Verlust der Trauerkultur

von Diether Wolf von Goddenthrow “Mit dem Tod Leben”, S. 77 f.

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts veränderte der Tod eines Menschen die Lebenswelt der ihn umgebenden Gemeinschaft Sterben und Trauer verband Menschen miteinander Bewußtes gemeinsames Erleben des Sterbens eines Menschen bot Gelegenheit bereits im Vorfeld des Trauerfalls miteinander ins Gespräch zu kommen und Anteilnahme zu nehmen Anteilnahme ins Angesicht des Todes, das verband. Man nahm sich Zeit und hielt inne, die Hinterbliebenen waren weder alleingelassen, noch hatten sie das Gefühl, durch ihre Trauersituation in eine Außenseiterrolle, wie heutzutage häufig der Fall, gedrängt zu werden. Trauer gehörte zum Alltag wie das tägliche Brot. Trauerrituale etwa das Tragen schwarzer Kleidung, signalisierte der Umwelt offen, daß hier ein Trauerfall vorlag.

Doch seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Trauerkultur radikal gewandelt. Zwar spricht das “Handbuch der praktischen Theologie” noch vom “kirchlichen Trauermonopol”, doch muß festgestellt werden, daß beispielsweise in Hamburg nur noch rund die Hälfte der Sterbenden um eine kirchliche Beerdigung mit Pfarrer bittet. Bei einem Drittel der Beerdigungen erledigt das ein bezahlter Redner, für rund sieben Prozent findet Überhaupt keine Trauerfeier statt, man spricht in der Branche vom “einfachen Abtrag”. Auch die rapide Abkehr vom Grabstein (jeder fünfte verstorbene Hamburger verzichtet darauf) mag ein weiteres Indiz dafür sein, wie sehr die überlieferten Bräuche und Formen der Trauer zerstört wurden.

Trauerfeiern sind schon lange kein Muß mehr. Auch der Gedanke, ohne Feier beerdigt zu werden, fördert die Verdrängung des Todes. So gibt es in Berlin Pfarrer, die bis zu 27mal im Jahr zur Beerdigung gebeten werden und mit dem Sarg und den Trägern allein bleiben, da kein Angehöriger mehr kam. Der Tod ist in unserer Gesellschaft weithin einsam geworden. Auch der unüberhörbare Verlust bürgerlicher Traditionen hinsichtlich der Wahl kirchlicher oder klassischer Trauermusik kennzeichnet eine zunehmende Trivialisierung des Abschiednehmens. Anstelle einschlägiger Trauermusik von Albinoni bis Vivaldi oder uralter Choräle werden immer häufiger Titel gespielt wie “Gute Nacht Mutter”, “La Paloma‘. “Yesterday” oder “Junge, komm bald wieder”. Gesungen wird auf Trauerfeiern kaum mehr. Die Sozialbeerdigungen (hier zahlt die Stadt Hamburg einen ziegelsteingroßen Grabstein) werden mit der Streichung des Sterbegeldes noch zunehmen. Der Verlust einer Trauerkultur verstärkt die Verdrängung des Todes, solange nicht ein neues adäquates Netz gefunden wird, das die Hinterbliebenen auffängt, damit sie die Trauer wieder ertragen lernen, damit sie eben nicht aus Angst und falschverstandenem Schamgefühl einer Beerdigung fernbleiben.

Früher war das anders, wenn auch nicht unbedingt immer besser. Wer wollte Wertmaßstäbe der Trauer festlegen. Doch Trauer fand statt. Trauer hatte ihren festen Rahmen und ihre besonderen Riten. Menschen trafen sich bei der Beerdigung am Grabe. Die Hinterbliebenen wurden nicht alleingelassen, denn der Tod und die Trauer waren, zumindest im ländlichen Raum, ein öffentliches, ein gesellschaftliches Ereignis. Betroffen war nicht nur ein einzelner, die Gemeinschaft als Ganzes war berührt. Nur allmählich kehrte der Alltag wieder, nahm das Leben seinen gewohnten Verlauf. Die moderne Arbeitsgesellschaft, oftmals ihrer ursprünglichen Trauerriten verlustig geworden, entdeckt erst allmählich die Trauer wieder, wie beispielsweise die Hospizbewegung, die zahlreicher werdenden Trauerseminare und Trauerselbsthilfegruppen zeigen. Diese Entwicklung haben wir Menschen, ob unmittelbar betroffen oder nicht, sehr nötig, denn wir haben verlernt zu trauern. Wir wissen oftmals kaum, was Trauern ist, wie Trauer wirkt und welchen Sinn sie bat.

Sinn und Stationen unserer Trauer

Trauer ist eine psychophysische menschliche Reaktion auf Verlust. Da alles Wandlung ist, müssen wir ständig mit Verlusten leben. Den Abschied von der “Zeit” vollziehen wir in jedem Augenblick, in dem wir sind. Denn alles, was jetzt geschieht, ist im nächsten Augenblick schon wieder Vergangenheit. Unsere Erfahrung der Unwiederbringlichkeit ist permanent und zwingt uns, mit Verletzungen und Schmerzen fertig zu werden. Die Natur hat den Menschen so ausgestattet, daß er mit Verlustkummer fertig werden kann. Wir können dank unserer angeborenen Fähigkeit alle Verluste und Trennungen prinzipiell bewältigen. Doch der moderne Mensch hat sich die Fähigkeit zu trauern abtraniert, da es unschicklich, unpassend, unproduktiv oder einfach lästig erscheint, seinen Trennungskummer offen zu bekunden. Mit fortschreitender Technisierung passen wir uns den Computern und Maschinen an, die weder zu weinen noch zu trauern vermögen. Wir erfahren schon als Kind, daß es besser ist, Gefühle nicht zu zeigen (z.B.: ein Junge weint doch nicht!) die zu unseren Nachteilen ausgelegt werden könnten.

Unsere und Vergessensstrategien machen uns leblos. Immer auf der Hut vor “Entdeckung”, versuchen wir unsere Trauer zu betäuben mit Drogen, Alkohol, Nikotin, Fernsehen oder Arbeit. Wir laufen weg vor unserem Schmerz, vor uns selbst. schauspielern uns und anderen etwas vor oder versuchen unsere Trauer beim “Jogging rauszuschwitzen”‘ Wissenschaftler wie der Psychosomatiker Alexander Milscherlich und viele andere später entdeckten in den vergangenen Jahren, daß wir für unsere “Unfähigkeit zu trauern” (A. Mitscherlich) einen hohen Preis zu bezahlen haben: Wir werden krank, körperlich krank, aufgrund seelischer Verstümmelungen Die Zunahme von Herz- und Kreislaufleiden, von Rheuma und Krebs sind einige Symptome, deren Ursachen man in erheblichem Maße in unserer Unfähigkeit zu trauern vermutet. Die Wissenschaft blieb uns bis heute drängende Antworten schuldig.

Die Fähigkeit zu trauern, ist die Bereitschaft den Verlust- oder Trennungsreflex, den Schmerz, wahrzunehmen, zuzulassen und auszudrücken. Die Fähigkeit zu trauern ist den Prozeß der Loslösung bewußt mitzutragen und zu vollziehen. Nur durch das bewußte Annehmen der Trennung ist eine Befreiung möglich, lösen wir den Schmerz, erhalten wir uns unsere von der Natur gegebene Vitalität.

Wenn es durch einen so einschneidenden Verlust wie den Tod eines Menschen zu starken Äußerungen der Trauer kommt, schämen wir uns vor uns selbst, statt froh über unsere natürliche Reaktion zu sein, froh darüber zu sein, daß wir trotz aller Reizüberflutung und beinahe perfekten Verdrängungs- und Vergessenheitsstrategien doch noch in der Lage sind, Gefühle zu haben und somit die Chance, zu uns selbst und dadurch zu einem erfüllten, da bewußteren Leben zu gelangen.

Selbsthilfe aus dem “Trauer-Desaster”

Wir trauern halbherzig., nehmen uns nicht die Zeit, da wir ja die Erwartungen unserer Umwelt erfüllen wollen. Helfende Trauerrituale fehlen zudem. Also geraten wir rasch in einen Teufelskreis mißlingender Trauer, in eine Stimmungsspirale, in der sich immer wieder die gleichen Gedanken in grüblerischen, selbstzermürbenden Eigendialogen drehen, ohne daß wir uns von ihnen lösen könnten. Vielleicht sollten wir uns in solchen, scheinbar hoffnungslosen Situationen folgendes einmal vor Augen führen:

Die Natur hat den Menschen so ausgestattet, daß er Trauer empfinden und ertragen kann. Trauer ist eine natürliche Reaktion unseres Organismus auf als Verlust empfundene Trennungen, um das Gleichgewicht wiederherzustellen Trauer ist ein unverzichtbares psychophysisches Regulativ, um mit Verlusten fertig zu werden, um lebensfähig zu bleiben.

Trauer ist keine Krankheit. Sie ist nicht behandelbar. Deshalb kann es von außen keine medizinische Hilfe geben. Verdrängte Trauer kann aber krankmachen.

Trauer darf weder verdrängt oder betäubt werden, noch “heilt die Zeit die Wunden‘. Trauer muß durchschritten werden, um sie zu bewältigen. Gemeinsames Durchschreiten von Trauer in Selbsthilfegruppen oder bei Seminaren kann für eine konstruktive Trauerarbeit sehr hilfreich sein, da Betroffene sich gegenseitig unterstützen können, an ihren Schmerz heranzukommen und ihn zuzulassen. Trauer ist wertfrei, nie ist weder gut noch böse, sondern einfach lebensnotwendig, sofern sie nicht neurotisch entartet.

Trauer braucht Raum, Zeit, Wege und Mittel der Darstellung, das Gespräch, das Ritual, die Kunst, die Musik, das Schreiben oder anderes schöpferisches Tun, um an die Oberfläche zu kommen. Trauerarbeit geht einher mit einem hohen menschlichen Energiefluß. Jeder weiß, daß in Augenblicken der Trauer seine sonstige Leistungsfähigkeit beeinträchtigt ist., da die Energie zur Trauerbewältigung benötigt wird. Eine bewußte Bewältigung des Kummers kann kreative und schöpferische Talente zum Neuanfang freisetzen, da gezielte Trauer hilft, die verdrängungsbedingten blockierten und gebundenen Lebenskräfte zu entfesseln.