Meine Rituale

Vor dem Tod von Tobias,  habe ich sie belächelt, die Rituale, als Überbleibsel, altmodisch und nicht mehr zeitgemäß.

Aber nach seinem Tod, habe ich sie entdeckt. Sie waren für mich die Tür, die mich wieder ins Leben führte, etwas an das ich mich halten konnte, wenigstens etwTobistern34as, was wieder etwas Struktur in mein Leben brachte.

Ein Ritual haben wir vom Trauerseminar mitgenommen, es war, so glaube ich, das erste: Bei jedem gemeinsamen Essen von Kai und mir oder wenn wir einfach beisammen saßen, zündeten wir Tobias‘ Stern an. So war er auch sichtbar immer bei uns. An diesem Ritual habe ich auch gelernt, daß sie sich verändern können, denn heute zünden wir den Stern noch oft, aber nicht mehr immer an. Aber die besondere Bedeutung hat er auch weiterhin für uns.

Ein weiteres Ritual ist erst nach der Geburt unseres zweiten Sohnes entstanden. Ich habe für Pascal ein Mobile aus Holz gebastelt, bestehend aus Schmetterlingen. Jeden Abend, wenn wir Pascal ins Bett bringen pusten wir, inzwischen pustet auch Pascal ganz eifrig mit, und ich bitte dann immer Tobias schön auf Pascal aufzupassen, wenn er schläft.

Für Tobias habe ich eine Kerze im Taufgottesdienst angezündet

Heute hatte ich mal wieder die Gelegenheit, in unserer Gemeinde im Gottesdienst anläßlich einer Kollekte für die Verwaisten Eltern etwas zu erzählen. Ich habe das bereits zwei mal gemacht und nutze es immer, um auf die besondere Problematik aufmerksam zu machen. Da heute auch zwei Kinder getauft wurden, habe ich mir einen Wunsch erfüllt, den ich schon lange hatte: Ich habe heute im Gottesdienst an der Osterkerze eine Kerze für Tobias angezündet und dazu das folgenden erzählt:Tobiaskerzealtar

Taufen sind immer etwas ganz besonderes für mich. Auch unsere beiden jüngsten Jungs sind hier in der Gemeinde im Gottesdienst getauft worden. Unser erster Sohn Tobias ist leider nicht getauft worden. Er konnte nicht getauft werden, da er bei der Geburt gestorben ist.

Leider habe ich im Krankenhaus keine Betreuung erfahren, sonst hätte man mir gesagt, daß ein Pastor ihn zumindest hätte segnen können, was mir damals und heute sehr viel bedeutet hätte. Aber damals vor 5 Jahren haben allen um mich herum nur geschwiegen und so getan, als wäre nichts geschehen. Damit sich hier etwas ändert und Gott sei Dank hat sich hier schon vieles verbessert, bin ich inzwischen bei den Verwaisten Eltern aktiv, die nicht nur Betroffen betreuen, sondern auch involvierte Berufsgruppen wie z.B: Hebammen, Ärzte und Rettungssanitäter informieren und schulen. Damit diese Arbeit weitergeführt werden kann, möchte ich Sie um diese Kollekte bitten, denn es ist für unseren Verein, der sich ausschließlich aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden finanziert sehr schwer private Spender oder gar Sponsoren zu bekommen.

Einige werden sich sicherlich schon gewundert haben, daß auf dem Altar drei Kerzen stehen, obwohl wir ja nur zwei Täuflinge heute haben, aber jedes Jahr, wenn wir am Tauftag unsere jüngsten Söhne, ihre Taufkerzen anzünden, dann merke ich wieder, wie etwas fehlt… Die Taufe oder den Segen nachholen das kann ich nicht mehr, aber ich möchte aus diesem Grund heute eine Kerze für Tobias hier an der Osterkerze entzünden, so wie die Taufkerzen von Pascal und Gideon hier zum ersten Mal entzündet wurden, damit am nächsten Tauftag auch eine dritte Kerze für Tobias brennt.

Dann zündete ich die selbstgemachte und mit seinen Namen verziert Kerze an und ging auf meinen Platz zurück. Es war außerdem wieder mal so schön, die Gelegenheit zu nutzen und ganz offiziell den Namen von Tobias auszusprechen. Eigentlich etwas selbstverständliches, aber wie viele andere verwaiste Eltern es auch kennen, insbesondre diejenigen Eltern, die ein Kind still geboren haben, werden die Namen immer totgeschwiegen.

© Pirko Lehmitz, www.Stillgeboren.de 25.05.2003

“In einem Krug hebst du meine Tränen bei dir auf; und zeichnest sie auf in deinem Buch des Lebens.”

GedenkGottesdienst für verstorbene Kinder:Töchter und Söhne, Geschwister und Enkel

8. Dezember 2001, 16 Uhr
Ev. Gemeindezentrum Kradepohl, Bergisch Gladbach-Gronau

Eingangsvotum

Wir sind hier zusammen gekommen mit ganz unterschiedlichen Vorstellungen, als Hadernde und Zuversichtliche, als Zweifelnde und Glaubende, als Menschen, die im Glauben leben, und als solche, denen der Glaube schwindet oder gar verloren gegangen ist.
Verschieden sind wir, und doch gibt es eins, was uns verbindet: die Trauer um Töchter und Söhne, Brüder und Schwestern, Enkel, Patenkinder, Neffen, Nichten, Freunde.
So wie wir sind, sind wir eingeladen, vor Gott zu treten. Denn vor Gott dürfen wir gerade auch mit unser Trauer sein. In Seinem Namen dürfen wir hier sein, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Klage/Klagepsalm

1. Hinführende Gedanken zum Klagen
Menschen, die inne halten vor Gott, beschreiten einen Weg, machen sich auf den Weg. Auf diesem Weg gibt es verschiedene Stationen. Eine Station ist immer auch die der Klage. Für uns Menschen ist es lebenswichtig, dass wir klagen dürfen.
Denn: Klagen befreit. Es hilft, Versteinertes, Verhärtetes zu lösen – es zum Fliessen zu bringen. Klagen hilft, zu verwandeln und neue Lebenswege zu öffnen.
So wollen auch wir unsere Klage vor bringen, ihm sagen – in Worten und in der Stille –, was uns entsetzt und schmerzt, was uns zweifeln und verzweifeln lässt was uns wütend und sprachlos macht.

2. Klagen – (Elke Sonnenberg)
Gott, ich klage dir meinen Zustand. Ich rede von dir und fühle mich dennoch verlassen. Ich möchte dir vertrauen und ängstige mich dennoch.
Was ist geschehen?!? Weisst du was das bedeutet, dass da ein Kind – eine Schwester, ein Bruder, ein Mensch – nicht mehr da ist? Siehst du das?!? So vieles – ja manchmal habe ich das Empfinden – alles ist aus dem Rhythmus gekommen. Ich lebe im Chaos. Das macht mir Angst und verstört mich zutiefst.

So rede ich zu dir, Gott, und weiss doch nicht, ob du mich hörst.

Einsamkeit umgibt mich. Es ist so still um mich herum und so manches Mal reisst mich das Nichts in seinen Strudel. Ich stürze und weiss nicht wohin. Das zermürbt. Das macht müde und kraftlos. Das klage ich dir, Gott.

Gott, so gerne möchte ich glauben, dass du da bist als mein Wegbegleiter, und dennoch sehe ich so oft keinen Weg. Ich möchte glauben, dass du mir Licht zugedacht hast, aber ich versinke in meinen dunklen Gedanken. Es ist leer in mir. Mir fehlen die Worte. So klage ich dir in der Stille mein Leid, meinen Schmerz, meine Wut.

Stille

Gott, vor deine Füsse werfen wir unsere Klagen und hoffen – hoffen –, dass du sie hörst. Berge du uns. Zeige uns einen Weg, wenn wir durch dunkle Nacht wandern müssen. Amen.

Biblische Lesung: Psalm 56 (i.A.) – (Ute Rapp)

Du, Gott, hast die Tage meines Elends gezählt; es ist aufgezeichnet bei dir. In einem Krug hebst du meine Tränen bei dir auf; und zeichnest sie auf in deinem Buch des Lebens.
Ich habe erkannt: Gott steht mir zur Seite. (…) So gehe ich vor Gott meinen Weg im Licht der Lebenden.

Ansprache – Psalm 56 (Vers 9+10)

Liebe Mütter und Väter, liebe Geschwister und Familien, liebe Mitmenschen!

In den vergangenen Tagen und Wochen habe ich mich langsam an das Thema heran getastet; es ist nach und nach gewachsen. Warum ich mich auf dieses Thema zu bewegt habe: Ich glaube, weil es mir selbst in diesem Jahr sehr nahe gewesen und gekommen ist.Eigentlich bin ich kein Mensch der viel oder schnell weint – so habe ich gedacht, aber dieses Jahr hat manch´ andere Erfahrung mit sich gebracht: Tränen waren oder sind plötzlich da und fliessen, und ich habe viele Menschen mit ihren Tränen gesehen.Ich habe erlebt, wie Tränen Angst machen können: bei anderen und mir. Ich habe gesehen und erlebt, wie Tränen lösen und erleichtern: andere und auch mich selbst.

Tränen gehören zum Menschen; sie sind menschlich – ja: machen uns zu Menschen; sie lassen Gefühle der Trauer und manchmal auch der Freude (ab)fliessen. Tränen erzählen Geschichten. Gerade auch die Tränen, um die wir wissen, können Geschichten erzählen – unzählige!: Geschichten von Menschen, die nicht mehr unter uns leben und die dennoch sehr gegenwärtig für uns sind. Geschichten von Schwestern und Brüdern, von Söhnen und Töchtern, Onkel, Tanten, Cousins, Freunden, … .

Wohl niemand mag ermessen, wie viele Tränen um sie geweint worden sind und auch nach Jahren immer wieder um sie fliessen. Denn wir Menschen weinen, wenn der Schmerz eines Verlustes uns trifft. Wir weinen aus Wut und Scham, aus Reue und Enttäuschung.

Manchmal finden Tränen auch keinen Weg nach draussen, stauen sich in einem an wie in einem Stausee. Mich erinnert daran ein Text, den eine betroffene Schwester aus unserer Kölner Geschwistergruppe geschrieben. Er geht nicht direkt über Tränen, aber er spricht von der Wut, und mit ihr ist es oft ähnlich wie mit den Tränen:

We, Uh, Te   (Elke Sonnenberg)

Wut, da ist sie wieder,
wie so oft in letzter Zeit,
rund, dick,
mitten im Bauch,
nicht loszuwerden,
ein Klumpen, ein dicker, fetter Klumpen,
inzwischen weiss ich wenigstens, wo er hingehört
und manchmal schaffe ich es, ihn loszuwerden,
ohne dass er sich wieder gegen eine Person richtet,
vielleicht Wut über den Verlust,
der so sinnlos erscheint,
nicht greifbar wird,
Wut, die sich jetzt bereits wenigstens ab und zu einmal in Tränen auflöst.
Aber ich kann das Schwert nicht immer finden,
und dann sitzt sie weiter in meinem Bauch,
frisst an mir,
dick, fett, keine Farbe, kein direkt zu benennender Grund,
kein leicht zu findendes, zufriedenstellendes Ventil.

Wut – Tränen: sie sind hier eindrücklich beschrieben. Und es ist gut, sie so oder anders auszudrücken – sie hörbar, sichtbar zu machen.

Hier vorne haben wir ein blaues Tuch ausgelegt: einen Fluss, in das viele Tropfen – auch Tränen – geflossen sind. Wir laden Sie und Euch ein, diesem Meer sichtbare Tropfen – sichtbare Tränen – zu geben. Denn unsere Tränen, die Geschichten erzählen, sind nicht namenlos. Vielmehr tragen sie Namen, die tief in uns eingraviert sind. Die Kinder, um die wir trauern, sind gegenwärtig; sie haben Namen – wir geben ihnen Namen – wir nennen sie beim Namen. Darum laden wir Euch und Sie ein – jeden der mag – auf einen Tränentropfen den Namen des Kindes zu schreiben, um das Sie und Ihr trauert und den Tropfen dann – so Sie und Ihr mögt – auf das blaue Flusstuch zu legen. Vielleicht mögen manche zu dem Namen des Kindes ein Symbol malen. Und bei manchen ist es vielleicht auch so, dass sie um ein Kind trauern, das keinen Namen bekam, weil es sehr früh – während der Schwangerschaft – starb. Vielleicht haben Sie ein Zeichen oder auch ein bestimmtes Wort, das Sie wie einen Namen mit Ihrem Kind verbinden. Wer mag, hat nun Zeit, eine Träne zu beschriften – gemeinsam oder auch allein – und sie auf den blauen Fluss zu legen.

Ansprache Teil II

Tränen erzählen Geschichten. Sie sind nicht nur ein Tropfen Wasser, sondern bergen in sich ein ganzes Universum. Darum sind sie so kostbar. Nicht zuletzt deswegen sind sie auch so wert geachtet von Gott. Er vergisst keine Träne. In den Psalmen spricht eine Beterin – ein Beter:

Du, Gott, hast die Tage meines Elends gezählt; (in einem Krug) hebst du meine Tränen bei dir auf; und zeichnest sie auf in deinem Buch des Lebens.

Gott hebt unsere Tränen auf – ja: er schreibt sie selbst ins Buch des Lebens ein, denn er will sie vor dem Vergessen bewahren. Er sammelt sie in einem Krug auf! Tränen – von Gott gezählt wie kostbare Perlen. Sie sind ihm wichtig. Er lässt sie nicht im Unsichtbaren versiegen, sondern sammelt sie, hebt sie auf; und zeichnet sie in sein Buch des Lebens. Weil Gott die Tränen aufbewahrt; weil er mit ihnen Geschichte schreibt und sie ein für allemal aufhebt, sind sie nicht verloren und können zu neuem Leben helfen.

Denn Tränen lösen das Verhärtete; sie geben dem Starren Lebendigkeit zurück; sie lassen den Schmerz fliessen, der nach aussen dringt, der `raus will aus unserem Körper, der Ausdruck braucht, damit er wenigstens Schritt für Schritt fassbar und begreifbar wird.

Tränen – gespürt in mir drinnen – vielleicht festgehalten auf Zeit und geweint aus Trauer um einen lieben, vertrauten Menschen sind nicht zuletzt auch ein Ausdruck der Liebe, der Beziehung, der Verbundenheit zu diesem Menschen.

Tränen schmerzen und doch haben sie zugleich auch Erlösendes. Denn sie fliessen und bringen damit in Bewegung. Sie sind etwas Lebendiges und helfen zum Leben, zum Neuwerden, zum Wachsen; Tränen – so widersinnig es sich für manchen anhören mag – Tränen sind eine Gabe; eine Gabe Gottes gegen Versteinerung und Todesstarre. Und wenn sie geweint werden und hinausfliessen, dann landen sie doch nicht im Nichts, sondern wie der Psalmbeter es sagt: In einem Krug hebst du, Gott, meine Tränen bei dir auf; und zeichnest sie auf in deinem Buch des Lebens. Und eine Zeit später kann dieser Menschen sagen: So gehe ich vor Gott meinen Weg im Licht der Lebenden.

Da, wo Tränen sein dürfen, wo sie nicht vergessen werden, wo sie geborgen und aufgehoben sind, da kann es geschehen, dass wieder Licht auf dem Wege aufleuchtet. Da kann ein Mensch – vorsichtig tastend, beseelt, getragen von Hoffnung – sagen: Ich gehe vor Gott meinen Weg im Licht der Lebenden.

Licht ist für uns Menschen lebenswichtig. Als Trauernde spüren wir dies oft in besonderer Weise.

Licht – der Schein einer Kerze – ist unaussprechlich wichtig. Denn eine Kerze gibt Wärme, und sie erhellt die Dunkelheit. Kerzen sind wie Boten, die davon erzählen, dass es Licht und Wärme gibt auch jenseits aller Grenzen,
die uns so beschwerlich sind.
Kerzen können unser Leben erhellen und einen Lichtschein in die dunkle Welt hineinbringen. Sie sind Lebenszeichen, und sie sind Zeichen der Erinnerung.

Dass Kerzen an das Leben erinnern – daran, dass wir leben, das soll uns diese rote Kerze erzählen. Diese Kerze wollen wir für uns anzünden: für uns, die wir leben. Rot ist sie wie das Blut, das in uns fliesst, das Leben ist und Leben bringt. Wir wollen sie anzünden, auf dass uns immer wieder ein Licht aufgeht und wir nie vergessen, wie kostbar das Leben ist.

Rote Kerze entzünden

Und zum Gedächtnis an die verstorbenen Kinder, an die Brüder und Schwestern, die Menschen, die uns als Freund, Enkel, Cousin vertraut waren und sind, zünden wir diese sonnengelbe Kerze an. Sie leuchtet zum Gedächtnis derer, die uns – zur Unzeit, viel zu früh – vorangegangen sind.

Gelbe Kerze entzünden

Licht für uns und für die verstorbenen Kinder: Das soll in unserem Gottesdienst seinen Platz haben dürfen. Und so laden wir Sie und Euch, ein jeden und eine jede, die mag, eine Kerze anzuzünden und sie im Glas auf die Träne zu stellen.

Ansprache – Teil III

Kerzen brennen für uns und die Kinder. Sie sind Zeichen für Gottes Wärme und Licht. Sie wollen uns erinnern: Gott ist das Licht, das nicht verlischt, das scheint, damit wir leben, damit wir Leben neu gewinnen und damit jene leben, die durch den Tod hindurch gegangen sind.

Das Vertrauen, die Hoffnung, dass Gott da ist, dass ER sogar im Dunklen wohnt und ihm nicht entflieht, dass ER das Dunkle, Unwirkliche, Schmerzliche mit aushält: das ist uns als verwaisten Geschwistern, als verwaisten Mütter, Vätern, Grosseltern, als Freunden und Wegbegleitern betroffener Familien oft unbegreifbar.

Und doch gibt es diese Hoffnung. Und ist sie manchmal noch so brüchig und wackelig, so spüren Menschen sie doch immer wieder aufs neue in sich.
Der Psalmbeter – die Psalmbeterin haben sie damals – vor langer, langer Zeit – in sich getragen. Und seitdem haben Menschen ihre Worte immer wieder nachgesprochen: vorsichtig tastend – dann vielleicht auch manchmal voller Zuversicht und Kraft. Auch wir sind eingeladen, diese Worte für uns zu probieren – sie zu buchstabieren, vielleicht nur ganz zögerlich und verhalten, und dennoch in dem Vertrauen, dass sie wahr und wirklich sind.

In einem Krug hebst du, Gott, meine Tränen bei dir auf; und zeichnest sie auf in deinem Buch des Lebens.
So gehe ich vor dir, Gott, meinen Weg im Licht der Lebenden.
Amen.

Fürbitte

In einem kleinen Buch von Jörg Zink gibt es eine Passage, die mich sehr fasziniert und die ich gerne unserem Fürbittengebet voranstellen möchte. Jörg Zink schreibt:

(Ute Rapp)
Manche fragen mich: “Darf man für die Toten beten?” Ich wüsste nicht, was uns hindern sollte.
Sie sind ja nicht tot, sondern leben. Gott – sagt Jesus – ist nicht ein Gott von Toten, sondern von Lebendigen. Hier wie drüben. Wenn uns das Gebet mit Menschen verbinden darf, die am anderen Ende der Welt sind, dann doch auch mit denen, die sie verlassen haben. Sie empfangen, was wir ihnen senden, auf dem Weg über die Güte Gottes, die sie auch dort geleitet.

(Dagmar Ibe)
Guter Gott, lass uns nicht verzweifeln und gib uns Kraft mit dem viel zu frühen Tod unserer Kinder weiter zu leben. Lass uns irgendwann wieder die Schönheiten Deiner Erde sehen.
Guter Gott, nimm unsere Kinder auf in Dein Reich und behüte sie. Stärke uns in dem Glauben, dass es Ihnen da, wo sie jetzt sind, an nichts mangelt und dass es ihnen sehr gut geht.

(Michael Laimmer)

(KV)
Gott, wir bitten dich für alle, die trauern und weinen, deren Herz schwer ist und deren Inneres wund.
Für sie bitten wir dich um deinen heilenden Geist.
So bitten wir dich auch für uns: Steh uns bei in unserem Schmerz. Sei an unserer Seite und gebe uns Gewissheit und Zutrauen in deine Nähe.

(Dagmar Ibe)
Guter Gott, wir danken Dir für die Menschen, die immer noch mit uns trauern und die immer wieder mit uns über unsere Kinder sprechen und somit dazu beitragen, dass unsere Kinder nicht vergessen werden.
Guter Gott, wir bitten Dich weltweit für die vielen Eltern, die im letzten Jahr ihr Kind verloren haben. Tröste sie in Ihrem furchtbarem Leid.

© 2001 Kristiane Voll

“Mein Engel!”

Wie oft habe ich zu meinen Kindern gesagt:

“Mein Engel!”

Was bewegte mich eigentlich dazu, “mein Engel” zu sagen?

Hier sitze ich und stelle mir diese Frage und lausche auf eine Antwort. LEERE!

Ich merke, dass ich es nicht d e n k e n kann. Ich kann es nur fühlend ertasten. “Mein Engel!”

Es ist Reinheit und Demut, es ist Sehnsucht und Liebe. Da ist etwas Unverlierbares, etwas Unvergängliches, etwas Immerwährendes. ENGEL!

Bote zwischen der dieseitigen und der jenseitigen Welt.

Nicht an Zeit und Raum gebunden. Fürsprecher und Schutz-Geber. SCHUTZ-ENGEL!

Es tauchen kindliche Gedanken und Gefühle auf. Textteile aus einem Nachtgebet. ENGEL, die ich mir zur Rechten und zur Linken, zu meinen Füssen und zum Haupte stellte. Eingehüllt in diese undruchdringliche Himmelsmacht, geschützt und gefeit gegen alles, was mir Böses zufügen könnte, konnte ich mich, in einem tiefen Gefühl von Geborgenheit, dem Schlaf hingeben.

Da ist es, dieses Kindliche, diese reine Gefühl der Gewissheit und des Behütetseins in Gott. Dieser Gott, der mich trägt und der mich hält.

Der, den ich angefleht und vor dem ich mich nieder geworfen hatte. Wie oft waren wir zu zweit und zu dritt in seinem Namen zusammen und haben ihn angerufen. Ich mußte auf graumsame Art lernen, dass weder die Anzahl noch die Intensität der Gebete eine Garantie zur Erfüllung unserer Wünsche sind.

Es ist auch der Gott, der selbst mich aushält!

Dieser Gott, der sich von mir anklagen und beklagen lässt.

Es ist dieser gleiche Gott, den ich nach dem Sterben meines Sohnes davon gejagt hatte. Der, von dem ich mich im Stich gelassen und verhöhnt gefühlt hatte.

Es ist aber auch der Gott, der geduldig vor der Tür meines Herzens stehen blieb und wartete, bis ich ihn wieder hinein ließ.

Heute weiß ich, ich kann nicht tiefer fallen als in seine Hand!

Danke mein Engel, dass Du mich heute berührt hast.

(Dieter Steuer, gehört am 23.3.203, Jahrestagung VEID

Sterne in der Nacht

Botschaften von Kindern an der Grenze des Lebens
von Rainer Krockauer

Von der Gewissheit, aufgefangen zu werden

Selmas Wunsch war, wie sich die Mitschülerin erinnert, nach dem Leben »bei Gott zu sein, bei dem, der ihr half, den Weg ihres Lebens zu gehen«. Ihre Kraft sei zwar zu Ende gegangen, aber ihr Glaube sei geblieben. Es war der Glaube, der sich anschaulich in jenem Satz ihres Sterbebildes ausdrückt. »Du NAHMST mich, Herr, BEI DER HAND und führtest mich nach deinem Willen.« Das deutsche Wort »Glaube« rührt von der hebräischen Wortwurzel »aman« her, was so viel wie »fest, zuverlässig« sein bedeutet.

In der Bibel drückt sich darin das Verhältnis der Menschen zu ihrem Gott aus. Glauben heißt, fest und sicher stehen, hoffen, (ver)trauen, sich bergen. Dabei antwortet der Glaube des Menschen auf die oft überraschende und unverdiente Zuwendung Gottes zum Menschen. Gott gibt sich dabei in Lebensgeschichten von Menschen zu verstehen. Ais dem Mose vor mehr alis dreitausend Jahren dieser Gott in einem brennenden Dornbusch erscheint und sich alis Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs zu erkennen gibt, der herabgestiegen ist, das Leid der Menschen kennen gelernt hat und Mose beauftragt, das Volk von der Unterdrückung zu befreien, da bittet Mose Gott um seinen Namen. »Da antwortete Gott dem Mose: Ich bin der > Ich bin da<« (Exodus 3,14).

Der verstorbene geistliche Schriftsteller Henri Nouwen hat diese Zusage zu erklären versucht: Am Ende seines Lebens faszinierten ihn immer mehr zwei bekannte Trapezkünstler eines Zirkus. Der Mut und das Wagnis, hoch oben im Zirkuszelt ohne Sicherungsseil aufeinander zuzuspringen und vom anderen aufgefangen zu werden, wurden für Nouwen zu einem Bild des Lebens und Sterbens:

»Eines Tages saß ich mit R., dem Leiter der Truppe, in seinem Wohnwagen und unterhielt mich mit ihm übers Fliegen durch die Luft. Er sagte: > Ais Luftspringer muss ich absolutes Vertrauen auf den haben, der mich auffängt. Sie und das Publikum halten vielleicht mich für den großen Star am Trapez, aber der wirkliche Star ist J., mein Fänger. Er muss für mich im Bruchteil einer Sekunde parat sein und mich aus der Luft angeln, wenn ich in hohem Bogen auf ihn zufliege.<

>Wie klappt das immer?<, fragte ich ihn zurück. >Nun<, sagte R., >das Geheimnis besteht darin, dass der Flieger nichts tut und der Fänger alles! Wenn ich auf ihn zufliege, muss ich bloß meine Arme und Hände ausstrecken und daraufwarten, dass er mich auffängt …<

>Und sie tun dabei nichts!<, erwiderte ich ziemlich überrascht. > Nein, gar nichts<, wiederholte R. > Das Schlimmste, was der Flieger tun kann, ist, nach dem Fänger greifen zu wollen. Aber ich soll ja nicht den J. auffangen, sondern er mich. Würde ich nach seinem Handgelenken greifen, könnte ich sie brechen, oder er könnte die meinen brechen, und das wäre für uns beide das Aus! Ein Flieger soll nichts als fliegen, ein Fänger nichts als auffangen; und der Flieger muss mit ausgestreckten Armen völlig darauf vertrauen, dass sein Fänger im richtigen Augenblick nach ihm greift!<

Ais mir R. das mit so großer Überzeugung sagte, kam mir der Ausspruchjesu in den Sinn: >Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist!< (Lukas 23,46). Sterben heißt, völlig auf den Fänger vertrauen! Und wenn man sich eines Sterbenden annimmt, sagt man zu ihm: > Hab keine Angst. Denk daran, du bist Gottes geliebtes Kind.<

„Worauf sie sich verlassen können“

Teil III Hindernisse auf dem Weg,
Seminar zu Grundfragen des christlichen Glaubens
von Eckard H. Krause.

Zusammengefaßt aus einem Tonmitschnitt von Pirko Silke Lehmitz
Februar 2003 Gemeinde Bugenhagen
Gesamtmitschrift (9 Dina 4 Seiten)

Gottesbilder

Jeder, der über diese Erde geht hat ein Bild von Gott, was es einem schwer macht zu glauben, weil man nicht offen ist, etwas neues zu erfahren oder Gott wirklich, wie er ist, kennen zulernen. Es gibt zwei extreme Gottesbilder:

1.Der ferne Gott

Da ist das Bild „eines Brüder überm Sternenzelt muß ein guter Vater wohnen“. Wenn man in die Natur guckt und sieht, welche Gesetzmäßigkeiten dort ablaufen, so kann man sehen, daß immer der Stärkere das Schwächere frißt“, so einen Vater kann es nicht geben bzw. er wäre mir mir so egal, dem würde ich nicht eine Stunde meines Lebens weihen und schon gar nicht jeden Sonntag eine Gottesdienstzeit.

2.Der fordernde Gott

Das andere Bild von Gott, der fordernde Gott. Ein Gott, der so wie ein Oberschutzmann darauf achten, daß sie sich immer opportun verhalten. Ein Gott, der Gesetze erläßt, die so schwer sind, daß sie keiner einhalten kann und sich höllisch darüber freut, wenn er jemanden beim Übertreten erwischt.

Ein Gott, der einer höheren Gerechtigkeit zu dienen scheint, und sie zwingt, seine Gebote zu halten, und irgendwann, wenn sie sie übertreten, kommen sie in die Hölle oder wenn sie brav sind, kommen sie  in den Himmel. Ein Gott, der mir Angst macht.

Und das Schlimme ist, sie haben für beide irgendwo in der Bibel, schöne Stellen. Und beides ist nicht wahr. Er ist weder der ferne Gott, noch ist er der fordernde Gott.

3.Woher kommen diese Gottesbilder?

Es ist einfacht in solchen billigen Kategorien Dinge abzuhandeln. Aber tatsächlich hat es etwas mit Erfahrungen zu tun, die wir machen.

a)Erfahrungen
Beim Thema Leid machen die meisten Menschen ihre subjektiven Gotteserfahrungen und diese projizieren sie dann auf Gott, woraus  ein furchtbares Gottesbild in ihnen lebt. Entweder ein Gott der ferne ist , der geschlafen hat, als sie Leid erfuhren, der nichts verhindern kann, dem es gleichgültig ist, der irgenwo im Sternenzelt lebt, oder einen Gott, der sagt: „Dir zahle ich es heim!. An der Stelle werden die Gottesbilder verbaut.

b)Unsere Leiderfahrung verbaut uns unser Gottesbild
Auch ich habe auf die Frage, was wirklich Leid ist und woher es kommt keine befriedigende Antwort.

(1) Gott ist nicht für alles Leid der Welt verantwortlich
Es ist nicht fair, Gott für das Leid dieser Welt verantwortlich zu machen. Das Leiden ist handgemacht und zwar durch Menschenhand. Und dann zu sagen:“Gott, wie kannst du das zulassen!“, ist unverschämt und zynisch.

(2) Gott will das Leiden nicht
Wie ist das mit dem Leiden, mit dem persönlichen Leiden? Der Gott der Bibel, der Vater Jesu Christi, an die Christen glauben, will das Leiden nicht. Im Schöpfungsbericht wird etwas von dem Willen Gottes ausgesagt. Doch da kommt Leid nicht vor. Gott hat das Leid nicht geschaffen.

Da wo Gott Gott sein darf, und nicht von uns daran gehindert wird, gibt es das Leiden nicht. Jesu hat, wo immer er konnte, das Leiden gelindert oder weggenommen. Wenn es stimmte, daß Gott das Leiden schickt etwa, um zu strafen, zu disziplinieren, dann müßte es irgendeine Stelle in der Bibel geben, wo ein Leidender zu Jesus kommt und sagt: „Herr, nimm mir dieses Leiden.“ und Jesus sagt: „Nee, Du hast noch zwei Jahre. Vater hat’s verhängt.“ Aber es gibt so eine Stelle nicht.

(3) Warum nimmt Gott das Leiden nicht?
Wenn Gott das Leiden nicht will, warum nimmt er es nicht einfach? So makaber es klingt, es hat etwas mit der Liebe Gottes zu tun, daß er es nicht nimmt.

Es gehört zu ihrer Liebe, daß sie ihren Kindern die Freiheit geben und sie wissen sehr wohl, daß diese Freiheit, auch die Freiheit zum Leiden und zum Leiden zufügen in sich birgt. Denn Liebe ohne Leiden heißt Tod. Nein, alles was in dieser Welt ist, muß leiden.

(4) Wie geht Gott mit dem Leiden um?
Dieser Gott, an den wir Christen glauben, ist herabgestiegen, mitten hinein in den Hexenkesseln von Leid und Sterben und hat alles Leiden dieser Welt an sich selbst ertragen. Niemand, der über diese Erde ging, hat mehr gelitten, als der, der es nie nötig gehabt hätte, wäre er im Brüder überm Sternenzelt Himmel geblieben.

Dieser Gott ist kein Gott Brüder überm Sternenzelt. Er ist ein heruntergekommen Gott. Im wahrsten Sinne des Wortes. Um ihret- und meinetwillen heruntergekommener Gott. Das fasziniert mich an diesem Gott so. Gott leidet mit. Das ist die erste Botschaft. Und wenn sie meinen, mit ihrem Leiden ganz alleine zu sein, das Zimmer hinter sich zumachen, das Licht ausmachen und in die Kissen heulen, und meinen, sie sind ganz allein und von Gott und aller Welt verlassen: Gott ist der an ihrer Seite, eine handbreit, und der sich die Augen aus dem Kopf heult und das Leiden mit ihnen teilt. Sie können im Leiden, besondere Nähe, Liebe, Wärme und Herzlichkeit Gottes erfahren. Denn er nutzt das Leiden, um sich ihnen in besonderer Weise zu offenbaren.

4.Wie ist das Wesen Gottes wirklich?

Das Wesen Gottes ist in Christus beschrieben. Gott kommt auf den Menschen zu, weiß natürlich, daß das Absolute, das Einmalige, das Fremde immer Angst macht. Er spielt und kokettiert nicht mit dieser Unheimlichkeit und Macht, die er ausübt in seiner Erscheinung. Sondern er geht auf den Menschen zu, und sagt: „Du, hab’ bitte keine Angst!“. Gott will, daß wir keine Angst haben, und Gott will das die Beziehung zwischen ihnen und ihm richtig Freude macht.

Jesus hat nie Macht gebraucht, und schon gar nicht Macht mißbraucht. Sondern als sie ihn brutal zusammenschlugen, anspuckten, folterten und ihn schließlich nackend an Kreuz hingen, und sich über ihn lustig gemacht haben, hat er seine Hände nicht geballt zur Faust, um aller Welt Rache zu schwören, die sich an ihn vergreift, sondern die Arme blieben ausgestreckt und die Hände wie zum Segen:“Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“

Gott kommt gewaltfrei. Die einzige Macht, die Gott anwendet, ist die Macht der Bitte. Nicht ein ferner Gott, nicht ein fordernder Gott, sondern ein Gott, der ihnen ganz nahe wird, der kommt, damit sie Freude haben, sich nicht fürchten brauchen, heil werden, und sein Zeichen ist Herzlichkeit.

Gottesbilder

Jeder, der über diese Erde geht hat ein Bild von Gott. Und das macht es ihnen so schwer zu glauben, sie sind ja gar nicht offen, etwas neues zu erfahren oder Gott wirklich, wie er ist, kennen zulernen. Wenn immer ich mit Leuten rede, die wissen es ja schon. Und ich will ihnen gerne mal sagen, welche idealtypischen Gottesbilder es in Deutschland gibt. Ich will mal Extreme aufzeigen und sie werden sofort sagen:“Das ist aber nicht mein Bild!“, richtig, ist auch nicht ihr Bild, diese zwei extremen Gottesbilder, die in unserer Gesellschaft leben.

1.„eines Brüder überm Sternenzelt muß ein guter Vater wohnen“, der ferne Gott

Das eine ist das Bild, das ist besonders auch in Deutschland sehr verbreitet, „eines Brüder überm Sternenzelt muß ein guter Vater wohnen“. Nichts gegen unser Klassiker, sie haben schöne Verse gemacht, aber ich würde sagen. „He, guckt doch mal genau hin!“.  Brüder überm Sternenzelt muß… . Für mich ist das überhaupt nicht zwingend, daß da einer wohnen muß und schon gar kein guter Vater. Wenn ich in die Natur gucke, und sehe, welche Gesetzmäßigkeiten hier ablaufen in dieser Natur, dann erinnert mich das eher an Nitsche, der sagt: „Das Schwache muß gestoßen werden, damit es fällt. Es überlebt immer das Stärker und das Stärkere frißt immer das Schwächere“. Und wenn ich von dieser Natur her auf einen guten Vater schließen soll, dann würde ich sagen, vor diesem Vater graut mir.

Und so ein Vater der  Brüder überm Sternenzelt irgendwo fernab im Himmel auf einer Wolke Nr. 7 sitzt, den ich ab und zu mal spüre, wenn ich auf dem Gipfel des Berges stehe stehe und in die schneebedeckte Hügellandschaft schaue und dann so erhabene Gefühle bekomme, da muß doch was … Das hält nur auf dem Gipfel. Es hat überhaupt nichts mit unserem Alltag zu tun. Und wenn ich am Sonntagmorgen durch den Wald gehe und von ferne die Glocken klingeln und die Hirsche röhren, wissen sie diese Jägermeisterromantik, dies hat überhaupt nichts mit meinem Leben zu tun. Und so ein Gott Brüder überm Sternenzelt weit ab thronen sitzt, der ist mir so egal, dem würde ich nicht eine Stunde meines Lebens weihen und schon gar nicht jeden Sonntag eine Gottesdienstzeit. Der soll meinetwegen überm Sternenzelt sein, aber wenn er mit mir und meinem Leben nichts zu tun hat, wenn er mir nichts geben kann und ich von ihm nichts verlangen kann, er von mir nichts fordert und er mir nicht begegnet, dann soll er bleiben wo der Pfeffer wächst.  Brüder überm Sternenzelt.

2.Der fordernde Gott

Das andere Bild von Gott, das unter uns lebt, ist nicht der ferne Gott, sondern der fordernde Gott. Ein Gott, der so wie ein Oberschutzmann darauf achten, daß sie sich immer opportun verhalten. Ein Gott, der Gesetze erläßt, die so schwer sind, daß sie keiner einhalten kann und sich höllisch darüber freut, wenn er jemanden beim Übertreten erwischt. Und schon im Kinderherzen wird dieser Gott groß gemacht:“Paß auf kleines Auge,was Du siehst und kleine Hand, was du tust, und kleiner Mund was du sprichst, denn der Vater im Himmel hat acht auf dich!“ Sehr lieb gemeint, dieses Lied, aber „big brother ist watching you!“ Und er sieht alles. Und er trägt alles ins Buch des Lebens ein. Und irgendwann wird dieses Buch geöffnet. Und irgendwann kriegt er uns alle. Ein Gott, der einer höheren Gerechtigkeit zu dienen scheint, und sie zwingt, seine Gebote zu halten, und irgendwann, wenn sie sie übertreten, kommen sie in die Hölle oder wenn sie brav sind, kommen sie  in den Himmel. Ein Gott, der mir Angst macht.

Ich erinnere mich, ich darf die Geschichte sagen, ich erzähle immer die gleiche Geschichte seit 20 Jahren, um nicht aus der unmittelbaren Gesprächssituation von gestern oder vorgestern erzählen zu müssen, aber ich könnte tausend Beispiel gebrauchen: Kommt eine Frau zu mir, ich kenne sie, sie hat viele Probleme, und will sich mal das Herz erleichtern, erzählt von ihren Problemen, von ihrem Mann, der Alkoholiker ist, von dem Sohn, der kriminell ist, und es war wirklich ein Elend, und als sie aufhört, fing ich an, wollte sie gerne trösten, und ich bin inzwischen alt genug, nicht mehr mit dumme leichtfertigen Sprüchen zu trösten. Da sagt sie: „Ach, wissen sie, Herr Pastor, lassen sie es! Ich weiß ja warum es mir so geht!“. Und da erzählte die Frau, und jetzt möchte ich nicht mit ihnen über Moral reden, da erzählte die Frau, daß sie vor 30 Jahren ihr erstes Kind abgetrieben hat. Und seitdem wartet sie darauf, daß Gott sich rächt. Großer Gott wir loben dich. Herr wir preisen deine Stärke. Merken Sie, da muß man krank bei werden.

Ich kenn so viele „Christen“, die aus Angst vor Gott, seine Gebote halten, die Bibel lesen, in die Kirche gehen. Grauenvoll. Und das Schlimme ist, sie haben für beide irgendwo in der Bibel, schöne Stellen. Und beides ist nicht wahr. Er ist weder der ferne Gott, noch ist er der fordernde Gott.

3.Woher kommen diese Gottesbilder?

Woher kommen eigentlich diese Bilder. Sicherlich auch durch leichtfertige Predigten der Kirche. Es ist einfach, in solchen billigen Kategorien Dinge abzuhandeln und dafür möchte ich mich auch entschuldigen bei ihnen. Das wird sicherlich nicht in ihrer Gemeinde so sein. Aber allenthalben ist es so.

a)Erfahrungen
Nein die Dinge haben eine viel tiefere Ursache. Es hat etwas zu tun mit einem Stichwort, das sie gleich eingeblendet sehen, das heißt Erfahrung. Wissen Sie was Erfahrungen sind? Erfahrungen macht man sich. Es sind gedeutete Erlebnisse. Das Erlebnis ist etwas objektives, und dann mache ich meine subjektiven Erfahrungen. Und an einer Stelle, vor allem, machen Menschen sich ihre subjektiven Gotteserfahrungen – wissen sie wo das ist? – Thema Leid. Und bevor ich das Thema noch angehen, möchte ich dies sagen, Erfahrungen werden ein Teil ihrer persönlichen Persönlichkeit. Sie können leichter einen Arm ablegen, als eine Erfahrung. Und die Alten sind ja immer so stolz auf ihre Erfahrungen und meinen immer, daß sie dadurch klug geworden sind. Nein, Erfahrungen verändern, das stimmt, aber klüger machen sie nicht automatisch.

Erfahrungen werden ein Teil meiner Persönlichkeit und sie wissen manchesmal gar nicht, warum sie so reagieren wie sie reagieren, das hat was mit ihren Erfahrungen zu tun.

Erfahrungen sind stärker, als ihre Vernunft. Wenn sie immer sagen. „Ich meine..“ dann ist das nicht aufgrund ihres Nachdenkens, sondern aufgrund ihrer Wasser und Bauch, sagt man heute neudeutsch. Achten sie mal darauf. Und wenn sie mit dem Leid bestimmte Erfahrungen gemacht haben, und das auf Gott projizieren, dann lebt in ihnen ein furchtbares Gottesbild. Entweder ein Gott der ferne ist oder ein Gott, der geschlafen hat, als sie Leid erfuhren, der nichts verhindern kann, dem es gleichgültig ist, der irgenwo im Sternenzelt lebt, während sie mit Krebs im Krankenhaus liegen. Oder einen Gott, der sagt: „Dir zahle ich es heim!. Und die Krankheit jetzt, die du hast, das Unglück, das du hast, das ist meine Rache, dafür, daß du meine Gebote nicht gehalten hast.“ An der Stelle werden die Gottesbilder verbaut. An Leiderfahrung. Deshalb müssen wir noch einen kurzen Augenblick über Leid reden.

b)Unsere Leiderfahrung verbaut uns unser Gottesbild
Ich muß ihnen gestehen, ich habe auf die Frage, was wirklich Leid ist und woher es kommt keine befriedigende Antwort. Ich habe vieles gelesen, kenne mich in der theologischen und philosophischen Literatur zum Thema Leid relativ gut aus und weiß, es ist keine Antwort darunter, die mich in meinem Intellekt befriedigt. Eine Antwort werde ich ihnen deshalb heute Abend auch nicht geben können. Aber ich habe Fährten gelegt, die mich selbst zu Ruhe gebracht haben, in dieser Frage und die möchte ich ihnen gerne aufzeigen. Spuren.

(1) Gott ist nicht für alles Leid der Welt verantwortlich
Das erste: Es ist unfair Gott für alles Leid dieser Welt verantwortlich zu machen. Das hilft jetzt nicht dem, der im Augenblick, in einem tiefen Leid steckt, das ist mir klar, für seine Ohren muß das zynisch klingen. Aber ich werde es mal generell dennoch sagen.

Es ist nicht fair, Gott für das Leid dieser Welt verantwortlich zu machen. Das Leiden ist handgemacht. Und wenn jetzt gleich im Irak tausende und abertausende Menschen sterben, Millionen auf der Flucht sind, dies ist nicht Gotteswille, sondern der Wille von Herrn Bush und ein paar Ölmilliardiären. Das muß man einfach deutlich sagen. Und wir sehen es, daß das Leid auf uns zukommt. Es gibt immer noch Leute, die Krieg für ein Mittel der Politik halten. Wenn es dort zum Leiden kommt und wenn die Bilder über unsere Fernsehschirme flimmern, dann soll niemand sagen: „Wie kann Gott das zulassen!“. Dies wollen Menschen, die ihr Recht haben wollen, die ihren Profit haben wollen, die ihre Ehre haben wollen und denen es eigentlich egal ist. Und dann zu sagen:“Gott, wie kannst du das zulassen!“, ist unverschämt und zynisch.

Wir haben dich gesucht in den Ruinen,
in jedem Granattrichter,
in jeder Nacht,
wir haben nach dir gerufen Gott,
wir haben nach dir gebrüllt, geweint, geflucht,
wo warst du lieber Gott,
wir kennen dich nicht mehr so recht,
du bist ein Märchenbuch, lieber Gott,
heute brauchen wir einen anderen.

(2) Gott will das Leiden nicht
Wie ist das mit dem Leiden, mit dem persönlichen Leiden? Das erste, was ich ihnen sagen möchte ist, der Gott der Bibel, der Vater Jesu Christi, den Gott, an den ich glaube, an die Christen glauben, will das Leiden nicht. Es ist eine leichtfertige Redeweise, wenn wir sagen, Gott schickt das Leiden. Gott will das Leiden nicht. Und ich möchte ihnen das gerne Begründen. Wenn sie einmal in dieses schöne Buch der Bücher, in die Bibel gucken, dann wird in wunderschöner Sprache in mythologischer Sprache, etwas von dem Willen Gottes im Schöpfungsbericht ausgesagt. Und lesen sie mal nach, da kommt Leid nicht vor. Er hat das Leid nicht geschaffen. Und wenn sie mal das Letzte Buch der Bibel lesen, ein sehr kompliziertes Buch, Offenbarung heißt es, da gibt es so ein paar schöne helle Stellen, zum Beispiel das 20. /21. Kapitel: “Sieh’ da die Hütte Gottes bei den Menschen, er wird bei ihnen wohnen, er selbst wird ihr Gott sein und sie werden sein Volk sein, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und kein Leid wird mehr sein, kein Tod, kein Schmerz, kein Geschrei.“

Da wo Gott Gott sein darf, und nicht von uns daran gehindert wird, gibt es das Leiden nicht. Gott will das Leiden nicht. Und wenn das stimmt, was Christen glauben, daß in der Person Jesu, Gott sich offenbart hat, wie er wirklich ist und er wirklich will, dann müßten selbst die Kritiker Jesu zugeben, wo immer er konnte, hat er Leiden gelindert oder weggenommen. Wenn es stimmte, daß Gott das Leiden schickt etwa, um zu strafen, zu disziplinieren, dann müßte es irgendeine Stelle in der Bibel geben, wo ein Leidender zu Jesus kommt und sagt: „Herr, nimm mir dieses Leiden.“ und Jesus sagt: „Nee, Du hast noch zwei Jahre. Vater hat’s verhängt.“ Aber es gibt so eine Stelle nicht. Im Gegenteil, da wo seine Jünger ihn fragen, Herr wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, wird Jesus zornig und sagt:“Es hat weder dieser noch seine Eltern gesündigt. Er ist hier, damit an ihm die Herrlichkeit Gottes offenbar wird.“ Gott wehrt sich gegen das Leiden. Und sich mit dem Leiden versöhnen, einfach nur so, ist nicht der Wille Gottes.

Das Leiden hat etwas mit der Trennung des Menschen von Gott zu tun. Die Bibel nennt das Sündenfall. Darüber müssen wir noch einmal reden. Das machen wir an den Abenden auch noch. Aber es ist nicht der Wille Gottes. Das hat etwas mit Trennungsschmerz zu tun.

(3) Warum nimmt Gott das Leiden nicht?
Wenn Gott das Leiden nicht will, warum nimmt er es nicht einfach? So makaber es klingt, es hat etwas mit der Liebe Gottes zu tun, daß er es nicht nimmt.

Ich will ihnen ein Beispiel sagen. Ich will ihnen sagen, wie sie ihre Kinder vor Leid bewahren können. Ich habe zwei großgezogen, ich weiß, was es heißt. Also wir waren noch so altmodisch und unsere Kinder sind im Laufstall groß geworden. „Ja, das macht man heute nicht mehr!“, habe ich von meiner Tochter gelernt. Hat gut geklappt damals. Zugegeben nicht lange. Aber da ging es auch los, mit dem Leiden. Für unsere Kinder und für uns. Heiße Kochplatte, mit Fahrrad auf dem Kopf gefallen, Treppe heruntergefallen   und so weiter. Ich dachte mir einfach, man müßte dieses Laufställchen ein bißchen länger … Also wenn der Knabe 16 ist sollte man schon ein bißchen Metall einbauen… Mit 18 müßte man auch oben was darauf machen. Und wissen sie was, sie könnten ihr Kind vor allem Leid bewahren. Sie hätten am Ende einen Affen erzogen.

Es gehört zu ihrer Liebe, daß sie ihren Kindern die Freiheit geben und sie wissen sehr wohl, daß diese Freiheit, auch die Freiheit zum Leiden und zum Leiden zufügen in sich birgt. Die Menschen, die schreien: „Wie kann Gott das zulassen“, sind genau die,  die sich von ihm emanzipieren. Wir wollen uns von Gott nichts sagen lassen, aber wenn wir leiden, dann ist er angeklagt. Haben sie mal jemanden erlebt, dem es gut geht, und der da steht und sagt. „Wie kann Gott das zulassen?“. „Alles ich! Hab’ ich alles selbst gemacht!“ Aber so wie es schlecht geht… Es ist ein Stück der Liebe Gottes, daß er ihnen die Freiheit gibt und in dieser Freiheit ist Leiden inbegriffen und in dieser Welt. Und wenn Udo Jürgens seiner Tochter gesungen und gedichtet hat: „ Ich wünsch’ Dir Liebe ohne Leiden“, dann hat er ihr den Tod an den Hals gewünscht. Denn Liebe ohne Leiden heißt Tod. Nein, alles was in dieser Welt ist, muß leiden. Und das wir vom Leiden nicht befreit sind, hat mit unser Freiheit was zu tun. Diese Freiheit hat etwas mit der Liebe Gottes zu tun. Nur so als eine Fährte.

(4) Wie geht Gott mit dem Leiden um?
Wenn Gott das Leiden nicht nehmen kann, sonst würde er uns töten oder unsere Freiheit nehmen, wie geht er dann mit dem Leiden um? Das erste, was ich begriffen habe ist, daß unser Gott kein apathischer Gott ist, d.h. ein leidensunfähiger Gott ist. Der saß nicht im Himmel, wie Borchert glaubte und Beckmann sagte und wie die Klassiker schreiben Brüder überm Sternenzelt, sondern dieser Gott, an den wir Christen glauben, ist herabgestiegen, mitten hinein in den Hexenkesseln von Leid und Sterben und hat alles Leiden dieser Welt an sich selbst ertragen. Ich bete keinen Gott an, der irgenwo im Feuerkranz tanzt! Sondern ich rede mit einem Gott, der immer eine Handbreit neben mir ist, der weiß, was es heißt, zu leiden und in dieser Welt im Leiden kaputt zu gehen. Niemand, der über diese Erde ging, hat mehr gelitten, als der, der es nie nötig gehabt hätte, wäre er im Brüder überm Sternenzelt Himmel geblieben. Unser Gott ist ein Gott, der so am Leiden Anteil nimmt, an deinem Leiden, an meinem Leiden, daß er daran selber zu Tode gekommen ist. Haben sie jemanden, der schon mal für sie gestorben ist, um ihnen zu zeigen: „Ich bin an deiner Seite. Und auch der Tod kann uns nicht scheiden.“?

Dieser Gott ist kein Gott Brüder überm Sternenzelt. Er ist ein heruntergekommen Gott. Im wahrsten Sinne des Wortes. Um ihret- und meinetwillen heruntergekommener Gott. Das fasziniert mich an diesem Gott so. Gott leidet mit. Das ist die erste Botschaft. Und wenn sie meinen, mit ihrem Leiden ganz alleine zu sein, das Zimmer hinter sich zumachen, das Licht ausmachen und in die Kissen heulen, und meinen, sie sind ganz allein und von Gott und aller Welt verlassen: Gott ist der an ihrer Seite, eine handbreit, und der sich die Augen aus dem Kopf heult und das Leiden mit ihnen teilt. Das finde ich eine irre Nachricht. Ich dachte immer, er ist der erhabene, der Herrgott. Nein, er weint mit ihnen, jedes Leid.

Der andere Gott, der das Leid nicht gemacht hat, läßt uns mit diesem Leiden nicht allein, sondern er hilft uns tragen. Es ist so, als wenn eine Hand unter unsere Last greift. Da wo wir glauben, daß er nicht ist, der es schickt. Luther hat einmal so gesagt: Gott, der das Leiden nicht will, weil es aber in der Welt ist, beginnt er das Leiden zu nutzen. Das muß ich ihnen erklären. Sehen sie, Gott glauben wir Christen, ist wie ein Vater oder eine Mutter, und nun haben viele von ihnen und auch ich Kinder erzogen. Würden sie jemals die Hand ihres Kindes nehmen und sie auf eine heiße Kochplatte drücken, um ihren Kind zu sagen: „So fühlt es sich an.“? Sie werden ihrem Kind sagen:“Du faß da nicht an, tut weh!“ Aber wenn das Kind es am Ende getan hat, was werden sie tun? Na, nun sind sie nicht ganz so nett. Zuerst einmal werden sie sagen: „ Hab ich es Dir nicht gesagt?“ Das ist die erste Reaktion. Aber die zweite Reaktion ist, sie werden das Kind auf dem Arm nehmen, pusten, heile heile Gänschen trösten. Es gibt Kinder, die sich selbst verletzten, um endlich die Liebe und Aufmerksamkeit ihrer Eltern zu erfahren.

Und wenn sie sich mal an ihre Kindheit erinnern, es waren Leid und Trost, die sie eindrücklich behalten haben. Wenn Menschen glauben können, daß Gott auf ihrer Seite ist im Leiden und nicht der ist, der es verhängt oder verschickt, dann könnten sie im Leiden, besondere Nähe, Liebe, Wärme und Herzlichkeit Gottes erfahren. Denn er nutzt das Leiden, um sich ihnen in besonderer Weise zu offenbaren. Und dann kann ein Mensch auch mal sagen: „Gott ich danke Dir, daß Du mir das Leid geschickt hast“. Er will es nicht, aber er nutzt es.

Und Luther geht gar so weit und sagt, der Tod, der Inbegriff allen Leidens,  ärgste Feind Gottes, muß Gott dienen, weil er nun einmal da ist, zwingt Gott ihn unter seine Herrschaft und er wird, dieser ärgste Feind zum Scharnier für die Ewigkeit.  In dir ist Freude in allem Leide. Gott will das Leiden nicht, das Leiden ist in der Welt, weil wir in der Gottesferne leben. Gott kann das Leiden nicht einfach wegnehmen, weil er unsere Freiheit und unser Leben nehmen würde, aber er kommt in unser Leid, stellt sich an unsere Seite, trägt mit und leidet mit, tröstet und macht das Leid sich damit Untertan. Wenn sie ein solches Bild von Gott haben, dann kann keine Leiderfahrung dieser Welt, ihnen suggerieren, daß Gott ein ferner Gott ist, leidensunfähig, und auf Wolke 7 sitzend, oder, daß Gott ein strafender Gott ist, Lust hat, sie endlich einmal am Kanthaken zu kriegen und fertig zu machen. Und wenn in der Bibel auch mal solche Sätze stehen, sie beschreiben nicht das Wesen Gottes. Wir sind ja nicht gottgläubig, sondern Christen. Das Wesen Gottes ist in Christus beschrieben.

4.Wie ist das Wesen Gottes wirklich?

Ich hätte Lust ihnen aus so vielen Geschichten eine Ahnung zu vermitteln, wie dieser Gott, der Vater Jesu Chrsti, wirklich ist. Ganz anders als die vielen Bilder, die in uns leben. Ich mußte mich entscheiden und diese Geschicht, die ich ihnen vortrage, hat eine Vorgeschichte, die ich ihnen erzählen werde. Eines der bekanntesten Abschnitte der Bibel, des neuen Testaments, jedenfalls für uns ältere ist Lukas 2, diese wunderschöne Weihnachtsgeschichte.

Da gibt es eine Passage: Über den Hirten auf dem Feld öffnet sich der Himmel, und Engel kommen herunten. Nun müssen sie nicht an Engel glauben, das kriegen wir später. Ich habe mal gehört, Gott schickt immer dann Engel, wenn er sicher gehen will, das die Botschaft auch richtig ankommt. Der Himmel geht auf und die Hirten haben natürlich Angst. Klar, wenn so was supranaturalistischen erscheint, wenn etwas unheimlich Großes auf uns zu kommt, das macht immer Angst.

Dann kommt sozusagen eine göttlicher Regierungserklärung. Wenn unsere Politiker Regierungserklärungen halten, dann müssen sie nie richtig hinhören, es wird doch immer ganz anders. Bei Gott ist das anders: Wenn er etwas sagt, das ist so. Das geschieht so. Und diese göttliche Regierungserklärung, wird ausgerechnet den Hirten auf dem Felde, also Menschen, mitgeteilt, die eigentlich gar nicht kompetent sind. Das hätte man irgendwo im Tempel in Jerusalem machen müssen und nicht bei den Hirten, das waren damals so die Outcats, die am Rand der Gesellschaft waren, mit denen man eigentlich nichts zu tun haben wollte. Die waren nicht richtig sauber und nicht richtig religiös. Zu denen öffnet sich der Himmel und Engel kommen herab, und teilen mit, was Gott ist und was er vor hat. Und auf diese engeliche Botschaft möchte ich sie gerne noch einen Augenblick aufmerksam machen. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie und sie fürchteten sich, wie das so ist. Und der Engel des Herrn sprach zu ihnen:“Fürchtet Euch nicht!“. Gott kommt auf den Menschen zu, weiß natürlich, daß das Absolute, das Einmalige, das Fremde immer Angst macht. Er spielt und kokettiert nicht mit dieser Unheimlichkeit und Macht, die er ausübt in seiner Erscheinung. Sondern er geht auf den Menschen zu, und sagt: „Du, hab’ bitte keine Angst!“. Gott will auf sie zukommen und sagen:“Bitte, fürchte dich nicht. Ich will dir keine Angst machen.“.

Und ich sehe so viele Menschen, die nur in Angst vor Gott leben, wenn sie denn überhaupt glauben. Ich bin auch Vater zweier Kinder und ja, meine Kinder haben Ehrfurcht vor mir. Wissen sie, was das ist? Ehrfurcht heißt zum Bespiel, daß es nicht gleichgültig ist, ob ich etwas sage oder irgend ein Fremder, was sagt. Wenn Vater was sagt, dann hören sie schon genauer hin. Das ist Ehrfurcht. Sie wissen, daß ist mein Vati. Aber wenn meine Kinder Furcht vor mir hätten, dann wäre etwas falsch gelaufen. Und wenn sie nur aus Furcht zu Besuch kämen, oder aus Furcht mir was schenken würden,  daß ich ihnen was entziehen könnte, das würde mich unendlich traurig machen. Und diese Frömmigkeit, die in Furcht vor Gott lebt, das ist nicht eine Steigerung von Frömmigkeit, so ganz fromm. Das ist Gottlosigkeit. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die Vollkommene Liebe treibt die Frucht aus.

Nein, Gott kommt auf sie zu. Auf jeden von ihnen, auch auf den Gottlosesten, wenn sie so wollen. Kommt und stellt sich vor ihnen hin und sagt:“Hab’ bitte keine Angst“.

Und dann geht’s weiter: „Siehe ich verkündige euch ein großes Problem, oder so ähnlich.“ Nein, da steht MEGA, Megafreude, richtig Spaß soll es machen. Die Beziehung zwischen Mensch und Gott soll schön sein: „ Ihr sollt euch auf die Schenkel klopfen und daran freuen, immer wenn ihr an mich denkt, immer wenn ihr mit mir in Beziehung tretet. Ich will jedenfalls an euch Spaß haben. Laßt uns eine Freude miteinander haben.“

Ich war mal in einem Kirchenvorstand mit dem hatte ich eine Vortragsreihe vorbereitet. Ich habe denen ein Thema vorgeschlagen: Kirche, die wieder Spaß macht. Oh, da machten die Herren Kirchenvorsteher aber ganz dunkle Gesichter. Nein, daß ginge nicht: Spaß und Kirche. Tiefe Freude, wissen sie so tiefe, so ganz tiefe. So daß man kaum rankommt. Und wenn man dann so in unsere Gottesdienst geht, das mag hier ganz anders sein, hat man auch wirklich das Gefühl, man geht in einen Kühlschrank. Wo die letzen Eisheiligen aufbewahrt werden. Ich würde gerne mal Menschen anderer Kultur, die unsere Sprache nicht verstehen in unsere Gottesdienste einladen und fragen, was empfindet ihr? Was drücken wir aus? Was lebt in uns? Die kommen auf alles mögliche, aber auf Freude nicht. Und wenn sie eine Umfrage halten und sagen:“Was verbinden sie mit Freude?“, sie bekämen eine Menge Antworten, doch auf Kirche kommt keiner.

Glauben sie es mir, da ist was falsch gelaufen. Ich meine nicht Spaßgesellschaft. Ich weiß auch viel von Leid. Wir haben darüber gerade geredet. Freude ist mehr als nur Spaß. Aber es spürt man Menschen an, wenn die zusammen Freude habe. Das ist schiefgelaufen. Gott will, daß wir keine Angst haben, und Gott will das die Beziehung zwischen ihnen und ihm richtig Freude macht. Große Freude, Megafreude. Und sie ahnen schon, da ist was schief gelaufen im ihrem Gottesbild, in meinem, in der Tradition unsere Kirche, und wir werden dahin zurückfinden, da bin ich mir sicher. Große Freude. Und das soll allem Volk gelten. Nicht einer kleinen elitären Gruppe. Nicht abgegrenzt, ihr nicht,  wir, katholisch,  evangelisch, ganz fromme und nicht so Fromme, Charismatiker und Normale. Nein, allem Volk. Jesus hat nie ausgegrenzt. Es durfte kommen, wer wollte. Gott ist nicht so ein Lokalheiliger, der für eine ganz besondere Truppe zuständig ist, sondern alle Welt , jeder Mensch, rot , grün und was sie alle sind, selbst die brauen, sind alle Objekte der Sehnsucht Gottes. Und Gott heult sich die Augen nach ihnen aus. Alles Volk und sie gehören dazu. Ihnen gilt das. Freude, angstfreie Beziehung, sie sind das Objekt der Sehnsucht Gottes. „Denn Euch ist heute..“, so geht’s dann weiter der Richter geboren? Nein! Sondern? Der Heiland. Ja, Gott ist Erhalter, ist Erschöpfer, Herrgott, Richter. Er ist alles auch. Aber das ist das Wesen der Offenbarung Jesu: Gott kommt in Jesu auf Menschen zu und sagt: „ Ich komme und will Heilmachen. Ich komme auf diese Erde, ich renne dir hinterher. Nicht, weil ich dich fertig machen will, nicht weil ich dich ertappen will, sondern ich frage dich, du dein Gott kommt, dem alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist, ist etwas in deinem Leben, was ich Heilmachen kann? Darum komme ich. Ich komme auf dich zu, nicht um etwas zu wollen, sondern ich komme, um dich zu beschenken. Sag mir, was kaputt ist. Ich mache es heil. Ich heile physische Krankheiten, ich heile psychische Krankheiten, ich heile soziale Beziehungen, ich heile kaputte Gottesbeziehungen, es ist mein Beruf. Ich komme in diese Welt. Ich steige herab, und will nichts anderes, als Heilung.“ Und die Menschen laufen weg.

Wenn sie die Leute fagen, was Kirche ist, dann werden sie hören:“Die haben immer das Gefühl, die wollen etwas von uns, die wollen etwas, die wollen es besser machen, die wollen Geld haben, die wollen, daß wir moralischer werden, die wollen irgendwas“. Der Herr der Kirche, Jesus, kam auf Menschen zu und wollte nichts, er wollte einfach nur, heile machen. Und Menschen, die sich auf ihn eingelassen haben, haben es auch erfahren in ihrem Leben. Und diejenigen, die wegrennen, haben immer nur angst.

Fürchte Dich nicht, große Freude allen Volk. Heil. Das lassen wir auf der Zunge zergehen. Dann spüren sie wie weit, wie weit, wir uns von dieser Schönheit entfernt haben. In unserem persönlichen Fühlen, auch vielleicht denken, auch vielleicht ein bißchen in unserer Tradition. Und das Zeichen, das Gott gibt, ist kein Petersdom. Ist kein Landeskirchenamt, ist nicht Macht, ist nicht Gewalt, ist nicht Eindruck schinden. Sondern das Zeichen, daß Gott gibt, ist ein hilfloses Kind. Er legt sozusagen sich uns in den Schoß. Und es strahlt uns an und sagt: „ Kannst Du überhaupt denken, daß ich etwas böses mit dir vorhabe?“ Er macht sich auf uns angewiesen. Er bittet geradezu um unsere Führsorge. So kommt Gott in ihr Leben. Nicht mit Gewalt, nicht mit Druck, sondern mit der Bitte:“Lach mich an! Hab mich lieb. Nimm mich an Dein Herz“. Diese Kind ist irgendwann einmal erwachsen geworden, ja. Aber er hat nie Macht gebraucht, und schon gar nicht Macht mißbraucht. Sondern als sie ihn brutal zusammenschlugen, anspuckten, folterten und ihn schließlich nackend an Kreuz hingen, und sich über ihn lustig gemacht haben, hat er seine Hände nicht geballt zur Faust, um aller Welt Rache zu schwören, die sich an ihn vergreift, sondern die Arme blieben ausgestreckt und die Hände wie zum Segen:“Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“

Gott kommt gewaltfrei. Und jeder kleine Konfirmant kann sagen:“Geh raus. Ich will dich nicht!“. Gott geht und wirft kein Stein hinterher. Du bleibst souverän. Die einzige Macht, die Gott anwendet, ist die Macht der Bitte. Merken sie? Nicht ein ferner Gott, nicht ein fordernder Gott, sondern ein Gott, der ihnen ganz nahe wird, der kommt, damit sie Freude haben, sich nicht fürchten brauchen, heil werden, und sein Zeichen ist Herzlichkeit.

Posting Schmetterlingsforum Strafe Gottes?

SchmetterlingskinderDie nachfolgenden Beiträge wurden im Forum der Schmetterlingskind er gepostet. Ich fand sie so interessant, daß ich sie hier wiedergeben möchte.

“Strafe Gottes?”
geschrieben von Katrin21 am 17-01-2003 um 12:52 Uhr

Hallo ihr alle!
Obwohl ich eigentlich kein besonders religiöser Mensch bin muss ich jetzt doch mal einen Gedanken loswerden, der mir einfach immer wieder kommt: War es eine Strafe Gottes für mich, dass er mir meinen Mika wieder weggenommen hat? Will er mich dafür strafen, dass ich mein Glück nicht genug geschätzt habe und nicht genug acht gegeben habe auf ihn? Wie ihr vielleicht aus meinem Profil oder anderen Beiträgen wisst, habe ich fast gleichzeitig ein Kind adoptiert und bin schwanger geworden und es gab durchaus Momente, in denen ich mal meine Schwangerschaft und mal mein Adoptivkind verflucht habe, weil ich so fertig war. Jetzt schäme ich mich dafür. Warum war ich nicht einfach nur glücklich? Manchmal denke ich, es war bei mir wie bei der Titanic. Über die sagte man auch, nicht einmal Gott könne sie versenken und dann hat er gezeigt, dass er es doch kann. Auch ich habe mich so verdammt sicher gefühlt, nicht einmal in den ersten 3 Monaten dachte ich daran, es könne etwas schief gehen. Ist das jetzt die Quittung gewesen? Im Februar wollen wir wieder versuchen ein Kind zu bekommen und jetzt denke ich oft, dass es vielleicht eh nicht klappt, weil ich es nicht verdiene.
Wie denkt ihr darüber? Kennt ihr solche Gedanken?

Liebe Grüsse
Katrin mit Pascal und Mika Noel im Herzen

“RE: Strafe Gottes?”
geschrieben von Sylvia Annabell am 17-01-2003 um 13:17 Uhr

Ich bin durchaus ein gläubiger Mensch;und ich bin mir ziemlcih sicher ,das Gott ein Liebender Gott ist und kein Strafender.
Er hat uns unser Leben selbst in die hand gegeben;wir sind dafür verantwortlich was wir tun und lassen.
Es wird immer wieder Schicksalsschläge geben,die uns unerklärlcih bleiben.Das Gott uns aber damit bestraft ,glaub ich nicht.Im Gegenteil ,er ist für uns da und stützt uns im Leid.

Sylvia

 “RE: Strafe Gottes?”
geschrieben von Ina Doehr am 17-01-2003 um 13:29 Uhr

Liebe Katrin, auch ich glaube an Gott, aber nicht als strafender sondern als gütiger und helfenden Gott. Du wurdest sicher nicht bestraft, so wie wir alle hier nicht bestraft wurden. Manchmal denke ich, das gerade wir als Sternenkindermamas ausgesucht wurden, weil wir die Stärke haben und die Liebe, dieses Schicksal anzunehmen. Oft hilft mir dieser Gedanke auch nicht, aber ich versuche einen Sinn zu finden, der es mir einigermaßen erträglich macht meine Sternenkinder nicht bei mir zu wissen sondern im Himmel. Und meine Kinder sind mir nah, ich bin auch der Meinung sie sind immer um uns und wenn es mir ganz schlecht geht, dann ist unser Treffpunkt nicht die grüne Wiese im Park sondern mein Herz.
Ich wünsche dir die Erfahrung, das du dich nicht mehr schuldig oder bestraft siehst, Du bist Mutter und eine liebende noch dazu, wo bitte bist Du schuldig. Keiner, der je so einen Verlust erlitten hat, wird diesen Gedanken an sich ran lassen wenn er schwanger ist, das irgendwas schief gehen kann, es ist einfach ” normal” schwanger werden, schwanger bleiben und dann nach 9 Monaten ein Baby im Arm” so habe ich auch mal gedacht.

Liebe kraftspendende Grüße
Ina mit
Emely, Hannah und * Däumelinchen für immer im Herzen

 “RE: Strafe Gottes?”
geschrieben von Katrin21 am 17-01-2003 um 13:42 Uhr

Liebe Ina!
Ich habe jetzt schon öfter hier im Forum gelesen, dass wir Sternenkindermamas als solche ausgesucht wurden,weil wir stark genug dafür sind und auch du sprichst davon. Ehrlich gesagt finde ich das absurd. Das würde ja erst recht bedeuten, das Gott gezielt den Tod unserer Kinder geplant hat! Sie wären sozusagen Opfer. Und was macht das für einen Sinn, dass wir dieses Schicksal ertragen? Wer und warum sollte so etwas wollen?

Katrin mit Pascal und Mika Noel im Herzen 

“Nein!”
geschrieben von Silli Silvia am 17-01-2003 um 13:57 Uhr

Liebe Katrin,

ich schließe mich Sylvia und Ina an.

Ich bin seit 2 1/2 Jahren gläubig.
Steht in meinem Profil, wenn du es mal lesen möchtest….

Beim Lesen einiger Homepages der Sternenkinder hier, bin ich auf eine sehr, sehr schöne und informative Homepage von Pirko gestossen.

Ich finde sie hat das Thema : Gott und Glaube
sehr treffend und informativ rüber gebracht.

Hier ist der Link, schau dir das doch mal an.

Denke nicht, das Gott dich bestraft hat.
Gott ist ein gütiger und liebender Gott.
Wenn du traurig bist, dann ist es Gott auch.
Er will dich durch dein Leid, deine Trauer hindurch tragen und dir ein Trost sein….
Ich weiß, dieses Thema ist sehr schwierig und manchmal auch schwer zu verstehen und jeder hat seine eigene Meinung hierzu. Ist ja auch O.K. so….

Aber denke nicht das du Gottes Strafe erfahren hast.

In einem Text von Reinhard Behnke, in dem angegebenen Link, ist ein kleiner Abschnitt, der, wie ich meine, sehr treffend rüberkommt:

Manchmal sehe ich ein neugeborenes Baby, das sterben muß. Entkräftet liegen seine Arme zu beiden Seiten, und ich denke:

Wie Jesus am Kreuz.
Die Augen leer.
Kein Lebenswille, den ich sehen könnte.
Gottverlassen — so sieht es aus.
Ich glaube, so was hat Jesus von Nazareth auch erlebt.
Ich war nicht dabei. Aber ich fühle mich an ihn erinnert.
Wir haben ja alle eine Ahnung vom Tod.
“”Es scheint mir, als stürbe er erneut mit jedem Kind, das nicht leben kann.””

Ich weiß meine Kinder gut aufgehoben bei Gott und eines Tages, da bin ich mir ganz sicher, werde ich sie wieder in meine Arme schließen können und dann ist es für die Ewigkeit….

Ich wünsche dir viel Kraft und Trost und liebe Menschen, die dir weiterhin zur Seite stehen.

Liebe Grüße
Silvia
(Sternchen ** und Justin in meinem Herzen,
Miles und Jeremi-Jalil an meiner Hand)

RE: Nein!”
geschrieben von Katrin21 am 17-01-2003 um 14:19 Uhr

Liebe Silvia!
Vielen Dank für deine Zeilen und für den Link. Ich habe ihn mir gerade etwas angesehen und bin auch sehr nachdenklich geworden. Ich wünschte ehrlich gesagt, ich könnte auch fester glauben und Trost daraus ziehen, aber manchmal glaube ich auch, dass wir alle, wenn wir z.B. sagen “unser Kind ist bei Gott” oder “Gott muss viel von mir halten, dass er mir so ein Schicksal zutraut” nur versuchen, irgendwie mit unserem Los fertig zu werden ohne dabei verrückt zu werden. Ich weiss nicht, wie ich für mich damit umgehen soll, das Thema wird mich wohl noch eine Weile beschäftigen.

Mit lieben Grüssen
Katrin mit Pascal und Mika Noel im Herzen

“RE: Nein!”
geschrieben von Birgit_Marlon am 17-01-2003 um 14:31 Uhr

Liebe Katrin,

ich habe an Gott geglaubt, bevor Kaya und Marlon gestorben sind. Ich habe geglaubt, daß Gott gut ist und nur das Beste für mich will. Das glaube ich jetzt auch noch, denn entweder gibt es Jesus oder es gibt ihn nicht. Wenn es ihn gibt, ändern meine traurigen Umstände nichts an dieser Tatsache.

Ich persönlich glaube, daß Jesus für uns gestorben ist, damit wir in Ewigkeit mit ihm leben können. Er hat für uns den Tod überwunden. Ein Gott, der seinen eigenen Sohn für uns hergibt, kann es nur gut mit uns meinen. Es ist sicher keine Strafe Gottes, was wir erleben müssen. Obwohl ich nicht verstehe, wieso ich einen so schweren Weg gehen muß…ich habe Gott diese Frage schon oft gestellt….

Manchmal frage ich mich, wieso ich überhaupt noch irgendwas glaube, aber irgendwie ist Jesus in meinem Herzen und ich krieg ihn da gar nicht raus, selbst wenn ich wollte. Ich glaube nicht, daß ich ohne ihn den Verlust meiner Kinder überlebt hätte, denn dann wäre ich völlig ohne Hoffnung.

Liebe Grüße

Birgit

“Liebe Katrin”
geschrieben von Silli Silvia am 17-01-2003 um 14:43 Uhr

Liebe Katrin,

überfordere dich nicht zu sehr.
Es ist noch gar nicht lange her, da war dein Sohn noch in deinem Bauch….
Eurer kleiner Mika Noell ist erst vor 3 Monaten von euch gegangen, wenn ich es richtig gelesen habe.

In dieser Zeit habe ich damals auch immer wieder gedacht ich werde verrückt, würde daran zerbrechen und wollte manchmal einfach Schluß machen. Alles wurde mir einfach zuviel….

Aber Gott hat mich da, ohne das ich es mir damals bewusst war, schon getragen und mich wieder aufgerichtet, ganz langsam und es dauert eben seine Zeit. Alles braucht seine Zeit….

Irgendwann, eines Tages wirst du vielleicht einmal ganz anders denken.

Ich wünsche dir, das Gott dich auf den richtigen Weg führt….und das du “deinen Weg” finden wirst.

Liebe Grüße
Silvia

“RE: Strafe Gottes?”
geschrieben von Sylvia Annabell am 17-01-2003 um 22:18 Uhr

Ja,das ist ja das schöne!
Gott hält uns in seinen Armenauch wenn wir gar nichts von ihm wissen wollen.Er ist geduldig und wartet.Egal wie oft wir mit ihm hadern;egal wie wir aus Verzweiflung empfinden.Gott weiß,wie wir fühlen,was wir denken.
Sollte er Deine Verbitterung etwa nicht verstehen können?Sein eigener Sohn hat vor seinem Tod mit ihm gehadert.Aber das ist es ja,warum der Glaube,Glaube heißt.Wir müssen uns mit diesen Fragen immer und immer wieder auseinandersetzen.Und es ist nicht immer leicht.

Sylvia

“RE: Strafe Gottes?”
geschrieben von Simone und Andi am 18-01-2003 um 01:31 Uhr

Liebe Katrin,

vielleicht magst Du ja einfach mal über dieses Gedicht von Jörg Zink nachdenken:

Spuren im Sand…..

Ich träumte, ich wäre von dieser Welt gegangen.
Der Herr schritt neben mir
hinter uns blieben zwei Spuren im Sand…..
Weit über uns konnte ich das strahlende Himmelstor erkennen.
Ich warf einen Blick zurück, um alle meine Lebensschritte
ein letztes Mal zu sehen.
Auf den leichten, schönen Abschnitten meines Lebens
sah ich zwei Spuren im Sand.
Aber da, wo der Weg steil und schwierig zu begehen war,
sah ich nur eine Spur.
Ich wandte mich an den Herrn und fragte:
„Oh Herr, Ich glaubte, Du seiest Seite an Seite
Mit mir durchs Leben gegangen in Guten wie in schlechten Zeiten.
Aber auf den schweren Strecken meines Weges sehe ich nur eine Spur…
Warum? „
Da sprach der Herr:
„ Mein Kind, ich begleitete Dich Dein ganzes Leben
doch in den schwersten Zeiten habe ich Dich
auf meinen Händen getragen.“

Irgendwo kann ich Deine Gefühl verstehen, schließlich macht der Tod eines Kindes keinen Sinn und man kann nichts anderes fühlen als Schmerz. Dann kommt irgendwann diese Wut, vielleicht auch Selbstzweifel – alles ganz normale Phasen der Trauer. Nur wie man damit am besten umgeht, dafür gibt es kein Patentrezept – leider.

Ich fühlte mich und fühle mich manchmal noch immer als sei die Trauer mit einer Reise zu vergleichen – ich befinde mich auf einer Reise, kenne das Ziel, jedoch fehlt mir die Landkarte. Und irgendwie versuche ich mich täglich aufs Neue durchzumögeln. Mal mit Zuversicht, daß ich es schaffen werde, mal mit Sorgen ob ich diesen unendlichen Schmerz noch länger aushalten kann, ob ich wirklich auch die Trauer v.a. meiner Großen mit auffangen und tragen kann und manchmal wünschte ich einfach, dieses große Schmerz wäre weggeblasen, es gäbe nichts mehr, worüber ich mir den Kopf zerbrechen müsste. Oft fühle ich dabei auch Wut – Wut auf die, die mir nicht glauben wollten, die meine Vorahnungen nicht ernst nahmen.

Allerdings habe ich auch nie für einen Moment an Gott gezweifelt. Ich würde mich nun nicht als superchristlich bezeichnen, aber ich glaube, daß es da etwas Großes gibt, daß größer ist, als wir uns je vorstellen können und ich glaube an einen festen Plan im Leben. Ich glaube nicht an Zufälle, Glück oder Unglück, sondern daran, daß unsere Existenz so sein sollte, damit wir lernen, geistig reifen.

Nur hier auf der Erde können wir an uns arbeiten und vor allem Liebe erfahren, lernen und leben. Und genau aus diesem Grund wurden wir ausgesucht für kurze Zeit unsere Sternenkinder bei uns zu haben.

Es gibt dazu übrigens noch ein herrliches Gedicht. Sorry, aber ich kann/konnte mich immer sehr in Poesie wiederfinden, weil sie so herrlich zum Nachdenken anregt.

Death of a Child”

Sorry I didn’t get to stay.
To laugh and run and play.

To be there by your side.
I’m sorry that I had to die.

God sent me down to be with you,
to make your loving heart anew.

To help you look up and see
Both God and little me.

Mommy, I wish I could stay.
Just like I heard you pray.

But, all the angels did cry
when they told little me goodbye.

God didn’t take me cause He’s mad.
He didn’t send me to make you sad.

But to give us both a chance to be
a love so precious .. don’t you see?

Up here no trouble do I see
and the pretty angels sing to me.

The streets of gold is where I play
you’ll come here too, mommy, someday.

Until the day you join me here,
I’ll love you mommy, dear.

Each breeze you feel and see,
brings love and a kiss from me.


und die deutsche Übersetzung (so ganz frei monisch übersetzt, bin ja nun auch schon lange nicht mehr in der Schule gewesen )

Der Tod eines Kindes

Es tut mir leid, daß ich nicht geblieben bin,
um zu rennen, zu spielen und zu lachen,
um bei Dir zu sein.
Es tut mir leid, daß ich gestorben bin.

Gott schickte mich zu Dir
um Dein liebendes Herz zu erneuern.
Um Dir den Himmel zu offenbaren,
damit Du uns beide siehst – Gott und mich kleines Wesen.

Mammi, ich wünschte, ich könnte bleiben,
so wie ich es in Deinem Gebet hörte,
Aber alle Engel weinten,
als sie mir kleinem Wesen Auf Wiedersehen sagten.
Gott holte mich nicht zurück, weil er verrückt ist,
oder um Dich traurig zu machen.
Aber um uns beide eine Chance zu geben,
eine derart wertvolle Liebe zu spüren –
kannst Du das nicht sehen?
Hier oben gibt es keinen Ärger,
und die schönen Engel singen mir vor.
Ich spiele auf einer goldenen Straße
und eines Tages wirst auch Du hier her kommen, Mama.
Bis zu dem Tag, an dem wir wieder zusammen sind,
liebe ich Dich, meine liebe Mami,
Jeder Windhauch den Du fühlst,
bringt Liebe und einen Kuß von mir.

Ich hatte lange das Gefühl, wozu das alles, wozu überhaupt schwanger werden, wenn das Kind dann garnicht bleiben darf?

Würde ich heute gefragt werden, ob ich lieber auf die SS mit Robin und Stella verzichten möchte, damit ich diesen schmerz nicht durchleiden muß, würde ich sagen NEIN! Ich bin unendlich dankbar, sie gehabt zu haben und darum ist es OK, daß dieser Schmerz da ist. Lieber der Schmerz, als daß ich auf so viele schöne Sachen hätte verzichten müssen. Ich habe so viel gelernt in der Zeit der Trauer – über mich über andere über das Leben.

Das kann keine Strafe sein!

Ich habe mir von Anfang an der Trauer eines versucht anzugewöhnen – manchmal scheiterte es an der Umsetzung, weil es nicht immer leicht war – aber:

Um eine Situation anders vorzufinden, genügt oft ein Wechsel der Blickrichtung.

Und wenn ich darauf geachtet habe, stellte ich oftmals fest, wieviel einfacher die Lösungen doch waren und wie viel innerlichen Kampf und Zerreißproben ich mir hätte ersparen können.

Ich wünsche Dir wirklich von ganzem Herzen, daß Du für Dich und Dein Herz Ruhe findest, und Dich nicht weiter quälst, ob Du es nicht wert warst, Deinen Sohn bei Dir zu behalten, oder ein weiteres Kind.

Auch wenn wir oft nicht verstehen, wohin Gott uns führt, wissen wir doch, daß er uns führt.

Es ist ein Gott der Liebe und der Tod eines Menschen ist niemals Strafe!

( Luther hat doch rausgefunden, daß Gott uns unsere Sünden verzeiht, bevor wir sie überhaupt erkennen und bereuen können!)

In diesem Sinne, alles Liebe

Mone mit zwei Engelchen -Stella und Robin – und zwei Bengelchen – Alena und Tim und Bauchbewohner Fips

*Ich glaube, auch im tiefsten Dunkel der Nacht, wächst eine Blume in den Tag. So wie die Erinnerung bleibt und uns tröstet.*

 

Warum hat Gott das zugelassen?

Aus dem Weihnachtsheft des Bundesverbandes der Verwaisten Eltern in Deutschland

Ich bin Mutter von vier Kindern. Sabrina, geb. im Februar 1988, Corinna, geb. im September 1990. Am 18.12.1993 wurde mein Sohn Dominik geboren. Er war ein lebenslustiges gesundes Kind und hat mir viel Freude bereitet. Er war mein Sonnenschein, den ich über alles geliebt habe und für den ich im Nachhinein gesehen viel zu wenig Zeit gehabt habe. Dominik war 1,5 Jahre alt, als ich wieder schwanger war. Ich war noch ziemlich am Anfang der Schwangerschaft, als Blutungen einsetzen und ich danach fast nur noch liegen mußte. Die ganze Schwangerschaft ging es mir sehr schlecht, dann wurde Jannick geboren und es wurde bei ihm ein Herzfehler festgestellt. Am 26.02.98 wurde Jannick am Herzen operiert. Gott sei Dank ging alles gut. Aber ich war wieder zwei Wochen nicht für Dominik da.

Am 27.03.98, Gründonnerstag, wollte ich Dominik morgens in den Kindergarten bringen, er wollte aber nicht und weinte. Er beteuerte mir immer wieder: „Mama ich will immer bei Dir sein“. Ich habe ihn trotzdem hingebracht, weil ich noch so viel zu erledigen hatte. Nachmittags holte ich ihn ab und weil er morgens schon so geweint hatte, konnte ich nachmittags nicht nein sagen, als er mit einkaufen gehen wollte. Er war so brav an diesem Nachmittag und ich frage mich immer wieder, ob er eine Vorahnung

hatte. Beim Nachhausefahren habe ich ein Auto übersehen und ihm die Vorfahrt genommen.

Mein Sohn erlag im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen. Ich selber lag auf der Intensivstation und konnte mich von meinem Sohn nicht verabschieden. Auch heute, nach über fünf Jahren, habe ich den Schmerz, die Schuldgefühle und die Trauer nicht überwunden. Er fehlt mir so sehr und ich frage mich immer wieder: „Warum er???“. Aber das geht wahrscheinlich allen Eltern so. Warum hat Gott das zugelassen? Der Schmerz ist immer noch sehr groß und die Verzweiflung. Wir bringen Weihnachten und Geburtstag immer eine Kleinigkeit an sein Grab. An seinem Geburtstag sitzen wir zusammen, haben eine Kerze an und lassen einen Luftballon steigen. Ich rede oft mit meinen Kindern über ihn.

Das letzte Weihnachten zusammen mit Dominik war geprägt von der Angst um Jannick. Die Angst vor seiner Herz-OP. Jede danach folgende Weihnachten bisher war überschattet von der Trauer um Dominik. Am 18.12. hat Dominik ja seinen Geburtstag, also kurz vor Weihnachten. Diesen Tag gestalte ich, wie erwähnt, immer zusammen mit  seinen Geschwistern. Mit Dominiks Vater lebe ich seit 1999 nicht mehr zusammen, weil unsere Ehe dieser Belastung nicht stand gehalten hat. Wir haben für Dominik in Marienthal, einem kleinen Wallfahrtsort, eine grosse Kerze gekauft, die an seinem Geburtstag und an solchen Festlichkeiten als Zeichen seiner symbolischen Anwesenheit brennt. Ich weiss nicht, ob ich das für mich tue oder für die Kinder.

Er fehlt mir so sehr, seine Nähe, Wärme und Zärtlichkeit. Ich versuche, den Kindern die Vorfreude und Freude auf Weihnachten nicht zu nehmen, die mir selber Abhanden gekommen ist. Dominik hat ein grosses Stück von mir mitgenommen. Ich sage immer, er hat den Teil meiner Jugend und Freude mitgenommen. Ich unternehme vieles mit den Kindern gemeinsam, aber immer wieder überkommen mich die Gedanken: „Das kann Dominik alles nicht mehr erleben“. Ich fühle mich mitten unter Leuten einsam und allein und fehl am Platz. Ich mache weiter für meine drei noch lebenden Kinder, die ein Recht auf ihr Leben haben. Feiern in Schulen und Kindergarten erfordern gerade in der (Vor) Weihnachtszeit immens viel Kraft und trotz Stolz auf meine anderen drei ist die Trauer und der Schmerz riesengroß in mir.

Ich habe lange Zeit sehr mit Gott gehadert, weil sich die Frage nach dem Warum einfach immer wieder so bohrend stellt, und ich bin noch immer nicht durch damit, aber ich würde sagen, ich bewege mich wieder ein bißchen auf Gott zu. Ganz gebrochen habe ich nie, aber ich wollte und will teilweise immer noch nichts von einem Gott hören, der zuläßt, dass Kinder sterben. Nach Dominiks Tod wurde ich direkt mit der Religon wieder konfrontiert und zwar mit der Entscheidung, meine Tochter zur Kommunion gehen zu lassen oder nicht. Dominik verstarb am 27.03.97. Am 05.04.97 habe ich auf eigene Verantwortung das Krankenhaus verlassen und am 06.04.02 ging meine Tochter zur Kommunion. Am 07.04.97 wurde Dominik beerdigt.

Meine beiden Mädchen waren aus erster Ehe und katholisch, mein zweiter Mann ist evangelisch und Dominik war es auch. In der evangelischen Kirche spielt die Mutter Gottes eine untergeordnete Rolle. Das Lieblingslied Dominiks war „Ave Marie“ von der Kelly Family, wir wollten dieses Lied für ihn singen lassen, aber der Pfarrer wollte es nicht, da dieses Lied mit dem evangelischen Glauben nicht vereinbar wäre. Er hat im Enddefekt nachgegeben und wir durften es singen lassen, aber diese zermürbenden Diskussionen in solch einer Situation! Danach wollten wir der Kirche eine grosse Kerze spenden. Ich erhielt die Aussage, dass am Altar vier gleich grosse Kerzen stehen und es nicht möglich wäre, diese Kerze zu stellen. Solche „Kleinigkeiten“ machen es einem nicht gerade einfach.

Ich hadere oft mit dem Glauben. Das Warum stellt sich immer wieder. Warum werden mir diese Prüfungen auferlegt? Warum musste dieses Kind gehen????? Warum Warum Warum. Auch mir stellt sich immer wieder die Frage: „Warum hat Gott das zugelassen?“ In meiner letzten Kur hat eine Frau, die einer christlichen Gemeinde angehört, versucht zu erklären, dass die Welt-vom Teufel regiert wird und wir durch unser Hadern dem Teufel die Macht geben. Nicht Gott nimmt uns die Kinder, sondern der Teufel. Über diese Worte denke ich viel nach.

Ich habe 2000 dann versucht, erste Schritte wieder in Richtung Glauben zu tun und als Kathechetin den Kommunionunterricht meiner zweiten Tochter mitgestaltet. Dies hat mich dem Glauben wieder ein Stückchen näher gebracht. Besonders der Eröffnungsgottesdient der Kommunionkinder hat mich sehr beeindrucht. Die Rede des Pfarrers beinhaltete, dass mit dem Tod nicht alles zu Ende ist, sondern sich eine Tür öffnet und Gott uns in sein Reich einlädt, wo es uns gut geht. Er hat es so anschaulich beschrieben, ich kann das gar nicht so wiedergeben. Aber auch dieser Schritt in Richtung Glauben wurde bald wieder überschattet, als dann mein über alles geliebter Vater am 11.11.00 an seiner schweren Krebserkrankung gestorben ist. Auch da wieder dieses Warum und ein von grosser Trauer überschattetes Weihnachten. Mein Papa war meine Stütze, mein Halt, der immer für mich da war und auch er ist jetzt nicht mehr da. Er wurde nur 66 Jahre alt.

Für mich war es nach dem Tod meines Sohnes immens wichtig, ihn da zu beerdigen, wo ich mich immer heimisch gefühlt habe, aber auch das war ein Fehler. Das Grab ist nicht der Ort, an dem ich mich meinem Sohn nah fühle, denn dies ist der Ort, den seine Grosseltern ihm geschaffen haben. Ich bringe ihm zwar an seinem Geburtstag, Weihnachten und Ostern Kleinigkeiten da hin, Ostern einen tönernen Osterhasen oder ein Osternest. Ansonsten haben wir ihm da seinen besten Freund, unseren Bernhardiner, einen Keramik –Bernhardiner hinge-bracht. Weihnachten ein kleines Tannen-bäumchen usw. Ich besuche das Grab nur noch zu diesen Anlässen. Mein Sohn lebt in meinem Herzen weiter und ich hoffe sehr, ihn irgendwann einmal wieder zu sehen, habe aber auch Angst vor diesem Wieder-sehen, ob er mir alle meine Fehler, die ich gemacht habe, verziehen hat.

In der Weihnachtszeit hilft mir immer sehr der Gottesdient der Verwaisten Eltern Mainz, an dem ich mittlerweile auch aktiv mitarbeite und auch meine beiden „grossen Töchter“ haben letztes Jahr die Fürbitten gelesen. Dies ist für mich sehr wichtig. Ebenso hilft mir die Zusammenarbeit mit Pirko Lehmitz, der ich beim Beantworten der Gästebucheinträge behilflich bin auf der HP des VEID.

Marina Ranzenberger

Auf Altäre wollte ich schlagen

aus dem Weihnachtsheft des Bundesverbandes Verwaiste Eltern in Deutschland

„Mikael ist tot“. Dieser Satz steht mitten im Raum. Ich bin nirgends. Der Raum wird endlos, hat keine Grenzen, ist luftleer, ist farblos. „Ihm geht es gut!“ Niemand sagt dies, doch ich höre es, laut und deutlich. „Mikael ist tot“, dieser Satz im Raum wird größer, wird schwarz und schwärzer, dehnt sich, füllt den Raum, ballt sich urplötzlich zu einem Riesengeschoß und saust ungebremst auf mein Herz. Ich bin nicht da, nur mein Herz, das schwarze. Jeder Herzschlag ein Hammerschlag, lauter, größer, noch lauter, noch größer – das Herz füllt den Raum, es droht zu bersten.

Die Wochen und Monate danach. Immer wieder: „Ihm geht es gut.“ Dieser Satz ist in mir, er verlässt mich nicht. Aber mir geht es nicht gut! Verdammt noch mal!! Ich gönne Gott meinen Sohn nicht! Mikael fiel in seine Hände, dessen bin ich mir sicher, aber was ist mit mir? Wie kann ich Gott mein Leid klagen, ihn um Trost bitten, wenn er doch der Verursacher meines Leids ist? „Dein Wille geschehe“, diese Gebetsstelle verschließt meine Lippen, verhärtet mein Herz. Ganz undeutlich taucht manchmal ein Bild auf: Weit unter mir, von Wolken umhüllt, schweben Gottes Hände. Doch der Weg dorthin ist weit und mir unbekannt. Mikael ist bei Gott, aber ich will ihn hier haben, hier bei mir, meinen 19 jährigen, zärtlichen Sohn! Zum ersten Mal in meinem Leben stehe ich vor einem Problem, das ich nicht lösen kann, egal, was ich tue, egal, was mir einfällt! Machtlos bin ich, hilflos, ausgeliefert. Wem ausgeliefert? Amok laufen will ich. Ich will in alle Kirchen rennen, will auf die Altäre mit meinen Fäusten schlagen, bis sie bluten, bis ich zusammenbreche. Will Zettel auf die Altäre legen: „Betet für mich! Mein Sohn ist tot!“

Gott ist da, das weiß ich, aber alle meine Vorstellungen über ihn, über unser Verhältnis zueinander stimmen nicht mehr. Ich finde keinen Anfang zum Nachdenken, habe auch keine Zeit und keine Kraft dafür. Ich kämpfe mit dem puren Überleben, ertrage die Einsamkeit in der Familie nicht, denn mein Mann und meine 17 jährige Tochter schweigen. „Was gibt es da zu reden? Er ist tot. Akzeptiere das endlich!“ Und doch taucht manchmal, wenn mir ein Mensch ganz nah begegnet, das Gefühl auf: „Den hat dir Gott geschickt.“

Fünf Monate nach Mikaels Tod habe ich Geburtstag. Wie kann ich den Tag überleben? Ich nehme mir dienstfrei, denn ich weiß, dass ich nicht fähig sein werde, zu arbeiten, aber ich sage meiner Familie nichts davon. Ich stehe wie gewohnt früh auf, will nur weg. Aber ich komme nicht weit, ich steh plötzlich vor unserer Dorfkirche. Da ich einen Schlüssel zu ihr besitze, schließe ich sie auf und schließe hinter mir wieder zu. Und dann sitze ich acht Stunden in meiner Kirche auf der Erde, habe den Rücken an den Altar gelehnt, all die Fotos meines Sohnes, die ich immer bei mir trage, im Halbkreis um mich gelegt, seine Brille wie jeden Tag in der Hosentasche. So lese ich das ganze Buch Hiob. Ich höre Hiob, wie ich ihn noch nie hörte. Das rettete mich über diesen Tag.

Das Gedicht von Frau Bryan habe ich sechs Monate nach Mikaels Tod das erste Mal gelesen. Es erschien mir unglaublich, dass ich jemals dort ankommen könne, wo sie angekommen ist. Ich wusste, wenn ich je den Weg schaffe, dann wird es ein sehr, sehr langer und beschwerlicher Weg sein! Irgendwann entdecke ich Jesus als meinen Begleiter. Er hat auch gelitten, er war auch oft einsam, er geht nun neben mir, ihm kann ich erzählen, er hält meine Hand. Als ich mich eine zeitlang selbst nicht mehr spürte, sehe ich in einem Wachtraum einmal drei Engel an Mikaels Grab stehen und höre, wie sie über mich reden, und mich segnen.

Und dann fällt mir das Buch „Wenn guten Menschen Böses widerfährt“ von Rabbi Kushner, in die Hände. Nun muss ich nicht mehr nach einem Anfang suchen, da ist ein Knoten geplatzt, ich kann auf- und durch-atmen. Ja, so ist es: Gott hat nicht gewollt, dass mein Sohn stirbt, Gott hat mir dieses Leid nicht angetan. Er wollte dies nicht. Aber er war da im Moment des Todes, Mikael fiel in seine bergenden Hände. Und diese Hände bilden auch den Boden des mir bodenlos erscheinenden, schwarzen Loches, in dem ich immer noch falle. „Dein Wille geschehe“ heißt nun für mich: „Gott will, dass ICH lebe“, und ich spreche laut mit: „Dein Wille geschehe“ und nehme es als Auftrag, weiterzuleben und mit meinem Leben etwas anzufangen.

In den vier Evangelien lese ich die Geschichten nach, in denen Jesus nach seinem Tod verschiedenen Menschen begegnet. Ich entdecke, dass er den Menschen ihre völlig verschiedenen Trauerwege lässt. Niemandem sagt er: Tu dies nicht – tu jenes nicht. Er begegnet ihnen mitfühlend, er begleitet sie, er lässt sie reden, weinen, zweifeln und schweigen. Das lässt mich begreifen, dass es keinen falschen, keinen besseren Trauerweg gibt, dass jeder Weg für den jeweiligen Menschen gut und richtig ist. Das hilft mir, meinem Mann und meiner Tochter nicht mehr mit innerem Zorn und Vorwurf zu begegnen.

In mehreren Schreibwerkstätten für Trauernde arbeite ich mit Gott und entdecke meine Wege mit und zu ihm. Heute, nach zwölf Jahren habe ich den Weg von Frau Bryan geschafft: Ich weiß nun, dass Mikaels Leben nicht abgebrochen, sondern vollendet ist, auch wenn ich das nicht verstehe. Ich kann Gott von Herzen danken, dass ich diesen Sohn 19 Jahre bei mir haben durfte, dass er mir so nahe war und dass er so war, wie er war. Der Satz: „Ihm geht es gut“ hat mich nie verlassen. Ich denke heute, dass er von Gott entstammt.

Gisela Sommer

Das Licht auf meinem Weg

aus dem Weihnachtsheft des Bundesverbandes Verwaiste Eltern in Deutschland

Mein Weg ist ein Weg durch ein dunkles Tal. Ein Weg durch viele Fragen, Ängste, Unsicherheiten, viel Wut und Traurigkeit. Ich gehe diesen Weg seit dem 16.11.2001. An diesem Tag habe ich erfahren, dass mein kleiner Sohn Marlon nicht mehr lebt. Ich war in der 39. Schwangerschaftswoche. Bis dahin war die Schwangerschaft völlig problemlos. Am 17.11.2001 wurde unser Marlon still geboren. Es konnte keine Ursache für seinen Tod festgestellt werden.

Es ist so ungerecht, dass unser Marlon nicht bei uns bleiben durfte. Er wurde so liebevoll erwartet von seinen Eltern und seinen beiden Brüdern. Alle haben sich auf ihn gefreut. Ungerecht. Es ist so ungerecht wie die Welt ist, in der wir leben. Es gibt hier keine Gerechtigkeit, in keinster Weise. Wenn ich jetzt nicht mehr an einen guten und gerechten Gott glauben könnte, könnte ich hier nicht mehr leben! Ich habe an Ihn geglaubt, bevor Marlon gestorben ist. Und wenn es die Wahrheit ist, dass Jesus für uns gestorben ist und wieder auferstanden ist, damit wir in einer besseren, gerechten Welt für immer mit Ihm (und unseren Kindern) leben können, dann ist es ja immer noch die Wahrheit, auch wenn mir etwas so Schlimmes passiert ist. Die Wahrheit ändert sich niemals. Sie passt sich nicht an die Umstände an. Sie ist be-ständig, auch wenn alles andere um uns herum kaputtgeht. Jesus hat gesagt:

„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Er ist meine einzige Hoffnung. Das Licht auf meinem Weg. „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte, und ein Licht auf meinem Weg.“ (Psalm 119, 105).

Trotzdem werde ich wahrscheinlich niemals verstehen, wieso ich einen so schweren Weg gehen muss. Ich bin sehr wütend auf Gott, dass er das zugelassen hat. Trotzdem ist Er meine einzige Hoffnung. Für mich ist das kein Widerspruch. Gott kennt unser Herz und er versteht auch unsere Wut. Sonst wäre er nicht Gott! Ich habe von mehreren Betroffenen, die auch ihre Kinder verloren haben, gelesen, dass sie mit Gott nichts mehr zu tun haben wollen. Ich kann das gut verstehen. Ich kann nur für mich sprechen und ich bin froh, dass ich noch glauben kann, dass Gott gut ist und dass ich meinen Marlon irgendwann bei Ihm in meine Arme schließen kann. In der Offenbarung, 21.4, steht:

„Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Schmerz, noch Geschrei wird mehr sein, denn das Erste ist vergangen.“

Wenn das Erste, also unser Leben hier auf der Erde, vergangen ist, werde ich in einer besseren Welt leben. In einer Welt, wo die Gerechtigkeit Gottes herrscht und wir von seiner Liebe umgeben sind. Mein kleiner Marlon wartet dort auf mich. Jesus sagte:

„Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn ihnen gehört das Himmelreich“ (Matthäus 19,14).

Jesus liebt die Kinder über alles.

Es geht mir nicht gut, davon bin ich noch weit entfernt. Ich vermisse meinen Marlon unendlich. Trotz aller Trauer und Wut bin ich Jesus dankbar, dass er mir durch seinen Tod am Kreuz die Möglichkeit gegeben hat, in Ewigkeit in der Gegenwart Gottes zu leben.

„Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt…“(Johannes 11,25).

Vielleicht werde ich eines Tages, wenn ich bei Gott bin, verstehen, wieso ich diesen schweren Weg gehen musste. Vielleicht ist es dort auch nicht mehr wichtig. Ich weiß nur, ich könnte nicht einen Schritt mehr tun, wenn Gott mir diesen Weg nicht erhellen würde.

„Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Johannes 7,12).

Ich wünsche allen, die dieses lesen, dass Gott Ihnen sein Licht sendet und dass sie Hoffnung haben können.

Birgit S.