Joseph von Eichendorff

Im April 1815 hatte Eichendorff in Breslau Luise von Larisch geheiratet, noch im gleichen Jahr wurde sein erster Sohn Hermann geboren, 1817 der zweite Sohn Rudolf, 1819 die Tochter Therese und 1821 die Tochter Agnes, die jedoch im folgenden Jahr starb.

Auf meines Kindes Tod

Das Kindlein spielt draußen im Frühlingsschein
Und freut sich und hatte so viel zu sehen,
Wie die Felder schimmern und die Ströme gehen
Da sah der Abend durch die Bäume herein,
der alle die schönen Bilder verwirrt.
Und wie es nun ringsum so stille wird,
Beginnt aus den Tälern ein heimlich Singen,
Als wollt’s mit Wehmut die Welt umschlingen,
die Farben vergeh’n und die Erde wird blaß.
Voll Staunen frag’s Kindlein: ach, was ist das?
Und da legt sich träumend in’s säuselnde Gras;
Da rühren die Blumen ihm kühle an’s Herz
Und lächelnd fühlt es so süßen Schmerz,
Und die Erde, die Mutter so schön und bleich,
Küßt das Kindlein und läßt’s nicht los,
Zieht es herzinnig in ihren Schoß
Und bettet es drunten gar warm und weich
Still unter Blumen und Moos.

Und was weint ihr, Vater und Mutter, um mich?
In einem viel schöneren Garten bin ich,
der ist so groß und weit und wunderbar.
Viele Blumen steh’n dort von Golde klar
Und schöne Kindlein mit Flügeln schwingen.
Auf und nieder sich drauf und singen.
Die kenn’ ich gar wohl aus der Frühlingszeit,
Wie sie zogen über Berge und Täler weit.
Und mancher mich da aus dem Himmelblau rief,
wenn ich drunten im Garten schlief.
Und mitten zwischen den Blumen und Scheinen
Steht die schönste von allen Frauen,
ein glänzend Kindlein an ihrer Brust.
Ich kann nicht sprechen und auch nicht weinen,
nur singen immer und wieder dann schauen
still vor großer, seliger Lust.

Joseph von Eichendorff

Auf den Tod meines Kindes

Freuden wollt’ ich dir bereiten,
zwischen Kämpfen, Lust und Schmerz
Wollt’ ich traulich dich geleiten
Durch das Leben himmelwärts.

Doch du hast’s allein gefunden.
Wo kein Vater führen kann,
durch die ernste, dunkle Stunde
Gingst du schuldlos mir voran.

Wie das Säuseln leiser Schwingen,
draußen über Tal und Kluft,
Ging zur selben Stund ein Singen
Ferne durch die stille Luft.

Und so fröhlich glänzt’ der Morgen
S war als ob das Singen sprach:
Jetzo lasset alle Sorgen,
Liebet ihr mich, so folgt mir nach!

2
Ich führt’ dich oft spazieren
In Winter-Einsamkeit,
kein Laut ließ sich da spüren,
Du schöne, stille Zeit!

Lenz ist’s nun, Lerchen singen
Im Blauen über mir ,
Ich weine still  sie bringen
Mir einen Gruß von dir.

3.
Die Welt treibt fort ihr Wesen,
Die Leute kommen und gehen,
Als wärst du nie gewesen,
Als wäre nichts gescheh’n.

Wie sehn’ ich mich auf’s neue
Hinaus in Wald und Flur!
Ob ich mich gräm’, mich freue,
Du bleibst mir treu, Natur.

Da klagt vor tiefem sehnen
Schluchzend die Nachtigall,
Es schimmern rings von Tränen
Die Blumen überall.

Und über alle Gipfel
Und Blütentäler zieht
Durch stillen Waldes Wipfel
Ein heimlich Klagelied.

Da spür’ ich s recht im Herzen,
dass du’s, Herr, draußen bis
Du weiß’s, wie mir von Schmerzen
Mein Herz zerrissen ist!

4.
Von fern die Uhren schlagen,
Es ist schon tiefe Nacht,
Die Lampe brennt so düster,
Dein Bettlein ist gemacht.

Die Winde nur noch gehen
Wehklagend um das Haus,
Wir sitzen einsam drinnen
Und lauschen oft hinaus.

Es ist, als müsstest leise3
Du klopfen an die Tür,
Du hätt’st dich nur verirret,
Und kämst nun müd’ zurück.

Wir armen, armen Toren!
Wir irren ja im Graus
Des Dunkels noch verloren ‘
Du fandest längst nach Haus.

5.
Dort ist so tiefer Schatten,
Du schläfst in guter Ruh,
Es deckt mit grünen Matten
Der liebe Gott dich zu.

Die alten Weiden neigen
Sich auf dein Bett herein,
Die Vöglein in den Zweigen
Sie singen treu dich ein.

Und wie in goldnen Träumen
Geht linder Frühlingswind
Rings in den stillen Bäumen
Schlaf wohl, mein süßes Kind!

Mein liebes Kind Ade!
Ich konnt’ Ade nicht sagen
Als sie dich fortgetragen,
vor tiefem, tiefem Weh.

Jetzt auf lichtgrünem Plan
Stehst du im Myrtenkranze
Und lächelst aus dem Glanze
Mich still voll Mitleid an.

Und Jahre nah’n und geh’n,
Wie bald bin ich verstorben
O bitt’ für mich da droben,
dass wir uns wiederseh’n!

Joseph von Eichendorff