Kategorie-Archiv: Namensgebung

Warum ist uns, Müttern von stillgeborenen Kindern, deren Name so wichtig?

Gleich nachdem ich aus dem Krankenhaus kam, bin ich in mein Zimmer gegangen, habe mir das Vornamensbuch genommen und erst einmal nachgeguckt, was der Name Tobias bedeutet. Kai hatte den Namen Tobias ausgesucht und einfach beschlossen, dass unser Baby ein Junge wird und Tobias heißt. Ich merkte sehr schnell, dass ich mit ein wenig Glück noch einen zweiten Namen aussuchen dürfte, aber gegen Tobias nichts hätte machen können. Als ich dann im Vornamensbuch las: Tobias, hebr. von tobijahu = gut (ist) Jahwe (Gott), hat mich das beeindruckt und ich war froh, dass wir uns auf Tobias geeinigt hatten. Ich wusste zwar, dass Tobias eine Figur aus der Bibel war, doch ich hatte nie weiter darüber nachgedacht.

Keiner fragte nach der Geburt nach dem Namen unseres Sohnes

UrkundeTobias1klWeder die Hebamme und schon gar nicht der Arzt fragten im Kreißsaal nach dem Namen unseres Kindes. (Mehr hier: Geschichte) Warum eigentlich nicht? Ja, Tobias ist bei der Geburt gestorben und doch auch Tote haben doch einen Namen. Ist es allein damit zu erklären, dass sie dachten, sie täten uns weh mit dieser Frage? Vielleicht, und doch hatte ich irgendwie darauf gewartet oder es sogar gewünscht, wenigstens damit die Papiere stimmen. Später als ich den Auszug aus dem Sterbebuch sah, wusste ich warum dies nicht nötig war, denn dort stand lediglich „Ein Knabe Lehmitz ist am 22.08.1997 in der Geburt gestorben“. Mehr war nicht erforderlich und auch nicht erlaubt. (Vgl. Namensrecht)

Aber warum hätte ich es mir erwünscht? Warum ist der Name auch heute noch so wichtig für mich? Ich wollte einfach, dass mein Kind auch als solches anerkannt wird. Für mich war und ist es auch heute noch so, dass keine Schwangerschaft gescheitert war, sondern ich ein Kind geboren habe. Ein Individuum, eine Persönlichkeit, auch wenn sie nie die Chance hatte, diese Persönlichkeit zu zeigen. So schreibet es auch Michaela Nijs in ihrem Buch „Trauern hat seine Zeit“ (S. 48-51) Michaela Nijs, wo sie erklärt, dass der Namen eines Menschen in engem Zusammenhang mit der Anerkennung seiner Individualität, seiner Persönlichkeit stehe. So könne der Name als eine Voraussetzung für Begegnung gesehen werden. Auch sie weißt in ihrem Buch darauf hin, dass es zwar selbstverständlich sei, einem lebend geborenen Kind einen Namen zu geben und dies auch einer der ersten Fragen sei, die Eltern kurz nach der Geburt von Freunden oder Verwandten gestellt werden, dieser selbstverständliche Umgang mit dem Namen aber verloren gehe, wenn das Kind tot geboren werde. Auch sie ist der Meinung, dass gerade die Namensgebung beim frühen Tod eines Kindes für die Eltern und für alle anderen Beteiligten wichtige Signale setze, da die Eltern mit der Namensgebung eines totgeborenen oder perinatal gestorbenen Kindes deutlich machen, dass ein Mensch gestorbenen sei und es nicht um den Verlust eines Schwangerschaftsproduktes gehe. Diese Anerkennung der Individualität des Kindes gehöre nach Auffassung von Nijs wesentlich zu einem würdevollen Umgang mit früh gestorbenen Kindern. Fast alle Mütter, die in einer Untersuchung befragt worden seien, hätten ihren verstorbenen Kindern einen Namen gegeben. Viele hätten jedoch diesen Namen noch nie einem anderen Menschen gegenüber ausgesprochen. Die selbstverständlich Frage nach dem Namen könne den Eltern helfen, die Schwelle zu überwinden, zum ersten Mal den Namen ihres Kindes andren mitzuteilen. Da die Eltern so wenige konkrete Erinnerungen an ihr Kind habe, könne die Namensgebung ihnen oft helfen, anzuerkennen, dass sie um einen konkreten Menschen trauerten. Der Name könne auch zu einem Symbol für die Existenz des Kindes werden.

Bei dem Stichwort Symbol fällt mir ein, dass mir vor ein paar tobiastopfWochen aufgefallen war, als ich so bei uns durchs Haus ging, dass wir fast in jedem Zimmer bis auf Badezimmer und Küche etwas haben, was uns an Tobias erinnert. „Richtige“ Erinnerungsstück haben wir ja leider nicht, da ich Tobias still geboren habe und nichts vorher kaufen wollte. Aber ich habe alles gesammelt, was mich so in den letzten 5 Jahren auf meinen Weg durch die Trauer begleitet hat und mich an Tobias erinnert. Alle diese „Erinnerungsstücke“ sind mit seinem Namen versehen. Sicher ist dies kein Zufall. (Mehr hier: Mementos)

Aber nicht nur im Krankenhaus fragte keiner nach Tobias Namen, auch keiner unserer Verwandten oder Freunde fragten nach seinem Namen. Inzwischen dürften alle wissen, dass unser erster Sohn Tobias heißt, aber sein Namen wird nie genannt. Noch nicht einmal am Tag der Beerdigung von Tobias hat irgendjemand seinen Namen genannt.

 

Für andere warst Du niemals wirklich da

sie kennen Dich nicht
sie vermissen Dich nicht
keiner spricht von Dir
niemand wagt Deinen Namen zu sagen
sie werden es niemals verstehen
damit lassen sie Dich
ein zweites Mal sterben
07.03.1998

Besonderes deutlich, dass Tobias für andere nicht existiert, wurde mir, als mir letztes Jahr meine Schwägerin ganz Stolz einen Stammbaum unserer Familie überreichte. Dort hatte sie ganz akribisch unsere und ihre Eltern, die Familie meines Bruders mit allen Kindern, sowie die Familien ihrer Geschwister mit deren Kindern und auch unsere Familie mit unserem zweiten Sohn, Pascal, aufgeführt. Tobias war dort natürlich nicht zu finden. Dafür aber mindestens ein Dutzend unserer Vorfahren, die nicht nur inzwischen ebenfalls tot waren, sondern die auch keiner von uns kannte. Sie fand es also wichtig, eine Menge Toter ganz genau mit Namen, Vornamen und Beruf aufzuführen, die keiner von uns kannte, nicht mal aus Erzählungen, aber den Neffen ihres Mannes nicht, nur weil er tot geboren wurde.

Als endlich der Namen Tobias auf dem Grabstein stand, war ich irgendwie richtig froh

grossh1Nachdem Tobias in meiner nächsten Umgebung totgeschwiegen wurde, auch die Behörden ihn durch die Nichteintragung des Vornamens nicht als vollwertig akzeptierten, war es mir ganz wichtig, dass Tobias zumindest auf dem Grabstein steht. Wir hatten ihn bei meinem Vater im Familiengrab beigesetzt. Ich beauftragte also einen Steinmetz den Namen Tobias und das Datum 22.08.1997 auf den Stein zu setzen. Doch es dauerte Monate bis der Steinmetz dies machte. Jedes Mal wenn ich zum Friedhof kam und sooft war das nicht, weil Tobias ca. 60 km entfernt beerdigt wurde, war ich sehr traurig als ich sah, der Name steht immer noch nicht darauf. Kai hat dann irgendwann beim Steinmetz angerufen und Druck gemacht. Als ich dann endlich den Namen lesen konnte, war ich irgendwie richtig froh darüber. Endlich gab es etwas ganz offizielles mit seinem Vornamen.

Änderung des Personenstandsgesetztes schaffte endlich die Möglichkeit, den Vornamen eintragen zu lassen und damit auch eine offizielle Anerkennung durch die Behörden zu erwirken

Eheschließungsrechtsgesetz Artikel 17

 §1 Für ein vor dem Inkrafttreten dieses Gesetzes in das Sterbebuch eingetragenes totgeborenes oder in der Geburt verstorbenes Kind sind auf Antrag einer Person, der bei der Lebendgeburt des Kindes die Personensorge zugestanden hätte, durch Randvermerk Vor- und Familienname einzutragen: § 15 Abs. 1 und § 21 Abs. 2 PStG gelten entsprechend. Der Antrag ist binnen fünf Jahre nach Inkrafttreten dieses Gesetzes bei dem Standesbeamten zu stellen, der das Sterbebuch führt.

Als dann am 30.06.1998 das neue Personenstandsgesetz in Kraft trat, nach dem auch der Vorname derjenigen Kinder, die vor dem 01.07.1998 totgeborenen wurden, auf Antrag nachtragen werden können, habe ich mir sofort die gesetzlichen Grundlagen herausgesucht und bin damit zum Standesamt nach Hamburg-Altona gegangen, um auch Tobias Vornamen eintragen zu lassen (Vgl. Namensrecht)

IUrkundeTobiasausnzwischen habe ich festgestellt, dass nicht nur mir jede Möglichkeit wichtig war, Tobias offiziell anerkennen zu lassen, sondern, dass andere Mütter von totgeborenen Kindern ähnliches in Bewegung gesetzt haben.

 

 

Wie zum Beispiel Uschi, die Mutter von Paul, sich gefreut hatte, dass ihr Paul im Gemeindebrief unter der Rubrik Beerdigungen aufgeführt wurde. (Mehr zu ihrer und Pauls Geschichte).

Beerdigungen
Kirchlich bestattet wurden in Rengershausen:
Am 09.05.03: Paul Balz (gestorben, ehe er geboren wurde)

Sie selbst hatten auch eine Anzeige in der Zeitung für Paul setzen lassen.

AnzeigePaulkl

Richtig kämpfen musste Claudia, damit ihr Moritz wie alle anderen Geburten und Sterbefälle auch im Dorfblatt genannt wurde. (Mehr hier)

Auch beim Trauerseminar in Bad Segeberg und unserer Frühtodselbsthilfegruppe spielte der Name immer eine zentrale Rolle

Auch beim Trauerseminar in Bad Segeberg und unserer Frühtodselbsthilfegruppe spielte der Name immer eine zentrale Rolle. Gleich zu Beginn des Trauerseminars haben die Eltern bzw. Geschwister einen Stern aus Papier geschnitten und den Namen des Kindes darauf geschrieben. Diese Sterne wurden an ein blaues Samttuch geheftet und über einen großen Tisch im zentralen Raum gelegt, wo sie von allen bewundert werden konnten. Aber auch in den kleinen Gruppen war der Name des Kindes immer präsent. So wurde von jedem Elternpaar ein kleiner gelber Stern mit dem Namen beschriftet, der dann in einen Kranz gesteckt wurde. Beim Abschlussgottesdienst standen zum einen auf dem Altar die von den Eltern selbst verzierten Kerzen, alle mit dem Namen des Kindes, und zum anderen wurde jedes Kind mit vollem Namen vorgelesen. Gerade das Vorlesen des Namens ist in fast allen Gedenkgottesdiensten (Hinweis auf Gedenkgottesdienste) ein zentrales Ritual. Ich beschrieb dies in meinem Bericht, den ich unmittelbar nach dem Seminar verfasste (hier mein Seminarbericht) so:

“Besonders schön, insbesondere für unsere Gruppe, die alle ein Kind in der Schwangerschaft oder kurz danach verloren hatten, war, dass an jedes Kind mit seinem vollständigen Namen gedacht wurde. Ich war schon immer glücklich, wenn jemand unseren Sohn mit seinen Namen Tobias nannte, aber Tobias Lehmitz, das hatte noch niemand gesagt. Jeder von uns in der Gruppe, achtete auf jeden Namen unserer Kinder. ”

In unserer Selbsthilfegruppe hatten wir ein ganz besonderes Ritual, nämlich unsere Eisenbahn, die ich anlässlich unseres Abschiedsritual so beschrieb ( hier mein Bericht zu unserem Abschiedsritual) :

“Natürlich stand unsere Eisenbahn mitten aufAbschied1n dem Tisch. Unsere Eisenbahn, die uns von Beginn an durch unsere Gruppenabenden begleitet hat. Sie besteht aus einzelnen Holzgleisen, die man zusammenlegen kann. In die Gleise werden kleine Stifte gesteckt, an denen jeweils ein großes Herz, das mit dem Namen eines Kindes und dessen Geburts- bzw. Todesdatum beschriftet ist, befestigt wird. ”

 

Die meisten Zuschriften auf dieser Seite bekomme ich zur Sternenseite mit den Namensgedichten, inzwischen über 50 Sterne. Viele Eltern haben einfach das Bedürfnis, dass wenigstens hier im Internet es einen Platz gibt, wo ihrem Sternenkind mit Namen gedacht wird.

© Pirko Lehmitz, www.Stillgeboren.de Juni 2003

Trauern hat seine Zeit

Abschiedsrituale beim frühen Tod eines Kindes

Von Michaela Nijs

Auszüge zusammengstellt von Pirko Silke Lehmitz

1.Ritual, Definition und Wirkung

 a) Definition für ein RitualNijs
Die amerikanische Psychotherapeutin T. Rando definiert ein Ritual als ein spezifisches Verhalten oder eine spezifische Handlung , die bestimmten Gefühlen und Gedanken des/der Vollziehenden als Einzelner oder als Gruppe symbolischen Ausdruck verleiht. Das Hinaus-Setzen von emotionalen Erlebnisinhalten kann für einen Trauernden befreiend wirken, insbesondere, wenn der Tod eines geliebten Menschen mit traumatischen Erfahrungen verbunden war. Oft fehlen die Worte, um den Schmerz mitzuteilen; dann können Symbole und symbolische Handlung helfen, ohne Worte ein Brücke zu anderen Menschen zu schlagen. Rando weist in ihrer Definition auf ein weiters Charakteristikum von Ritualen hin: sie können einmal stattfinden, wie zum Beispiel eine Beerdigung, sie können jedoch auch wiederholt werden oder über eine gewisse Zeit fortlaufen vollzogen werden. Dies zeigt die vielfältigen möglichen Variationen von Ritualen.

    b) Gebrauch des Begriffes Ritual in diesem Buch
Ein Abschiedsritual ist eine bewußt vorbereitete und vollzogene symbolische Handlung, die Gefühle und Gedanken des Trauernden ausdrückt. Diese Handlung ist individuell gestaltet, ihr Inhalt wird geprägt durch die Bedürfnisse und Überzeugungen des trauernden Menschen. Elemente aus überlieferten Ritualen können enthalten sein, eine symbolische Handlung kann auch ohne Anlehnung an Traditionen gestaltet werden. Bei der Vorbereitung und dem Vollzug des Abschiedsrituals dient keine Suggestion oder Manipulation durch andere Menschen statt, das Ritual wird in Freiheit vollzogen. Es kann ein einmaliges Geschehen sein, es kann in derselben Form mehrmals wiederholt werden oder ein fortlaufenden Charakter haben. Die symbolische Handlung ist herausgehoben aus der Routine des Alltags und kann mit Erfahrungen des Außer-Gewöhnlichen verbunden sein. Ein Ritual spricht den ganzen Menschen an, indem es die Aktivität von Körper, Seele und Geist fördert. Ein Ritual wirkt auf verschiedenen ebenen interaktiv. Der Vollzug einer symbolischen Handlung kann eine heilende Wirkung für den Vollziehenden haben.

    c) Rituale als Orientierungshilfe
Wenn ein trauernder Mensch vor dem Vollzug eines Abschiedsrituals ein Ziel beschreibe kann, das er unter andrem auch mit Hilfe des Rituals erreichen möchte, kann dieses Ziel eine Orientierung in schwierigen Zeiten bieten. Klare Ziele für Rituale bedeuten nicht, daß quantitativ erfaßbare Leistungen als eine Zieldefinition dienen. Es geht um eine generelle Wegrichtung, nicht um Stationen, die erreicht werden sollen. Eine Mutter kann sich zum Beispiel entscheiden, daran zu arbeiten, wie sie das Gedenken an ihr gestorbenes Kind mehr in ihr Leben integrieren kann. Diese Mutter hat ein klares Ziel: sie möchte ihre Erfahrungen mit dem Leben einbeziehen. Dieses Ziel läßt jedoch offen, welche Wege und Um-Wege gewählt werden und wie die Wegstationen aussehen werden. Das Ziel gibt Orientierung, und gleichzeitig läßt es den Menschen in seinen Entscheidungen frei. Zu diesem frei-lassenden Element der Rituale kommt noch ein weiterer wesentlicher Aspekt hinzu: die Kreativität, das schöpferische Gestalten. Gerade bei den Abschieds-Ritualen, die im vorliegenden Buch dargestellt werden, ist das kreative Element sehr wichtig. Wählt eine Mutter zum Beispiel den fortlaufenden Brief an ihr verstorbenes Kind als seinen möglichen Weg zur besseren Integration ihrer Erfahrungen, dann wird sie nicht jeweils zu Beginn des Schreibens genau definieren, was sie schreiben will. Da das Scheiben ein kreativer Prozeß? Ist, wird sie möglicherweise Gefühle verbalisieren, die ihr vorher nicht bewußte waren, oder sie Zusammenhänge zwischen früheren Erlebnissen und gegenwärtigen Situationen erkennen, die sie auf einer Intellektuellen Ebene vorher nicht hatte sehen können. Sich dem Fluß des Schreibens anzuvertrauen, ohne dabei die Kontrolle durch das Ich zu verlieren – das ist schöpferische Gestaltung von Abschiedshandlungen.

    d)Heilende Wirkung
Beim Vollzug eines Rituals erfolgt ein Rückbezug auf das, was nährt und heilt. Diese Nährende verstehe ich im übertragenden Sinn als eine Quelle der Lebenskraft, vielleicht auch als einen imaginativen Ort, an dem ein Mensch sich rückbesinnen kann auf seine wahren Lebensimpulse. Die Annahme dieser kraftspendenen und damit heilenden Wirkung von Ritualen gehört zu den Grundlagen des vorliegenden Buches.
Die amerikanische Psychotherapeutin Achterberg beschreibt die Wirkungen, die Rituale für den einzelnen und für die Gemeinschaft haben können: „Rituale dienen als Wegweiser und Verhaltensmaßstäbe in Krisenzeiten, wenn Körper, Geist oder Seele angegriffen sind. Der Akt des Rituals ermöglicht es den Menschen, Erfahrungen miteinander zu teilen und einander sichtbar zu unterstützend. „Die wesentliche psychologische Wirkung des Rituals liegt darin, daß es Menschen durch schwierige Zeiten geleitet, Sterbend, Schwerkranke, Menschen in emotionalen Krisen. Das Ritual liefert eine Landkarte für das unsichtbare, unbekannte und nicht vermessen Territorium, das sie durchschreiten“.
Als weitere Wirkungen von Ritualen nennt Achterberg die Minderung des Gefühls der Entfremdung von der eigenen Gemeinschaft und die Verminderung von Depressionen und Angst. Die Aufhellung von Depressionen hängt damit zusammen, daß im Ritual die eigene Aktivität des Menschen gefordert ist. Gelingt der Schritt, die Impulse aus dem Denken in eine Handlunge umzusetzen, dann ist der Teufelskreis der depressiven Lähmung durchbrochen.
Ein Mensch kann Hoffnung in einer Krisenzeit erleben, wenn er spürt, daß er sein Hier und Jetzt gestalten kann. Genau diese Gestaltung des „hic et nunc“ geschieht im Ritual, der Fokus der Aufmerksamkeit ist auf die Gegenwart gerichtet. Das mach dem Trauernden Mut, daß er auch in Zukunft in der Lage sein wird, sein Leben zu ergreifen.

    e) Auseinandersetzung im Tun
Es gibt zwei wichtige Elemente einer symbolischen Handlung. Das erste Element ist die Erfahrung, daß die Auseinandersetzung im Tun geschieht. Der aktive Prozeß des Ergreifens hilft, die Realität des Todes anzuerkennen und so einen ersten Schritt zu Integration zu leisten. Das zweite Element ist das Bemühen, die eigenen Erfahrungen in ein Form zu bringen. In einem schöpferischen Prozeß entsteht etwas Sichtbares. Inneres kann zu einer äußeren Gestalt werden, kann ausgedrückt werden.

2.„Mementoes“: Erinnerungsstücke

Wenn ein Erwachsener oder ein älteres Kind sterben, gibt es viele besondere Gegenstände, die mit Erinnerungen an den Verstorbenen verbunden sind. Ganz anders ist die Situation, wenn ein Kind tot zur Welt kommt, oder um die Geburt herum stirbt. Dann haben die Eltern und die Geschwister oft nur sehr wenige „mementoes“. Manche Familien haben keinen einzigen Gegenstand, der sie an das gestorbene Kind erinnert.

    a) „Mementoes“ als Begleiter in der Trauer
„Mementoes“ können auch Gegenstände sein, die mit positiven Erfahrungen während der Trauerprozesses verbunden sind. Manchmal sind es Geschenke von Menschen, die die Eltern unterstützt haben. Gerade in Krisenzeiten können solche Übergangsobjekte stabilisierend wirken.

    b) Neu geschaffene „Mementoes“
„Mementoes“ müssen nicht Gegenstände sein, die schon im Besitz der Eltern waren, als das Kind starb. Es können ebenso Dinge sein, die nach dem Tod des Kindes geschaffen und gestaltet wurden. Gerade Eltern, die kaum Gegenstände habe, die sie an eine gemeinsame Zeit mit dem Kind erinnern, erleben es oft als sehr hilfreich, wenn sie selbst etwas gestalten können, oder wenn sie nach Symbolen und Bildern für ihre Erfahrungen suchen können.

    c) Kerze als Symbol des Gedenkens
Die Kerze ist ein Symbol, das die Menschheit schon sehr lange bei Feiern und besonderen Anlässen verwendet. In der christlichen Tradition steht die Kerze in einem engen Zusammenhang mit Weihnachten und Ostern. Aber auch für viele Menschen, die keine Beziehung zur christlichen Überlieferung haben, ist das Anzünden einer Kerze eine wichtige symbolische Handlung, diene besondere, außergewöhnliche Zeit markiert. Kerzen bringen Wärme und Geborgenheit, die Flamme wird auch als ein Symbol der Liebe gesehen.

Ein Vorschlag als ein Symbol für die Verwendung von Kerzen in einem Ritual wäre es, eine Kerze während der Geburt eines toten Kindes brennen zu lassen und diese Kerze den Eltern dann zu schenken. Hier kann man das Licht verstehen im Sinne einer Begleitung schon während der Geburt, eines Empfangens des toten Kindes mit Kerzenlicht auf dieser Welt und einer besonderen Kerze, die die Eltern durch ihre Trauerzeit begleiten kann. Dieser Vorschlag ist inzwischen von einigen Hebammen aufgriffen worden. Sie erzählten, daß sie positive Rückmeldungen von Eltern bekommen hätten, denen sie eine Kerze mit nach Hause gegeben hatten.  Sie berichteten auch, daß sie selbst gespürt hätten, wie sich die Atmosphäre im Kreißsaal verändert, wenn eine Kerze brennt.

    d)Das Fehlen von gemeinsamen Erinnerungen
Gerade in bezug auf die soziale Interaktion wird deutlich, daß die Situation nach dem perinatalen Tod eines Kindes ein ganz andre ist als die nach dem Tod eines Erwachsenen. Wenn ein Kind um die Geburt herum stirbt, gibt es beinahe keine gemeinsamen Erinnerungen, die die Eltern mit Freunden und Verwandten teilen können. Eltern eines früh gestorbenen Kinde können eben nicht sagen: „ Weißt du noch, wie unser Sohn zum erstem Mal gesessen hat?“ Solche geteilten und mitgeteilten Erinnerungen erleichtern den Trauerprozeß – und sie fehlen beim frühen Tod eines Kindes.

3.Jahrestage und andere wichtige Gedenktage

    a)Meilensteine auf dem Weg durch die Trauer
Jahrestage können ein Anlaß sein, auf das vergangene Jahr zurückzublicken, vielleicht auch auf die Zeit seit dem Tod des Kindes. Dieser Rückblick kann hilfreich sein, denn während des Durchlebens des Prozesses sehen die Eltern ihre Schritte in Richtung Heilung manchmal nicht. Dies können im Überblick viel deutlicher wahrgenommen werden.
Nicht nur der Todestag des Kindes, sondern auch andere Tage können für die Eltern die Funktion von Meilenstein den haben: der errechnete Geburtstermin; in folgenden Schwangerschaften die Schwangerschaftswoche, in der das Kind gestorben ist; der eigene Geburtstag, an dem die Eltern sich erinnern, daß das Kind fehlt; und viele ganz individuelle Tage.

b)Muttertag und Vatertag
Diese Tage können besonders für Eltern, die keine lebenden Kinder habe, schwierige und traurige Tage sein. Fragen der Identität der Eltern können in dieser Zeit besonders drängend werden. In einer Veröffentlichung einer amerikanischen Selbsthilfegruppe beschreibt eine Mutter ihre Gedanken zu diesen Gedenktagen: „ Verständlicherweise sind dies zwei Tage, die von unsrer Gesellschaft bestimmt worden sind, um den Status der Elternschaft zu ehren, wie das sprichwörtliche Salz in der unseren Wunde. Für diejenigen von uns, die keine überlebenden Kinder haben, bringen diese beiden Feiertage auch viele Fragen a die Oberfläche. Wird irgend jemand, anerkennen, daß wir Eltern sind? Werden wir uns selbst erlauben, anzuerkennen, daß wir Eltern sind? Sind wir Eltern? Natürlich sind wir es! Töchter und Söhne hören nicht auf, Töchter und Söhne zu sein, wenn ihre Eltern sterben. Wir sind Mütter und Väter, deren Kinder gestorben sind.“

4. Namensgebung

a) Anerkennung des Kindes als Individualität
Der Name eines Menschen steht in engem Zusammenhang mit der Anerkennung seiner Individualität, seiner Persönlichkeit. Die fragen nach der Identität und den Wesen eines Menschen sind häufig verbunden mit dem Namen, der er trägt. Wistinghausen beschreibt diese Beziehung zwischen dem Namen und dem Wesen eines Menschen folgendermaßen: “Der Name deutet nicht nur auf den Menschen, sondern er bedeutet den Menschen. Das persönliche Wesen Mensch lebt und webt geheimnisvoll in den Lauten des Namens und äußert sich in ihnen.“
Um ein Gegenüber persönlich ansprechen zu können, müssen wir seinen Namen kennen. In diesem Sinne kann der Name auch als eine Voraussetzung für Begegnung gesehen werden.
Es erscheint uns selbstverständlich, einem lebend geborenen Kind einen Namen zu geben. Die Frage nach dem Namen ist meist auch ein der ersten Fragen, die Eltern kurz nach der Geburt eines lebenden Kindes von Freunden und Verwandten gestellt werden.
Dieser selbstverständliche Umgang mit dem Namen geht verloren, wenn das Kind tot geboren wird oder kurze Zeit nach der Geburt stirbt. In dieser Situation werden Eltern nur selten gefragt, wie ihr Kind heißt. Dabei kann die Namengebung gerade beim frühen Tod eines Kindes für die Eltern und für alle anderen Beteiligten wichtig Signale setzen. Wenn Eltern einem totgeboren oder perinatal gestorbenen Kind einen Namen geben, machen sie damit deutlich, daß ein Mensch gestorben ist, daß es nicht um den Verlust eines Schwangerschafts-Produktes geht. Diese Anerkennung der Individualität des Kindes gehört wesentlich zu einem würdevollen Umgang mit früh gestorbenen Kindern. Fast alle Mütter, die in einer Untersuchung befragt wurden, hatten ihren verstorbenen Kindern einen Namen gegeben. Viele hatten jedoch diesen Namen noch nie einem anderen Menschen gegenüber ausgesprochen. Die selbstverständlich frage nach dem Namen kann den Eltern helfen, die Schwelle zu überwinden, zum ersten Mal den Namen ihres Kindes andren mitzuteilen.
Da die Eltern so wenige konkrete Erinnerungen an ihr Kind habe, kann die Namensgebung ihnen oft helfen, anzuerkennen, daß sie um einen konkreten Menschen trauern. Der Name kann auch zu einem Symbol für die Existenz des Kindes werden. Gerade bei mehrfachen Verlusten ist es sehr wichtig, zu differenzieren – die einzelnen Verluste zu benennen, um dann trauern zu können. Nachdem Frau S. den Namen ihres Sohnes ausgesprochen hatte, konnte sie um dieses Kind trauern. Es bekam eine Gestalt, während vorher alles wie in einem schwarzen Strudel vermischt gewesen war. Mit dem Mitteilen des Namens sind zwei Erfahrungen verbunden: das Kind bekommt eine Identität, durch diese Identität ist es nicht ersetzbar.

   b) “Endlich was in den Händen haben” – Zur Bedeutung von Dokumenten
Gerade wenn Eltern ihr totes Kind nicht gesehen haben, suchen sie oft nach “Mementoes”, die auf die auf die Existenz ihres Kindes hinweisen. In einer solchen Situation können formale Schriftstücke, die für Außenstehende sachlich und kühl wirken, eine wichtige Rolle spielen

„Ich habe dich bei deinem Namen gerufen”

Pfarrer Dr. Jürgen Wätjer
NDR 2 Moment mal
Samstag, 19. Juli 2003

Das ist eine besondere Erfahrung von Eltern: Wenn sie ihr Kind einige wenige Male angeschaut haben, stellt sich ein Gefühl ein: „Wir haben dieses kleine Gesicht schon immer gekannt. Wir können uns nicht mehr vorstellen, nicht zu wissen, wie unser Kind aussieht.“

Ähnlich ist es mit dem Namen. Die meisten Eltern haben sich schon vor der Geburt überlegt, welchen Namen sie ihrem Kind geben wollen. Und wenn sie es dann zum ersten Mal friedlich bei sich schlafen sehen, und zum ersten Mal seinen Namen aussprechen, sind sie dabei ganz leise und vorsichtig – fast so, als wollten sie testen, ob der Name auch zu ihm passt.

Das kleine Gesicht bekommt in diesem Moment einen Namen. Oder auch umgekehrt: Der Name bekommt ein Gesicht. Als Kind lernt der Mensch immer mehr, auf seinen Namen zu hören. Später stellt er sich mit diesem Namen vor. Er unterschreibt damit Brief und Dokumente. Er möchte, dass es „sein guter Name“ bleibt.

Christen gehen davon aus, dass auch Gott den Menschen bei dem selben Namen ruft, den seine Eltern ihm gegeben haben. In der Bibel sagt Gott zum Volk Israel:

„Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du gehörst mir.
Du bist in meinen Augen teuer und wertvoll. Dich liebe ich.“

Ich finde, das ist ein schönes Wort im Jahr der Bibel! Was Gott damals vor 2500 Jahren zu seinem ganzen Volk sagte, das spricht er auch heute zu jedem Einzelnen. Er ist von Gott persönlich gerufen und gemeint.

Irgendwie war das für mich ganz wichtig, Moritz auch im Dorfblatt nochmal zu finden.

Hallo Pirko,
Gerne schreibe ich Dir über Moritz. Das damals mit dem Dorfblatt war so: Das ist eine Zeitung, die einmal in der Woche erscheint. Und in jeder Ausgabe stehen die “Standesamtlichen Nachrichten”. Da wird erwähnt wer geboren bzw. gestorben ist. Moritz ist ja nun im November gestorben. Doch wurde er dort nie erwähnt. Das machte mich sehr traurig und zornig. Ist er nicht schon tot genug, muß er auch noch totgeschwiegen werden von irgendwelchen Ignoranten??

Ich rief also bei dem Blatt an. Dort hieß es, daß sie nur das schreiben, was vom Standesamt angegeben wird. Also rief ich auf dem Standesamt an. Da Moritz in einer anderen Stadt geboren ist (wir wohnen in einem Dorf), ist er natürlich auch in dem Standesamt der größeren Stadt angemeldet worden. Von diesem Standesamt haben wir auch den Eintrag in unser Stammbuch erhalten. Nun sagten aber die Mitarbeiter unseres Standesamtes, daß sie offiziell eigentlich gar nichts von Moritz wissen dürften, da es ja nur das Standesamt der großeren Stadt betreffen würde! Daher könnten sie Moritz auch nicht in der Zeitung erwähnen lassen. Da fragte ich dann nur warum ich den dann so hohe Bestattungsgebühren zahlen müßte für ein Kind, daß ihrer Meinung nach gar nicht geboren wurde?!? Stinksauer beendete ich das Gespräch und nahm mir vor einen Leserbrief zu schreiben.

Am Nachmittag des gleichen Tages riefen die wieder an und sagten sie haben es sich überlegt und sie würde es an das Blatt weiterleiten. Ich freute mich riesig. Doch am nächsten Morgen rief dann wieder diese unmögliche Dame vom Blatt an. “Das können wir nicht schreiben!” “Wir können das Kind doch nicht unter Geburten melden!” . Unter den Verstorbenen wollte sie ihn aber auch nicht erwähnen, da die immer in Klammer schreiben wie alt der Verstorbene war, und da wüßte sie ja nicht was sie schreiben soll. Außerdem würden sich doch dann die Leute beschweren!!! Dann fragte sie mich noch allen Ernstes ob ich denn das Blatt überhaupt abonniert hätte!! Was soll das denn? Werden nur die Verstorbenen erwähnt die ein Abo hatten!!!!

Ich fuhr dann zu Hochtouren auf. Das wollte ich mir nicht gefallen lassen. Das wollte ich für Moritz noch tun. Ich sagte, daß ich dann eine Privatanzeige schalten würde, in der ich erwähnen würde, daß das Blatt mein Kind totschweigt. Und siehe da, nur wenige Tage später wurde Moritz erwähnt. “Moritz Schröder, Wohnort, Straße ( geboren und verstorben am 06.11.2002). Tags darauf rief die “nette ” Dame wieder an und wollte wissen, ob ich denn nun endlich zufrieden sei. Ich sagte dann nur das das ja nur mehr als Recht ist und das es selbstverständlich sein sollte so etwas abzudrucken.
Lobend muß ich aber wirklich die Stadtverwaltung/ Standesamt erwähnen. Nach anfänglichem Zögern machten sie es ohne Probleme möglich.

Irgendwie war das für mich ganz wichtig Moritz dort nochmal zu finden. Es war zwar am 09.11.2002 eine Todesanzeige geschaltet (in der Regionalen Tageszeitung) aber ich wollte es aber auch in dem Dorfblatt stehen haben. Und vielleicht habe ich nun zumindest einigen wenigen die Augen geöffnet und habe für Eltern denen vielleicht (hoffentlich nicht) das gleiche passiert ein wenig den Weg geebnet.

http://www.moritz-schroeder.beep.de

Viele liebe Grüße
Claudia

Pauls Geschichte

Mir geht der Name jetzt schon leichter über die Lippen,aber für viele ist Paul eben kein Lebendiger Mensch gewesen, und deshalb haben sie auch keinen Bezug zu ihm.

Liebe Pirko,

erst mal möchte ich Dir sagen, das ich mich sehr freue, etwas über Paul schreiben zu dürfen.

Denn mittlerweile möchte keiner mehr über ihn reden. Das macht mich sehr traurig, aber damit müssen wir wohl alle leben. Mir geht der Name jetzt schon leichter über die Lippen,aber für viele ist Paul eben kein Lebendiger Mensch gewesen, und deshalb haben sie auch keinen Bezug zu ihm.

Sein ganzes Leben war still und unscheinbar. In der Zeit im Bauch hat er sich still verhalten, sämtliche Anzeichen habe ich falsch gedeutet.

Ich hatte das Gefühl, ich muß irgendwas wieder gut machen. Ihm etwas Respekt zeigen, zeigen, das er für mich wichtig war, auch wenn ich erst wahrgenommen habe, das er da war, als es schon zu spät war.

Zum Zeitpunkt seiner Geburt stand ich total unter Schock, immerhin war ich allein auf unserer Toilette und habe keine Sekunde gedacht, das ich gleich ein winzig kleines Baby zu sehen bekomme. Dann habe ich nur noch die Tür von außen abgeschlossen, damit mein Sohn nicht auf die Idee kommt darein zu gehen. Zum Glück war mein Mann da, der sich dann um Simon gekümmert hat. Er hat ihn zum Bus gebracht, und ich bin darum gelaufen und habe irgendwie gar nichts richtig mitbekommen. Als mein Mann wiederkam hat er Paul dann aus der Toilette geholt, und ihn in eine Decke gewickelt. Mir tut es jetzt so leid, das ich ihn nicht richtig angesehen habe, nur ganz kurz und nicht fähig ihn zu berühren.

Im Krankenhaus dann der nächste Schock, von einer Station zur anderen sind wir geschickt worden, immer mit der Tasche, in der Paul war.

Bevor sie mich untersucht haben, musste ich in der Umkleidekabine warten, und habe gedacht, ich gehe schon mal ins Untersuchungszimmer. Da war gerade die Ärztin und eine Helferin dabei Paul auszupacken. Beide riefen nur ganz schnell, einen Moment noch.

Und ich, brav wieder zurück in die Kabine. Jetzt tut es mir so leid, wieder eine Gelegenheit verpasst, ihn noch zu sehen. Ich hörte nur, Oh, das ist aber schon ganz schön groß. Das wusste ich ja auch.

Nach der Untersuchung habe ich dann die Tasche wiedergesehen, in der wir Paul mitgenommen haben, mein Mann kam dann auch dazu und sagte nur, die Tasche steht ja immer noch hier, haben sie es noch nicht rausgenommen. Die Helferin sagte dann, Wir haben  es jetzt im Glas. So langsam kommt bei mir die Erinnerung zurück, das tut gut, aber auch weh. So viele verpasste Gelegenheiten.

Diese Anzeige hat Uschi am Tag von Paul´s Beerdigung in  die Zeitung gesetzt. Für sie war es noch ein Schritt, um zu zeigen, das es Paul wirklich  gab.

AnzeigePaulkl
Nachdem wir dann einen Brief aus der Pathologie erhalten hatten, habe ich mir überlegt, ob es wohl möglich ist, dort zu erfahren, was es war, ob Mädchen oder Junge, und ob die Möglichkeit besteht, das ich ihn noch mal sehen kann.

Nachdem sie mich dann darauf hingewiesen haben, das er ja in einer Alkohollösung liegt und auch schon untersucht wurde, haben sie gesagt, sie würden ihn herrichten, so gut es geht, und ich könnte ruhig kommen. Das war genau einen Monat später, ich habe dann eine gelbe Babydecke gekauft, die durchgeschnitten und auf eine Hälfte Paul gestickt, obwohl ich nicht sticken kann, finde ich sie eigentlich ganz schön.

Diese Fahrt nach Marburg habe ich dann alleine gemacht, weil mein Mann nicht mit wollte, aber für mich war es gut so. Ich wäre am liebsten wieder umgekehrt, als ich vor der Tür zur

Pathologie stand, aber dann machte schon ein Gehilfe die Tür auf. Er war sich erst nicht sicher, in welchem Rahmen ich ihn mir noch mal ansehen könnte, aber dann meinte er, gut dann machen wir es auch richtig. Er brachte ihn in einen Raum, in dem die Angehörigen  Abschied nehmen können, dort steht ein Kreuz mit zwei Kerzen, und Paul stand davor.

Das war erst mal ein Schock, ihn so im Glas zu sehen, aber er war einfach perfekt. Ein winzig kleines Baby, mit allem dran, nur noch wachsen hätte er müssen. Außerdem hatte ich ihn größer in Erinnerung.  Ich weiß nicht mehr, was ich alles zu ihm gesagt habe, es war sehr viel. Ich war lange allein mit ihm. Es war sehr schön, und hat mir ein bisschen von meinem inneren Frieden wieder gegeben.

Der Gehilfe sagte dann auch, die Decke wird dann unter das Glas gelegt, und bei der Beisetzung mitgegeben. Er erzählte mir dann noch, das es die vierte Beerdigung wäre, die jetzt stattfindet und das die Eltern damit sehr zufrieden wären.

Auf dem Weg nach Hause ging es mir dann auch richtig gut. Irgendwann kam dann der Gedanke, das ich das  doch nicht möchte, das mein Kind mit so vielen anderen zusammen Beerdigt wird. Wir haben dann hin und her überlegt, und eine Möglichkeit gefunden, ihn bei  uns auf dem Friedhof  beerdigen zu lassen. Im Grab von meinem Verstorbenen Bruder, das Grab ist nun auch schon 30 Jahre alt, und die Zeit wäre bald abgelaufen. Jetzt haben wir es noch mal für 30 Jahre gekauft.

Nachdem das klar war, haben wir in der Pathologie angerufen und gefragt, ob wir ihn selbst abholen können. Ging leider nicht, also haben wir einen Bestatter beauftragt, der erst einen normalen Kindersarg nehmen wollte, aber dann noch mit der Pathologie geredet hat, und ein kleines weißes Kästchen gefunden hat, gerade mal 35 Zentimeter lang. Aber das fand ich richtig schön.

Für mich war auch klar, das ein Pfarrer dabei sein muß. Also habe ich unseren angerufen und gefragt, ob er mit uns die Beisetzung gestaltet und vielleicht noch den Segen spricht. Seine Reaktion darauf war ganz toll, wir sollen ihm nur den Tag sagen, dann würde er es machen.

Vorher war er noch bei uns zum Trauergespräch, dabei hat er so schön gebetet für Paul und dabei auch seinen Namen genannt, das war so seltsam, das ein Mensch der Paul nicht kannte, über ihn spricht und für ihn betet.

Danach hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, das Paul RICHTIG da war, er ist angenommen von Gott.

Unser Pfarrer hat auch dafür gesorgt, das bei der Beerdigung eine Viertelstunde die Kirchenglocken geläutet wurden. Das habe ich als so einen Respekt vor so einem kleinen Menschen empfunden,  den ich vorher noch nie gespürt habe. Ich hatte nun endlich das Gefühl, das es so richtig war, wie wir es gemacht hatten.

Am Sonntag nach der Beerdigung musste  unser Pfarrer ja als Amtshandlung die Beerdigung bekannt geben. Aber als er den kleinen Paul Balz in das Fürbittengebet aufgenommen hat, damit alle noch mal an ihn denken, da er schon sterben musste, ehe er geboren wurde. Das war so schön, alle in der Kirche haben noch mal an ihn gedacht, und Gott hat ihn in seinem Himmelreich aufgenommen.

Nach der Kirche sagte er zu mir,  ob es mir recht sei, das Pauls Beerdigung auch im Gemeindebrief bekanntgegeben wird. Und ob mir das recht war. Ich habe nur als gedacht, ja ja ja, Paul war wirklich da, er hat zwar nicht auf der Erde gelebt, aber in unseren Herzen lebt er weiter.

Beerdigungen
Kirchlich bestattet wurden in Rengershausen:
Am 09.05.03: Paul Balz (gestorben, ehe er geboren wurde)

Ich habe noch nie so auf diesen Gemeindebrief gewartet. Und als ich ihn in den Händen hielt, habe ich gedacht, das hat er aber schön geschrieben. Ich habe mich so gefreut und trotzdem musste ich weinen. Ich dachte nur, eigentlich gehörtest Du unter die Taufen und nicht unter Beerdigungen. Es war wirklich so, da war ein kleiner Junge mit Namen Paul, das war mein Sohn, der gestorben ist, ehe er geboren wurde.

Ich hoffe, liebe Pirko, das war jetzt nicht zu lang. Aber es hat richtig gut getan, das alles aufzuschreiben.

Liebe Grüße
Uschi