verletzend. Eine Todesnachricht ist immer auch die Konfrontation mit dem eigenen Sterben und viele Menschen laufen vor dieser Auseinandersetzung davon.

Als trauernde Eltern sind Sie sehr verletzlich und leicht verwundbar. Unbedachte Äußerungen schmerzen unheimlich.

Es gibt auch Leute, die dem Thema und dem toten Kind ganz ausweichen. Sie tun so, als wäre nichts geschehen und sind sich dabei nicht bewußt, wie schmerzlich dies ist. Es ist absolut nicht schlimm, zu seiner Hilflosigkeit zu stehen. Im Gegenteil, es zeigt den Eltern, das ihr Leid realisiert wird. Für viele Menschen ist es unverständlich, daß wir Eltern bei einer Fehl-, Früh- oder Totgeburt über den Verlust unseres Babys so traurig sind. Sie vergleichen den Verlust oft mit dem eines älteren Kindes und haben den Eindruck es sei weniger schlimm, weil es noch so klein war. Ein Kind zu verlieren ist immer etwas Schreckliches, unabhängig davon, wie alt es war. Geben Sie Ihrem Kind den Namen, welchen Sie ausgesucht haben.

Es gibt immer wieder Freunde, Bekannte und Verwandte, welche Ihnen von anderen Schicksalen erzählen. Als ob es Ihnen helfen würde, daß das Baby von Frau XY auch gestorben ist. Meistens zeugen solche Erzählungen von einer großen Hilflosigkeit.

Lassen Sie sich auch nicht durch Äußerungen beirren wie: Jetzt solltest Du aber nicht mehr soviel weinen und nicht mehr jeden Tag auf den Friedhof gehen!” Es ist Ihr Kind, welches gestorben ist und niemand kann Ihnen nachempfinden, wieviel Sie weinen müssen. Sie ganz allein spüren, welcher Weg für Sie der Richtige ist, um mit dem Verlust umzugehen. Auch ein anderes Kind wird Ihnen das Verstorbene nicht ersetzen. Jedes Kind ist einzigartig, auch dieses und es wird nie mehr zurückkommen. Korrigieren Sie auch, wenn das verstorbene Kind nicht mitgezählt wird. Es ist genauso Ihr Kind wie ein Lebendes auch.

Haben Sie Menschen gefunden, mit denen Sie reden können, genieren Sie sich nicht zu weinen. Jede Träne die Sie weinen kann erlösend wirken, jene die Sie nicht weinen, schmerzen Sie.

Auch verwaiste Eltern sind Eltern. Auch wenn Ihr Kind nicht mehr lebt, so ist es doch Ihr Kind. Wie oft begegnen wir im Alltag der Frage: “Haben Sie Kinder ?”. Beziehen Sie ruhig Ihr verstorbenes Kind mit ein und benützen Sie seinen Namen. “Ja, aber unsere Rebecca ist leider kurz nach der Geburt verstorben”. Je nach Situation wird das Gespräch weiter geführt. Sie merken bestimmt, wem Sie noch mehr darüber erzählen möchten und wem nicht. Verstorbene Kinder zählen genauso wie lebende und haben ebenfalls Anrecht auf einen Platz bei uns. Es ist vor allem für Sie wichtig, es miteinzubeziehen, denn so können Sie im Laufe der Zeit auch eine Beziehung zu der ganzen Situation aufbauen. Bestimmt werden Sie auch auf den Ausgang Ihrer Schwangerschaft angesprochen und wie es denn nun Ihrem Kind gehe. Es ist wichtig, daß Sie sich nicht isolieren um dieser Frage auszuweichen. Weinen Sie ruhig und erzählen Sie Ihre Geschichte. Es wird Ihnen helfen, Ihren Schmerz zu lindern.

“Frühtod” – Schattendasein

von Mag. Christine Fleck-Bohaumilitzky

Der Tod am Beginn des Lebens führt im Ansehen unserer Gesellschaft ein Schattendasein.

Wenn vom Tod eines Kindes die Rede ist, gelten die Aufmerksamkeit und das Mitgefühl meist jenen Eltern, die ihre Kinder durch eine Krankheit oder einen Unfall verloren haben.

Jedes Jahr sterben in Deutschland 4500 Kinder während der ersten Wochen oder gar in den ersten Stunden nach der Geburt. Ungefähr 2500 Kinder kommen tot zur Welt. Jedes Jahr erleiden schätzungsweise 450 000 Frauen eine Fehlgeburt.- Von diesen Schicksalen spricht kaum jemand!

Der Tod im Mutterleib und das Sterben kurz nach der Geburt werden meistens totgeschwiegen, man spricht von einem Mißgeschick, von einer Fehlleistung der Natur. Durch eine neue Schwangerschaft könne das alles wieder wettgemacht werden. Es wird oft nicht wahrgenommen, daß Familien Föten, Embryos und Totgeborene genauso betrauern wie andere Kinder auch.

Die moderne medizinische Versorgung in den Geburtskliniken Deutschlands steht oft in krassem Widerspruch zur seelischen Begleitung, die Eltern von fehl-, früh- oder totgeborenen Kindern erfahren, besser gesagt nicht erfahren. Die Entbindung des Todes ist für viele Ärzte und Hebammen eine narzißtische Kränkung, die schnell wieder ungeschehen gemacht werden soll.

Viele Frauen und Mütter mit Fehl- und Totgeburten fühlen sich schuldbewußt, weil sie als Trägerinnen des Lebens versagt haben. Sie sind fügsam und stellen keine Fragen. Meist wollen sie schnell und schmerzlos den Tod im eigenen Leib loswerden , um ihn zu vergessen.

Die quälenden Fragen, die Selbstvorwürfe, die Schuldgefühle, die Trauer kommen erst später, zu einem Zeitpunkt, wo es meist zu spät ist.

Was war mit meinem Kind? Was ist mit ihm geschehen? Ist es in der Pathologie? Ist es “medizinischer Sondermüll”? Den Variationen der Alpträume um einen Tod am Anfang des Lebens sind keine Grenzen gesetzt.

In einer Zeit, in der oft vom “Schutz  und von der Würde des ungeborenen Lebens” die Rede ist, bilden trauerfeindliche Bestattungsgesetze einen krassen Gegensatz. Wenn Frauen nach einer glücklosen Schwangerschaft rechtzeitig zum Fragen ermutigt würden, wenn Frauen auch diesen verlorenen Kindern einen Grabplatz geben dürften, könnten sie ihre gestorbenen Hoffnungen besser betrauern und begraben.

Wenn ein Kind um die Geburt herum stirbt, stellte sich für die in der Geburtshilfe Tätigen die besondere Aufgabe der Begleitung der Geschwister und der Eltern. Es wäre schön, wenn sie den Eltern Weggefährten auf einem schmerzhaften Stück ihres Lebensweges wären. Die Eltern und Geschwister brauchen in dieser Zeit besonders menschliche Wärme, Kontakt und tiefes Interesse. Für die begleitenden Menschen ist es oft schwierig, mit den Trauernden umzugehen, da ihre eigene Trauer angerührt werden kann.

Bei Ärzten, Hebammen und Krankenschwestern bleibt oft ein Gefühl von Unvermögen, weil sie nicht in der Lage waren, das Leben des Kindes zu retten. Für sie ist es dann wichtig, über ihre Schuldgefühle zu reden und sich bewußt zu machen, daß sie alles in ihrer Macht Stehende getan haben.

Wichtig  ist es, daß die Eltern in einer liebevoll und würdevoll gestalteten Atmosphäre von ihrem Kind Abschied nehmen können – was leider nicht immer geschieht. Eine brennende Kerze im Raum und eine Blume können für die Eltern sehr viel bedeuten. Die Eltern, Geschwister, vielleicht auch Großeltern, andere Verwandte und Freunde brauchen viel Zeit, um von dem toten Kind Abschied zu nehmen, um es zu sehen, zu berühren und im wahrsten Sinn des Wortes zu begreifen.

Der perinatale Tod eines Kindes ist eine tiefgreifende Krisenerfahrung für die Eltern. Es ist wichtig für sie, ihre Trauer ausdrücken zu können, wie z. B. durch Weinen, Schreien, durch Sich-zurück-Ziehen, … .

Namensgebung und Erinnerungsstücke

Wichtig ist es auch, daß die Eltern gefragt werden, welchen Namen sie ihrem Kind gegeben haben. Die Namensgebung symbolisiert die Anerkennung des gestorbenen Kindes als Individuum. Mit dem Aussprechen des Namens kann oft auch der Tod des Kindes als ein Verlust benannt werden. Bedauerlich ist bislang bei Totgeburten, daß staatliche Urkunden das Kind ohne Namen lassen, es wird lediglich “Totgeburt männlich / weiblich” in die Urkunde eingetragen. Das zur Zeit geltende Personenstandsgesetz besagt:

Totgeborene Babys unter 500 g gelten als Fehlgeburten und werden standesamtlich nicht registriert. Totgeborene Babys über 500 g werden ins Sterbebuch eingetragen, erhalten jedoch keine Geburtsurkunde, keine Sterbeurkunde, nur eine Todesbescheinigung. Bis zum 30.06.1998 enthielt diese keine Namensangabe, nur den Vermerk, ob dieses Kind männlich oder weiblich war. Seit dem 01.07.1998 werden auch totgeborenen Kinder ins Geburtsbuch, und auf Antrag der Eltern mit Vornamen, eingetragen (Vgl. Merkblatt von RAin Lehmitz).

Hingewiesen werden soll in hier auch auf die Möglichkeit im Raum der katholischen Kirche, ein zumindest kirchliches offizielles Dokument zu bekommen, das die Existenz und auch den Namen des Kindes festhält und öffentlich würdigt. Ein Eintrag ins Sterbebuch der Pfarrei [beim jeweiligen Jahrgang des Sterbefalls als “Eintrag ohne laufende Nummer”] ist hier ohne Schwierigkeit  – auch noch viel später – möglich: Er kann Grundlage eines offiziellen Auszugs aus dem Sterbebuch sein, der vom Pfarrer mit Siegel und Unterschrift beglaubigt werden kann. (Information v. Msrg. Ludwig Röhrl, Matrikelamt München)

Beim frühen Tod eines Kindes gibt es wenige Gegenstände, die die Eltern an ihr verstorbenes Kind erinnern. Solche Erinnerungsgegenstände können eine große Hilfe für die Eltern sein, um den sonst unsichtbaren Tod des Kindes sichtbar werden zu lassen. In der Klinik könnte viel dazu beigetragen werden, daß die Eltern solche Symbole bekommen. Es kann eine Hilfe sein, Eltern zu fragen, ob sie ein Foto von ihrem Kind haben möchten (bzw. eines zu machen und aufzubewahren – für den Fall, daß Eltern später danach fragen). Es gibt noch andere Erinnerungsstücke, die den Eltern mitgegeben werden können, wie z. B. eine Haarlocke des Kindes, das Namensarmband oder ein Hand- und Fußabdruck.

Beerdigung und Grab — Orte der Trauer

Wichtig ist, daß Eltern Hilfen für die Gestaltung der Beerdigung erhalten. Nicht selten ist der Tod ihres Kindes, der erste, den sie im engeren Familienkreis erleben, so daß sie über die Gestaltungs- und Wahlmöglichkeiten bei einer Begräbnisfeier nicht informiert sind. Wichtig ist, die Geschwister zu fragen, ob sie an der der Beerdigung teilnehmen möchten.

Für die Eltern ist es hilfreich, wenn sie in passender Weise darauf hingewiesen werden, wie wichtig ein Grab als Ort der Trauer sein kann. Das Kind sollte möglichst nicht anonym bestattet werden.

Das Bedürfnis, den Ort zu kennen an dem das Kind begraben ist, wird von vielen Eltern benannt. Und diejenigen Eltern, deren Kind nicht bestattet wurde, suchen oft viele Jahre später nach einem Ort für ihre Trauer.

Einige Beispiele für positive Erfahrungen im Bereich “Orte der Trauer”:

Eltern in Braunschweig haben im Herbst 1993 eine Gedenkstätte für totgeborene Kinder gestaltet, die sie als einen “Ort zum Trauern und zum Abschiednehmen” sehen.

In Augsburg gibt es seit dem 28. September 1994 dank der “Initiative Kindergrab am Augsburger Hermanfriedhof” ein eigenes Grabfeld, das von der katholischen Gesamtkirchengemeinde zur Verfügung gestellt wurde, um die Bestattung von Kindern, die durch Fehlgeburt, Totgeburt oder frühes Sterben in der Neugeborenenzeit ums Leben kommen, zu ermöglichen. Auch wird hier in besonderer Weise auf individuelle Situationen eingegangen.

Die Stadt Kempten hat 1996 zwei Grabfelder für totgeborene Kinder bzw. gestorbene Frühgeburten .

Seit dem 1. April 1994 ist die Grenze des Geburtsgewichtes von totgeborenen Kindern, ab dem sie bestattet werden müssen, von 1000 g auf 500 g herabgesetzt worden. Dies bedeutet, daß viele Eltern nun ohne die bisher notwendige Überwindung von bürokratischen Hindernissen ihre Kinder beerdigen können. Auch Kinder, die weniger als 500 g wiegen, können bestattet werden, dazu bedarf es je nach Bundesland verschiedener Bescheinigungen.

In Bayern ist die gesetzliche Regelung [Gesetz zur Änderung des Bayerischen Bestattungsgesetzes vom 10. August 1994 – GVBl S.770] ebenso geändert worden, daß totgeborene Kind ohne Rücksicht auf ihr Gewicht bestattet werden können.

Hier zeigt sich aber oft, daß Eltern in ihrer Situation weder das Wissen um diese Regelung haben, noch die Kraft sie für ihr Kind – und auch für sich und ihre Trauer einzufordern.

Gezeiten der Trauer – Lernen zu trauern

Artikel aus Ratgeber Frau und Familie vom 27.10 S. 1570,

Wir lernen nicht, zu trauern, die Trauer zu akzeptieren und sie zu durchleben. Angesichts des Todes eines geliebten Menschen fühlen wir uns oft allein und unverstanden. Denn unsere Gesellschaft lehrt auch nicht mehr, mit Trauernden umzugehen. Trauer zu zeigen, ist uns zu Beginn, am Grab und noch eine unbestimmte Zeit danach erlaubt, aber dann sollen wir möglichst bald zur Tagesordnung übergehen. Der Tod eines Menschen, der doch zum Leben gehört wie die Rückseite zu einer Vorderseite, wird von der Medizin mit allen Kräften hinausgezögert und von unserer Umgebung als Thema so weit wie möglich gemieden. Mit dem Kranken schon vorher über seinen Tod zu sprechen, wird uns fast unmöglich gemacht — von ihm selbst oder von unserer Rücksichtnahme auf seine Gefühle. Nach seinem Ableben bleibt den Hinterbliebenen nur die private Stille, in der sie sich mit ihrem Schmerz auseinandersetzen können.

Weinen befreit

Tränen sind nicht nur Ausdruck aufgewühlter Gefühle. Sie können tatsächlich Seele und Körper von belastendem Stress befreien. Das hat eine biologische Grundlage. In der Tränenflüssigkeit sammeln sich Stresshormone (vor allem Proklaktin), die der Körper in solchen Momenten im Übermaß produziert, und die dann mit ihr ausgeschwemmt werden. Das tut dem ganzen Organismus gut und entlastet die Psyche von Druck und Schmerz. Schämen Sie sich also Ihrer Tränen nicht! Halten Sie sie nicht zurück! Sie helfen Ihnen, Ihre Trauer auf gesundem Wege zu durchleben. Das sei auch den Männern gesagt, denen schon in frühester Kindheit das Weinen aberzogen wurde. Frauen weinen im allgemeinen leichter als Männer. Aber das heißt nicht, dass eine Frau um einen Verstorbenen mehr oder tiefer trauert als ihr Mann. Wenn er es sich verbietet, seinen Tränen freien Lauf zu lassen, zahlt er nur seinen hohen Tribut an unsere gesellschaftliche Vorstellung von Männlichkeit. Aber auch Frauen fällt es heute immer schwerer, Tränen zu vergießen. Doch Kummer, der sich nicht äußern oder ausdrücken lässt, bleibt im Inneren, hat die Tendenz, sich festzusetzen, zerstörerisch nagend, bohrend. Solche inneren Wunden heilen schlecht, vernarben kaum.

Deshalb ist es notwendig, dass Trauernde sich bewusst ihrem Schmerz stellen – auf welche Weise auch immer. Denn unsere Gesellschaft bietet nur noch wenige Stützen. Das Trauer-jahr, früher eine Konvention, war nicht nur Pflicht, sondern auch Hilfe. Schon allein die schwarze Kleidung bot Schutz in der Öffentlichkeit. Heute wird von Trauernden verlangt, dass sie bald wieder “ganz die Alten” sind, “normal” arbeiten und leben. Aber wie lebt es sich nach dem Verlust eines geliebten Menschen normal? Die Antwort fällt für jeden Menschen anders aus. Trotzdem gibt es einige Gemeinsamkeiten von Reaktionen und Verhaltensweisen, die die Sterbensforscherin Elisabeth Kübler-Ross in ihren bekannten Büchern herausgearbeitet hat.

Verlust der Trauerkultur

von Diether Wolf von Goddenthrow “Mit dem Tod Leben”, S. 77 f.

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts veränderte der Tod eines Menschen die Lebenswelt der ihn umgebenden Gemeinschaft Sterben und Trauer verband Menschen miteinander Bewußtes gemeinsames Erleben des Sterbens eines Menschen bot Gelegenheit bereits im Vorfeld des Trauerfalls miteinander ins Gespräch zu kommen und Anteilnahme zu nehmen Anteilnahme ins Angesicht des Todes, das verband. Man nahm sich Zeit und hielt inne, die Hinterbliebenen waren weder alleingelassen, noch hatten sie das Gefühl, durch ihre Trauersituation in eine Außenseiterrolle, wie heutzutage häufig der Fall, gedrängt zu werden. Trauer gehörte zum Alltag wie das tägliche Brot. Trauerrituale etwa das Tragen schwarzer Kleidung, signalisierte der Umwelt offen, daß hier ein Trauerfall vorlag.

Doch seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Trauerkultur radikal gewandelt. Zwar spricht das “Handbuch der praktischen Theologie” noch vom “kirchlichen Trauermonopol”, doch muß festgestellt werden, daß beispielsweise in Hamburg nur noch rund die Hälfte der Sterbenden um eine kirchliche Beerdigung mit Pfarrer bittet. Bei einem Drittel der Beerdigungen erledigt das ein bezahlter Redner, für rund sieben Prozent findet Überhaupt keine Trauerfeier statt, man spricht in der Branche vom “einfachen Abtrag”. Auch die rapide Abkehr vom Grabstein (jeder fünfte verstorbene Hamburger verzichtet darauf) mag ein weiteres Indiz dafür sein, wie sehr die überlieferten Bräuche und Formen der Trauer zerstört wurden.

Trauerfeiern sind schon lange kein Muß mehr. Auch der Gedanke, ohne Feier beerdigt zu werden, fördert die Verdrängung des Todes. So gibt es in Berlin Pfarrer, die bis zu 27mal im Jahr zur Beerdigung gebeten werden und mit dem Sarg und den Trägern allein bleiben, da kein Angehöriger mehr kam. Der Tod ist in unserer Gesellschaft weithin einsam geworden. Auch der unüberhörbare Verlust bürgerlicher Traditionen hinsichtlich der Wahl kirchlicher oder klassischer Trauermusik kennzeichnet eine zunehmende Trivialisierung des Abschiednehmens. Anstelle einschlägiger Trauermusik von Albinoni bis Vivaldi oder uralter Choräle werden immer häufiger Titel gespielt wie “Gute Nacht Mutter”, “La Paloma‘. “Yesterday” oder “Junge, komm bald wieder”. Gesungen wird auf Trauerfeiern kaum mehr. Die Sozialbeerdigungen (hier zahlt die Stadt Hamburg einen ziegelsteingroßen Grabstein) werden mit der Streichung des Sterbegeldes noch zunehmen. Der Verlust einer Trauerkultur verstärkt die Verdrängung des Todes, solange nicht ein neues adäquates Netz gefunden wird, das die Hinterbliebenen auffängt, damit sie die Trauer wieder ertragen lernen, damit sie eben nicht aus Angst und falschverstandenem Schamgefühl einer Beerdigung fernbleiben.

Früher war das anders, wenn auch nicht unbedingt immer besser. Wer wollte Wertmaßstäbe der Trauer festlegen. Doch Trauer fand statt. Trauer hatte ihren festen Rahmen und ihre besonderen Riten. Menschen trafen sich bei der Beerdigung am Grabe. Die Hinterbliebenen wurden nicht alleingelassen, denn der Tod und die Trauer waren, zumindest im ländlichen Raum, ein öffentliches, ein gesellschaftliches Ereignis. Betroffen war nicht nur ein einzelner, die Gemeinschaft als Ganzes war berührt. Nur allmählich kehrte der Alltag wieder, nahm das Leben seinen gewohnten Verlauf. Die moderne Arbeitsgesellschaft, oftmals ihrer ursprünglichen Trauerriten verlustig geworden, entdeckt erst allmählich die Trauer wieder, wie beispielsweise die Hospizbewegung, die zahlreicher werdenden Trauerseminare und Trauerselbsthilfegruppen zeigen. Diese Entwicklung haben wir Menschen, ob unmittelbar betroffen oder nicht, sehr nötig, denn wir haben verlernt zu trauern. Wir wissen oftmals kaum, was Trauern ist, wie Trauer wirkt und welchen Sinn sie bat.

Sinn und Stationen unserer Trauer

Trauer ist eine psychophysische menschliche Reaktion auf Verlust. Da alles Wandlung ist, müssen wir ständig mit Verlusten leben. Den Abschied von der “Zeit” vollziehen wir in jedem Augenblick, in dem wir sind. Denn alles, was jetzt geschieht, ist im nächsten Augenblick schon wieder Vergangenheit. Unsere Erfahrung der Unwiederbringlichkeit ist permanent und zwingt uns, mit Verletzungen und Schmerzen fertig zu werden. Die Natur hat den Menschen so ausgestattet, daß er mit Verlustkummer fertig werden kann. Wir können dank unserer angeborenen Fähigkeit alle Verluste und Trennungen prinzipiell bewältigen. Doch der moderne Mensch hat sich die Fähigkeit zu trauern abtraniert, da es unschicklich, unpassend, unproduktiv oder einfach lästig erscheint, seinen Trennungskummer offen zu bekunden. Mit fortschreitender Technisierung passen wir uns den Computern und Maschinen an, die weder zu weinen noch zu trauern vermögen. Wir erfahren schon als Kind, daß es besser ist, Gefühle nicht zu zeigen (z.B.: ein Junge weint doch nicht!) die zu unseren Nachteilen ausgelegt werden könnten.

Unsere und Vergessensstrategien machen uns leblos. Immer auf der Hut vor “Entdeckung”, versuchen wir unsere Trauer zu betäuben mit Drogen, Alkohol, Nikotin, Fernsehen oder Arbeit. Wir laufen weg vor unserem Schmerz, vor uns selbst. schauspielern uns und anderen etwas vor oder versuchen unsere Trauer beim “Jogging rauszuschwitzen”‘ Wissenschaftler wie der Psychosomatiker Alexander Milscherlich und viele andere später entdeckten in den vergangenen Jahren, daß wir für unsere “Unfähigkeit zu trauern” (A. Mitscherlich) einen hohen Preis zu bezahlen haben: Wir werden krank, körperlich krank, aufgrund seelischer Verstümmelungen Die Zunahme von Herz- und Kreislaufleiden, von Rheuma und Krebs sind einige Symptome, deren Ursachen man in erheblichem Maße in unserer Unfähigkeit zu trauern vermutet. Die Wissenschaft blieb uns bis heute drängende Antworten schuldig.

Die Fähigkeit zu trauern, ist die Bereitschaft den Verlust- oder Trennungsreflex, den Schmerz, wahrzunehmen, zuzulassen und auszudrücken. Die Fähigkeit zu trauern ist den Prozeß der Loslösung bewußt mitzutragen und zu vollziehen. Nur durch das bewußte Annehmen der Trennung ist eine Befreiung möglich, lösen wir den Schmerz, erhalten wir uns unsere von der Natur gegebene Vitalität.

Wenn es durch einen so einschneidenden Verlust wie den Tod eines Menschen zu starken Äußerungen der Trauer kommt, schämen wir uns vor uns selbst, statt froh über unsere natürliche Reaktion zu sein, froh darüber zu sein, daß wir trotz aller Reizüberflutung und beinahe perfekten Verdrängungs- und Vergessenheitsstrategien doch noch in der Lage sind, Gefühle zu haben und somit die Chance, zu uns selbst und dadurch zu einem erfüllten, da bewußteren Leben zu gelangen.

Selbsthilfe aus dem “Trauer-Desaster”

Wir trauern halbherzig., nehmen uns nicht die Zeit, da wir ja die Erwartungen unserer Umwelt erfüllen wollen. Helfende Trauerrituale fehlen zudem. Also geraten wir rasch in einen Teufelskreis mißlingender Trauer, in eine Stimmungsspirale, in der sich immer wieder die gleichen Gedanken in grüblerischen, selbstzermürbenden Eigendialogen drehen, ohne daß wir uns von ihnen lösen könnten. Vielleicht sollten wir uns in solchen, scheinbar hoffnungslosen Situationen folgendes einmal vor Augen führen:

Die Natur hat den Menschen so ausgestattet, daß er Trauer empfinden und ertragen kann. Trauer ist eine natürliche Reaktion unseres Organismus auf als Verlust empfundene Trennungen, um das Gleichgewicht wiederherzustellen Trauer ist ein unverzichtbares psychophysisches Regulativ, um mit Verlusten fertig zu werden, um lebensfähig zu bleiben.

Trauer ist keine Krankheit. Sie ist nicht behandelbar. Deshalb kann es von außen keine medizinische Hilfe geben. Verdrängte Trauer kann aber krankmachen.

Trauer darf weder verdrängt oder betäubt werden, noch “heilt die Zeit die Wunden‘. Trauer muß durchschritten werden, um sie zu bewältigen. Gemeinsames Durchschreiten von Trauer in Selbsthilfegruppen oder bei Seminaren kann für eine konstruktive Trauerarbeit sehr hilfreich sein, da Betroffene sich gegenseitig unterstützen können, an ihren Schmerz heranzukommen und ihn zuzulassen. Trauer ist wertfrei, nie ist weder gut noch böse, sondern einfach lebensnotwendig, sofern sie nicht neurotisch entartet.

Trauer braucht Raum, Zeit, Wege und Mittel der Darstellung, das Gespräch, das Ritual, die Kunst, die Musik, das Schreiben oder anderes schöpferisches Tun, um an die Oberfläche zu kommen. Trauerarbeit geht einher mit einem hohen menschlichen Energiefluß. Jeder weiß, daß in Augenblicken der Trauer seine sonstige Leistungsfähigkeit beeinträchtigt ist., da die Energie zur Trauerbewältigung benötigt wird. Eine bewußte Bewältigung des Kummers kann kreative und schöpferische Talente zum Neuanfang freisetzen, da gezielte Trauer hilft, die verdrängungsbedingten blockierten und gebundenen Lebenskräfte zu entfesseln.

Die Trauer zulassen

Aus “Ja” zur Trauer, heißt “ja” zum Leben, Hrg. Sönke Kriebel

Die Trauer zulassen

Traurig zu sein, gehört zu unserem menschlichen Leben genauso wie glücklich zu sein. Trauer – das ist eine normale, ja, im besten Sinne des Wortes sogar eine “alltägliche” Lebenserfahrung.

Allerdings: Für jeden einzelnen, von Trauer bewegten Menschen ist diese tiefe seelischen Erschütterung alles andere als alltäglich. Vielmehr wird Trauer als Ausnahme- oder Grenzsituation erfahren; sie gilt als “anormale” in dem Sinne, daß sie den vermeintliche normalen Lebensrhythmus stört. Die Folge dieses Verständnisses von Trauer als einem unnatürlichen Störfaktor ist der Versuch, die mit der Trauer verbundenen ganz unterschiedlichen Gefühle so in den Griff zu bekommen, daß sie das “normale” Leben eben nicht allzu sehr behindert. Doch längst wissen wir, daß wir ein Recht auf Trauer haben: unterdrückte, verdrängte Trauer macht krank – seelisch und körperlich. Und noch mehr: Traue dar nicht nur, sie muß erlebt, durchlitten und meist auch gezeigt werden.

“Trauer zuzulassen”, bedeutet daher auch, einen sehr schweren – aber viel häufiger, als in der Regel wahrgenommen, vorkommenden – Lebensabschnitt positiv zu gestalten; positiv für das Überwinden dieser Phase und für die “ neue Zeit danach”. Was heißt “trauern” in diesem positiven Sinn? Die Trauer ist ein Schmerz, der immer dann empfunden wird, wenn Menschen einen Verlust erleiden: der Tod eines nahestehenden Angehörigen, eines Freundes löst einen solchen Trauerschmerz aus. Grundsätzlich aber tritt Trauer keineswegs ausschließlich im Zusammenhang mit dem Tod auf.

Die heilende Funkton der Trauer wird heute oftmals weitestgehend übersehen. In Gegenteil gilt gerade demjenigen die allgemeine Anerkennung, der sein Traurigkeit verbirgt: So erscheint es erstrebenswert, sich am offenen Grab “tapfer zu halten”, sprich : nicht oder zumindest nicht laut zu weinen oder zuklagen. Auch ein Hinterbliebener, der “gefaßt” auf die Todesnachricht reagiert, erregt Bewunderung. In der Tat kommt Außenstehende eine solch verhaltene Reaktion gelegen: Trauernde, die mit ihren Gefühlen hinter dem viel beschworenen Berg halten – das heißt: die nicht offen weinen, klagen aggressiv und ungerecht sind, die nicht t- manchmal bis zur Erschöpfung des Zuhörers – über den verlorenen Menschen sprechen, Erinnerungen aufwärmen usw. , Trauernde also, die noch im Ausname fall von der Rücksichtnahme auf ihre Mitwelt bestimmt sind, wirken auf ihre Umgebung zunächst angenehm und “unproblematisch”. Doch weder dem Betroffenen selbst noch den Angehörigen, Freunden oder Gekannte hilft diese “Beherrschung” auf Dauer wirklich.

In anderen Kulturen, vor allem früheren Zeiten, wußten die Menschen um die Gefahren verdrängter Trauer ebenso wie um die Heilkraft von Riten, in denen Empfindungen oder Trauer ihren vollen Ausdruck fanden:

Das Kulturgut Trauer: Von ganzen Herzen klagen dürfen

Die Geschichte der Trauer ist so alt wie die Menschheit selbst. Zeugnisse für die Pflege umfangreicher Trauerbräuche sind eindrucksvoll in den Tempeln und Gräbern des Alten Ägypten dargestellt oder etwa in den Schriften altgriechischer Philosophen und Dichter. Die über Jahrtausende gepflegte Tradition der totenklage und die sich seit Jahrhunderten bewährende “Institution” der Klageweiber unterstreicht die Bedeutung durchlebter oder besser gesagt: aus-, “heraus” gelebter Trauer. Allerdings setzt die quasi öffentliche Pflege von Zeremonien wie der Totenklage ein Verhältnis zum Tod voraus, das heute kaum mehr auffindbar ist: ein offenes Annehmen des Todes – als Bestandteil des Lebens nämlich.

Im Gegensatz dazu zählt der Tod heute vielfach zu den gesellschaftlichen Tabus, zu den Themen also, “über die man nicht spricht”.

In unser vermeintlich hoch entwickelten, zivilisierten Kultur prägen die Ablehnung des Todes und das Nichtwahr-haben-Wollen seine letztendlich immer siegenden Übermacht auf die Art und Weis des Trauern. Die medizinischen Mitte, die der Mensch einsetzt, um den Tod auszuweichen, sind immens. So hochentwickelt die Gesellschaft des 20 Jahrhunderts mithin auf anderen Gebieten sein mag. das Kulturgut Trauer ist ihr verlorengegangen. “Von ganzen Herzen klagen zu dürfen” ist daher leider kein allgemein anerkannter Ausdruck von Trauerfähigkeit, aber: “Von ganzem Herzen klagen zu dürfen” ist ein notwendige Voraussetzung für die Bewältigung einer enormen seelischen Erschütterung.

Predigt aus dem Gottesdienst Zwischenhalt „Abschiednehmen“

vom 19.11.2006 St. Paulus (Buchholz i.d.N.)

Abschiednehmen06
Pastorin Bürig

von Pastorin Christiane Bürig

Liebe Gemeinde,

das Leben besteht aus Abschieden. Ich denke zunächst an die vielen kleinen Abschiede im Alltag. Wie oft sagen wir Tschüß! Oder: bis Morgen!

Und es gehört auch mancher endgültige Abschied dazu, ich denke jetzt noch gar nicht an den Tod. Auch das Leben bringt endgültige Abschiede: Trennungen von Paaren, Freundschaften, die im Sande verlaufen, Nachbarn, die wegziehen. Für viele der älteren Generation der Abschied von der Heimat und ihren vielen Gesichtern durch die Flucht.

Das Leben besteht aus Abschieden.

Irgendwann ist es das erste Mal der Tod eines nahen Menschen.Irgendwann ist da unser eigener Tod, Abschied vom Leben auf diesem wunderschönen Planeten mit den Tautropfen auf dem Gras, dem Baumrauschen und den Menschen, die wir lieben.

Das Leben besteht aus Abschieden.

Pastorin Christiane Bürig

Daß der endgültige Abschied Tod in unserer Gesellschaft weggeschoben und an den Rand gedrängt wird, ist ein Phänomen, das oft besprochen wurde. Bestatter fahren in grauen Wagen, wir sprechen von „entschlafen“ oder „eingeschlafen“, gestorben wird im Krankenhaus, oft auch, wenn es die Situation überhaupt nicht erfordert hätte. Die Medizin hat den Tod soweit hinausgeschoben wie möglich, so weit, daß einem Angst und Bange werden kann und wir mit Patientenverfügungen reagieren. Die sollen sicherstellen, daß wir irgendwann dann auch mal sterben dürfen.

Der endgültige Abschied Tod wird an den Rand gedrängt. Wir sehen es auch daran, wie unsere Rituale um Sterben und Tod verdorrt sind. Die Bestattung im engsten Kreise – selbst da wo ein Verstorbener mitten im Leben stand… sollen Nachbarn, Freundeskreis, Kollegen keinen Abschied nehmen dürfen?

Die anonyme Bestattung – wir leben doch auch mit einem Namen, warum dürfen wir nicht mit einem Namen sterben? Angehörige, Bekannte werden des Ortes beraubt, an dem sie weinen, Zwiesprache halten oder einfach sich besinnen können.

Oder die Tatsache, daß viele Familien ihre Kinder nicht mit zur Beerdigung nehmen, obwohl die es gerne würden – noch nicht einmal zum Abschied von Großeltern, die sie doch lieb hatten. Auch ein Kind hat eine Recht aufs Abschiednehmen.

Der Tod verdrängt – wir sehen es auch daran, wieviel Wissen über Trauerprozesse verloren gegangen ist.

Wieviele Witwen haben mir erzählt, daß sie ihren Mann als anwesend fühlen, nicht sichtbar, aber wahrnehmbar anwesend in der Wohnung, wie ein Schatten jenseits des Blickfeldes – und jede dachte, jetzt wird sie verrückt. Dabei scheinen solche Erfahrungen zum Trauern dazu zu gehören. Oder daß wir immer vom „Trauerjahr“ sprechen, als sei es dann geschafft. Dabei scheinen Trauerwege eher eine Art Spirale zu sein, wo man immer wieder an die gleichen Punkte kommt: Weihnachten, Hochzeitstag, nach Jahren noch die gleiche Traurigkeit, nur daß sie im Laufe der Zeit schneller zu bewältigen ist.

Oder daß wir immernoch vom „loslassen“ reden. Niemand kann einen geliebten verstorbenen Menschen loslassen. Es muß sich nur die Art der Beziehung ändern zu einer verinnerlichten Form des Kontakts.

Der Tod verdrängt – wieviel Unsicherhiet das mitsichbringt: wie sollen wir Trauernden begegnen? Wie sollen wir Sterbenden begegnen? Aus Angst vor unseren Gefühlen, treten wir die Flucht an.

Uns fehlt eine Kultur des Sterbens und des Trauerns. Das Wissen früherer Zeiten ist verloren gegangen. Ein neues, in unserer Zeit passendes Wissen muß erst noch entwickelt werden.

Solange wir auf der Flucht sind, vergrößern wir das Leid. Das Leid der Betroffenen, und unser eigenes.

Eines müssen wir uns dabei klar machen: Es wird so tausend- und abertausendfach gestorben auf der Welt. Gewalt ist im Spiel und Hunger und Verwahrlosung, ungerechte Strukturen, verseuchtes Trinkwasser und Krieg… wie oft ist da überhaupt keine Gelegenheit, mal eine Hand zu halten. Wir haben zur Zeit in unserer Gesellschaft das große Glück, daß die Not nicht über uns zusammenbricht, sondern daß Spielraum da ist, daß wir die Möglichkeit haben, uns um Sterbeprozesse zu kümmern…Wir sollten diese historisch und global betrachtet glückliche Lage nutzen und es für die sterbenden Menschen gut machen!

Wie das aussehen kann – dafür hat die Hospizbewegung zwei zentrale Antworten. Denn was ist die größte Angst, wenn wir an unser Sterben denken?

Daß wir Schmerzen leiden müssen. Die Medizin kann Schmerzen inzwischen sehr, sehr gut und auf den Patienten zugeschnitten verhindern. Auf dieses Thema wurde sie von der Hospizbewegung angesetzt und hat große Erfolge erzielt.

Die zweitgrößte Angst ist: Einsam zu sterben. Auch darauf hat die Hospizbewegung eine Antwort, wenn entweder Sterbende Zuhause von ehrenamtlichen Sterbebegleitern aufgesucht werden oder wenn sterbenden Menschen in einem Hospiz begleitet werden.

Für mich ist die Hospizbewegung schon eine Antwort auf die Tabuisierung des Todes in der Gesellschaft und eine Trendwende.

Wir fangen an, wieder dahin zu schauen.

Ein Hospiz ist mehr als ein Ort zum Sterben. Es ist ein Zentrum, das sein Wissen und seine Erfahrungen ausstrahlt. Die Angehörigen, deren sterbender Mensch im Hospiz lebt, werden zugleich entlastet – was die Pflege angeht – und herangeführt – was die Begleitung angeht. Ein Lern – und Erfahrungszentrum zum Thema Abschied nehmen. Nach und nach können immer mehr Menschen von der Tabuisierung und Überforderung zu einer Kultur des Sterbens und des Trauerns finden. Zu einer Kultur des Abschieds.

Und indem wir tiefer dahineinschauen, stellen wir plötzlich fest: Indem wir mehr über den Tod und den Abschied und das Trauern lernen, lernen wir mehr über das Leben!

Am besten kann ich das an einer eigenen Erfahrung zeigen. Der Tod gehört nämlich immer mit in  mein Leben. Mein Vater starb relativ früh – und in meinem Beruf geht es ja jede Woche um Trauern und Abschied. Und ich dachte eine ganze Zeit, daß ich damit ganz gut versöhnt sei. Bis ich einen 34-Jährigen zu beerdigen hatte. Und ich war da gerade 34. Das war etwas anderes. Und ich dachte: O.K., jeden Tag, den ich ab jetzt habe, habe ich mehr als er. Was mache ich denn damit? Und plötzlich war mir klar: Tod und Leben gehören zusammen, nicht nur so, daß der Tod eben das Leben begrenzt, sondern so, daß er es intensiviert, Vertieft. Überhaupt als wertschätzendes Leben ermöglicht.

Erst wenn ich die Grenze anerkenne und fühle, kann ich fragen, was innerhalb dieser Grenzen geschehen soll. Qualität des Lebens! Und dann auch des Sterbeprozesses. Vielleicht gerät die Frage nach der Länge des Lebens sogar in den Hintergrund angesichts der Frage nach der Qualität. Im Hospiz jedenfalls geht es nur noch um diese Qualität. Leben ganz im Jetzt, wo man über die Zukunft und die Länge nichts Hoffnungsvolles mehr sagen kann.

Insofern ist das Hospiz nicht nur ein Modell für das Sterben, sondern auch ein Modell für das Leben. Intensiv. Im Jetzt. Ehrlich. Verbunden mit den Gefühlen.

Das Leben besteht aus Abschieden. Trotzdem den Tod verdrängen? Das hat sich nicht bewährt. Weder für Sterbende, noch für Trauernde. Noch für das Leben mit seiner Qualität selbst. So fangen viele Menschen langsam wieder an, sich den Gefühlen zu stellen. Und machen die Entdeckung, daß das Hinschauen, das Nichtfliehen, daß das bereichert.

Wie in unserer Geschichte. Nur wenn wir die Traurigkeit, den Schmerz wirklich fühlen, geht es weiter. Das hilft. Das verbindet mit anderen. Das vertieft. Das läßt uns das Leben wertschätzen. Nur durch die Traurigkeit, den Schmerz hindurch geht es weiter, nicht daran vorbei. Es ist wie wenn wir durch die Traurigkeit hindurchtauchen, oder wie wenn wir den Schmerz austrinken… Der Traurigkeit ins Auge schauen – dann entsteht neue Hoffnung. Dann entsteht neue Daseinsfreude. Dann entsteht Qualität im Leben.

Das Leben besteht aus Abschieden. Was über diese Gedanken vom Glauben her hinaus noch zum Thema Abschied zu sagen ist, bringt das nächste Lied wunderbar zum Ausdruck, wie ich finde.

Starksein

E s wird Euch bestimmt auch schon passiert sein: Wenn Ihr erzählt, daß Ihr ein Kind – in der Schwangerschaft, während oder kurz nach der Geburt – verloren habt, plötzlich andere Frauen Tränen in die Augen schießen, sie weinen und sagen, ja ich habe auch ein Kind verloren. Frauen, die es sonst nie sagen würden, die aus einer Generation kommen, wo man niemals darüber spricht. Ich mußte erst meinen Sohn verlieren, um von meiner eigenen Mutter zu erfahren, daß ich noch einen weiteren großen Bruder habe, der irgendwann 1954 gestorben war. Mein Mutter weiß weder genau wann, noch in welcher Woche sie damals schwanger war. Nach ihren Erzählungen schätze ich so zwischen der 16. und 20. SSW. Weder ihre Eltern, noch ihre Geschwister wußten etwas davon. Als sie damals aus dem Krankenhaus kam, hatte sie einfach so getan, als wenn nichts gewesen wäre und genau dies verlangte sie offenbar auch von mir. Sie kam, wie die meisten, überhaupt nicht damit zurecht, daß ich so offen trauerte. Sie erwartete, daß ich mich so verhielt, wie sei es gelernt hatte: Sich zusammenzureißen, und wenn schon weinen, dann zu Hause, ganz allein für sich. Eben in ihren Augen “starksein”.

Zum Thema “starksein” gefällt mir ein Gedicht von Sascha Wagner, einer verwaisten Mutter, besonders.

Über das “Stark-Sein”

Viele Menschen sind überzeugt davon,
das stark und tapfer sein
bedeutet, an “etwas Anderes” zu denken,
nicht über Trauer zu sprechen.

Aber wir wisse – nicht wahr –
Daß ehrlich stark-und-tapfer-sein
Bedeutet,
an das Geschehene zu denken,
über das Geschehene zu sprechen,
bis unsere Trauer beginnt,
erträglich zu werden.

Das ist wirkliche Stärke.
Das ist wirklicher Mut.
Und nur so will
Stark-und-tapfer-sein
Uns zu Heilung tragen.

Natürlich, dieses gewünschte Verhalten ist für alle anderen am bequemsten: Sie werden nicht belästigt, es ist einfach, man schweigt über das Geschehene. Insbesondere läuft man dabei nicht Gefahr gefühlsmäßig mit einbezogen zu werden. Da unsere Gesellschaft ja verlernt hat, mit dem Tod, Sterben und insbesondere mit der eigenen Vergänglichkeit zu leben, haben viele ihre eigenen Trauer um den Verlust eines Menschen – sei es der Vater, Mutter oder Großeltern, einfach irgendwo weggesteckt und durch unsere Trauer könnte dies wieder hochgespült werden. Wir mit unserer offenen Trauer, die bereit sind, den mühsamen, aber lohenden Weg zu gehen, gefährden andere, die ihn nicht gegangen sind.

Mehrfach habe ich es erlebt, daß verwaiste Mütter, deren Kind schon vielen Jahren tot ist und die selbst sagten, sie seien darüber schnell hinweggekommen, plötzlich anfingen zu weinen, was ihnen sehr unangenehm war.

So wie es Sascha Wagner in ihren Gedicht beschreibt, meine auch ich, daß wir, die den Weg der Trauer gehen, und wissen, daß dies ein langer, dunkler und mühsamer Weg ist, mutig sind und Stärke zeigen.

Wer hat sie nicht erlebt, die Ausgrenzung, die Einsamkeit? Plötzlich waren alle weg – wie eine Explosion. Ursula Goldman-Posch schreibt hierzu in ihrem Buch “Wenn Mütter trauern”: “Das Unverständnis von Verwandten und Freunden sowie die mangelnden Kommunikationsmöglichkeiten mit den behandelnden Ärzten, die sie – wie mehrere Mütter formulierten – nach dem Babytod fast wie Aussätzige mieden, machen diese Trauer zum verschämten Schmerz innerhalb der eignen vier Wände.”

Und wenn man dann tatsächlich noch zeigte, daß man trauerte und sogar versuchte, von seinem Sohn zu erzählen, dann wurde die Einsamkeit noch größer. Es ist schon eigenartig, von meinem Vater, der vor 10 Jahren gestorben ist, darf ich erzählen – es gibt so viele schöne Geschichten von ihm zu erzählen und es ist einfach schön, sie zu erzählen oder zu hören, daß auch mein Bruder die gleichen Geschichten von ihm erzählt – , aber wenn ich anfange von meiner ersten Schwangerschaft zu erzählen, dann wird plötzlich das Thema gewechselt oder ich werde mit entsetzen Augen angesehen. Von Tobias direkt zu erzählen, habe ich bereits in meiner Familie aufgegeben. Für sie existiert er gar nicht. Selbst die wenigen Erinnerungen, die wir haben, dürfen wir mit niemanden teilen.

Wahrscheinlich ist genau dies der Grund, warum wir Eltern, die ihr Baby verloren haben, so viel im Internet vertreten sind, warum gerade für unsere Kinder so viele Seiten gestaltet wurden, gerade wir das Bedürfnis haben, ein Raum für unserer Trauer zu finden und natürlich an dieser Situation etwas ändern wollen.

Dabei hat sich – jedenfalls in vielen Krankenhäusern – bereits einiges getan, wenn man dies mit der Situation vor vielleicht 10 Jahren vergleicht. Ich wußte zwar sofort, daß ich meinen Sohn nicht nur sehen, sondern auch in den Arm nehmen wollte, doch vor Jahren, hätte man mir dies sicherlich versucht auszureden. Seitdem ich die Arbeit der “Verwaisten Eltern” kennengelernt habe, bin ich dankbar, daß sich hier zumindest schon etwas in Bewegung gesetzt hat. Damit es weiter Vorwärts geht und ich auch etwas von dem, was ich bekommen habe zurück geben kann, bin ich dort Mitglied geworden und auch aktiv tätig. Ich würde mich sehr  freuen, wenn ich auch andere überzeugen kann, die Verwaisten Eltern zu unterstützen. Die “Verwaisten Eltern” helfen nicht nur Betroffenen durch Begleitung, Beratung, Information Trauerseminaren, und Kontaktvermittlungen untereinander, sondern informieren involvierte Berufsgruppen wie Ärzte, Hebammen usw. durch beispielsweise Seminare. Darüber hinaus versuchen sie, durch Öffentlichkeitsarbeit aufzuklären. Auf der Seite des  Verwaisten Eltern in Deutschland e.V. (www.veid.de) findet Ihr nähere Informationen sowie die Möglichkeit, ganz einfach Mitglied zu werden.

© Pirko Lehmitz

Versteht denn keiner unsere Trauer?

Doch!

Artikel aus der Eltern August 2000

von Anke Willers

Jedes Jahr verlieren in Deutschland mehr als 85000 Frauen in der Schwangerschaft ihr Kind. Dennoch spricht kaum jemand darüber – höchste Zeit, dies zu ändern!

Angefangen hat alles mit einem Leserbrief in der März-Auseltern.jpggabe von Eltern. Eine junge Frau schrieb, es hab in der 21. Schwangerschaftswoche eine Fehlgeburt gehabt und sich bis heute nicht davon erholt:

“Alle meinen, ich müsste jetzt, nach zwei Monaten, schon über alles hinweg sein. Keiner begreift, dass dieses Kind für mich und meinen Mann schon ganz real war: Ich hatte es fünf Monate in meinem Bauch, ich habe es auf dem Ultraschall gesehen, ich spürte auch bereits erste Kindsbewegungen: Und ich wünsche mir, dass man meine Trauer respektiert.”

Das Echo auf diesen Brief war überwältigend. Die Redaktion erreichten fast 200 Briefe, für die wir uns ganz herzlich bedanken. 200 Briefe, in denen Mütter von ihren Fehl- und Totgeburten berichten, die sie in der achten , zwanzigsten oder 39. Schwangerschaftswoche erleben mussten. 200 Briefe, in denen es vor allem um eines geht: um den schwierige Prozess des Abschiednehmens.

Glaubt man der Statistik, so endet jede vierte bis fünfte Schwangerschaft mit einer Fehlgeburt in den ersten Schwangerschaftsmonaten. Später, wenn das Baby mit einem Gewischt von über 500 Gramm bereits lebensfähig wäre, wird noch etwas jedes 130. Kind tot geboren. Manchmal sind Infektionen daran schuld, genetische Schäden, eine Plazentastörung oder Nabelschnurkompliktaionen. Oft werden die medizinischen Gründe nie geklärt. Hinter den Zahlen und medizinischen Fakten verborgen bleibt meist auch die persönliche Katastrophe, die der frühe Tod eines Kindes für die Eltern bedeutet.

“Der Tod eines Kindes in der Schwangerschaft ist immer noch ein Tabu”, schreibt Silke, 29, aus Bremerhaven. “Weil das Kind noch nicht richtig sichtbar war, ist es für die Umwelt offenbar auch nicht du gewesen. Also gibt es auch keinen Grund, traurig au sein.” Tatsächlich beschreiben fast alle Mütter in ihren Briefen. dass es ihnen nach einer Fehl- oder Totgeburt zwar körperlich bald wieder gut ging. dass aber die Seele Monate. manchmal sogar Jahre brauchte, um sich zu erholen.

Wenn wir mit dem Tod unseres Babys konfrontiert werden, werden wir von einen Sekunde auf die andere in Trauer hineinkatapultiert. Wie tauchen dabei in ein unbekanntes Land ein mit gewaltigen. bisher fremden Gefühlen. Die Reise durch dieses Land wird eine lange Reise sein”. schreibt Hannah Lothrop in ihrem Buch “Gute Hoffnung-Jähes Ende‘ (Kösel. 38 Mark).

Die meisten Betroffenen erleben auf ihrer Trauerreise verschiedene Stationen. Zuerst ist da der Schock, die Verleugnung: Das Baby ist tot? Nein. das darf, das kann nicht sein. Begreift das Bewußtsein schließlich, was wirklich passiert ist, werden viele Eltern überrollt von Gefühlen der Verzweiflung, der Hoffnungslosigkeit und auch der Schuld. Diese Phase kann viele Monate dauern.

“Ich war in den Wochen nach der Fehlgeburt wie ferngesteuert”, schreibt Katja, 53 aus Paderborn. “Immer wieder habe ich mich gefragt, warum das passiert ist: War es der Sekt an Silvester, war es die Abtreibung vor sieben Jahren, für die ich nun bestraft werde? ‘Warum hat mein Körper mich im Stich gelassen? Warum ist mein Kind dort gestorben, wo es am sichersten sein sollte: In meinem Schoß?”

Gedanken wie diese sind quälend. Und doch sind sie wichtig: “Es gehört Mut dazu, sich seinen schmerzhaften Gefühlen zu stellen und sie zu verarbeiten. Doch wenn wir dies nicht tun, entsteht das Gegenteil, nämlich Angst — ja sogar richtige Lebensangst”, schreibt Hannah Lothrop.

Anders gesagt: Gefühle der Verzweiflung. der Hoffnungslosigkeit, der Wut sind gesunde Reaktionen der Seele auf ein schlimmes Ereignis. Drückt man diese Gefühle weg,. kann die glücklose Schwangerschaft zu einem lebenslangen Trauma werden. Lässt man sich jedoch auf sie ein, werden sie irgendwann schwächer, positive Erinnerungen an die Schwangerschaft werden möglich, und die Psyche beginnt sich zu stabilisieren.

Wie lange diese Reise durch den dunklen Trauertunnel dauert. lässt sich nicht vorhersagen. Denn jeder Mensch hat dabei ein anderes Tempo: Eine junge Muttee, die bereits ein Kind hat, wird möglicherweise schneller wieder Mut schöpfen, als eine 38-Jährige. die ihr erstes Baby nach einer Hormonbehandlung erwartete. Oder als eine Frau, die ihre Schwangerschaft am Anfang sehe zwiespältig erlebt hat und die nun nach dem Verlust des Kindes unter starken Schuldgefühlen leidet.

Entscheidend ist auch, ob und wie mitfühlend der Partner und die Umwelt reagieren. Und ob die Betroffenen die Möglichkeit haben, sich wirklich von ihrem Baby und dem damit verbundenen Lebensentwurf zu verabschieden.

Zu diesem Abschied gehört vor allem, dass von dem Kind etwas bleiben darf, Zeichen, die zeigen, dass es da war: ein Name. ein Ultraschallbild, ein paar Söckchen im Wäscheschrank.

“Ich musste mein Kind in der 34. Woche tot gebären”, schreibt Manuela, 27, aus Pforzheim. “Aber ich hatte das Glück, in einer Klinik betreut zu werden, in der man mit solchen Katastrophen Erfahrung hatte. Man überzeugte mich nicht nur davon, dass eine normale Geburt besser sei als ein Kaiserschnitt mit Vollnarkose, sondern ermutigte mich auch, mir mein Kind anzuschauen, es zu baden, zu fotografieren. Heute hin ich sehr froh, dass ich diese Stunden mit meinem Baby hatte. Viele Eltern denken, wenn sie ihr Kind gar nicht erst sehen, ist auch der Abschied leichter. Aber das stimmt nicht: Man kann ein Kind nur verabschieden, wenn man es begrüßt hat.”

Dass zu einem würdigen Abschied Trauerrituale gehören, hat inzwischen auch der Gesetzgeber erkannt: Seit dem 1.7.98 können in Deutschland Totgeborene, die mindestens 500 Gramm wiegen, mit Vor- und Zunamen ins Familienstammbuch eingetragen werden. Meist ist auch eine individuelle Bestattung möglich —  allerdings variieren die Bestattungsgesetze je nach Bundesland. Und vor allein bei sehr kleinen Babys werden den Betroffenen bei ihrem Wunsch, das Kind zu begraben, immer noch Steine in den Weg gelegt.

“Ich konnte es nicht ertragen, dass ich noch der Ausschabung nichts mehr von unserem Sohn halte”, schreibt Martina, 26, die ihr Kind in der 18. Woche verlor. “Nicht mal ein anonymes Sammelbegräbnis hat man uns ermöglicht. Dabei braucht man doch einen Ort, zu dem man seine Trauer hintragen kann. Wir haben deshalb ein Bäumchen im Garten gepflanzt.” Neben solchen Ritualen gegen das Vergessen, spielt auch das Gespräch in der Zeit nach der Fehl- oder Totgeburt eine große Rolle. Leider erleben viele Betroffene, dass Freunde und Bekannte ihren Schmerz nicht verstehen:

“Oft bekam ich zu hören: Das war sicher bes. ser so, vielleicht wäre es sonst behindert gewesen‘, schreibt Ursula, 29, aus Brühl. “Viele sagten auch: “Du bist ja noch jung, du kannst noch viele Kinder kriegen.‘ Damit konnte ich überhaupt nichts anfangen. Ich wollte ja nicht viele Kinder irgendwann, sondern ich wollte dieses eine.”

Zwar sind solche Sprüche meist nicht böse gemeint. sondern eher ein Zeichen der Hilflosigkeit (mehr dazu im Interview nebenan), auf die Betroffenen wirken sie jedoch taktlos und verletzend. Viele Frauen empfinden es auch als großen Widerspruch, dass alle Welt von ihnen Jubel erwartet, wenn der Schwangerschaftstest positiv ist, ihnen aber gleichzeitig die Trauer abgesprochen wird, wenn sie das Kind Monate später verlieren. Eine gute Alternative kann es deshalb sein, sich auf die Suche such Gleichgesinnten zu machen.

“Ich habe mich. in den Monaten noch meiner zweiten Fehlgeburt einer Selbsthilfegruppe angeschlossen”, schreibt Elke, 36, aus Passau. “Dort konnte ich nicht nur weinen und traurig sein, ohne etwas erklären zu müssen. Ich habe auch gelernt, mit meinen Schuldgefühlen umzugehen, die mich sehr belastet haben. }Heute weiß ich: Eine glücklose Schwangerschaft ist keine Frage der Schuld, sondern fast immer ein schicksalhaftes Ereignis.”

Für viele Eltern ist gerade diese Schicksalhaftigkeit schwer zu akzeptieren. Denn wir leben in einer Welt, in der wir lernen, dass fast alles machbar ist, wenn wir uns nur genug anstrengen. Dass das Wissen um die Unbeeinflussbarkeit eines Ereignisses jedoch manchmal auch eine große Entlastung bei dem schweren Weg durch die Trauer sein kann. beschreibt Ulrike, 34, aus Dinkelsbühl: “Eine Bekannte sagte zu mir: Kinder kommen und gehen, wann sie wollen, egal, wie alt sie sind. Dieses Kind war noch nicht bereit für ein Leben mit euch. Und da wurde mir klar: Man kann ein Kind verlieren, das drei Monate oder 30 Jahre alt ist. Im günstigsten Fall zieht es irgendwann aus und man trifft es oft wieder. Im

Eine Fehlgeburt ist keine Frage der Schuld

schlechtesten Fall verliert man es früh und hat nur die Erinnerung. Dieser Gedanke, dass ich das Kind irgendwann hatte ohnehin gehen lassen müssen, hat mich sehr getröstet.”

Trost, Verständnis, das Gefühl, den Schmerz nicht leugnen zu müssen – all dies macht die Trauer erträglicher. Viele Betroffene beschreiben auch, dass eine neue Schwangerschaft viel zur Heilung ihrer Seele beigetragen hat – allerdings nur dann, wenn diese Schwangerschaft nicht zu schnell folgte. Denn auch wenn sich der Zyklus bei vielen Frauen bald wieder eingependelt hat — oft ist die Gefahr groß dass die Trauer um das verlorene Kind denn noch nicht verarbeitet ist.

“Als ich ein halben Jahr nach meiner Totgeburt wieder schwanger wurde, war Ich zunächst sehr ängstlich. Auch hatte ich fast das Gefühl, ich wurde mein totes Kind verraten”, schreibt die 31-jähirge Maria aus Fürth. “Dann aber habe ich gespürt: Dieses neue Kind kann kommen, ohne ein Ersatz für das zu nein, was wir verloren haben. Heute Ist mein Sohn 14 Monate alt. Doch in meinem Herzen habe ich zwei Kinder. Und das wird immer so bleiben.”

Anke Willers

Der Tod am Anfang des Lebens führt ein Schattendasein

Ursula Goldmann-Posch aus “Wenn Mütter trauern”, S. 62 ff.

Der Tod am Anfang des Lebens führt ein Schattendasein im Ansehen unserer Gesellschaft.

Wenn vom Tod eines Kindes die Rede ist, gilt die Aufmerksamkeit und das Mitgefühl meist jenen Eltern, die ihr Kind durch Krankheit WennMutteroder durch einen Unfall verloren haben.

Von den rund 4.5000 Kinder, die jedes Jahr in der Bundesrepublik während er erste Wochen oder in den erste Stunden nach der Geburt sterben, von den rund 2.500 Kindern, die tot zur Welt kommen, von den schätzungsweise 450.000 Frauen, die eine Fehlgeburt erleiden, spricht kaum jemand.

Der Tod im Mutterleib und das Sterben nach den ersten Atemzügen werden meist totgeschwiegen, als Fehlleistung der Natur abgetan, auf ein Mißgeschick reduziert, das jederzeit durch eine neue Schwangerschaft wieder wettgemacht werden kann. Daß Frauen Föten, Embryos und Totgeborene genauso betrauern wie andere Kinder auch, wird nicht wahrgenommen.

Die moderne, fortschrittliche medizinische Versorgung in Deutschlands Geburtskliniken steht oft in krassem Widerspruch zur seelischen Begleitung, die Eltern von fehl-, früh- oder totgeborenen Kindern erfahren (bzw. nicht erfahren). Die Entbindung des Todes ist für viele Ärzte und Hebammen ein narzißtische Kränkung, die schnell wieder ungeschehen gemacht werden soll.

Viele Frauen – vor allem Mütter mit Fehl- und Totgeburten – machen sich zunächst zu Komplizen der Todesverleugnung in den Klinken. Sie fühlen sich schuldbewußt, weil sie als Trägerinnen des Lebens versagt haben. sie sind fügsam und stellen keine Fragen. Sie wollen schnell und möglichst schmerzlos den Tod im eigenen Leib loswerden, um ihn zu vergessen.

Die quälenden Fragen, die Sebstvorwürfe, die Schuldgefühle, die Trauer kommen erst später, zu einem Zeitpunkt, wo es meist zu spät ist.

Was war mit meinem Kind? Was ist mit ihm geschehen? Liegt es auf dem Klinikmüll? Ist es in der Pathologie? Den Variationen der Alpträume um einen Tod am Anfang des Lebens sind keine Grenzen gesetzt.

In einer Zeit, in der gerne vom “Schutz und von der Würde des ungeborenen Lebens” die Rede ist, bilden trauerfeindliche Bestattungsgesetze einen krassen Gegensatz. Wenn Frauen nach einer glücklosen Schwangerschaft rechtzeitig zum Fragen ermutigt werden, wenn Frauen auch diesen verlorenen Kindern einen eigenen Grabplatz geben dürften, können sie ihre gestorbenen Hoffnung besser betrauern und begraben.